Die Trennung (fm:Sonstige, 1619 Wörter) | ||
| Autor: Ayse1985 | ||
| Veröffentlicht: Jun 28 2026 | Gesehen / Gelesen: 69 / 51 [74%] | Bewertung Geschichte: 10.00 (1 Stimme) |
| Wieder eine Geschichte vom Grauen Panther von mir umgeschrieben ... | ||
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Ich spürte, dass da längst etwas lief, zumindest emotional. Aber wenn sich meine zukünftige Ex-Frau erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog sie es durch. Ohne Rücksicht auf Verluste. Also schluckte ich meinen Stolz hinunter. Warum einen Rosenkrieg führen? Es brachte nichts. Wir wählten den Weg zum Scheidungsanwalt für eine gütliche, einvernehmliche Trennung. Kein Schreien, kein Porzellanzerbrechen.
Nach sechs Monaten waren wir geschieden. Wir verkauften unser gemeinsames Haus, teilten den Erlös fair auf. Sie zog direkt zu diesem besagten Arbeitskollegen. Also doch. Mein Bauchgefühl hatte mich nicht getrogen. Ich brauchte einen radikalen Tapetenwechsel.
Ich packte meine Koffer, wechselte das Bundesland und landete hinter dem Semmering, auf der steirischen Seite. Die Ruhe der Berge tat mir gut, ich genoss das Leben eines Pensionisten.
Und das Schicksal meinte es vorerst gut mit mir: Ich lernte Sabine kennen. Ein molliges, resches, lebensfrohes Dirndl. Sie war auch schon über… nun ja, sagen wir, sie stand mitten im Leben. Einen Mann von Format fragt Frauen schließlich nicht nach dem Alter. Wir hatten drei wunderschöne, glückliche Jahre voller Wärme und Zärtlichkeit.
Doch das Schicksal kann grausam sein. Eine heimtückische Krankheit – der Krebs – stahl sie mir innerhalb weniger Monate. Zurück blieb eine tiefe, stumme Trauer.
Und dann, an einem verregneten Nachmittag, stand plötzlich meine Ex-Frau vor der Tür. Sie sah aus wie eine Trümmerlotte. Die Kleidung war dreckig und zerschlissen, die Haare ungewaschen, das Gesicht eingefallen und ungepflegt.
Ich hätte sie auf der Straße bestimmt nicht wiedererkannt. Von der stolzen, sexy Managerin war nichts mehr übrig.
Überrascht und fassungslos starrte ich sie an. „Monika? Wie siehst du denn aus? Und… was willst du hier?“
Sie antwortete nicht. Ihr ganzer Körper zitterte heftig, und im nächsten Moment brach sie in bitteren Tränen aus. Mein Groll von damals war wie weggeblasen. Ich zog sie sanft ins Haus, schloss die Tür hinter uns und wies den Flur hinunter.
„Hinter dieser Tür ist das Badezimmer. Geh erst mal duschen.“ Ich holte eine weiche Jogginghose und ein weites T-Shirt von mir, legte ihr ein großes Badetuch hin und ließ sie allein.
Es dauerte fast eine Stunde. Als sie herauskam, waren ihre Haare zwar noch zottig, aber sie war rein. Sie wirkte unendlich zerbrechlich in meinen viel zu großen Sachen.
„Willst du etwas essen und trinken?“, fragte ich leise.
„Ja, bitte“, flüsterte sie, ohne mich anzusehen. „Ich habe seit Tagen nichts Richtiges mehr gegessen.“
Ich stellte mich in die Küche und kochte ihr eine heiße Hühnersuppe mit Nudeln. Sie schlang sie regelrecht hinunter. Sie war so hungrig, dass der Suppentopf im Nu leer war. Erst als die Wärme der Suppe sie sichtlich beruhigte, begann sie zu erzählen. Es war die Chronik eines bodenlosen Absturzes.
Es hatte vor einem Jahr begonnen. Ein leichtes, kaum merkbares Zittern in den Händen. Erst ignorierte sie es, doch die Arbeit am PC wurde zur Qual. Als die Fehler sich häuften, ging sie zum Arzt. Die Diagnose traf sie wie ein Vorschlaghammer: Parkinson. Frühstadion, aber aggressiv verlaufend.
Für ihre Firma wurde sie schnell untragbar. Nach nur drei Monaten im Krankenstand folgte die Kündigung.
Damit brach das Kartenhaus zusammen. Ihr neuer Lebensgefährte – der „Lover“, für den sie mich verlassen hatte – verlor schnell das Interesse an einer kranken, pflegebedürftigen Frau und warf sie kurzerhand aus der Wohnung.
Das Arbeitsamt sortierte sie als „nicht vermittelbar“ aus. Zum Sozialamt zu gehen, dafür war sie schlichtweg zu stolz gewesen.
So landete sie auf der Straße. Unterstandslos. Sie erzählte vom Schlafen unter Autobahnbrücken, vom Betteln vor Einkaufszentren im Schutz der Anonymität der Großstadt.
Bis sie schließlich einen gemeinsamen alten Freund traf, der ihr meine neue Adresse in der Steiermark nannte. Sie hatte sich zu Fuß und mit Autostopp zu mir durchgeschlagen.
Während sie erzählte, sprang in mir ein tiefer, alter Beschützermodus an. Vielleicht lag es daran, dass wir uns damals ohne Schlammschlacht getrennt hatten. Es war noch ein Fundament von Respekt da.
„Du kannst hier bleiben, wenn du willst“, sagte ich fest. „Aber wir müssen sofort zu einem Arzt. Wir müssen das Attest für die Frühpension einreichen. Im Moment bist du nicht krankenversichert, Monika. Wahlärzte und Spitäler sind unbezahlbar, das können wir uns nicht leisten.“
Sie sah mich aus verweinten Augen an, ihre rechte Hand zitterte unaufhörlich auf dem Küchentisch. „Willst du mich denn überhaupt noch… als so ein zitterndes Weib?“
Diese Frage schnürte mir die Kehle zu und trieb mir die Tränen in die Augen. Ich schluckte schwer. „Es ist keine romantische Liebe mehr, Monika. Aber ich empfinde noch etwas für dich. Du bist ein Mensch, mit dem ich zwanzig Jahre meines Lebens geteilt habe. Ich lasse dich nicht auf der Straße liegen.“
So zog sie bei mir ein. Sie respektierte meine Trauer um Sabine; sie akzeptierte die Bilder mit dem Trauerflor, die ich im Wohnzimmer aufgestellt hatte, ohne jede Eifersucht.
Nach einigen Wochen des Zusammenlebens suchte sie noch einmal das Gespräch über die Vergangenheit.
„Manfred“, sagte sie leise, „ich habe damals mit dem Kollegen geflirtet, ja. Aber ich habe erst nach unserer Trennung ein Verhältnis mit ihm angefangen. Ich habe dich in unserer Ehe nie betrogen.“
Ich sah sie an und wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Sie hatte mich damals verletzt, aber sie hatte mich nie belogen. Dieses Geständnis heilte eine alte, unsichtbare Wunde in mir.
Doch der Alltag wurde nicht einfacher. Ihre Krankheit schritt unbarmherzig voran. Das Zittern nahm so stark zu, dass sie das Besteck kaum noch zum Mund führen konnte. Inzwischen muss ich sie füttern. Auch beim Waschen und Anziehen helfe ich ihr jeden Tag. Es ist anstrengend, es fordert mich. Aber der Gedanke, sie in ein Pflegeheim abzuschieben, kommt mir nicht einmal in den Sinn.
Denn inmitten dieser Pflege, inmitten der gemeinsamen Behördengänge und der langen Abende vor dem Fernseher ist etwas Sonderbares passiert. Wenn ich ihr das Haar bürste oder ihre zitternde Hand in meine nehme, spüre ich wieder diese alte, tiefe Vertrautheit. Die Oberflächlichkeiten von früher – die Karriere, das Aussehen, der perfekte Sex – all das ist völlig unbedeutend geworden. Ich merke, wie ich mich wieder ein kleines bisschen in sie verliebe. In die Seele der Frau, die sie im Kern immer geblieben ist.
Als es ihr an einem milden Sommerabend nach einer neuen Medikamenteneinstellung psychisch und physisch etwas besser geht, sitzen wir zusammen auf der Terrasse. Sie sieht mich an, ihre Augen leuchten ein wenig wie früher.
Wir kommen uns näher, ganz ohne Worte. Ich rücke an sie heran, ziehe ihren zerbrechlichen, bebenden Körper fest in meine Arme und halte sie einfach. Ich spüre ihren Herzschlag an meiner Brust. Das Zittern wird in meiner Umarmung ein wenig ruhiger. Und ich weiß, wir haben unseren Weg gefunden. Wir bleiben zusammen.
=== ENDE ===
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