Melodie des Lebens (fm:Romantisch, 20086 Wörter) | ||
| Autor: Roman Tiker | ||
| Veröffentlicht: Jun 26 2026 | Gesehen / Gelesen: 0 / 0 [0%] | Bewertung Geschichte: 0.00 (0 Stimmen) |
| Eine junge Frau, enttäuscht vom Leben, trifft auf einen geheimnisvollen Mann. Dass er viel älter ist als sie, interessiert sie im ersten Moment nicht. Sie entdeckt zu viele Gemeinsamkeiten und lässt sich auf ihn ein. | ||
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Leise schlug sie das Buch zu, legte eine Hand darauf, behielt sie einen Moment dort, dann stand sie auf. Es war eine respektvolle Geste für die Autorin, die viel Arbeit hineingesteckt hatte und es verdiente, dafür ihren stillen Dank zu erhalten. Anschließend nahm Katharina ihren Block und schrieb ein paar Zeilen, nur Worte, die ihr gerade einfielen zu dem, was sie gelesen hatte. Eine traurig komische Geschichte einer jungen Frau, die vieles verlor und doch so viel gewann, nachdem ihre halbe Familie ausgelöscht worden war, in einem unsinnigen Krieg, an dessen Ende sie und ihr jüngerer Bruder überlebten. Sie waren geflüchtet, hatten sich in Sicherheit gebracht und waren aufgenommen worden, hatten so viel Wärme und Menschlichkeit erfahren und dadurch neuen Mut gefasst.
Katharina bewegte die Geschichte der jungen Frau ganz besonders, weil es ihrer Mutter ähnlich ergangen war. Sie glaubte damals, Glück im Unglück zu haben, als sie Menschenhändlern in die Hände gefallen war, die sie aus ihrem Dorf in der Nähe von Dubrovnik wegschafften, Anfang der 90er, als brutale Gefechte tobten und man dort als junge Frau fliehen musste. Österreich war ihr Ziel gewesen, auch wenn ein steiniger Weg sie dahinführen sollte. Am Ende hatte sie ein Held, so muss man ihn bezeichnen, sie aus den Fängen der Kerle befreit, die vieles von ihr als Gegenleistung gefordert hatten, was sie nicht bereit gewesen war zu geben. Er hatte sie gerettet und bei Freunden untergebracht. Einzelheiten kannte Katharina nicht, die hatte man ihr nie zugemutet, darum glaubte sie, dass es schlimmer gewesen sein musste, als sie es sich hatte vorstellen können. Der Held war Katharinas Vater gewesen, auch ihr Held, mit einem Herz so groß wie das Mittelmeer.
Der Regen rann am Fenster herunter und tropfte vom Fensterbrett auf die Straße und die Kurven, die die Wassertropfen beschrieben, passten genau zu dem Verlauf ihres eigenen Lebens. Unerwartet, immer ausweichend, wenn sich etwas in den Weg stellte, hundertmal enttäuscht und doch mit einem erklärten Ziel. Genauso lief das Wasser über das Glas auf das dunkle Blech und verschwand.
Sie ging zum Plattenspieler, zog die Hülle aus der reichen Sammlung, die ihr Vater ihr hinterlassen hatte, legte die Platte auf den Teller und fand mit der Nadel zielgenau die Rille, nach der sie nie suchen musste. Ein Knacken, ein leises Rauschen, dann begannen die Streicher und das Klavier unter Applaus zu spielen. Katharina, eigentlich nannte sie sich Kathi, spürte den Teppichboden unter ihren nackten Füßen, die sich leise im Takt bewegten, holte aus, um dem Schlagzeug mit ihren Händen zu folgen, bevor Axel Rose mit seiner Liebeserklärung begann. Es war zwar April und nicht November, doch sie liebte dieses Lied, nicht nur, wenn es regnete. Langsam bewegte sie ihre Arme zur Musik, zeichnete die Bewegung der Violinen nach, steigerte sich mit und mit, bis ihre Füße am Ende immer schneller wurden und sie sich drehte, bis ihr fast schwindelig wurde.
Alles schien perfekt zu passen, der Regen, der Wind, die Musik und ihre Stimmung, doch es war alles andere als perfekt. Kathi war 28, ledig, ungebunden seit ein paar Wochen, weil sie ihrem Ex den Laufpass gegeben hatte, und jetzt war sie einsam. Immer wieder geriet sie an Typen, die sie umgarnten, sie beeindruckten und sie am Ende enttäuschten, weil sie nur jemand hübsches an ihrer Seite wollten und jemanden fürs Bett. Am Anfang war alles immer toll, es machte Spaß, doch sie hatte noch niemanden getroffen, der sie so respektierte, wie sie es sich wünschte, ihre Vorlieben teilte und sich auf sie einließ. Vermutlich war sie zu leise, zu rücksichtsvoll, akzeptierte vieles, wenn es ihr auch nicht gefiel. Ein Mann wie ihr Vater, fürsorglich, einfühlsam, ein Ritter mit Spürsinn, mit einer romantischen Ader und dennoch stark genug, um sich durchzusetzen, das wäre die richtige Kombination gewesen. Doch einem solchen Mann war sie bisher nie begegnet.
Kathi hatte den Tonarm längst wieder in ihre Halterung gelegt. Sie besah ihr Spiegelbild. Ohne Zweifel sah sie gut aus, wahrscheinlich zu gut. Manchmal wünschte sie sich ein paar Male im Gesicht, etwas das davon zeugte, was sie erlebt hatte, vielleicht ein Markenzeichen, eine kleine Narbe, doch ihre Haut war glatt, zart, ein wenig rosig auf der Wange, absolut makellos und ihr pechschwarzes Haar fiel glatt an ihr herab.
Erneut widmete sie sich dem Zettel und notierte weitere Worte darauf, lediglich Stichpunkte, um sie nicht zu vergessen. Die gesamte Rezension würde sie morgen formulieren, wenn sie wieder im Buchladen wäre. Kathi arbeitete dort, verkaufte Bücher und kam sich manchmal vor wie eine
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