Hast du eine geile Geschichte geschrieben? Wir suchen immer Geschichten! Bitte hier einsenden! Vielen Dank!

Riskantes Stellungsspiel (fm:Verführung, 129634 Wörter)

Autor:
Veröffentlicht: Jul 11 2026 Gesehen / Gelesen: 446 / 212 [48%] Bewertung Geschichte: 10.00 (1 Stimme)
Nach der Aufdeckung ist Sandra wütend, macht Unbedachtes, muss sich in einem Prozes gegen Anwälte wehren. Wer zieht im Hintergrund die Fäden? Sie ermittelt mit unortodoxen Methoden. Und ganz unmerklich macht sich ein lange vermisstes Gefühl in ihr breit.


Ersties, authentischer amateur Sex


Breite der Text unten anpassen: (braucht 'cookies')
[ 10% ] [ 20% ] [ 30% ] [ 40% ] [ 50% ] [ 60% ] [ 70% ] [ 80% ] [ 90% ] [ 100% ]

© Schwarz-Bunt Dieser Text darf nur zum Eigengebrauch kopiert und nicht ohne die schriftliche Einwilligung des Autors anderweitig veröffentlicht werden. Zuwiderhandlungen ziehen strafrechtliche Verfolgung nach sich.

Klicken Sie hier für die ersten 75 Zeilen der Geschichte

meinem Image als moralisch überlegene und überlebende Ehefrau.

Doch halt, nein, nicht alle hatten mich hintergangen! Es gab immer noch Freunde, die nicht verbiegbar waren, die wussten, was richtig und falsch ist. Julian, Ellen, Angelika, Markus, Jakob und Meike, Anton, Jochen, Bettina, Nico, und noch viele mehr. Und natürlich Jens. Mittlerweile auch er, der Kommissar. Alle waren mir wohlgesonnen, auf sie konnte ich mich stützen. Das zählte. Und mein Stiefsohn Andrea, der seit einiger Zeit auch mein Mitbewohner war, und dessen Freundin Lena ebenso. Jetzt fiel es mir wieder ein. Er hatte gestern meine Stimmung sofort erfasst, aber nicht weiter nachgebohrt. Ich wusste, er hatte Geduld, wie so viele introvertierte Menschen. Obwohl ich damals eher nur widerwillig zugesagt hatte, ihn als das Resultat von Uwes früherem Doppelleben bei mir aufzunehmen, musste ich mittlerweile resümieren, dass es eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen war. Eine Bereicherung für mich.

Ich stand auf und wollte wie fast immer das Frühstück machen, aber der Tisch war schon gedeckt, und Andrea saß dort bereits. Ich quetschte mir einen: "Guten Morgen" heraus.

Andrea schaute mich besorgt an. "Kannst du darüber reden?"

"Können schon, wollen nicht." Er versuchte es mit einem Dackelblick. "Na gut. Du gibst ja doch keine Ruhe. Ich habe gestern erfahren, dass ich betrogen wurde."

Andrea prustete los. "Du und betrogen?"

Ich schaffte es irgendwie, zu grienen. Zumindest so etwas Ähnliches. Es war aber wohl eher nur ein sehr gequält aussehendes Grienen. Bei einer passenden Gelegenheit hatte ich ihm mal ein wenig aus meinem Nähkästchen erzählt. "Es ist nicht das, was du jetzt meinst. Ich wurde benutzt, um Sachen zu verwirklichen, die ich nicht wollte. Sachen, die widerlich sind, unmenschlich!"

"Aber jetzt nicht wegen Uwe, oder?"

"Der hatte auch damit zu tun! Da stand er aber mal ausnahmsweise auf der richtigen Seite." Ich war froh, dass er mittlerweile nur noch selten 'mein Erzeuger' sagte, sondern entweder Papa oder Uwe.

"Erzähl!"

Ich hatte mittlerweile ein paar Schlucke des Kaffees getrunken, schnappte mir mein belegtes Brötchen, und sagte: "Komm mit!" Andrea folgte mir, bis wir vor dem Laptop standen. Ich startete den Film. Erstaunt schaute sich Andrea den Film an.

Die Stimme seines Vaters Uwe erschien, ein Selfie, und Uwe mit Bart, den er sich damals hat wachsen lassen. "Ich habe mich verrannt. Ich traue ihr nicht mehr. Es sah erst aus wie die große Leichtigkeit, die grenzenlose Liebe, aber jetzt verheimlicht sie mir was. Schon in Zürich hatte ich so eine Ahnung. Die Nachfrage nach den Zahlungsdaten hatte mich irritiert. Auch wenn du es mir nicht glauben wirst, ich habe das Geld nicht nur für mich privat gestohlen. Jedenfalls nicht nur. Ich wollte vor allem dieses erbarmungslose, unmenschliche Projekt verhindern. Ich sah da keinen anderen Weg mehr. Das Geld war dann ja weg, aber … wenn du es nicht gemacht hättest, wäre es wohl Evelyn gewesen. Und die Firma ist jetzt aus dem Schneider. Und Piere, dieser Mistkerl! Erst tat er so, als wäre er auf meiner Seite, und dann fällt er mir in den Rücken. Der ganze Vorstand und er gegen mich. Und die anderen haben natürlich nicht aufgemuckt! So ein Mist! Wenn du wüsstest! Aber du hast mich ja gar nicht zu Wort kommen lassen! Ja, kann ich verstehen, Sandra, hätte ich wohl an deiner Stelle auch so gemacht. Ich bin so ein Arsch, ein Betrügermistkerl! Aber so kommen die mir nicht davon! Ich hab ja noch den Kontakt zur Presse! Und ich bin jetzt ja wieder flüssig, zumindest ausreichend für den Anfang. Aber seit das Problem mit Mario aufgetaucht ist, murrt sie noch mehr. Er ist doch mein Sohn! Ich muss das doch machen! Und da jammert sie über diese paar Kröten! Gut, siebzigtausend sind kein Pappenstiel, aber mit ein wenig Finanzgeschick habe ich das übrige Geld bald wieder vermehrt. Es scheint so, als ob es Zeit ist für Plan B. Aber ich muss versuchen, an ihr Handy zu kommen. Nur wie? Das hütet sie immer wie ihren Augapfel! Ist sie noch auf meiner Seite? Oder hat … muss Schluss machen, sie kommt gerade wieder!"

Andrea fragte: "Um was genau ging es denn da?"

"Das war die Zeit, als er mit Evelyn durchgebrannt ist. Und von einer Reporterin habe ich vor kurzem erfahren, dass er den Bau einer Plantage und einer Fabrik für Kakaobohnen in Afrika verhindern wollte, die seine Firma plante."

Er richtete seinen Blick auf den Laptop. Fragend. "Da gibt's noch mehr Filme."

Ich startete den zweiten Film. Der, wo er mitteilte, dass er sich an die Presse wenden wollte wegen der Sache. Wieder Erstaunen von Andrea. "Da war er aber ganz schön in Bedrängnis. Das hat dich ziemlich umgehauen, oder?"

"Es hat mein Menschenbild zerstört. Wieder mal."

"Das war doch der Chef von meinem Herrn Papa, um den es da ging, oder? Der mit dem Sohn und Evelyn, also der verunfallten Frau?"

"Ja, der."

"Mist! Komm, iss noch was. Du änderst nichts, wenn du jetzt Trübsal bläst. Passiert ist passiert. Das Projekt wurde doch abgeschlossen, oder?"

Ja, das war Mist, da hatte er recht. "Weiß nicht. Ich vermute mal ja. Aber da ich dem Typen gestern zwei schöne Ohrfeigen verpasst habe, werde ich wohl zumindest von ihm nichts mehr erfahren. Ich hab ihm auch gesagt, er soll sich zum Teufel scheren."

"Wenn es stimmt, dann ist er schon da." Da hatte Andrea recht. Ich setzte mich wieder an den Tisch, und hing meinen Gedanken nach, und Andrea auch. Erst als wir beide fertig mit dem Frühstück waren, fragte er: "Und was willst du jetzt tun?"

"Erstmal versuche ich, mehr herauszubekommen. Und dann sehen wir weiter. Vielleicht schaffe ich es ja, die im Nachhinein Schach-Matt zu setzen."

"Du weißt aber schon, dass du in so einem Spiel immer die schwarzen Figuren hast, oder?"

"Nein. Ich und meine Freunde sind die weißen Figuren. Die Figuren der moralischen Reinheit."

"Ich hoffe, du hast recht. Bitte bring dich aber nicht wieder in Schwierigkeiten. Mit solchen Typen ist ebenfalls nicht zu spaßen."

"Ich weiß. Es gibt da nämlich noch einen Film. Ich weiß nicht so recht, was der Inhalt bedeutet. Er war wohl in Gefahr, aber dann kam er ja anders ums Leben, wegen der privaten Sache mit deinem Bruder. Schau!"

Ich ging erneut zum Laptop und startete den letzten Film, der, welcher am rätselhaftesten war. Wieder der Selfie-Uwe mit Bart, dieses mal aber total geschockt und erschrocken. "Es ist ein Alptraum! Werde ich auch bald ein Messer im Hals haben? Was hab ich mir hier nur eingebrockt! Sobald ich das zu Ende gebracht habe, werde ich sie damit konfrontieren. Und wenn mir ihre Antwort nicht gefällt, fliege ich alleine und lasse sie hier zurück. Ich habe alles in die Wege geleitet. Außerdem scheint sie mit dem Heini herumzuturteln. Nur mit den Augen bisher, aber wer weiß! Ich muss mich nur noch um Mario kümmern, dann kann ich abhauen. Vielleicht für immer!"

"WOW. Du solltest eher doppelt vorsichtig sein, denke ich", sagte Andrea.

"Ich gebe mir Mühe." Dazu quälte ich mir noch ein leichtes Lächeln heraus. Andrea schien es wohl zu fressen, denn er seufzte jetzt und gab bekannt, dass er zur Uni los muss. Ich verabschiedete ihn noch. Eigentlich hatte ich heute nicht die geringste Lust, aber ich gab mir einen Ruck und fuhr zu meinem Laden, dem Wooly Universe. Da ich aber noch recherchieren wollte, ließ ich meine Nach-Hause-Wanderung ausfallen und nahm die S-Bahn. Ich öffnete dann die verschlüsselte Datei auf dem Stick. Da war ja noch ein Ordner gewesen, in den ich gestern nicht mehr hineingeschaut hatte. Er war mit 'Dokumente' bezeichnet. Ich schaute mir den Inhalt an. Es gab mehrere Textdokumente und eine Audiodatei. Ich öffnete diese Audiodatei. Man hörte Rascheln, dann Murmeln, Stühlerücken, Personen wurden begrüßt.

-----------------------------------------------------------

Teil 2

Das Bild baut sich auf, und erste Gegenmaßnahmen

Dann fing jemand an zu sprechen. Es war die Stimme von Piere. "So, dann begrüße ich alle Anwesenden bei der heutigen Vorstandssitzung. Frederic Meißner lässt sich leider entschuldigen, aber wir sind ja trotzdem beschlussfähig. Den Immobilienteilverkauf haben wir ja letztes Mal schon beschlossen, heute ist unser einziger Tagesordnungspunkt das Re-Investment. Wir rechnen schon Ende des nächsten Monats mit dem Eingang der ersten Gelder und müssen die weitere Strategie festlegen. Durch die Verkäufe erwarten wir einen stetigen Geldfluss. Anfangen werden wir mit dem Projekt Sunpower, und zwar zuerst bei Ingolstadt. Dort haben wir schon eine Genehmigung. Weitere Flächen bei anderen Orten sind im Genehmigungsprozess. Beginn vermutlich erstes Quartal nächsten Jahres. Das Projekt Windpower steckt noch in Genehmigungsprozessen fest. Hier wird es wohl noch deutlich mehr als ein Jahr dauern, eher zwei. Ich weiß, dass nicht alle damit einverstanden sind, und bei unserem Know-how bleiben wollen, aber der Markt ist herausfordernd. Bürogebäude zu vermarkten, wird immer schwieriger. Erste Firmen fangen bereits damit an, dieses Homeoffice voranzutreiben, Privatzimmer werden zu Büros. Das würde uns schon bald das Genick brechen. Kommen wir zum New Market. Wir haben ja schon das Projekt Stoßzahn durchgesprochen. Wir wollen damit einen anderen, neuen Markt eröffnen, der tolle Renditen verspricht. Alle …"

Uwes Stimme war zu hören, der dazwischen grätschte. "Piere, wir haben das doch letztens durchgesprochen. Das können wir nicht machen! Denk an die Risikoanalyse! Das ist alles unsauber, korrupt, umweltschädlich ja sowieso, und zutiefst unmenschlich. Kinderarbeit, sklavereiähnliche Zustände. Wieso machst du jetzt einen Rückzieher? Du fällst mir in den Rücken! Alles nur für vielleicht zwei Prozent mehr Rendite? Ich kann nicht glauben, was du da sagst!"

"Das muss doch alles gar nicht so sein. Alle unsere geplanten Partner haben zugesagt, sich an sämtliche Gesetze zu halten. Wir können denen vertrau …"

Wieder grätschte Uwe dazwischen. "Glaubst du denen etwa? Wenn die das große Geld riechen, würden die sogar ihre Mutter belügen und verkaufen! Das hat doch unsere Analyse schon klipp und klar herausgearbeitet." Man hörte es rascheln. "Hier, Seite 15, Absatz 3: Es ist damit zu rechnen, dass alle Stellen, privatwirtschaftliche, behördliche, selbst einige NGO's, uns falsche oder unvollständige Informationen geben werden, nur um den Auftrag oder Korruptionsgelder zu bekommen. Das hatte bereits die Kakao3-Studie ergeben, die ein ähnliches Projekt in Ghana untersucht hatte. Es kam hier zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen und horrenden Umweltschäden, obwohl die lokalen Projektverantwortlichen und Behörden die Erfüllung aller Zielmarken zugesagt hatten. Letzten Endes kam es dann später auch langfristig zu Ernteverlusten, die jedes Jahr schlimmer wurden. Das Projekt blieb weit hinter den Erwartungen zurück und lieferte nur noch …"

"Danke Uwe, wir kennen alle die Analyse."

"Mann, ihr seid selbstmörderisch! Stellt euch doch mal vor, es kommt raus, dass wir wissen, dass es da Kinderarbeit gibt! Da geht doch unsere ganze Reputation den Bach runter! Und auch privat als Mensch kann ich das nicht verantworten! Ich kann kaum glauben, dass euch allen das schnurzegal ist."

Eine Frauenstimme schaltete sich ein. "Mir ist es auch nicht egal, aber was soll man machen? Man hat mir deutlich …"

"Lisa, pass auf, was du sagst", sagte jetzt eine andere Stimme. Ich erkannte darin einen der Typen vom Vorstand, der bei der Beerdigung dabei gewesen war.

"Mir ist es auch nicht egal, und ich stimme dagegen." Es war wieder eine mir unbekannte Frauenstimme.

Eine andere Frau mit dunkler Stimme sagte: "Du hast es ja auch einfach, du hast schon deinen neuen Job." Daraufhin hörte man Getuschel. Es wurde immer lauter.

Piere grätschte dazwischen. "Ich bitte um Ruhe! Wir haben ja einen neuen Großaktionär, der darauf besteht, diese Richtung einzuschlagen. Die Bedingungen sind günstig. Ein Grundstück im Gewerbegebiet in den Außenbezirken der Hafenstadt haben wir uns bereits als Option gesichert. Mit ausreichend Raum zur Vergrößerung. Es gibt bereits eine geteerte Straße, die dicht an den Anbaugebieten vorbeiführt."

Eine Männerstimme schaltete sich ein. "Dauert das denn nicht zu lange, bis da was an Einnahmen und Gewinnen zurückkommt? Ich meine, die Pflanzen müssen doch erstmal wachsen, oder?"

Piere antwortete: "Es dauert etwa drei Jahre. Es gibt aber schon kleine Anbaugebiete entlang der Straße, und die Trassierung für die Stichstraßen ist auch schon erfolgt. Dahin wird das dann erweitert. Und während der Wachstumsphase der Pflanzen fließen bereits Gelder zurück, denn der Holzeinschlag von den Rodungen ist gewinnträchtig. Tropenhölzer sind gefragte Ware. Wenn wir mit den geplanten Plantagen am Ende der Gebiete fertig sind, kommen schon von den zuerst angefangenen Plantagen die ersten Bohnen. Das Fabrikgelände nutzen wir bis zum kompletten Hochfahren als Lager für die Hölzer. Ein Sägewerk ist in der Nähe, mit Kapazitäten, die wir uns bereits mit einem Vorvertrag gesichert haben. Das ist doch alles im Exposé vermerkt. Hier, ab Seite drei, untere Hälfte." Man hörte erstmal eine ganze Weile nur das Rascheln der Unterlagen.

"Die Genehmigung für das alles steht?" Wieder kam die Frage von jemand anders.

"Lutz, das sagte ich doch schon bei unserem Gespräch. Unser Großaktionär hat sich darum gekümmert."

Wieder eine andere Stimme, eine Frau. "Wie soll das denn alles gehen? Wir haben davon doch gar keine Ahnung!"

Wieder Piere: "Unser Großaktionär hat darin Expertise und die richtigen Leute an der Hand. Er kümmert sich um Schulungen für alle Mitarbeiter. So verschieden ist die Arbeit nicht. Heute managen wir Gebäudeinstandhaltung, Kauf, Verkauf und Vermietung, und danach managen wir eben Erzeugung, Ernte, Transport, und Vermarktung von Kakaobohnen. Das lässt sich alles lernen. Unser Arbeitsumfeld wird sich zum großen Teil verändern. Es werden nicht alle mitmachen wollen. Das ist durchaus gewollt. Wir müssen ohnehin Personal abbauen und viele Abteilungen verkleinern. Ein Teil wird sich neue Jobs suchen. Und in einem guten Jahr müssen wir ohnehin eine Personalabbauwelle starten. Das wurde doch schon beim Immobilienteilverkauf entschieden."

"Ich mag da noch gar nicht dran denken", sagte eine Stimme, die ich kannte. Es war die Stimme von Regina.

"Gut, dass du es ansprichst, Regina. Das wird dann nämlich deine Aufgabe sein."

"Oh nee, ne? Kann das nicht HR machen?"

"Keine Angst, das packst du. Ich habe dich für HR vorgesehen. Es wird nicht ohne Diskussionen abgehen, aber dafür gibt es dann ja einen Sozialplan mit Abfindungen. So ein Personalabbauprozess ist auch immer eine gute Chance, die ganzen Lowperformer und Krankfeierer loszuwerden. Sonst ist das ja immer schwierig. Sonst noch Fragen?"

Uwe schaltete sich wieder ein: "Ich muss noch mal daran erinnern, dass das Projekt Stoßzahn zutiefst menschenverachtend ist. Wir sollten das nicht machen!"

Wieder entstand Gemurmel.

"Ruhe jetzt. Wir stimmen ab!"

Wieder die jetzt schrille Stimme von Uwe: "Piere, ich hoffe, es ist dir klar, dass du dann ganz alleine für den Mist verantwortlich bist, den du hier verzapfst. Und ihr anderen, wenn ihr zustimmt, seid mitverantwortlich. Ich verlange auch, dass mein Statement dazu Teil des Protokolls wird. Ich werde das anschließend kontrollieren."

"Ist schon gut, Uwe, jetzt sieh es ein. Es geht nicht anders! So, Abstimmung jetzt!" Es war die Stimme von Piere. Es vergingen etwa zehn bis 15 Sekunden, dann sagte Piere: "Sieben zu zwei Stimmen. Der neue Geschäftsplan ist somit beschlossen."

"Da ist aber noch nicht das letzte Wort darüber gesprochen! Das werde ich nicht zulassen!" Wieder die Stimme von Uwe. Er war laut, fast schrie er, und seine Stimme hatte sich überschlagen.

"Über die Sitzung wird Stillschweigen gewahrt! Das gilt für alle! Auch für dich, Uwe! So, die Sitzung ist geschlossen. Schönen Feierabend für alle."

Man hörte einige Verabschiedungen, dann sagte Piere noch: "Uwe, wir sprechen uns gleich noch in meinem Büro. Ich habe einen Spezialauftrag für dich. Hast du die Unterlagen für Kopenhagen fertig?" Pieres Stimme klang dabei normal. War das üblich in so einer Firma? Nach so einem vehement vorgetragenen Dissens? Ich war erstaunt.

"Klar doch!" Uwe hatte zwar der Frage zugestimmt, aber ich hörte dennoch heraus, dass er sehr zerknirscht war. Dann endete die Audioaufzeichnung. Wer hatte die angefertigt? Uwe? Es war zu hören, dass seine Stimme am lautesten war, mit Ausnahme der Stimme des Vorstandtypen. Das Hören dieser Sache nahm mich sehr mit. Das war ein ganz anderer Ton als der, den ich in meiner Firma pflegte. Bei mir standen nicht nur die Kunden im Mittelpunkt, sondern auch meine Mitarbeiterinnen. Ich wollte, dass sich alle wohlfühlen. Mir lief ein Schaudern den Rücken herunter, eine regelrechte Gänsehaut. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich auch wieder offen für weitere Sachen war. Ich öffnete die anderen Dokumente. Es waren Geschäftspläne, Analysen, Verträge, Absichtserklärungen. Auch diese erwähnte Studie war dabei. Außerdem gab es eine Liste mit dem Dateinamen 'Entscheidungsträger und hilfreiche Personen' mit Namen, Positionen, Summen. Die meisten waren offenbar Ausländer. Waren das geplante Bestechungsgelder?

Ich war pappelsatt! Das war alles eine riesengroße Schweinerei! Nach einiger Recherche wusste ich, dass das Projekt tatsächlich durchgezogen wurde. Einige Umweltverbände und NGO's waren auch schon darauf aufmerksam geworden, aber ohne dass groß was passiert war. Es war mitten im damaligen Dschungel ein neues Anbaugebiet erschlossen worden. Und es wurde eine Fabrik errichtet. Diese hieß Xoco Mining Solution. Uwes Firma hielt einen großen Teil der Anteile, außerdem gab es noch viele Kleinanleger, die wohl gar nicht gewusst hatten, auf was sie sich da eingelassen haben.

Ich recherchierte ein wenig, was man machen müsste, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen, und setzte eine Seite im Web auf. Ich würde jetzt Influencerin werden!

Die Überschrift meines ersten Artikels war: 'Verspekuliert, Mattsinvest? Der Traum von der Schokoladenkohle!'

Rechtfertigt eine hohe Rendite alles? Mir zugespielte Dokumente belegen folgendes: Der Vorstand von Mattsinvest hat einem Konzernumbau zugestimmt, bei dem es im Kern darum ging, in den Anbau und der Ernte von Kakaobohnen zu investieren. Es lockte eine hohe Rendite. Vorher durchgeführte Analysen belegten, dass die Sache rechtswidrig ist und nur mit Korruption und unter Bruch lokaler Gesetze möglich ist. Es war außerdem bekannt, dass in diesem Gebiet häufig Kinderarbeit stattfindet. Teilweise müssen dort Kinder unter sklavenartigen Bedingungen schuften, um uns billige Kakaobohnen und somit Schokolade zu sichern. Vorstandsmitglieder haben Mitarbeiter unter Druck gesetzt, um darüber zur Zustimmung zu kommen. Die Analysen und Einwände von Mitarbeitern wurden nicht berücksichtigt. Lasst uns gegen diese Firma kämpfen! Es lohnt sich, wenn wir uns zur Wehr setzen! Schützt die Umwelt und die dortige Bevölkerung! Setzt die Firma unter Druck!

Ich begann eine Kameraaufzeichnung. "So, meine lieben Zuhörer, Zuschauer, und Mitstreiter." Dann fiel mir ein, dass ich ja auch besser die Frauen ansprechen solle. "Und natürlich auch meine lieben Zuhörerinnen und Mitstreiterinnen. Ich war nur selten so geschockt wie gestern und heute, als ich von einer großen Schweinerei erfahren habe, welche die ehemalige Firma meines verstorbenen Mannes in Gang gesetzt hat. Er hat dagegen gekämpft, musste flüchten, und ist auf seiner Flucht dann ums Leben gekommen. Es geht dabei um nicht mehr oder weniger als um unsere Menschlichkeit. Dürfen wir Kinderarbeit, ja, Sklaverei dulden, nur damit unsere Schokoladentafeln 30 Cent weniger kosten? Oder Zerstörung von Naturschutzgebieten? Natürlich nicht! Und eben diese Firma wusste alles und hat das Projekt trotzdem durchgezogen! Eine riesengroße Schweinerei! Hier auf der Webseite findet ihr alle Dokumente, die das belegen. Lasst nicht zu, dass Mattsinvest damit durchkommt! Ich zähle auf euch."

Dann lud ich noch die Dokumente hoch, auch die Tonaufzeichnung. Nun war ich ein wenig zufriedener. Ich hatte was getan. Nun musste ich aber noch dafür sorgen, dass die Seite mit den Enthüllungen bekannt wird. Ich schrieb alle Freunde und Bekannte an, auch ihren Bekanntenkreis mit der Information zu versorgen. Halbwegs zufrieden lächelte ich gequält in mich hinein. Mehr konnte ich erst mal nicht machen. Ich hatte sowieso keine Zeit mehr. Mein Teneriffa-Urlaub lag an. Ziemlich kurzentschlossen hatte ich mir wegen des schlechten Wetters schon ein wenig eher als geplant meinen Urlaub gebucht.

-----------------------------------------------------------

Teil 3

Teneriffa-Reise

Ich hatte mir dazu einen Reiseführerbuch gekauft und auch einen Wanderführerbuch. Der Wanderführer war richtig toll und enthielt sogar Hinweise zur Anfahrt mit den Buslinien, da ich nicht vorhatte, hier in diesem unbekannten Gelände mit einem Leihwagen zu fahren. Das war ungewöhnlich, klar, aber ich wollte es einfach so probieren. Ich hatte mir ein schönes Wellnesshotel ausgesucht. Nach einem anfangs sehr turbulenten Flug landeten wir, der Abholservice-Bus las mich auf, die Fahrt dauerte wegen der vielen Umwege zur Ablieferung anderer Gäste dann noch weitere zwei Stunden und erst dann war ich im Hotel. Hungrig, aber glücklich, wegen des hier schönen Wetters. 22 Grad sind viel angenehmer als die 11 Grad, die bei meinem Abflug in Hamburg herrschten.

Die junge Empfangsdame strahlte mich mit ihrem geschäftsmäßigen Lächeln an. "Willkommen in unserem Wellnesshotel. Sicher haben sie gebucht?"

Aha. Die hatten also nicht gelogen! Sie hatte mich auf Deutsch angesprochen, wohl, weil sie mein Land anhand meiner Kleidung erkannt hatte, aber ich verblüffte sie mit meiner auf spanisch gesprochenen Antwort. "Das habe ich. Mein Name ist Sandra Neuhaus." Ich setzte auf ihren verblüfften Blick hin nach: "Spanisch ist meine Muttersprache."

Sie musste nicht lange suchen, bat mich die Anmeldung auszufüllen, rasselte die Essenszeiten herunter, für den Rest verwies sie auf die Hotelmappe im Zimmer, und dann durfte ich mein Zimmer entern. 912, ganz oben also. Das hatte mehrere Vorteile: Gute Sicht, und es trampelte mir keiner auf dem Fußboden über mir herum. Oder war dort ein Pool? Das würde ich noch in Erfahrung bringen. Die Lage des Hotels war mit Bedacht ausgewählt. Der Busbahnhof lag nicht weit weg. Fünf, höchstens zehn Minuten Fußweg. Ich hatte natürlich ein Doppelzimmer gebucht, was auch aus anderen Gründen ganz praktisch war, einfach, weil der Raum dort meistens größer ist. Und ich hatte 'Meerblick' angegeben. Und, den Meerblick hatte ich!

Ich studierte ein wenig die Hotelmappe, dann war schon die Abendessenszeit heran. Ich schnappte mir ein Tablett und füllte es ordentlich mit zu vielen der schönen Sachen vom Buffet, suchte mir ein Plätzchen an einem der wenigen kleinen Tische, und fing an zu essen. Da kam eine Frau zu meinem Tisch, fragte: "Ist hier noch frei? Darf ich?" Ich nickte, da ich gerade den Mund voll hatte, und sie setzte sich mir gegenüber. Früher war sie bestimmt eine strahlende Schönheit gewesen. Die Haare fielen ihr lockig bis über ihre Schulter herunter, waren nun aber grau. Das Gesicht rundlich, ihre Augen lächelten genau so schön wie ihr Mund. Ich schätzte sie auf ca. 60 Jahre. Sie hatte einiges mehr als ich an Speck drauf, wirkte aber trotzdem drahtig.

"Sind sie allein hier auf Teneriffa?", fragte ich sie.

"Ja, Gerda ist allein hier. Und du?"

"Sandra auch."

"Ein schöner Name. Bist du heute angekommen?" Auch sie fing jetzt an zu essen, unser Gespräch gestaltete sich daher ein wenig zäh, mit Pausen dazwischen.

"Vor einer Stunde."

"Oh, dann waren wir wohl im selben Flieger und im Bus?"

"Keine Ahnung, da hatte ich nicht drauf geachtet. Nur so auf die Gegend."

"Ist schön hier, oder?"

"Dem ersten Anschein nach schon."

"Du weißt aber schon, dass es hier keine richtigen Badestrände gibt?"

"Weiß ich, macht aber nichts. Ich bin ja auch zum wandern hier."

"Echt? Du auch? Das ist ja schön. Wenn du Lust hast und ich dir nicht auf die Nerven gehe, könnten wir ja ein wenig zusammen wandern."

Ich war geneigt zu antworten: 'Ich überleg's mir', entschied mich aber spontan um und sagte: "Gerne. Wir können es ja mal miteinander probieren. Ich bin aber Flachland Tirolerin aus Hamburg und Berge habe ich eher selten."

"Ich kann ja mein Programm an deine Kondition anpassen. Wirst auch sehen, von Tag zu Tag wird es besser werden."

"Ja, das weiß ich. Ging mir auch so, als ich mal eine Mehrtagestour zu einem Berggipfel gemacht hatte."

"Wie heißt der Gipfel denn?"

"Averau."

"Kenn ich nicht. Warum musste es denn genau dieser Berg sein. War das eine Wette?"

"Es war so ähnlich. Ein Versprechen."

"Klingt so, als hättest du es geschafft." Ich nickte. "Hast du schon ein Programm für hier? Also, Touren?"

"Nee. Nur so ein Wanderführerbuch. Da sind so allerhand drin. 50 Touren."

"Na, dafür haben wir hier nicht genügend Tage. Ich habe so ein Programm für das Handy und mir eine Wanderkollektion zusammengestellt. Bist du dabei?"

"Das wäre viel einfacher für mich. Danke!"

"Danke mir nicht! Bestimmt wirst du mich verfluchen." Sie lachte. Es klang sehr natürlich, ihr Lachen.

"Ich werde mir dann die passende Strafe für dich aussuchen." Sie griente, und ich dachte mir, dass wir auf der gleichen Wellenlänge waren. Zumindest bis jetzt. "Reist du schon lange alleine? Warst du denn mal verheiratet?"

"Ja, war ich. Achtzehn bis zwanzig. Also mit achtzehn geheiratet, mit zwanzig geschieden."

"Und seitdem alleine?"

"Ja. Keinen Mann, außer gelegentlich mal einen für ein paar Stunden. Und du?"

"Ich bin auch solo. Mann tot, seit einigen Jahren."

"Klingt interessant." Das war auch für mich interessant. Sie schien es auch so zu machen wie ich.

"Schon eine Wanderidee für morgen? Hast du eigentlich einen Leihwagen? Ich wollte eigentlich ja mit dem Bus."

"Nein, kein Leihwagen, ich nehme auch den Bus. Die Verbindungen hier sind gut. Hab noch nicht mal einen Führerschein. Morgen wollte ich zu den Orgelpfeifen. Und dann in den botanischen Garten."

"Orgelpfeifen?"

"Basaltsäulen. Die entstehen manchmal bei vulkanischen Aktivitäten."

"Ach, stimmt, habe ich schon mal in einer Doku gesehen, sowas. Ich komme gerne mit. Wann treffen wir uns?"

"Um neun Uhr vor dem Hotel. Neun fünfzehn geht der Bus. Okay?"

"Bin dabei. Bis dann, Gerda."

"Bis morgen, Sandra." Wir stellten unser Geschirr in die Ablage, da wir fertig mit Essen waren, dann drehte ich draußen noch eine kleine Runde, dann ging es ins Bett, wo ich ziemlich schnell einschlief.

Am Morgen wurde ich früh wach, blätterte nach dem Duschen ein wenig in meinem Wanderführerbuch, in dem ich auch eine Wanderung zu den Orgelpfeifen fand. Ob es dieselbe war, die auch Gerda geplant hatte? Sie schien nicht allzu schwer zu sein, zumindest stand das da so. Als wir dann aber nach der Wanderung - anschließend waren wir noch in diesem botanischen Garten gewesen - zurück kam, war ich aber ziemlich fertig. Ich konnte mit Gerda zwar einigermaßen mithalten, keuchte aber dabei wie eine altersschwache Dampflokomotive. Und meine Beine taten mir hinterher weh. Ansonsten war Gerda aber eine angenehme und umsichtige Wanderpartnerin, quasselte nicht in einer Tour, aber man konnte sich gut mit ihr unterhalten. Im botanischen Garten staunte ich, denn sie konnte viele Pflanzen mit Namen benennen. Sie verriet mir, dass sie früher mal in einer Gärtnerei gearbeitet hatte, bis zu ihrer Rente. So alt hatte ich sie gar nicht geschätzt, und staunte.

Zurück im Hotel erinnerte ich mich, dass in der Hotelmappe was von Massagen stand, ging zur Rezeption, und hatte Glück, dass noch vor dem Abendessen ein Slot frei war. So zog ich mir also einen Bikini an, zog meinen Bademantel darüber, und fuhr in den Wellnessbereich, der im Keller war. Schwimmbad, verschiedene Saunen, und eben auch die Massageräume. Ein junger Mann, blond, groß, steckte seinen Kopf aus der Tür, und fragte mich: "Sandra Neuhaus?" Ich nickte. Weiter ging es in Deutsch: "Kommen sie. Ich bin Ralf." Ich war erstaunt. Einen blonden Mann hatte ich hier nicht erwartet. Er führte mich zu einer Massageliege, ich legte mich drauf, er rieb seine Hände mit Öl ein, und fing an. Er war gut und es gelang ihm, meine Verspannungen zu lösen, ohne dass es all zu weh tat. Mit der Nebenwirkung hatte ich allerdings nicht gerechnet. Beim Massieren meiner Oberschenkel ging meine Lustturbine an und drehte hoch. Ich spürte ganz deutlich das Kribbeln. Um mich abzulenken unterhielt ich mich ein wenig mit ihm, und erfuhr dabei, das er aus Rostock kam und schon drei Jahre hier auf Teneriffa lebte, da das Wetter hier so schön war. Ich ertappte mich dabei zu überlegen ihn zu fragen, ob er eine Freundin hat, verkniff es mir aber zunächst.

Beim Abendessen verfehlten wir uns, aber am anderen Morgen traf ich natürlich wieder auf Gerda. "Na Sandra, wie es dir das gestrige Wandern bekommen?"

"Ich bin Alchemistin geworden. Meine Muskeln hatten sich in Stahl umgewandelt. In schmerzenden Stahl."

"So schlimm?"

"Schon schlimm. Aber der Masseur hat es geschafft, sie wieder zu lockern, und weh tut es auch nicht mehr."

"Etwa Ralf?"

"Du kennst ihn?"

"Seit gestern." Sie griente. "Und, mit ihm schon was klargemacht?"

"Nee. Geht das denn?"

"Bei mir ging es gestern doch auch!"

"Du? Und Ralf?"

"Warum denn nicht? Er war nicht abgeneigt, ich konnte es gut gebrauchen, also ich nenne das eine gemeinsame Interessenlage zum beiderseitigen Vorteil."

"Du hattest es ja gut!"

"Du kannst es ja heute mal bei ihm probieren. Du bist ja viel hübscher, ich glaube nicht, dass er da nein sagt."

"Ja Gerda, mache ich. Ich bin aber nicht hübscher. Nur jünger. Aber ich will nicht, dass du eifersüchtig wirst!"

"Werde ich nicht, versprochen. Gibt ja auch noch genug andere männliche Hotelgäste. Meinst du, die sind alle mit ihren Frauen zufrieden? Wenn ich einem Kandidaten die richtigen Blicke zuwerfe, geht das ganz schnell."

"Du bist mir ja eine! Da habe ich ja eine Jagdgenossin gefunden. Ich mache es nämlich auch so, zumindest manchmal. Früher sogar recht auf, heutzutage aber nur noch selten."

"Siehst du! Willst du wissen, womit ich dich heute quälen will?"

"Unbedingt!"

"Wir fahren auf den Mond!"

"Spinnst du?"

"Gut, es ist ein wenig übertrieben, aber es sieht dort zumindest ein wenig so aus wie auf dem Mond. Schon mal von der Caldera gehört?"

"Steht im Reiseführer."

"Dann lass dich überraschen! Kurz vor Neun dreißig vor dem Hotel."

"Gut, bis dann." Ich machte mich noch ein wenig frisch und stand dann pünktlich dort. Der Bus kam, wurde ziemlich voll und nach einer ziemlich langen Fahrt machten wir unsere Mondlandung. Gerda hatte nicht übertrieben. Es sah hier wirklich aus wie auf dem Mond. Zumindest das Gestein. Es wuchsen aber trotzdem noch allerhand Pflanzen hier. Spezialisten für Trockenheit, das sah man. Es sah hier ein wenig so aus wie in einem Western. Ab und an schroffe Felsen, weite Flächen, sanfte Hügel in den verschiedensten, fast wie unwirklich aussehenden Farben. Und im Süden thronte, alles überragend, der Berg Teide, der ein Vulkankegel ist. Dass da eine Seilbahn hoch führt, hatten wir schon von der Bushaltestelle aus gesehen. Wir machten uns auf den Marsch und ich war froh, dass ich ausreichend Wasser mitgenommen hatte, denn es war heiß. Trocken, staubig, und heiß. Und dünn, zumindest die Luft. Da die Anstiege sich aber in Grenzen hielten, schnaufte meine Lokomotive nicht schlimmer als gestern. Nach dem obligatorischen Kaffee und Kuchen in einem Restaurant an einer ganz anderen Stelle im Krater, unserem Endpunkt, warteten wir noch eine Stunde auf unseren Bus, der uns wieder zurück brachte.

Ich duschte nur schnell, zog mir wieder den Bikini und Bademantel an und ging zu meiner Massagereservierung. Auch heute hatte ich es nötig, aber es war nicht so schlimm wie gestern gewesen. Das war wohl der Gewohnheitseffekt. Erneut steckte Ralf seinen Kopf aus der Tür und ich ging mit, ehe er was etwas sagen musste, legte mich auf die Liege, und wartete auf seinen Einsatz. Wie auch gestern schon konzentrierte er seinen Einsatz vornehmlich auf meine Beine. Ich machte mir einen Spaß damit, dabei leise Stöhnlaute von mir zu geben, was ihn, wie ich mit einem Schulterblick sah, sichtlich irritierte. "Kannst ruhig ein wenig höher gehen an den Beinen. Da ist es auch nötig!"

"Wirklich?", fragte Ralf.

"Natürlich. Mach ruhig." Er fackelte tatsächlich nicht lange und nun gingen seine Hände weit. Sehr weit. Bis an den Zusammenlauf meiner Beine. "Ja, so ist es gut", sagte ich, nicht dass er noch denken würde, das würde mich doch stören. Kurz danach probierte ich eine weitere Verschärfung. "Gerda sagte, du machst auch gerne Spezialmassagen? Kann ich dich buchen?"

Er schaute mich erstaunt an, lachte. "Gerne. Welchen Slot darf ich denn nehmen?"

"Den Feierabendslot. Wann hast du denn Feierabend?"

"Um zehn."

"Dann gleich danach. Machst du Hausbesuche oder soll ich zu dir kommen?"

"Nein, ich komme zu dir, meine Wohnung ist zu weit weg. Welches Zimmer hast du denn?"

"912. Ist ein Zimmer mit Doppelbett. Hört sich gut an, oder?"

"Ich freue mich." Ich drehte mich um, lag jetzt auf dem Rücken. "Willst du schon mal vorarbeiten?"

"Mann, das ist gefährlich! Es könnte jemand reinkommen!"

"Nur kurz!" Ich holte meine Brüste aus dem Bikinioberteil, er strich einige male sehr zärtlich mit den Händen darüber, dann packte ich sie wieder ein. Die Zeit war auch um. "Bis nachher", sagte ich, und ging. Da noch viel Zeit bis dahin war, schwamm ich ein wenig im Pool, und traf dann eine halbe Stunde später beim Abendbrot auf Gerda, der ich natürlich gleich von meiner Verabredung erzählte. Nach dem Abendessen ging ich mit Gerda auf ihr Zimmer, und sie zeigte mir die Planung für die restliche Wanderwoche, damit ich mich drauf einstellen konnte, was mich erwartet. Und dann wartete ich. 22:10. Es klopfte. Ich ging zur Tür und lugte durch den Spalt. Ralf stand davor. "Komm rein."

Mit Hüftschwung ging ich geradewegs zum Bett. Blick zurück: Ralf hatte große Augen bekommen, wie erwartet. Es war wie damals mit Nico, meinem mittlerweile verheirateten Nachbarn und IT-Experten. Ralf durfte meinen komplett nackten Körper von hinten bewundern. Mit einer riesigen Zeitverzögerung schloss er endlich die Tür und kam zögerlich auf mich zu. "Schnelle Nummer oder unvergessliches Erlebnis?", fragte ich ihn.

"Erlebnis", kam es wie aus der Pistole geschlossen. Nun, ich hatte nichts schlimmes mit ihm vor. Aber so etwas hatte er wohl noch nie gesehen. Ich griff unter das Kopfkissen, und holte alles vor. Dann fing ich an. Schön erotisch zog ich mir das erste Dessous an, ließ mir Zeit, strich mir dabei über den Körper. Vielleicht hatte er so etwas schon mal in einer Strip-Bar gesehen, aber in so einer Form sicher noch nicht. Bei mir war die Lust echt und ich wollte ihm was bieten, ohne Bezahlung. Nach ein paar erotischen Posen und Verrenkungen zog ich mir alles wieder aus, natürlich in der Strip-Variante. Dann kam das nächste Dessous zum Einsatz, natürlich in der gleichen Art und Weise.

"Kannst dich schon mal frei machen", sagte ich zu ihm. "Präparieren auch. Dauert aber noch. Du wolltest ja Erlebnis. Oder?"

"Doch, Erlebnis."

Na dann! Irgendwie eine halbe Stunde später hatte ich das letzte, schwarz-verruchte Dessous an und ging katzengleich auf ihn zu, und schmiegte mich an ihn heran. Wie es sich für einen Inselbewohner mit viel Meer drumherum gehört, spielte er sogleich Krake. Es konnten gar nicht genug Extremitäten sein, leider hatte er nur zwei richtige und die anderen beiden bedingt brauchbaren. Und seinen Mund. Der suchte meine roten Lippen, die zum Küssen da sind, und prüfte ihre Qualität. Bisher hatte ich nur eine gespannte erotische Stimmung, aber langsam schlug es in starke Lust um. Ich musste mich zusammenreißen, um mein Drehbuch weiter zu verfolgen. Ich ließ mich langsam von ihm ausziehen, verlor das wenige, was ich an hatte.

"Jetzt musst du mich massieren", sagte ich dann. "Erotisch!" Ich legte mich mit dem Bauch auf das Bett. Seine Hände wanderten an meinen Körper. Sanft streicheln konnte er genauso gut wie das medizinische Massieren. Es kribbelte wie eine Ameisenarmee. Seine Armee hatte meine Lustzone im Handstreich eingenommen. Es war zwecklos, Gegenwehr nicht möglich. Immer wieder glitten seine Hände über meinen Po und knapp an meiner Lücke vorbei. Irgendwann drehte ich mich auf den Rücken, ließ nun auch meine andere Seite verwöhnen. Keine Ahnung ob das für ihn die Schokoladenseite war. Auf jeden Fall war das die Seite mit den Hügeln, und er kümmerte sich jetzt darum. Auch um die beiden Turmspitzen, die auf etwas warteten. "Du kannst mit ihm drüberstreicheln", sagte ich. Er war schon längst nackt, brachte sich und seinen Mitstreiter in Position.

Ein wohliger Schauer rann von dort bis zu meinem Bermudadreieck und verlor sich dort. Ich schaute mir an, wie er das machte, und war fasziniert davon. "Steck ihn dazwischen", sagte ich. Ich hatte mir das oft gewünscht, aber nie gemacht. Dann fing er an. Nach vielen Minuten tauschten wir und ich, beziehungsweise meine Beiden, und wurden aktiv. Bald bemerkte ich meinen Erfolg, er stöhnte auf, und es kam ihm. Ich schaute mir fasziniert die Sache an. Es folgte eine lange Kuss-Phase, in der ich es schaffte, seinen Mitstreiter wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Schaut, ihr Parteien, so geht das! Ich brachte das obligatorische Kondom zum Einsatz und nach allerhand Nahkampfeinsatz kam er dann zum zweiten mal. "Genug Erlebnis gehabt?", fragte ich ihn dann.

Er nickte, und wusste genau, das er jetzt gehen sollte. Nach dem Abschiedskuss-Knutscher kümmerte ich mich mit meiner Luststab-Armada selber um meine Erlösung. Bei der Penetration klappt das ja nicht immer. Und schlief dann wie ein Murmeltier. Am nächsten Tag traf ich Gerda beim Frühstück.

"Na, wie war es?", fragte sie mich grienend.

"Der ist doch ganz brauchbar. Oder nicht?"

"Bei mir war er das auch."

"Und, heute?"

"Mal sehen. Gibt vielleicht noch mehr Konkurrenz."

"Du kannst ihn ja locken", flüsterte ich.

"Womit denn?", flüsterte Gerda zurück.

"Mit einer Variante zwischen den Brüsten", flüsterte ich. Gerda schaute mich an, als hätte ich sonst was gesagt, dann entspannte sich ihr Gesicht aber, und nickte. "Deine sind eh größer."

"Danke für den Tipp." Wir unterhielten uns dann noch über unserer heutiges Programm und dann ging es los. Küstenwanderung. Immer auf und ab, kein langer Anstieg. Trotzdem war es anstrengend, eine Massage brauchte ich heute nicht, schwamm aber ganz lange im Pool. Ich war mir sicher, dass Gerda ihn heute klargemacht hatte, was stimmte, wie sie mir am anderen Morgen verriet. Heute lag etwas besonderes an. Ein Abstieg in der Masca Schlucht. Wir hatten ein Angebot eines Veranstalters genommen, da Hin - und Rückweg sonst schwer zu organisieren war. Es war wunderschön, aber total anstrengend. Viele steile Passagen waren zu überwinden. Ich meisterte sie wie eine Flachland-Bergziege, also eher so in der Art Geht-grad-noch-so. Aber am Schluss ging es recht flach in einer locker mit Büschen bestandenen Senke direkt zu einer tollen Bucht. Da warteten schon viele Leute auf die Rückfahrt mit dem Boot, aber wir konnten dann an allen vorbei auf unser vom Veranstalter gechartertes Boot spazieren. Ich hatte es zwar geschafft, aber meine Muskeln fühlten sich irgendwie an wie eine Mischung aus Pudding und Schuhleder, so dass ich heute wieder eine Massage in Anspruch nahm.

Beim Nachspiel konnte ich es mir nicht verkneifen zu fragen, wie es ihm denn zwischen den Brüsten von Gerda gefallen hatte. Es kam nur eine nonverbale Antwort: Grienen. Viel zu schnell war der Urlaub vorbei, am letzten Tag machten wir noch einen Ausflug auf die Mondlandschaft zu den Teide-Eiern, welche frühere vulkanische Bomben sind, die dort verstreut herum lagen. Ich war heilfroh, es geschafft zu haben, musste aber doch ganz schön mit Atemnot kämpfen, wegen der großen Höhe. Aber es ging! Es war so ähnlich wie damals der Aufstieg auf den Averau. Natürlich bekam ich noch eine Abschiedsvorstellung von Ralf. Er würde jetzt noch zwei Tage lang ganz Gerda gehören, die später abreisen durfte als ich. Sie wohnte in Hannover, wie sie mir dann sagte. Gerda und ich hatten uns echt supergut verstanden während unserer Zeit hier und wollten in Verbindung bleiben. Sie hatte auf jeden Fall meine Telefonnummer bekommen und ich die ihre auch. Mit ein wenig Wehmut blickte ich auf die Insel herunter, als der Flieger noch eine Runde an deren Rand drehte und dann Kurs auf den europäischen Kontinent nahm.

-----------------------------------------------------------

Teil 4

Die Abmahnung

Im Urlaub hatte ich mich nicht groß um meine brennenden Sachen geschert, hatte ich mich nur um die Tagesunternehmungen dort gekümmert, wollte den ganzen Mist vergessen. Aber jetzt! Meine aufgesetzte Seite quoll über! Hunderte Mails in meinem extra dafür eingerichteten Posteingang, zehntausende Follower, Wahnsinn! Auf dem Tisch lag noch der Stapel mit der Post, welche mir Andrea hingelegt hatte. Es war so das übliche Sammelsurium, aber ein Schreiben war anders, nein, zwei. Ich öffnete das Erste. Es war von der Anwaltskanzlei 'Söhnke und Partner'. Nach dem üblichen Briefkopf mit Adressen und Datum folgte das hier:

Abmahnung/Aufforderung zur Unterlassung

Sehr geehrte Frau Neuhaus,

unserem Klienten ist bekannt geworden, dass sie mit ihrem Blog Xocoladenschweinerei falsche und unwahre Behauptungen aufstellen, die jeder Grundlage entbehren (siehe separate Aufstellung). Es handelt sich daher um eine Verleumdung. Wir fordern sie auf, dies zu unterlassen und diese Webseite und ggf. weitere dieser Art, ersatzweise zumindest deren Inhalte, unverzüglich zu löschen. Anderenfalls drohen ihnen Schadenersatzforderungen von 300000 Euro. Außerdem fordern wir sie auf, beigefügte strafbewehrte Unterlassungserklärung zu unterschreiben und uns zuzusenden. Sollten sie dies bis zum 23ten des Monats nicht erledigt haben, werden wir weitere Schritte einleiten. Des weiteren fordern wir sie auf, die Kosten dieser Abmahnung in Höhe von 315,74 Euro zu überweisen.

Hochachtungsvoll

Dann folgte noch eine krakelige, unleserliche Unterschrift. In einem weiteren beiliegenden Schreiben waren meine angeblich falschen Behauptungen im einzelnen aufgeführt.

Ich war baff. Und ich bekam es mit der Angst. Hier wollte mich jemand offensichtlich von der Verbreitung des Wahrheit abhalten und drohte, mich zu ruinieren. Ich öffnete das zweite Schreiben.

Abmahnung/Aufforderung zur Unterlassung

Sehr geehrte Frau Neuhaus,

Sicher haben sie unser letztes Schreiben vom 11ten des Monats nur übersehen. Wir legen den Sachverhalt daher nochmals dar und legen ihnen dringend nahe, diesen zur Kenntnis zu nehmen und zu beachten. Das ist die letzte Aufforderung!

Unserem Klienten ist bekannt geworden, dass sie mit ihrem Blog Xocoladenschweinerei falsche und unwahre Behauptungen aufstellen, die jeder Grundlage entbehren (siehe separate Aufstellung). Es handelt sich daher um eine Verleumdung. Wir fordern sie auf, dies zu unterlassen und diese Webseite und ggf. weitere dieser Art, ersatzweise zumindest deren Inhalte, unverzüglich zu löschen. Anderenfalls drohen ihnen Schadenersatzforderungen von 300000 Euro. Außerdem fordern wir sie auf, beigefügte strafbewehrte Unterlassungserklärung zu unterschreiben und uns zuzusenden. Sollten sie dies bis zum 16ten des Monats nicht erledigt haben, werden wir weitere Schritte einleiten. Des weiteren fordern wir sie auf, die Kosten dieser Abmahnung in Höhe von 581,12 Euro zu überweisen.

Hochachtungsvoll

Hm, toll. Heute war der 19te. Ich war ruiniert! Obwohl, da kam ja noch nichts. Mir war sofort klar, dass ich Rat brauchte. Ich schnappte mir mein Telefon und rief meine Anwältin und frühere Gelegenheitsliebhaberin Ellen an. Ungeachtet ihrer Liaison mit Uwes früheren Kollegen Julian, mit dem ich ja auch eine ganze Weile was am Laufen hatte, unterhielten wir weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis.

"Hallo Süße! Na, wie sind die spanischen Insulaner so?"

"Ellen, ich hatte da echt andere Sorgen. Ich musste den Kopf freikriegen. Ja, vielleicht hat da einer geholfen. Aber jetzt habe ich ein Problem."

"Geht es um diese Schokoladensache? Das ist ja richtig viral gegangen! Ein toller Erfolg."

"Ja, so toll dass die mich jetzt ruinieren wollen."

"Ruinieren? Wer denn? Womit denn?"

"Mit so einer Abmahnung und Unterlassung."

"Erzähl …" Ich las Ellen die beiden Schreiben vor.

Einige Sekunden Schweigen. "Da hast du dir aber was eingefangen." Es klang nicht gerade hoffnungsvoll.

"Was sagst du denn dazu?"

"Meine Spezialität ist ja Strafrecht, aber komm doch morgen mal in die Kanzlei, da haben wir Andre für Wettbewerbsrecht, mal sehen was der dazu sagt. Vom Amtsgericht kam noch nichts, oder?"

"Nein, da ist nichts dabei."

"Gut, dann bis morgen. Und Kopf hoch Sandra, ja?"

"Danke Ellen. Bis morgen." Ich legte auf, und stieß dann einen Redeschwall … die Wörter schreibe ich besser nicht hier hin. Als I-Tüpfelchen kam auch mein Stiefsohn Andrea gerade mit seiner Freundin Lena herein und beide bekamen das mit. Ich musste natürlich erst ein mal alles davon erzählen. Einen Rat hatten sie nicht, das war auch nicht zu erwarten, wirkten aber beide sehr betroffen. Es folgte eine schlaflose Nacht. Am nächsten Morgen fuhr ich dann in die Kanzlei und nahm alles an Material mit, was ich hatte. Dort empfing mich ein nicht unattraktiver Jungspund, auch Ellen war da, und wir gingen in einen Besprechungsraum, wo in einem Regal haufenweise Bücher standen, sicher juristischer Art. Ich musste mich nicht zur Räson rufen wegen Andre. Dafür war mein Hiersein viel zu ernst. Ich reichte ihm alles hinüber, erklärte ihm einiges dazu, Ellen hatte ihn wohl schon über die Hintergründe in Kenntnis gesetzt, denn er wusste von Uwe, offenbar in Grundzügen auch von den früheren Verwicklungen, und woher die Dateien stammten.

"Hm, das hört sich ja so an, als wollten die mit aller Macht verhindern, dass weiter Details in der Öffentlichkeit kursieren."

"Dürfen die das denn einfach so?"

Ein Lächeln umspielte die Lippen von Andre. "Dürfen ja. Juristisch ist so ein Vorgehen nicht unumstritten, oft ist so etwas eine missbräuchliche Unterlassungsaufforderung, und tritt in letzter Zeit immer häufiger auf. Das Ziel ist natürlich Einschüchterung. Es ist so eine Grauzone. In Deutschland darf man leider klagen, was das Zeug hält. Vor allem, wenn man Geld hat. Und das haben die ja wohl, oder?"

"Davon gehe ich aus. Was können wir denn jetzt machen? Kann man das nicht unterbinden?"

Erneutes Lächeln. "So einfach geht das nicht. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Eine Gegenklage wegen Verleumdung. Eine eigene Klage haben die ja wohl noch nicht eingereicht. Man könnte eine modifizierte Unterlassungserklärung einreichen und die Dateien vom Netz nehmen. Obwohl das für die Gegenseite meist nichts bringt, oft sogar das genaue Gegenteil, was die aber offenbar nicht wissen."

"Wieso denn?"

"Haben sie schon mal vom Streisand-Effekt gehört?" Ich schüttelte den Kopf. "Das ist das soziologische Phänomen, wo der ungeschickte Versuch, unliebsame Informationen zu unterdrücken, das Gegenteil erreicht, weil die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nun erst recht auf diese Informationen gelenkt wird. Der Name kommt von der US-Amerikanischen Schauspielerin Streisand, bei der eben so ein Versuch gehörig daneben gegangen ist."

"Das hilft mir jetzt aber erst mal nicht weiter, oder?"

"Nicht direkt, aber man kann das ja im Gegenschreiben mit erwähnen. Manche Auftraggeber lassen dann die Sache auf sich beruhen und warten ab, bis sich die Sache beruhigt hat. Wie sicher sind denn die Informationen, welche sie besitzen?"

"Die Originale sind gut bei jemanden verwahrt. Natürlich nicht bei mir zu Hause."

"Haben sie Angst vor einem Einbruch? Sie haben wohl zu viele Krimis geschaut! Aber so meinte ich das nicht. Ich meinte, wie sicher ist es, dass die Informationen stimmen, also echt sind?"

"Die sind von einem gut versteckt gewesenen USB-Stick und stammen direkt von meinem Mann, welcher damals bei dieser Firma gearbeitet hatte. Es hat aber früher schon mal jemand versucht, den Stick zu finden, und ist bei mir eingebrochen. Hätte man bei gefälschten Dateien eher nicht gemacht, oder?"

Er pfiff durch die Zähne. "Aha. Also offenbar doch brisante Informationen. Wurde der Einbrecher gefasst? Hat er gestanden?"

"Er steht nicht mehr, liegt auf irgend einem Friedhof."

"Oh."

"Ich war es nicht! Unfall auf der Flucht vor der Polizei. Er war dumm! Dreist, aber dumm! Ich habe von der Sache sogar noch eine Narbe. Wollen sie mal sehen?" Ich lupfte mein Kleid, und zeigte ihm die Narbe an der Hüfte. Er bekam große Augen, erst ein mal sicher wegen der Einblicke, und dann wegen der Erkenntnis, dass ich mich offenbar einem Einbrecher in den Weg gestellt hatte. Sein Gesicht nahm eine leichte Rotfärbung an. Auch Ellen bemerkte es, und schmunzelte kurz, nur für mich vernehmbar. Ich erzählte ihm also erst ein mal länger von der Sache, auch über die detaillierten Hintergründe und über die Gedanken, welche ich mir dazu im Laufe der Zeit gemacht hatte. Es nahm wohl alles deutlich mehr Zeit in Anspruch, als er eingeplant hatte, denn am Schluss schaute er doch zwei mal auf seine Uhr.

Dann sagte er entschuldigend: "Ich habe leider gleich noch einen Termin. Wir sollten das später noch genauer erörtern. Um weiteren Schaden zu verhindern, sollten sie erst ein mal wie gefordert die Sachen aus dem Netz nehmen. Schreiben sie in ihrer Webseite eine kurze Entschuldigung und Erklärung, so in der Art dass erst ein mal rechtliche Sachen zu klären sind. Ich setze später noch eine modifizierte Unterlassungserklärung auf. Die schauen sie sich noch an, bevor ich sie losschicke, am besten heute noch. Geht das für sie?"

"Klar, kann ich einrichten. Wann denn so?"

"Hm, so gegen 18 Uhr hier?"

"Geht klar!" Er verabschiedete sich hastig von Ellen und mir, und ging aus dem Raum.

Auch Ellen stand auf. "Komme gleich wieder!" Zwei Minuten später kam sie mit zwei Becherchen eines Desserts wieder. "Du brauchst mal was zur Aufmunterung", sagte sie.

"Oh Gott, wenn ich an die Kalorien denke!"

Es gab ein Ellen-typisches Lächeln. "Beim Essen rechnet niemand, denn es soll schmecken! Du brauchst das jetzt!"

"Na gut." Ich nahm mir eines der Desserts und fing an, den Inhalt zu vernichten. "Hat er nicht sehr entspannt locker drüber hinweg gesehen?", fragte ich Ellen.

"Wer, Andre?" Ich nickte. ""Du meinst, als du dein Kleid gehoben hast? Nicht ganz, das hat ihn zumindest kurz verunsichert. Du solltest es trotzdem lassen. Du brauchst ihn als Rechtsberatung, nicht als Liebhaber. Das könnte sonst seine Arbeit beeinträchtigen, und das willst du sicher nicht. Und du kannst mir glauben, im Gerichtssaal ist er ganz anders. Ein Terrier."

"Du hast ja Recht", sagte ich schmatzend. Für mein Becherchen brauchte ich nur halb so lange wie Ellen. Es war also wirklich nötig gewesen. Ich verabschiedete mich von ihr und ging, was auch dringend nötig war, in meinen Laden, bis es Zeit war, zur Kanzlei zu kommen.

-----------------------------------------------------------

Teil 5

Es wird ernst

Wegen meiner langen Abwesenheit war echt viel zu tun gewesen und ich hatte keine Pause machen können. Als ich dort ankam, war ich mit Andre alleine. Von Ellen wusste ich, dass sie früher Feierabend gemacht hatte. Er begrüßte mich, ganz cool zwar, aber trotzdem leicht distanziert. Hatte Ellen ihn vor mir gewarnt? Jetzt, da wir mehr Zeit hatten, schauten wir die Daten an, welche ich mitgebracht hatte. Vom Stick hatte ich mir natürlich Kopien gemacht, eine lag bei Peter, dem Polizei-Archivar, mit dem ich mich bis vor kurzem unregelmäßig für Schäferstündchen getroffen hatte. Er hatte den Auftrag bekommen, damit zur Polizei zu gehen, wenn ich mich nicht regelmäßig alle zwei Wochen melde. Das Original hatte Nico, einer meiner Nachbarn, gut verwahrt. Auch seine Frau Bettina wusste davon. Aber auch die beiden kannten nicht alle Teile der Geschichte, genau so wie Peter.

"Kann ich die Sachen kopieren?", fragte Andre.

"Klar, nur zu." Es dauerte nur zwanzig Sekunden. "Am besten hören sie sich erst mal die Audiodatei an." Er startete diese und hörte sich diese bis zum Ende an. Dann noch mal von vorne.

"Wer hat das denn angefertigt? Das ist ein heimlicher Mittschnitt, oder?"

"Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass es Uwe war, mein verstorbener Mann. Man hört seine Stimme am lautesten."

"Das ist der Skeptiker von denen in der Runde, ja? Kennen sie sonst noch jemand von denen?"

"Der eine, der das Sagen hat, dieser Piere, das ist sein Chef. War sein Chef. Bis ich von der Sache erfuhr, war ich sogar mit ihm befreundet. Eine Zeitlang sogar ein bisschen mehr als nur befreundet. Dann noch diese Regina. Ein anderer von denen war mit bei der Beerdigung. Sein Name ist mir aber entfallen. Aber die anderen kenne ich erst mal nicht."

"Haben sie da noch Kontakte?"

"Ja, einen meiner Freunde. Jetzt ist er Ellens Freund. Der war aber nicht im Vorstand."

"Vielleicht sollten sie ihm das mal vorspielen. Das Anfertigen war zwar illegal, aber wenn man es schafft, Zeugen aufzutreiben welche das bestätigen, würde es helfen. Was haben sie noch?"

"Die Selfie-Filme, die mein Mann angefertigt hatte. Davon ist aber nur der erste von Belang, die anderen beiden sind eher privater Natur. Oder muss ich die ihnen auch zeigen?"

Er schaute mich ernst an. "Wäre schon besser, damit ich das alles einordnen kann."

Ich startete also den Film Nr.1, der sich ja auf diese geschäftliche Sache bezog. Dann Film zwei und drei. Er seufzte. "Können sie mir die Sache in Grundzügen erklären?"

Ich erzählte also das nötigste dazu. "Das war also die Freundin des CEO's, oder?"

"Genau die war das!"

"Das klingt ja irgendwie so, als hatte die auch eine eigene Agenda bei der Geschichte gehabt. Oder?"

"Nicht auszuschließen. Sie hat überlebt, erinnert sich aber nur noch an wenige Details."

"Also wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, könnte man annehmen, man hat sie mit einer Erpressung gefügig gemacht. Denn ihr Mann befürchtete ja einen Messerangriff, und zwar von ihr. Also hat er ein Dokument gelesen, oder so etwas ähnliches, was auf ihrem Handy war. Oder?"

"So eine vage Vermutung hatte ich auch schon dazu. Aber ich weiß nichts, sie auch nicht mehr, und mein Mann ist tot."

"Na gut, da kommen wir erst mal nicht weiter. Was haben sie noch?"

"Im dem Ordner sind Dokumente. Geschäftspläne, Analysen, Verträge, und so weiter."

Er schaute sie alle durch, murmelte nur ab und an ein 'aha', oder ein 'WOW'. "Das ist ja schon sehr detailliert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das jemand aus dem Finger gesogen hat. Andererseits ist da nur wenig strafrechtliches dabei. Wenn die das abstreiten, wird es schwer, da eine Durchsuchung durchzubekommen, falls die doch klagen sollten. Da kommt es immer sehr auf den Richter an. Zeugen sind immer gut. Aber jetzt schicken wir erstmal die modifizierte Unterlassungserklärung und warten ab, was die tun." Ich schaute drauf und nickte es ab. "Sie machen dann die anderen Sachen wie besprochen, ja? Noch heute, wenn möglich."

"Ist möglich. Und wieso diese riesige Summe?"

"Das wird bei sowas fast immer unrealistisch hoch angesetzt, um Druck zu erzeugen. Meistens schafft man es, das um ein Mehrfaches herunter zu drücken. Aber das wäre dann immer noch zu viel für sie, oder?"

"Na, auf der Bank liegen hab ich so viel nicht. Das ginge nur mit einer Hypothek, und meine alte ist noch nicht ganz abbezahlt. Schlimmstenfalls müsste ich ein oder zwei meiner Ferienhäuser verkaufen."

"Na, wir schaffen das schon. Hat diese Firma ein Endkundengeschäft?"

"Mattsinvest? Nein. Nur Geschäftskunden und Großkunden."

"Dann werden die eher keinen Umsatzeinbruch dadurch haben. Also die Chancen sind hoch, das sehr weit runter zu drücken." Ich spürte, dass meine Schultern weh taten, stöhnte leise auf. Er schaute mich an. Obwohl er es versuchte zu vermeiden, hatte sein Blick doch einige male kurz meinen Busen gestreift. "Verspannt? Schulter?" Ich nickte. "Darf ich?" Er trat hinter mich und fing an zu massieren. Völlig normal, ohne irgendwohin abzugleiten.

"Andre?"

"Ja?"

"Ich finde sie sehr nett, aber zur Zeit wäre es nicht gut, das weiter zu vertiefen. Trotzdem hat mir ihre Massage ein wenig geholfen. Ich stand heute den ganzen Tag im Laden."

"Was haben sie denn für einen Laden?"

"Wolle. Ein Laden für Wollsachen."

"Ach … etwa Wooly Universe?"

"Ja, kennen sie den?"

"Ich nicht, aber meine Frau. Exfrau."

Ich schaute ihn erstaunt an, nach hinten, da er ja immer noch hinter mir stand. Eine Möglichkeit tat sich auf, aber nicht heute, oder in naher Zukunft. "Ich hoffe, sie überwinden das. Ich muss jetzt los. Vielen Dank, Andre. Sie melden sich, ja?"

"Klar doch."

Ich fuhr nach Hause, entfernte die Inhalte und setzte eine Erklärung rein. Es dauerte nicht lange, da kamen schon die ersten Kommentare.

@suuperMän: war ja klar, die gewinnen immer!

@Zwergenaufstand: nicht mit mit! merde!

@Volstrecker: kann den endlich mal einer durchlalten so ein mist

@CoronaOpfer: Zu spät! Längst kopiert und neu reingesetzt. Sollen die mal versuchen mein Bürgergeld zu pfänden!

@Rot3Flora: Halte durch, Sonja. Wir bei dir!

@MachtNix: Gibbet schon ne Spendenkampagne?

@Matze35: Daten sind schon gespiegelt und raus. Die finden mich NIE!

@Linke5ecke: der SHITSTORM WIRd euch vernichten!

DasImperiumStrikeBack: DDoS Jetzt!

KarlMarxxen: Zerschlagt die Geldmafia! AUF DIE INTERNATIONALE!

… und so ähnlich.

Na gut, wenn andere das veröffentlichte Material nutzen, dagegen konnte ich nichts machen. Ich hatte mich wieder ein wenig beruhigt. Die nächsten zwei Wochen kümmerte ich mich erst ein mal um meinen Laden. Dann kam ein Anruf rein. Ich nahm an.

"Ja?"

"Frau Neuhaus? Kanzlei Thiele, Andre Schünke. Können sie denn heute noch mal vorbeikommen? Es gibt Neuigkeiten."

"Klar, bis wann sind sie denn da?"

"Siebzehn Uhr. Geht das? Dann können wir ja alles durchsprechen."

"Klar, ich komme vorbei." Ich legte auf. Seine Wortwahl war nüchtern gewesen, aber irgendwas in seiner Stimme mahnte mich zur Vorsicht, nein, zur Aufregung. Sie hatte ein wenig anders geklungen als beim Interview letztens. Trotzdem verdrängte ich es nach kurzer Zeit und widmete mich weiter meiner Arbeit. Aber als ich zur Kanzlei fuhr, stieg meine Aufregung. Ich ging ins Gebäude und fuhr mit dem Fahrstuhl zu den Räumen der Kanzlei hoch. Andre stand von seinem Stuhl hoch und kam auf mich zu. Herr Thiel, den ich ja auch kannte, nickte mir nur kurz zu.

"Frau Neuhaus! Kommen sie, wir gehen in diesen Raum. Bitte nehmen sie Platz."

"Was gibt's denn schönes?"

"Leider nichts Schönes. Die Gegenseite hat sich gemeldet. Sie haben Klage eingereicht. Auf Schadensersatz und Unterlassung wegen Verleumdung und Verbreitung unwahrer Behauptungen. Die genauen Paragrafen erspare ich ihnen jetzt mal." Ich bekam einen Schreck. Sogar einen Riesen-Schreck. "Ich habe in den letzten Tagen mehrfach mit der Gegenseite telefoniert. Aber die wollten sich auf keinen Handel einlassen. Angeblich bestünden die Geschäftseinbußen weiter."

"Aber ich habe die Vorwürfe und Dateien doch vom Netz gekommen!"

"Ja, schon, das habe ich auch gesehen, aber andere Leute haben Shitstorms gestartet und die Dateien wurden ja heruntergeladen und weiterverbreitet."

"Dafür kann man mich doch aber nicht verantwortlich machen!"

"Mittelbar schon."

"Und was können wir jetzt machen?"

"Das dauert jetzt erst ein mal eine Weile. Das Gericht prüft erst mal, ob das Klageverfahren überhaupt eröffnet wird, und es dann gibt ein schriftliches Vorverfahren, bei dem beide Seiten ihre Argumente darlegen müssen. Vorher gibt es manchmal noch einen Einigungsversuch, den das Gericht anordnet. Und dann kann es sein, dass es einen Verhandlungstermin gibt, wenn das Klageverfahren doch starten sollte. Das dauert seine Zeit. Die Gegenseite kann die Klage ja auch zurückziehen."

"Und wie wären da unsere Chancen?"

"Das ist schwer zu beurteilen. Es kommt auf die Beweise an. Wie schlüssig die sind, und wie die auf das Gericht wirken."

"Haben sie sich die mal in Ruhe angeschaut?"

"Aber ja. Es ist schon überzeugend, aber die Gegenseite wird versuchen, das als Spinnerei, Lüge und Fälschung abzutun."

"Na dann sollten wir die Beweise doch besser untermauern, oder?"

Er schaute mich erstaunt an. "Wie soll das denn gehen?"

"Ich lass mir was einfallen."

"Okay …" Das kam sehr zweifelnd und langgezogen. "Ich werde erst ein mal Stellung nehmen und eine Klageerwiderung erarbeiten."

"Na dann, viel Erfolg." Ich erhob mich.

"Kopf hoch, Frau Neuhaus. Wir bekommen das schon hin."

Ich hob den Daumen. "Schönen Feierabend." Ich fuhr nach Hause. Mein Kopf war voll. Gedanken kreisten. Es war wie damals bei und nach Uwes Verschwinden. Existenzängste. Aber so leicht würde ich mich nicht kleinkriegen lassen! Nicht von diesen Schweinen!

-----------------------------------------------------------

Teil 6

Unter Observation

Einen Tag später, beim Zubereiten des Abendessens, fiel mir auf einmal etwas auf. Stand dieser Wagen nicht gestern schon an derselben Stelle? Und vorgestern auch? Merkwürdig. Ich fing an, weiter zu beobachten, und fand heraus, dass es sogar zwei Wagen waren. Es saß, was merkwürdig war, die ganze Zeit jemand dort drin. Ab und an kam ein anderes Auto vorgefahren und dann wechselten sie sich ab. Da wurde mir schlagartig klar: Die beobachteten mich! Aber warum? Ich hatte doch nichts angestellt! Oder war das gar nicht die Polizei? Piere? Eher unwahrscheinlich. Der kannte mich und meine Methoden und wusste genau, dass ich mich nicht von meinem Weg abbringen lassen würde. Wer sonst? Etwa dieser ominöse Großaktionär? Dann war das der Hintermann von der Kakaobohnensache! Was erhofften die oder der sich davon? Wollten die mich tatsächlich observieren? Oder ging es darum, mich einzuschüchtern? Dann waren sie bei mir damit aber an der falschen Adresse! Ich packte einige Nahrungsmittel, eine Thermoskanne mit Kaffee und einen kleinen Teller mit einem Kuchenstück, in das ich eine Kuchengabel gesteckt hatte, in einen Weidekorb und wollte damit hingehen. Dann überlegte ich aber: Das reichte so nicht.

Vorher ging ich daher in mein Schlafzimmer und zog mich um. Der Rock war wirklich sehr kurz und die Bluse als Oberteil gewährte tiefe Einblicke, welche einer Kellnerin beim Oktoberfest zur Ehre gereichen würden. Ich schnappte mir dann den Korb und ging mit Hüftschwung dorthin. Der Typ beachtete mich aber gar nicht. Observierte der jemand anders? Als ich in Höhe der Beifahrertür war, sah ich auch, warum. Der Typ hatte ein Handy in der Hand und schaute darauf. Genau genommen war der darauf zu sehende Film für ihn sehr interessant. Es war ein Sexfilm. Zum Glück für mich hatte er seinen Lümmel nicht herausgeholt. Ich feixte mir einen und klopfte an die Scheibe. Der Typ erschrak sich und ließ sein Handy fallen. Ich machte ihm das Zeichen, die Fensterscheibe herunterzukurbeln. Das machte er dann auch, aber natürlich elektrisch. "Hi", sagte ich. "Ich dachte, ich kümmere mich ein wenig um ihr leibliches Wohl. Nehmen sie?"

Mit diesen Worten gab ich ihm den Kuchenteller, und der Typ bekam Stielaugen, erst mal sicher wegen der Sache an sich und dann auch wegen des Busenanblicks. Völlig verschüchtert nahm er mir den Teller ab. Ich hatte den Weidenkorb neben mich gestellt und fischte auch die anderen Sachen daraus hervor. Dabei beugte ich mich so tief herunter, dass er auch dort einen guten Anblick bekam. Der Typ wurde rot und brachte kein Wort heraus. "Ich hole den Teller nachher ab, sonst stellen sie einfach alles dort in den Korb und auf der Treppe ab." Ich zeigte auf mein Haus, für den Fall, dass er doch jemand anderen observierte, was ich nicht glaubte. Dann ging ich mit Hüftschwung wieder zurück, und stellte den Weidenkorb auf die Treppe. Noch ein aufmunterndes Lächeln, dann ging ich wieder ins Haus. Der Typ, den ich weiter beobachte, saß eine Weile ganz starr in seinem Wagen, dann aß er den Kuchen, und trank von dem Kaffee, dann erst suchte er sein Handy und schien auf dem etwas zu tippen. Dann schnappte er sich die Sachen von mir, kam einige Zeit später zum Haus, stellte Teller und Thermoskanne ab, und ging wieder zurück. Dann fuhr er weg.

Ich traute der Sache noch nicht. Ich ging hoch ins Schlafzimmer und spähte hinaus. Kurze Zeit später kam Wagen Nr. 2 und stellte sich hin, nun aber viel weiter entfernt. Ich schaute unauffällig durch die Gardine mit dem Fernglas. Es war tatsächlich wieder ein Auto, in dem der Fahrer sitzenblieb. Auch in den nächsten Tagen war es so. Weiterhin tauchten diese Autos auf, Tag für Tag. Ich fragte mich, was das bringen soll. Wenn ich zur S-Bahn-Station ging, um zu meinem Laden zu fahren, stieg der aus und folgte mir mit einigem Abstand, und sprintete näher an mich heran, wenn ich dort zur S-Bahn Station hochging. In der S-Bahn bemerkte ich zunächst nichts. Der Typ, dem ich die Sachen gegeben hatte, tauchte nicht wieder auf. Wurde auch mein Laden beobachtet? Möglichkeiten gab es genug. Wohnungen mit Fenstern lagen zu allen Seiten des Ladens in den oberen Stockwerken.

In den nächsten Tagen gab ich mir beim Fahren mit der S-Bahn mehr Mühe. Und tatsächlich bemerkte ich, dass die Typen auch in die Bahn mit einstiegen. Aber sie hielten sich immer auf Abstand, fast immer in den Wagen davor oder danach. Es waren insgesamt drei verschiedene Typen. Und auf dem Weg zum Laden folgten sie mir immer mit genügend Abstand. Auch beim Rückweg war der jeweilige Typ dann irgendwann wieder da. Ich beschloss, ihn auszutricksen. Am Folgetag nahm ich einige Sachen mit, die ich beim späten Feierabend, als ich völlig untypisch als Letzte den Laden verließ, gleich innen hinter dem Eingang des Ladens deponierte. Am anderen Morgen war ich die Erste im Laden. Ich setzte mir hastig meine Perücke auf und zog schnell einen anderen Mantel an, das hatte keine zehn Sekunden gedauert, und trat, ohne zuzuschließen, wieder aus dem Laden. Wo war er? Da! Andere Seite, weiter weg, auf dem Weg zur Nebenstraße. Ich ging ihm nach, verstellte dabei meinen Gang, tat so, als würde ich auf mein Handy schauen, was ich beim Gehen sonst nie mache. Er blickte sich um, ging um eine Ecke. Ich zögerte. Dann ging ich ihm doch hinterher. Blick links, Blick rechts. Keiner mehr da. Mist!

Ich ging also wieder zurück in den Laden, und grübelte darüber nach. Dann sprach ich später Sanne an. "Du Sanne, hör mal. Kannst du mir mal einen nicht beruflichen Gefallen tun?"

"Mal sehen. Worum geht es denn?" Ich wusste, Sanne war vorsichtig. Sie hatte früher mal einen Freund, der sie in kriminelle Aktivitäten mit hineingezogen hatte, zwar Kleinkriminalität, aber trotzdem.

"Mich verfolgt jemand seit ein paar Tagen. Wenn ich in den Laden gehe, verschwindet er immer hier irgendwo in der Häuserzeile, aber ich kriege nicht heraus, wohin genau."

Sanne sah mich erstaunt an. Eindringlich. Dann ängstlich. Ihre Stirn bildete Falten. "Hast du was angestellt?", fragte sie.

Ich zögerte. Was konnte ich ihr sagen? "Nichts, was strafrechtlich von Bedeutung wäre. Aber ich habe mich mit jemandem angelegt. Mit Uwes ehemaliger Firma. Die haben da was durchgeführt, was man durchaus als abscheulich bezeichnen kann."

"Ach, meinst du diese Kakaobohnensache?"

"Ja, genau die. Und nun lassen die mich observieren."

"Das ist keine Observation! Die wollen dich unter Druck setzen! Geh zur Polizei! Das ist doch Stalking!"

"Das wäre nicht klug. Ich will … es gibt da einen Hintermann, denke ich. Und ich will wissen, wer das ist. Ich muss es hinbekommen, dass ich mehr weiß. Dass ich den Verfolger enttarnt habe, sollen die nicht wissen. Daher muss es so laufen. Ich weiß noch nicht, wozu das gut ist, aber …"

"Schon gut. Aber denke dran, was dir letztens passiert ist! Sei bloß vorsichtig! Mit solchen Typen ist nicht zu spaßen!"

Stimmt, das wusste Sanne aus eigenem Erleben. Ihr Freund wurde damals niedergeprügelt. Als er wieder auf dem Damm war, hatte sie sich getrennt. "Wenn sie das wollten, wäre ich längst tot. Aber ich will Material sammeln und sicher hinterlegen. Als Vorsichtsmaßnahme."

"Das klingt gut. Was soll ich tun?"

"Wenn ich morgen um genau neun fünfzig in den Laden gehe, stehst du da hinter der Ecke, möglichst getarnt, und schaust, wo der Typ hineingeht, der hinter mir geht. Und sei auch vorsichtig."

Sanne lachte. "Ich kenne mich bei sowas auch aus. Ich helfe dir."

"Danke Sanne."

Am anderen Tag war ich auf das Ergebnis gespannt. Ich gab Sanne noch per SMS sein aktuelles Outfit durch, der heutige Typ hatte eine rötliche Jacke an, und ging selbst in den Laden. Etwa zehn Minuten später, ich machte mir schon Sorgen, kam Sanne in den Laden. Sie sah zufrieden aus. "Er geht in den Durchgang, dann von dort in die kleine Gaststätte bei uns schräg gegenüber rein. Da sitzt er jetzt und wartet."

"Sanne! Bist du ihm etwa gefolgt?" Ein kleiner Vorwurf war in meiner Stimme, aber irgendwie war ich ihr doch dankbar.

"Keine Angst, er hat mich nicht bemerkt. Hab ja Leisetreter." Sie zeigte auf ihre Sneaker. Wie immer hatte sie sehr modisch aussehende Exemplare mit weicher Sohle.

"Danke Sanne."

"Da ist noch mehr!" Sanne hielt mir ihr Handy hin. Sie hatte so ein richtig gutes Handy mit mehreren Kameraaugen und hatte mehrere Fotos mit Tele von ihm gemacht. Wahnsinn! "Ich schicke sie dir."

"Bist ein Schatz", sagte ich zu Sanne, und küsste sie auf die Stirn, was Sanne ganz verlegen machte. "Wenn du mal Hilfe bei so was brauchst, bin ich auch für dich da", sagte ich.

"Weiß ich doch!", sagte Sanne, und dann machten wir uns beide an die Arbeit. Auch in den Folgetagen folgte Sanne diesen Typen, und schaute, was sie dort machen. Alle gingen immer in diese Gaststätte. Ich schickte dann Vanessa mehrmals zu Mittag zum Essen in die Gaststätte rein, um sie beobachten zu lassen, was die Typen machen. Auch sie und Marina hatte ich natürlich in die Hintergründe eingeweiht. Zwei von den drei Typen daddelten während ihrer Wartezeit immer mit dem Handy, einer las in einem Buch. Sie saßen immer so, dass sie die Tür meines Ladens im Blick behielten. Und wenn ich vorhatte, Feierabend zu machen, schickte ich meine Mitarbeiterin Marina dorthin, sie war ja immer nachmittags da. Sie sollte dort einen Kaffee trinken, den ich ihr ausgab. Sie sollte immer nur beobachten, was passiert. Marina berichtete, wenn ich dort herauskam, warteten sie immer, bis ich um die Ecke war, dann verließen sie den Laden. Sie mussten also einen Deal mit der Inhaberin haben, so einen in der Art, dass sie später bezahlen. Ich überlegte schon, die Inhaberin zu interviewen, aber die würde denen vielleicht verraten, dass ich die Observation bemerkt hatte. Ich verschob das auf später.

Dann legte ich ein Dossier an, verschlüsselte es, und versendete es an Peter. Als Passwort gab ich an: 'Unsere erste Sinfonie', und Peter würde wissen, dass damit Tschaikowski4 gemeint ist. Außer unseren früheren gelegentlichen Treffen im Hotel gab es keine Verbindung von ihm zu mir. Außerdem gab ich an: 'Mindestens einmal alle zwei Wochen kommt eine SMS, sonst deinen Arbeitgeber (Jens Mehnert) informieren'. Wenn ich überfällig wäre, würde er die Daten benutzen. Auf Peter war Verlass!

Als Nächstes rief ich Jens Mehnert an, meinen gelegentlichen Liebhaber vom Hamburger Kriminaldauerdienst.

"KDD Hamburg, Mehnert."

"Superkundin Sandra Neuhaus. Ich brauche mal einen Rat."

"Beruflich?"

"Eher privat."

"Wann und wo?"

"Schlag was vor!"

"Um halb sieben bei mir?"

Ich lachte. "So was hatte ich mir schon gedacht. Ich komme!" Dann legte ich auf. Nun müsste ich versuchen, meine Verfolger abzuschütteln.

-----------------------------------------------------------

Teil 7

Die Gegenspionage

Es wäre wohl gut, wenn sie nicht mitbekämen, dass ich mit einem Beamten der Kripo lose befreundet bin. Erst einmal wollte ich Jens da nicht mit hineinziehen, und außerdem wäre es besser, meine Trümpfe nicht offenzulegen. Ich holte mir noch mal Uwes damaligen heimlichen Weg über die Nachbargrundstücke zu meinem Haus in meine Erinnerung. Ich müsste hinten über den Zaun, dann ein Stück Urwald nahe der Alster und zwei weitere Zäune queren, und dann vorne über den Zaun des reichen Nachbarn steigen. Ja, so würde ich es versuchen. Das ginge allerdings nur mit nicht so sexy aussehenden Klamotten. Sei's drum! Ich legte Andrea noch einen Zettel hin, ging hinten raus, (man konnte das von vorne ja nicht sehen), stieg umständlich über meinen Zaun, dann über den anderen. Der nächste Zaun bot schon mehr Schwierigkeiten. Es war ein schlichter Maschendrahtzaun, der nachgab, wenn man darübersteigen wollte. Ich musste eine Weile suchen, ehe ich eine Stelle nahe einem Baumstamm entdeckte. Von hier aus müsste es auch auf dem Rückweg gehen.

Und dann ging ich zum Vorderteil des Grundstücks des vermögenden Nachbarn. Auch hier wollte ich über den zum Glück festen, aber hohen Zaun, da vernahm ich ein Räuspern. Es war der reiche Nachbar, den ich lose kannte. Ich legte meinen Finger auf die Lippen, zum Zeichen, dass ich was Heimliches mache und er doch bitte leise sein soll, und er hob den Daumen und zeigte auf das Tor für Fußgänger. Ich dankte mit einem Nicken und schlüpfte durch. Demnächst müsste ich mich bei ihm irgendwie erklären und bedanken. Ich atmete auf. Ich war auf der Straße und meine Verfolger waren nicht in Sicht. Idealerweise hatten sie mein Fortgehen also nicht bemerkt. Ich fuhr zu Jens, klingelte, nach zwei Sekunden quäkte der Drücker. Er musste darauf schon gewartet haben. Ich ging hoch zu ihm. Ich war überrascht, denn er hatte was gekocht. Bisher wusste ich gar nicht, dass er das kann. Es war ein indisches Fleischgericht mit Hühnchen und Reis. Wir setzten uns an den mit Kerzen verschönerten Tisch. "Heute die Romantiknummer?", fragte ich.

Jens lächelte. "Ich bin mir sicher, darauf stehst du. Egal ob mit oder ohne Sonderdessert."

"Gut geraten", sagte ich, und ließ offen, ob es das Sonderdessert geben würde. Wir hauten rein und sprachen erst einmal außer dem Lob über das Essen nichts weiter miteinander, belauerten uns, so wie auch sonst in den Gaststätten, wo wir uns schon einige Male verabredet hatten.

"Du bist fast so ein guter Koch wie Piere", sagte ich dann, und wischte mir mit der Serviette den Mund sauber.

"Wie läuft es denn mit ihm?", fragte Jens zurück.

Ich seufzte. "Der Haussegen hängt nachhaltig schief. Außerdem hat er ja seine Tusnelda wieder."

"Aha", sagte Jens nur, und schaute interessiert drein. "Ist das der Grund deines Hierseins?"

"Untervögelung ist es jedenfalls nicht, aber es hat etwas mit der Haussegensache zu tun", antwortete ich.

Jens prustete los. "Immer direkt. Dann schieß mal los …!"

"Jemand lässt mich observieren."

"Aha. Was hast du denn wieder angestellt?"

Ich überging das 'wieder'. "Ich habe Leuten, die Menschen ausbeuten, ein wenig auf den Schlips getreten. Strafrechtlich wird es schwierig, denen was nachzuweisen. Trotzdem konnte ich das nicht so stehen lassen. Und Piere von Mattsinvest scheint irgendwas damit zu tun zu haben."

"Oha. Geht's um viel Geld?"

"Vermutlich."

"Und nun willst du wissen, was du tun kannst?"

"So ungefähr."

"Na ja … du könntest eine Anzeige wegen Stalking machen. Ist es verdeckt?"

"Einen hab ich mal erwischt. Jetzt stehen sie mit ihren Autos immer viel weiter weg. Der jeweilige Fahrer steigt aus und folgt mir, wenn ich weggehe."

"Ach … steht der jetzt vor der Tür bei mir?"

"Nee. Hab sie ausgetrickst. Also ich glaube, die wissen wohl nicht, dass ich die Verfolger entdeckt habe. Was rätst du mir?"

"Ich würde sie erstmal in dem Glauben lassen, dass du keinen entdeckt hast. In der Zwischenzeit könntest du versuchen, etwas über die Hintergründe herauszubekommen. Das mit den Autos hört sich ja eher nach einer größeren Firma an. Du solltest herauskriegen, wer der Auftraggeber ist. Ich kann dir da leider nicht helfen, wenn du nichts Strafrechtlich Relevantes hast. Und du solltest ein paar Fotos von den Typen machen."

"Hab ich schon." Jens schaute mich mit großen Augen an. Ich zeigte ihm die Fotos. "Hast du noch ein Dessert?", fragte ich.

"Mich?", fragte Jens.

"Träum weiter!" Jens stand auf und holte zwei Schälchen mit Schokomousse aus der Küche, verfeinert mit Pistazien und einer Vanillecreme. "Danke, Jens." Wir machten uns über das Dessert her. Dabei schmachtete ich Jens ein wenig an. Er mich auch. Wir waren fertig. Irgendwas musste noch passieren. "Hast du 'ne Idee, wie du der untervögelten Sandra helfen kannst?", fragte ich.

Er grinste. "Weiß nicht. Vögeln?"

"Klingt gut", sagte ich. Ein paar Stunden später und befriedigt gelangte ich auf dem umgekehrten Weg wieder ungesehen in mein Haus. Das war ja im Schutz der Dunkelheit sogar einfacher. Der Weg allerdings nicht. Einige Male hatte ich ganz schön geflucht. Den Nachbarn hatte ich anschließend aus dem Telefonbuch herausgesucht, zu einem Kaffeeklatsch zu mir eingeladen, und ihm alles erklärt – zumindest den Grund für das Versteckspiel, aber nicht die Hintergründe. Er würde vielleicht denken, dass das Schuldeneintreiber sind, aber das war mir egal. Jedenfalls hatte er nichts dagegen, ich sollte nur nichts kaputtmachen in seinem schönen Park. Ich musste schmunzeln, denn unter Park hatte ich mir immer etwas anderes vorgestellt als diesen Urwald, aber mein Nachbar war immerhin 85 und konnte das mit der Gartenarbeit wohl nicht mehr. Jedenfalls hatte ich nun einen Weg, der funktionierte, den ich aber nicht allzu oft in Anspruch nehmen sollte.

Ich überlegte, wie ich weiter vorgehen könnte, und besorgte mir dann so einen Tracker. Dann borgte ich mir den Hund von Nicos Vater aus, der zwei Häuser weiter wohnte, und ging, getarnt mit einer Perücke, zusammen mit dem Hund, der Mustafa hieß, Gassi. Der horchte aufs Wort, und als ich in Höhe des Autos 'sağ' sagte, was auf Türkisch 'rechts' hieß, näherte er sich dem rechten Hinterreifen. Verdeckt durch meinen Körper, pappte ich den Tracker in den hinteren Kotflügel von unten rein. Der Typ im Auto schaute zwar, ahnte aber nichts. Er war blond und somit verstand er sicher kein Türkisch. Nach meiner Runde gab ich den Hund ab und ging wieder in mein Haus zurück.

Wie erwartet lösten sich meine Beobachter wieder ab. Ich verfolgte den Weg des Autos mehrere Tage lang. Es fuhr in dieser Zeit verschiedene Ziele an, aber zwei Gemeinsamkeiten gab es. Eine, das war mein Haus, die andere eine Location in Winterhude. Das Hauptquartier? Ich stahl mich wieder davon, nahm mir einen Leihwagen, und fuhr dahin. Dreimal musste ich kreisen, bevor ein günstig gelegener Parkplatz frei wurde. Ich stieg aus und schaute mich um. Hier war ein gemischtes Quartier. Wohnungen, aber auch Kleingewerbe. Vor allem Läden im Erdgeschoss mit kleinen Geschäften, Studios, und so weiter. Ich war verunsichert. Was sollte hier sein? Kamen die Typen von einer Wohnung? Ich machte die Runde erneut. Da fiel mir ein kleines Schildchen auf. 'No Secret' stand da drauf. Komischer Name, dachte ich. Dann machte es Peng! Da residierte: 'No Secret'. Übersetzt: Kein Geheimnis! Die spionierten also! Bingo! Das war es!

Dort legte ich mich also auf die Lauer. Ich musste nicht lange warten. Ein Auto kam vorgefahren und ein Typ stieg aus. Es war der von letztens, der, den ich mit Essen und Trinken versorgt hatte. Ich war schon kurz davor, auszusteigen und ihn anzugiften, hielt mich aber dann doch zurück. Ich würde jetzt zurückspionieren. Der Typ fuhr später noch mal weg und kam dann wieder, und nach kurzem Aufenthalt stieg er in einen anderen Wagen. Es war mittlerweile später Nachmittag. War das sein Privatwagen? Er fuhr los und ich folgte ihm. Es ging nur wenige Straßen weiter, vielleicht fünf Minuten, da hielt er, und parkte sein Auto vor einem dieser Wohnsilos.

Er stieg aus, und ging hinein. Ich beschloss zu warten. Etwa eine halbe Stunde später sah ich ihn an einem Fenster im dritten Stock. Ich schaute mir die Klingelschilder an. Wenn sie richtig sortiert waren, hieß der Typ K. Bayrak. Was sollte ich tun? Mir fiel nichts ein. Ich seufzte. Das hieß wohl warten. Aber es war gar nicht so lange, dann ging der Typ wieder weg. Im Haus war reges Treiben. Ich wartete einfach, bis jemand herauskam, und ging rein. Ich hatte mich nicht getäuscht. Dritter Stock rechts war das passende Klingelschild. 4 Wohneinheiten pro Etage. Die Wohnungen mussten ziemlich klein sein. Ich klingelte. Keiner öffnete. Wieder klingeln. Da wurde auf einmal nebenan die Tür geöffnet und eine ungepflegt aussehende, dicke Frau, vermutlich türkischer Herkunft, öffnete. "Zu wem wollen sie? Ich glaube, der Kaya ist eben weg." Sie sprach recht gut Deutsch, aber mit Akzent.

"Welcher Kaya? Ich wollte zu Gül." Das war einer der türkischen Frauennamen, die mir geläufig waren.

"Wer ist denn Gül?"

"Na Gül Bayrak, seine Frau."

"Seine Frau? Mir hat er gesagt, er hat keine Frau. Hab auch nie eine gesehen hier."

"Mist, dann hat die mich angelogen! Dann bleibe ich wohl auf den Schulden sitzen. Hab ihr Geld geliehen. 50 Euro zwar nur, aber trotzdem."

"Ja, das kommt hier immer wieder vor. Aber Kaya nicht, der ist ehrlich."

"Na dann, bis die Tage." Ich versuchte, ein unglückliches Gesicht zu ziehen, und trollte mich. Kaya war also ehrlich. Eine Idee musste her. Ich vertraute auf mein Gespür, auf meine Spontanität. Ich ging ums Haus herum, in die Richtung, in der Kaya verschwunden war, und wartete dort, tat so, als würde ich die ganze Zeit telefonieren, damit es nicht auffällt. Mittlerweile dämmerte es schon langsam, da kam er von da hinten angeschlendert. Ich steckte das Handy weg, schaute ihn an, als er ganz nah war, und sagte: "Ah, der Aufpasser. Ist der Senator heute nicht da?"

Er erschrak sich. "Ww … w welcher Senator?"

"Na mein Nachbar, der Senator. Sie haben den doch beschützt vor ein paar Tagen. Da stehen ja schon seit Wochen die Autos von … das ist ihre Securityfirma, oder? Ich habe sie schon vermisst. Wurden sie abgezogen?"

"Ja, ich hatte … woanders zu tun." Lustig, offenbar glaubte er jetzt meine Legende.

"Das ist immer so langweilig, den ganzen Tag herumzustehen, oder? Da hatte ich Mitleid mit ihnen. Müssen sie jetzt auf einen anderen Senator aufpassen?"

"Ja, den … von der Wirtschaft."

"Na, dann. Heute frei?"

"Jetzt ja. Feierabend."

"Lust auf einen Cocktail?" Ich sah seine Sorgenfalten. "Alkoholfrei natürlich. Ich lade sie ein."

"Gerne. Warum … nicht." Man sah: So ganz geheuer war ihm die Sache nicht. Ich wusste, wo hier eine Bar war. Ein wenig verrucht, wie in dieser Gegend üblich. Jetzt immerhin rauchfrei, wenngleich auch nicht rauschfrei. Wir gingen rein und ich bestellte mir einen Sex on the Beach, den sie hier aber nicht hatten. So wechselte ich zu einem Mojito, er nahm einen Ipanema. Während wir den tranken, ließ ich ihn nur wenig zu Wort kommen. Ich plapperte ihn mit meiner abgewandelten Geschichte voll, darauf achtend, bei ihm den Eindruck zu erwecken, leicht zu haben zu sein. War ja auch irgendwie so, oder? Nach dem zweiten Cocktail machte ich tatsächlich schon einen leicht angeschickerten Eindruck. Er hörte mir zunehmend interessierter zu.

"Sag mal, können wir noch wohin? Ich meine, nur ich und du?"

"Klar, gerne. Wohin denn? Aber meine Wohnung ist ein wenig … unaufgeräumt."

"Singlewohnung, oder?" Er nickte. "In mein Haus können wir leider auch nicht. Da würden uns ja deine Kollegen sehen. Wie wär’s in der Firma? Ich wollte schon immer mal auf so einem Schreibtisch …"

Er schien zu überlegen. "Ja, warum nicht."

"Ich bin schon ein wenig … hicks … betrunken." In Wirklichkeit hielt es sich noch in Grenzen, aber ich wollte ihn nicht misstrauisch machen.

-----------------------------------------------------------

Teil 8

Ausgetrickst!

Ich bezahlte dann, wir gingen zu seinem Auto, er fuhr los. Während der Fahrt lächelte ich ihn mehrmals an. Dann waren wir bei der Firma. Alles dunkel dort drin. Wir gingen hin, er tippte am Display den Code ein, den ich mir merkte, dann zog er so einen Chip aus seiner Hosentasche, den er davorhielt, und wir kamen rein. Ich ging ihm einfach hinterher, und es ging in ein Büro. Offenbar das vom Chef. Ich drängte mich gleich an ihn heran, um so eine Art Vorspiel zu simulieren, und ihn zu erregen. Es funktionierte! Er hatte wohl lange keine Frau gehabt, denn er war schnell im siebten Himmel und bekam kaum noch was mit.

Meine Hand ging in seine Hosentasche und stimulierte ihn dort. Ich dabei fischte seinen Chip heraus. Dann legte ich mich einfach auf den Tisch, fischte aus meiner Handtasche ein Kondom, wobei auch gleich der Chip darin verschwand, und hob meine Beine an. Nach ein wenig Fummelei war er soweit. Zum Glück hatte ich mich untenrum angefeuchtet, denn Kaya ging ohne Vorspiel in mich rein. Ich dagegen machte ein Super-Vorspiel, denn ich spielte ihm etwas vor: Erregung. In Wirklichkeit war es natürlich null. Niente. Mein erstes Mal, dass es so ablief. Es war ja auch nur ein Mittel zum Zweck. Einmal ging das. Ich rutschte dann, als es mir zu lange dauerte, noch runter vom Schreibtisch und ließ mich von hinten nehmen, dann dauerte es auch nicht mehr lange, nach sehr kurzem Stöhnen kam er dann.

Nach kurzer Wartezeit zog ich mir meine Klamotten wieder richtig hin, ausgezogen hatte ich ja noch nicht mal den Slip, und sagte "WOW! Mein erster Bürofick." Kaya warf ein kurzes Lächeln zu mir. Ich glaube, ich hatte ihm eine schöne Erfahrung beschert, und er mir eine Nummer gegeben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kaya verstaute seinen Schniedelwurz, wir gingen raus. Zum Glück brauchte man dazu keinen Chip, sondern Kaya musste nur eine Taste drücken. Wie beiläufig fiel dabei mein Blick noch mal auf das Firmenschild, und ich hatte eine Idee. "Warte mal!" Ich fasste ihn am Arm. "Ich kannte mal einen Pjotr, der hatte auch in so einer Firma gearbeitet. Secret … Secret Detectivs? Kennst du den?"

"Du kennst Pjotr?"

"Ja, den hab ich damals in einer Bar kennengelernt. Damals war ich noch verheiratet. Du kennst ihn also auch?"

"Der hat manchmal Spezialaufträge für uns erledigt. Aber ich hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen."

"Na, egal, der war eh ein wenig schräg. Ich hatte da auf einmal echt Angst vor ihm. Das war mir zu heiß."

"Ja, so war er." Ich frohlockte. Nun wusste ich, dass ich auf der richtigen Spur war, ärgerte mich aber auch, weil ich Angst hatte, dass ich jetzt zu weit gegangen war. Ich befürchtete keinen Angriff, aber es könnte ja sein, dass er dadurch misstrauisch wurde. Wer weiß denn, wie viel er von der Sache wusste? Aber ich hoffte, das gut verwischt zu haben. Immerhin hatte ich ihm den Eindruck vermittelt, dass ich ihn gar nicht näher kannte.

"Fährst du mich noch zu einer Haltestelle? Ich glaube, ich muss mit dem Öffi nach Hause, so angetrunken, wie ich bin."

"Klar doch!"

"Danke. Verdient man eigentlich gut in deinem Job? Manchmal ist das ganz schön langweilig, oder?"

"Ja, wirklich. Immer dieses ereignislose Warten. Aber der Verdienst … es ist nur Mindestlohn. Eigentlich sogar noch weniger."

"Das ist doch Betrug!"

"Na, offiziell ist ja alles in Ordnung. Aber ich wohne ja in einer Wohnung, die dem Chef gehört, und die Miete ist, naja, ein wenig zu hoch."

"Warum suchst du keine preiswertere Wohnung?"

"Geht ja nicht. Ich muss … also ich hab da mal so ein linkes Ding gemacht."

"Ach, du Ärmster. Vielleicht solltest du einfach abhauen. Anderes Land, oder andere Stadt."

"Ja, ich denke darüber nach."

Ich ließ mich noch zur U-Bahn-Haltestelle bei ihm in der Nähe fahren, verabschiedete mich, und drehte wieder um, als er weg war. Mein Leihwagen stand da ja noch. Ich fuhr wieder zu Kayas Firma zurück und hoffte, mein Alkoholspiegel wäre ausreichend niedrig. Aber anders hätte ich die Nummer von dem Typen wohl nicht ertragen können. Ich nutzte den Code für das elektronische Türschloss sowie den Chip und war drin! Zuerst beobachtete ich vorsichtig die Umgebung. Alles war ruhig. Zielstrebig ging ich zum Fenster, betätigte die Jalousien. Mit der Handy-LED als Lichtquelle fing ich mit der Durchsuchung an. Es dauerte nicht lange, denn in einer der Ablagen lagen Abrechnungen und unten ein Auftrag. 'Observation Sandra Neuhaus', stand dort drauf. Ich machte ein Foto vom Auftrag und sah zu, dass ich hier wegkam. Den Chip von ihm warf ich einfach auf den Boden des Flurs. So sah es wie beiläufig aus, wie verloren. Auftraggeber war eine Xanadu Import Export GmbH. Ich war überrascht, dass es nicht Mattsinvest war. Aber welche Person stand dahinter? Wer anderes könnte denn ein Interesse daran haben, meine Schritte zu kennen? So einfach war das nicht herauszukriegen.

Beim Parkplatz der Firma gegenüber stand das Auto, an das ich den Tracker angebracht hatte. Ich checkte erneut, ob die Luft rein war, dann entfernte ich ihn. Wäre wohl besser, wenn man ihn nicht findet. Zu Hause über den Schleichweg angekommen, schaute ich im Handelsregister und im Unternehmensregister nach und erfuhr, dass die auftraggebende Firma im Nahrungsmittelhandel tätig ist. Auch den Firmensitz erfuhr ich. Immerhin etwas. Jetzt brauchte ich einen Plan. Erst einmal müsste ich meine Überwacher abschütteln. Am besten wäre es, sie in dem Glauben zu lassen, dass ich eine Weile nicht da wäre. Aber wie? Ich könnte wegfliegen, und wiederkommen. Hier könnten die mir nicht folgen, in den Sicherheitsbereich dürften die nicht rein. Aber was wäre, wenn die jemanden hätten, der die Fluggastdaten abfragen kann? Nein, das müsste anders gehen. Mit dem Auto wegfahren? Wäre vielleicht möglich, aber könnte ich die wirklich abschütteln? Was, wenn die mein Auto mit einem Tracker versehen haben? Einmal war ich mit dem zwischendurch zum Einkaufen gefahren. Also war auch das kein sicherer Weg. Ich überlegte eine Weile, dann fiel mir etwas ein. Ich bat Andrea, mir nach der Uni was zu besorgen.

Ich packte einen großen Koffer mit einem Haufen Sachen, welche ich für die nächste Zeit benötigen würde. Dann fuhr ich am nächsten Tag in aller Frühe zum Hauptbahnhof. Ich hatte mir den Zug nach Zürich herausgesucht, und von Andrea am Schalter eine Fahrkarte bis Osnabrück kaufen lassen. Die war völlig anonymisiert und somit nicht nachverfolgbar. Wie erwartet folgte mir der Typ. Ich ging noch in einen Laden und erst wenige Minuten, bevor der Zug fahren würde, verließ ich ihn. Völlig ungewöhnlich für die Bahn war der Zug bereits eingefahren, offensichtlich pünktlich. Notfalls hätte ich sonst noch einen anderen Laden aufgesucht. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter. Ich wusste, dass ich hier im falschen Zugteil war, nämlich ganz hinten. Der Typ stieg mit in den Zug ein.

Ich musste zum vorderen Teil des Zuges. Ich kämpfte mich also durch die Wagen durch, und als der Zug Halt in Harburg hatte, stieg ich aus, um zum vorderen Teil des Zuges zu wechseln. Natürlich dackelte der Typ, es war der älteste von den dreien, der, welcher immer im Buch gelesen hatte, mir hinterher. Ich hatte das mit Bedacht so gemacht. Er sollte keine Gelegenheit bekommen, sich noch auf die Schnelle eine Fahrkarte kaufen zu können. Ich wusste, das ginge nur in den ersten zehn Minuten nach Abfahrt. Ich ging noch einen Waggon weiter. Hier war nicht nur mein Platz, sondern auch bereits eine Zugbegleiterin bei der Arbeit, also der Fahrkartenkontrolle. Ich ging an ihr vorbei und sprach diese an. "Sehen Sie den Typ da in der blauen Jacke, der gerade hineingegangen ist? Ich glaube, der hat keine Fahrkarte. Ich habe gehört, wie er sich selber laut gefragt hat, wie er denn zu einer Fahrkarte kommen kann. Und er ist vor ihrem Kollegen im hinteren Zugteil abgehauen."

Ich zeigte ihr meine Fahrkarte und ging zu meinem Platz. Er kam hinterher, versuchte, an der Zugbegleiterin vorbeizukommen. Sie hielt ihn aber auf. Er gestikulierte heftig und zeigte auf den Bereich weiter vorne, dort, wo ich saß. Vermutlich wollte er der Zugbegleiterin weismachen, dass seine Sachen mit dem Ticket weiter vorne sind. Die schüttelte aber heftig den Kopf und zeigte auf den hinteren Zugteil. Er zuckte mit den Schultern. Es folgte eine längere Diskussion mit ihm. Dann parkte sie ihn auf einem freien Platz in meinem Waggon ganz vorne, und machte ihm das Zeichen, sich nicht vom Platz zu bewegen. Dann sprach sie noch mit einigen Mitreisenden, die wohl ein Auge auf ihn haben sollten. Er sah ziemlich zerknirscht aus, wie ein Häufchen Elend. Er zückte sein Handy und rief wo an. Ich vermutete, bei seinem Auftraggeber.

Auch hier gab es eine längere Diskussion. Er schaute immer wieder zu mir. Ich tat so, als sähe ich ihn nicht, las in einem Buch. Dann kam die Einfahrt nach Bremen. Die Zugbegleiterin tauchte ein paar Minuten vorher wieder auf und stellte sich vor ihn, er musste mitkommen. Von meinem Platz aus sah ich, wie jemand von der Bahn, es war wohl die Bahnpolizei, ihn draußen in Empfang nahm und mit ihm über die Bahnsteigtreppe nach unten ging. Darauf hatte ich gewartet. Sonst hätte ich mein Vorhaben erst in Osnabrück gemacht. Aber wer weiß, ob er nicht jemandem meinen Waggon und meinen Platz durchgegeben hatte, der sich dann wieder an mich dranhängen würde.

Ich zog mich blitzschnell an, schnappte mir meinen Koffer, und stieg aus. Dann ging ich ein Stück nach vorn, damit er mich nicht gleich entdeckt, wenn er zurückkommt. Die Rückfahrt hatte Andrea auch gebucht, ohne Zugbindung. Ich musste nicht lange warten. Der Zug in der Gegenrichtung fuhr ein. Ich stieg ein, und achtete sorgsam darauf, dass mir keiner folgte. Eine knappe Stunde später stieg ich in Harburg aus, schlug mich mit insgesamt drei Buslinien und der U-Bahn zu meinem Stammhotel für Schäferstündchen durch, und checkte dort ein. Die Buchung hatte ich schon gestern gemacht. Dieser Teil hatte also schon mal geklappt. Ich hatte meine Verfolger abgeschüttelt. Die würden jetzt also denken, dass ich in der Schweiz Urlaub mache, und zwar für länger, wenn man meinen großen Koffer berücksichtigt.

-----------------------------------------------------------

Teil 9

Blond getarnt

Ich klemmte mich ans Handy und eine Stunde später saß ich im Salon von Samira, die selbst heute aber nicht da war. Ich wusste, dass ihr Arbeitsvertrag noch bis zum Jahresende lief. Einige Stunden später war ich fertig. Jetzt war ich eine Blondine. Sogar meine Augenbrauen hatte ich mir färben lassen. Und ich hatte nun lockige Haare. Als Grund tischte ich ihrer Kollegin eine Lüge auf. Im Einkaufszentrum kaufte ich mir eine Fensterglas-Brille. Außerdem so eine Kontaktlinse, mit der man eine andere Augenfarbe vortäuschen kann. Jetzt waren sie blau. Dazu noch künstliche Wimpern, und solchen auffälligen, billigen Plastik-Modeschmuck, den ich sonst nie nehmen würde. So wirkte ich zehn Jahre jünger, fast wie ein Girlie. Nur wer mich gut kannte, würde mich jetzt erkennen. So bewaffnet fuhr ich zum Firmensitz. Dieser war in einem langgestreckten Betonbau in einem Gewerbegebiet untergebracht. Nun stand ich zwar da, hatte aber keinen Plan. Einfach so hineingehen und fragen würde wohl kaum funktionieren. Die waren ja nicht doof, da würde jemand den Braten riechen. Während ich noch grübelte, es war bereits später Nachmittag, kam dort jemand heraus. Ich erkannte, dass es sich um den Geschäftsführer handelte. Das Bild von dem hatte ich bei der Recherche im Internet gesehen. Es war so ein jungdynamischer Typ mit modischem Kurzhaar-Haarschnitt. Er setzte sich in eine dunkle Limousine und fuhr los. Ich hängte mich einfach an ihn dran, mit etwas Abstand, damit er nicht misstrauisch wird.

Es war schwer, nicht abgeschüttelt zu werden, was nicht an seinem Auto lag, denn er selbst fuhr sinnig. Meine Feinde waren rote Ampeln, rote Ampeln, und rote Ampeln. Und außerdem die anderen, teilweise aggressiv fahrenden Autofahrer. Sie fuhren so, als würde ihr Leben davon abhängen, dass sie ihren Wagen vor meinen setzen müssen. Es ging immer weiter in Richtung Norden, und drei von mir überfahrene rote Ampeln später hielt er vor einem Komplex, den ich kannte: einem Golfclub dicht bei einem renommierten Hotel. Er stieg aus, nahm sein Schlägerset aus dem Auto, wartete aber noch. Einige Minuten später kam ein anderes Auto angerauscht. Auch eine dunkle Limousine, ein Lexus. Eigentlich müsste man ihn Luxus nennen, so viel wusste ich von dieser Automarke. Die beiden begrüßten sich mit Handshake und gingen hinein, nachdem der andere, ein älterer Herr, auch seine Golftasche geschultert hatte. Ich hatte so an die 20, 30 Fotos von beiden gemacht. Was nun? Sollte ich mit rein? Das wäre wohl nicht sinnvoll. Ich konnte kein Golf spielen. Mitglied war ich auch nicht. Und auch hier konnte ich nicht einfach so nach dem Typen fragen.

Ich grübelte und grübelte, aber mir fiel nichts ein. Jedenfalls nichts, was ich nicht nach zwanzig Sekunden wieder verwarf, da die Idee einfach zu bescheuert war. Aber irgendwann, so nach fast drei Stunden, hatte ich einen Geistesblitz. Ich müsste seine Bekanntschaft machen, mich mit ihm verabreden, und zwar so, dass er es mir schuldig wäre. Und ich hatte auch schon einen Plan, wie ich das bewerkstelligen könnte. Als ich ihn kurz danach herauskommen sah, frisch geduscht offenbar, huschte ich aus meinem Wagen heraus, und verbarg mich geduckt hinter einem neben seinem Auto stehenden Auto, so, dass ich nicht zu sehen war. Wie erwartet fuhr er dann rückwärts aus der Parklücke heraus, schlug dabei das Lenkrad ein, um danach zur anderen Seite herausfahren zu können.

Darauf hatte ich gewartet. Ich pirschte mich in der Lücke zwischen dem Nebenauto und dessen benachbartem Auto hindurch und kam genau im richtigen Moment an seinem hinteren Kotflügel an. Ich haute mit der Faust darauf und ließ mich seitlich fallen. Er fuhr los, nach vorne. Mist, das hatte nicht geklappt, offenbar hatte er mich gar nicht wahrgenommen. Das Blech am Auto war auch ganz schön dick, vermutlich hat er das gar nicht gehört. Ich schaute seinem Auto hinterher. Er war schon ein Stück weiter nach vorne gefahren, da sah ich auf einmal doch seine Bremslichter. Dann öffnete er die Tür und hastete zu mir. "Oh Gott, habe ich sie angefahren?"

"Ich glaube ja, aber es ist mir nichts passiert, denke ich." Ich rappelte mich wieder hoch. Tatsächlich hatte ich zwar dreckige Hände bekommen, auch mein Kleid hatte gelitten, aber sonst war nichts.

"Wirklich nichts?"

"Nein, es geht mir gut. Nur der Schreck. Ich wollte zur Bushaltestelle und auf einmal kam ihr Wagen da raus. Ich war ganz in Gedanken."

"Kann ich es irgendwie wieder gutmachen?", fragte er. Yes, jetzt hab ich dich, dachte ich.

"Sie könnten mich mit in die Stadt hineinnehmen. Geht das? Oder bekommen sie sonst Ärger mit ihrer Frau?"

"Klar, kann ich machen. Wo müssen sie denn hin?"

"Zum Brillkamp. Ich wohne da für ein paar Tage bei einer Bekannten, da meine Wohnung einen Wasserschaden hat." Er lotste mich zu seinem Wagen, ich stieg ein, und er fuhr los.

"Wo wohnen sie denn sonst?"

"In Eppendorf. In der Nähe vom UKE. Deshalb habe ich auch kein Auto. Parkplatzsituation."

"Ja, da habe ich auch schon von gehört. Und hierher sind sie mit dem Bus gefahren?"

"Genau, ich habe eine andere Freundin besucht. Die hat es hier viel idyllischer als ich da, mit den Häuserschluchten. Dafür ist man bei mir aber auch schnell an allen innerstädtischen Locations. Hat alles so seine Vor- und Nachteile. Und sie?"

"Ich wohne in Fuhlsbüttel."

"Ach! Sind sie sonst im Knast und haben nur heute Ausgang?"

Er lachte. "Fuhlsbüttel ist schon ein wenig größer als das Gefängnis Santa Fu. Nein, am Ende des Maienwegs wurden neue Häuserblöcke hingebaut, da wohne ich."

"Mit ihrer Frau?"

"Sie sind aber neugierig. Ja, mit meiner Frau. Und meiner Tochter."

"Eine Tochter, aha. Ich habe einen Sohn."

"Und einen Mann?"

"Er lebt leider nicht mehr. Unfall."

"Verstehe. Tut mir leid. Was machen sie denn beruflich?"

"Ich bin Verkäuferin. Für Mode." War ja nicht gelogen, oder? "Und sie?"

Er blickte zu mir hinüber, grinste, und sagte: "Wenn ich nicht im Knast bin, dann bin ich Geschäftsführer."

"Aha, so wie mein Chef. Ich hoffe, sie sind nicht auch so cholerisch."

"Ach, ist er das, ja?" Ich nickte. Da er das aber nicht sehen konnte, bejahte ich das noch. "Nein, ich glaube, ich bin ganz lieb und nett zu meinen Mitarbeitern."

"Wie viele haben sie denn?"

"Sieben Leute, von denen meistens zwei nicht da sind."

"Echt? Warum entlassen sie die denn nicht?"

Er lachte. "Das geht ja reihum. Irgendwann müssen die ja mal Urlaub haben, manchmal ist einer krank, und gelegentlich muss außer mir ja auch jemand anders eine Dienstreise machen." Ein kurzer Seitenblick zu mir. "Wir sind gleich da. Wo soll ich sie denn absetzen?"

"Am Café, da, wo auch das Hotel mit drin ist. Ich glaube, ich muss auf den Schreck von eben erstmal ein Gläschen trinken." Geschickt eingefädelt, oder?

"Prima, was halten Sie davon, wenn ich Sie dazu einlade? Als Wiedergutmachung."

"Klingt gut, da sage ich nicht nein." Er parkte das Auto. Hier im Außenbereich von Hamburg ging es ja noch mit den Parkplätzen, dann gingen wir ins Café rein. Ich nickte Britta zu, der Chefin des Hotels, welche auch die Besitzerin des Cafés ist, und steuerte zielstrebig meinen Stammplatz an. Britta hob fragend eine Augenbraue. Als wir saßen, kam sie an.

"Hi Milla, heute einen neuen Kuchen?" Sie schaute dabei auf meinen Begleiter, der aber nicht mitbekam, dass er damit gemeint war.

"Klar, man muss ja immer variieren, nicht", antwortete ich, und verkniff mir das Grienen, denn mein Begleiter schaute mich gerade an. "Aber wir beide brauchen jetzt erstmal einen Kurzen, ich, weil ich angefahren wurde, und er, weil er mich angefahren hat. Und ich nehme einen Cappuccino."

Britta sah den Schalk in meinen Augen, spielte das Spiel aber mit. "So macht man also heutzutage Dating!"

Er fühlte sich genötigt zu sagen: "Nein, es war Zufall und unbeabsichtigt. Für mich keinen Schnaps. Ich muss ja noch fahren. Aber … für Milla schon. So heißen sie doch, oder?"

"Genau das ist mein Name." Das stimmte natürlich nicht, denn wenn ich hier aufschlug, war ich immer Ludmilla, und Milla war nur der Spitzname, den Britta verwendete, aber das musste und sollte er ja nicht wissen.

"Ich nehme einen Kaffee. Und so einen …"

"Der Stachelbeer-Baiser ist gut", fiel ich ihm ins Wort.

"Einen Stachelbeer-Baiser. Und für die Dame auch."

"Gerne." Britta verschwand nach der Bestellung.

"Sie sind also öfters hier?", fragte mein Galan, von dem ich hoffte, ich würde ihn abschleppen können. "Immerhin kennt man sie hier mit Namen."

"Wenn ich meine Freundin, die hier in der Nähe wohnt, besuche, gehen wir immer hierhin. Haben sie auch einen Namen?"

"Marco. Ich heiße Marco. Ist leider ein häufiger Name."

"Macht nichts. Die Individualität macht den Menschen aus, nicht der Name. Aber bestimmt haben sie ein Tattoo."

"Woher wissen sie das, Milla?"

"Ich habe es nur erraten. Heutzutage hat doch jeder Dritte so eines. Wo ist es denn?"

Er wurde rot im Gesicht. "Das kann ich dir nicht zeigen. Es ist etwas … oh, Entschuldigung. Jetzt habe ich sie geduzt."

"Macht nichts. Bleiben wir einfach dabei. Diese Hamburger Sonderform vom Siezen klingt sowieso immer komisch. Also Marco, das ist ja schade. Vielleicht kann ich dich ja noch umstimmen."

"Ich gl … glaube nicht. Das ist zu … intim." Na, das wollen wir doch mal sehen. Ich habe schon so manche harte Nuss geknackt. Er setzte nach: "Und du?"

"Ich habe kein Tattoo, aber du darfst trotzdem nachsehen." Er tat so, als hätte er es nicht gehört, reagierte darauf zumindest nicht weiter. Ich setzte nach, versuchte das Thema erstmal woanders hin zu lenken. "Was macht denn deine Firma? Wie heißt die?"

"Xanadu Import Export GmbH."

"Ach, importiert ihr Papageien? Exotische Tiere?"

Er lachte. "Das verwechselst du wohl mit dem Kakadu. Xanadu ist etwas anderes. Der Legende nach ist es das Lustschloss eines Mongolenherrschers, und verkörpert die Sehnsucht nach dem Anderen, Außergewöhnlichen. Insofern liegst du mit dem Exotischen gar nicht mal so falsch. Nein, wir sind im Nahrungsmittelhandel tätig. Exotische Früchte, Kaffeebohnen, Kakaobohnen, edle Teesorten, und so weiter. Und wir exportieren verarbeitete Lebensmittel. Brotaufstriche, Konfitüren, Schokoladen, und so weiter."

"Aha. Und das schafft man mit nur sieben Mitarbeitern?"

Wieder lachte er. "Wir machen das ja nicht selbst. Wir machen nur die Abwicklung und beauftragen bisweilen auch die Speditionen, die den Transport machen. Wir kümmern uns vor allem um die rechtlichen Belange. Zertifikate, Aus- und Einfuhrbestimmungen, Zoll und so weiter. Also die übergeordnete Ebene. Da haben wir viel Expertise."

Britta brachte unsere Bestellung. Als Erstes schnappte ich mir das Schnapsglas, prostete ihm zu, und sagte "Auf unsere Verfehlungen!" Das war doppeldeutig, und er verstand erst nicht, was ich vordergründig damit meinte, schaute fragend. "Na, du hast mich doch mit deinem Auto knapp verfehlt!"

"Ach so, ja."

Ich ließ ein Pfützchen drinnen und hielt ihm das Glas hin. "Noch den kleinen Rest?" Er zögerte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. "Besser nicht. Meine Frau würde sonst Fragen stellen."

"Na, dann wollen wir sie mal nicht verunsichern." Ich trank den Rest aus, und versuchte, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Ich fing dann auch an, meinen Kuchen zu essen. Mit halb sechs war es eigentlich schon zu spät dafür, aber ich hatte Hunger. Er offenbar auch. Es war schwerer, ihn zu verführen, als ich dachte. Er fuhr nicht auf mich ab wie all die anderen. Die anderen warfen mir immer wieder Blicke zu, fuhren mit ihnen meine Kurven ab oder zogen mich schon in Gedanken aus. "Wie lange kennen Sie Ihre Frau denn schon?"

"Fünf Jahre. Im Oktober werden es fünf Jahre sein." Hm, dann müsste die rosarote Blümchenzeit eigentlich schon vorbei sein. Warum war es dann so schwer?

"Das ist schön für dich, dass du sie noch so liebst. Oft ist das ja schon nach zwei oder drei Jahren ganz anders, wenn die Konfettizeit vorbei ist."

"Wie war das bei dir, Milla?"

"Ich habe meinen Mann geliebt, bis zum Schluss. Bis er aus meinem Leben gerissen wurde."

"Das war sicher ein Schock für dich!"

"Und wie! Man erlebt das gar nicht bewusst. Es ist wie ein Film, dem man zuschaut. Man funktioniert, schmiert sich ab und zu sein Brot, damit man nicht verhungert. Es ist wie ein Schutz, und nur ganz allmählich lässt man das Leben wieder an sich heran und kapiert erst dann, was wirklich mit einem passiert ist." Es kamen so langsam wieder die Tränen. Ich musste es gar nicht vorspielen, es war alles echt. Trotzdem hoffte ich natürlich, es würde wirken. "Ich hab mich dann getröstet. Später aber erst. Habe Männerbekanntschaften gemacht. Viele. Zu viele. Flüchtige Bekanntschaften. Heute nur noch selten. Aber manchmal braucht Frau das ja auch."

Ich lächelte ihn an und damit die Tränen weg. Er wirkte tatsächlich berührt. Aber er war immer noch nicht scharf auf mich. Mist. Was stimmte nicht mit ihm? "Und was machst du sonst noch so? Naschst du auch etwas anderes als Männer?"

Komische Frage. Wo sollte sie hinführen? Machte er sich über mich lustig? Nein, es war kein Spott in seiner Stimme. "Ich nasche gerne Schokolade. Oder eine Praline. Immer nur eine. Will ja schließlich nicht dick werden." Hm, kein Kompliment. Sonst sagten meine Absolventen dazu immer ein Lob über meine schöne Figur. Hier kam: nichts. "So haben wir ja zumindest eine Schnittmenge."

"Eine Schnittmenge?"

"Na, ich esse Schokolade für mein Leben gerne, und du importierst Kakaobohnen und exportierst Schokolade. Letztere leider von mir weg."

"Sei froh! Ich meine, wegen deiner Figur. Und du arbeitest also in einem Modegeschäft."

"Ja, in einer Boutique." Ich wollte schon sagen Wolleladen, hatte aber noch rechtzeitig die Kurve gekriegt.

"Ach, kenne ich die?"

"Weiß nicht. Höchstens deine Frau. Miracle heißt die Boutique." Ich wusste, so einen Modeladen gab es hier nicht, aber einen, der ähnlich klang, und falls er wirklich seine Frau fragen würde, könnte es als Hörfehler durchgehen. Zumindest würde er mich in diesem Laden nicht finden. Immerhin müsste der Typ ja wissen, dass die echte Ich, also Sandra Neuhaus, im Wooly Universe arbeitete, da er die Firma ja mit der Observation beauftragt hatte. Vielleicht hatte er auch schon ein Foto von mir gesehen. Aber so, mit gefärbten Haaren und der Brille, würde er mich sicher nicht erkennen. Er schaute zur Uhr. "Musst du los?"

"Ja, meine Frau wartet. War schön, dich kennenzulernen, Milla. Und ich bin froh, dass dir nichts passiert ist."

"Vielleicht kann ja noch doch was passieren. Leider ist meine Freundin schon zu Hause. Sie arbeitet bei einer großen Firma, und hat da immer pünktlich Feierabend. Aber wir könnten hier ein Hotelzimmer nehmen." Ich versuchte den direkten Weg. Er reagierte darauf aber überhaupt nicht. Keine Augenbraue hob sich, keine Stirn kräuselte sich, kein plötzlich verkniffenes Gesicht, keine starren Augen. "Ganz unverbindlich", fügte ich noch hinzu.

Über sein Gesicht huschte nun ein Lächeln. "Besser nicht. Wie gesagt, meine Frau." Er stand auf, ging zu Britta am Tresen, und bezahlte. Dann ging er raus. Ich sah, dass er zu seinem Wagen ging und wegfuhr.

Britta kam vorbei. "Was war das denn jetzt, Milla?", fragte sie.

"Ich hab versucht, ihn zu verführen, aber es hat nicht geklappt."

"Na ja, jeder scheitert mal." Britta wusste das aus eigenem Erleben. Sie war weder hübsch, noch hatte sie eine schöne Figur. Ich wusste aber, dass sie es ab und zu mal mit jemandem aus den Wohnblöcken hier trieb, das hatte sie mir mal erzählt. Na ja, wo die (Sex‑)Liebe halt hinfällt. Ich seufzte, und war schon kurz davor, in mein Hotelzimmer zu gehen. Da hatte ich einen Einfall: Markus! Markus war doch seit einiger Zeit Golfer. Soweit ich wusste, spielte er nicht besonders intensiv, aber ab und an doch. Was nun? Ich beschloss, einfach spontan vorbeizufahren. Aber erst mal wollte ich meinen Leihwagen holen. Ich fuhr also mit dem Bus zurück bis zu diesem Golfplatz. Außer meinem stand nur noch ein anderes Auto da. Es gab leider keine Antwort auf meine SMS an Angelika, der Arzthelferin, welche ich damals auf dem Friedhof kennengelernt hatte, und bei der Markus wohnte, also fuhr ich einfach so hin, und klingelte dort. Sie öffnete.

"Sandra! Du bist jetzt blond?"

"Hi Angelika. Ich muss eine Weile inkognito sein, deshalb. Ist Markus da? Ich brauche mal seine Freizeitexpertise."

"Klar, komm rein!" Sie umarmte mich, und Markus, ihr Freund, der auch gerade herangekommen war, auch. "Sie braucht deine Expertise", sagte Angelika zu ihm.

"Nimm Platz", sagte Markus, und ich setzte mich auf die neue Couch der beiden, Markus neben mich, Angelika in den Sessel gegenüber. "Zu welchen Drogen brauchst du denn Expertise?"

"Wenn Golfsport eine Droge ist, dann dazu alle möglichen Risiken und Nebenwirkungen."

-----------------------------------------------------------

Teil 10

Die Risiken und Nebenwirkungen des Golfsports

"Okay, also das schlimmste Risiko ist es, von einem Golfball getroffen zu werden. Ganz selten kann das zu tödlichen Verletzungen führen. Und sonst das Übliche: Stolpern, Hinfallen, all so was."

"Und man könnte alle möglichen Leute kennenlernen."

"Ach, darum geht es! Willst du einen Draht zu den hohen Kreisen aufbauen?"

"Nee, aber ich brauche Informationen über wen von deinem Golfplatz. Genauer gesagt, zu dem hier." Ich zückte mein Handy und zeigte ihm das Foto von dem Typen mit dem Namen Marco.

"Nee, den kenne ich nicht. Aber ich bin ja auch noch nicht so lange da. Lass uns mal zu meinem Chef fahren!"

"Wie, etwa jetzt?"

"Klar! Der sitzt bestimmt noch am PC und zockt." Ich zögerte. "Nun komm schon! Der ist doch schon seit zwanzig Jahren in dem Club und kennt dort alle Stammgäste. Er hatte mich ja angefixt."

Ich stand auf und bot an, mein Auto zu nehmen. Die Fahrt dauerte keine zehn Minuten, dann waren wir da. Markus klingelte. Eine Minute später öffnete sich die Tür. Ein etwa 50 Jahre alter Mann, der trotzdem jugendlich wirkte, und mit Jogginghose und einem schlichten T-Shirt gekleidet war, öffnete uns. "Markus! Was ist los? Hast du Zoff zu Hause?" Er fing an, zu lächeln. "Hast du eine Affäre?"

"Ich doch nicht! Das ist Sandra, eine gute Freundin. Und nur eine Freundin."

"Kommt rein!" Wir gingen in sein Haus. Er bot uns was zu trinken an, ich lehnte ab, Markus nicht. Wir beide setzten uns, und warteten auf die Drinks. Er stellte die Getränke ab, ich nahm nur ein Glas Wasser, und er fragte Markus: "Wo brennts denn?"

"Nicht bei mir, aber Sandra braucht mal deine Sachkunde. Vom Golfclub." Zu mir sprach er: "Zeig Sandro mal die Fotos." Aha, er hieß Sandro. Fast wie ich. Ich entsperrte das Handy und gab es ihm.

"Ja, den kenne ich. Er heißt, glaube ich, Marco oder Mano oder so. Hab ihn schon ein paar Mal gesehen. Der treibt sich da oft in den besseren Kreisen herum."

"Bessere Kreise?"

"Golf ist nicht nur ein Sport. Das ist ein Ort, um Netzwerke, und Kontakte zu knüpfen." Er scrollte weiter durch die Fotos. "Hey, den anderen kenne ich auch! Wie bist du denn an den gekommen?" Seine Stimme klang ehrfürchtig.

"Na, dieser Marco hat sich doch mit dem getroffen, der hat auf den gewartet. Ich hab den Marco anschließend spontan gedatet und versucht, mehr über ihn und seine Firma zu erfahren, aber das hat nicht geklappt. Er hat mein Angebot nicht angenommen. Ist verheiratet, sagte er."

Sandro nickte. "Stimmt, der hatte auch schon mal zu einem Turnier seine Frau und sein Kind mitgebracht. Aber ich weiß, dass der schwul ist. Ich habe ihn mal vor Jahren in der Umkleide erwischt, wie er mit einem Mann herumgeknutscht hat."

"Ach deshalb hat er mein Angebot ausgeschlagen!"

"Was willst du denn von ihm und seiner Firma?"

"Seine Firma hat eine andere Firma beauftragt, mich zu beschatten, und ich wollte wissen, wieso, und wer dahintersteht."

"Das wird dann eher der andere sein. Die graue Eminenz."

"Der andere, auf den er gewartet hat?"

"Ja, genau der. Das würde passen. Solche reichen, einflussreichen Leute machen so etwas nicht selbst, damit keine Spur zu ihnen führt. Das ist ein gängiges Vorgehen."

"Und wer ist das?"

"Insgeheim nennt man ihn den Schokokönig. Er hat über seine Firmengeflechte alle möglichen Beteiligungen an Firmen, die Schokolade herstellen und die Zutaten einkaufen."

"Ach so, ja, die Firma von diesem Marco handelt auch mit so etwas. Das hatte er mir verraten. Kennst du den Namen von dem Typen?"

"Er versucht, seine Identität geheim zu halten. Beim Pflichtturnier, welches wir jedes Jahr spielen müssen, wird er immer nur mit Olaf H. an der Anzeigentafel aufgeführt. Ich kenne aber seinen Namen trotzdem."

"Vom Vereinsregister?"

"Nein, von einem Rezept, welches er in meiner Apotheke eingelöst hat. Auch solche Leute brauchen für rezeptpflichtige Medikamente ein Rezept, und da steht dann der echte Name drauf."

"Und, wie lautet der?"

"Er heißt Olaf Hieronymus Bremer. Golf gespielt habe ich mit ihm noch nie. Man wird immer davor gewarnt, gegen ihn zu gewinnen, denn er kann nicht gut verlieren. Dann fällt man in Ungnade. Da so ein Spiel dann keinen Spaß macht, hab ich es gelassen. Sind eh nicht meine Kreise."

Ich lachte. "So etwas mit dem Nicht-verlieren-können sagt man ja auch einem Ex-Präsidenten nach."

Sandro schmunzelte. "Vielleicht auch dem Kommenden. Er will ja noch mal antreten."

"Oh Gott, dann geht da ja alles den Bach runter. In seiner ersten Amtszeit hat er ja nur geübt. Jetzt wird er sich nur noch mit Ja-Sagern umgeben und noch mehr Unheil anrichten. Das werden die Wähler dort hoffentlich verhindern."

"Ich glaube, du irrst dich, Sandra."

"Na, schauen wir mal. Ich vermute, du kannst mir keinen Kontakt zu dem Typen herstellen, oder?"

Er schaute mich an, als ob ich ihn gefragt hätte, ob er mit mir zum Mars fliegen will. "Nein, kann ich nicht. Es wird wohl außerordentlich schwierig sein, an den heran zu kommen."

"Trotzdem danke. Ich glaube, du hast mir sehr geholfen. Markus übrigens auch. Er hatte es ja schwer, eine neue Apotheke zu finden, nach der Sache."

"Ich habe ihn gerade wegen seiner Aktion genommen. Illegale Sachen stiften nur Unheil. Das sage ich auf den Veranstaltungen immer wieder. Nestbeschmutzer sind die, welche in das Nest kacken, nicht die, welche sagen, das Nest ist schmutzig."

Ich stand auf, Markus auch. "Sie sind ein guter Mensch. Haben Sie noch einen schönen Abend."

"Ihr auch. Und danke für euren Besuch."

Wir gingen zum Auto. "Und nun?", fragte Markus.

"Nun werde ich den trojanischen Krieg gewinnen."

"Der ist doch schon längst zu Ende!"

"Meiner nicht, der beginnt gerade erst. Ich will mich zum trojanischen Pferd machen. In seine Organisation eindringen."

"Sei vorsichtig!", riet mir Markus. Er wusste ja aus eigenem Erleben, wie problematisch das sein kann, wegen damals, der gepanschten Krebsmedikamente und des Angriffs seines früheren Chefs auf ihn und auf Angelika. Ich lieferte ihn zu Hause ab, verabschiedete mich von den beiden, und fuhr zum Hotel. Ich kannte nun also meinen vermutlichen Gegenspieler. Aber wer war er genau und wieso ließ er das machen? Ich konnte mich nicht erinnern, diesen Namen in Zusammenhang mit Mattsinvest gehört zu haben. Gehörte der zu einer mit denen verbundenen Firma? Zu so einer Beteiligungsgesellschaft? Oder war er der Hauptauftraggeber der Observation? Es sprach einiges für Letzteres. Mattsinvest war es eher nicht, wie ich inzwischen wusste. Dieser Marco war verheiratet, aber im Grunde genommen schwul. Wurde er erpresst? Oder drohte dieser Bremer, ihm Aufträge zu entziehen? Oder war es ein Freundschaftsdienst? Das würde wohl auf ewig im Dunkeln bleiben.

Am nächsten Morgen recherchierte ich, fand heraus, dass dieser Typ zwar wirklich groß im Schokoladengeschäft tätig ist, meist aber im Hintergrund blieb. Erst dann erinnerte ich mich doch noch daran, dass ein Herr Bremer in den Unterlagen in dem Protokoll einer Besprechung aus Uwes Dokumenten aufgetaucht war. Im Protokoll der Sitzung wegen des Immobilienteilverkaufs. Yes! Das war die Verbindung! Er war mein Mann! Deshalb wollte der mir also Knüppel zwischen die Beine schmeißen! Ich hatte ihn geärgert, die Geschäfte seines Imperiums bedroht.

-----------------------------------------------------------

Teil 11

In der Höhle des Löwen

Nun wusste ich, wer da ein Auge auf mich werfen ließ, aber warum? Ich zermarterte mir den Kopf, aber dann fiel mir der Leitspruch meiner Mutter ein: 'Wenn du erfolgreich sein willst, musst du wissen, wie dein Konkurrent tickt und was er vorhat'. Nun, der Typ war eher mein Feind, aber das änderte nichts an der Sachlage. Ich fing an zu recherchieren. Aber dieser Typ scheute die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Es gab einige Artikel von früher. Da hatte er sich mal als Wohltäter betätigt. Aber das war auch schon 15 oder 20 Jahre her. Danach ziemlich Fehlanzeige. Ich sortierte die Suchergebnisse nach Zeit, und da fiel mir ein Treffer auf. Er war von letzter Woche.

'Suche persönliche Sekretärin mit sehr guten Kenntnissen der deutschen, spanischen und englischen Sprache. Arbeitsbeginn ab sofort möglich.' YES! Das war es! Oder? Mein Englisch war nur so Allerweltsniveau, aber Spanisch war meine Muttersprache und Deutsch meine Vatersprache. Und nachdem ich das Modeln an den Nagel gehängt und studiert hatte, arbeitete ich ein Dreivierteljahr als Sekretärin für eine Modefirma. Das konnte ich alles aus dem FF. Würde es funktionieren? Oder würde er mich dann erkennen? Eher unwahrscheinlich. Solche Leute neigen dazu, alles, was sie für relativ unwichtig halten, zu delegieren. Daher hatte das auch der Typ von dieser Xanadu-Firma gemacht. Aber erstmal müsste ich mich präparieren. Mit meiner Nummer konnte ich dort nicht anrufen.

Ich rief bei Nico an. Er ging ran. "Hier ihr freundlicher Nachbar", sagte er.

"Lieber Nico, hier ist deine frühere Lehrerin Sandra. Jetzt brauche ich mal Nachhilfe."

"Wobei denn? Aber nicht … Bettina würde mich rauswerfen!"

"Aus eurem gemeinsamen Haus? Aber es geht um etwas anderes. Ich brauche mal ein Handy oder so eine Karte. Möglichst anonym."

"Du meinst eine unregistrierte Prepaidkarte?"

"Ja, hast du sowas?"

"Klar doch. Hab noch eine von vor ewigen Zeiten. Lief auf den Namen eines Freundes. Der ist ausgewandert. Willst du die haben?"

"Gerne. Ich kann dir aber nichts zum Tausch anbieten. Aber ich lade euch, wenn ich wieder Zeit habe, mal in ein Restaurant ein. Deal?"

"Deal. Ich bringe sie dir rüber. Musst sie aber noch aufladen. Da ist nicht mehr viel drauf. Ich zeige dir, wie das geht."

"Ich bin nicht zu Hause. Können wir uns bei dir in der Nähe treffen?"

"Wo denn?"

"Im Alstertal Einkaufszentrum, ganz unten in der Sitzecke im Westflügel, halbe Stunde. Nicht wundern, ich werde beschattet, und die sollen mich nicht sehen."

"Sandra!" Ich sagte nichts dazu. Was sollte ich schon sagen? "Klar, geht. Komme vorbei."

"Danke, Nico. Bis gleich." Ich musste nur wenige Minuten warten, dann kam er vorbei, er schob die Karte in mein Handy, (ich hatte zum Glück so eines mit Doppel-SIM), richtete mir alles ein, zeigte mir, wie man auswählt, womit man anruft, und verschwand wieder, nachdem ich ihm versichert hatte, dass mir keine Gefahr von denen droht. War natürlich glatt gelogen. So etwas ist immer gefährlich.

Mit viel Herzklopfen rief ich mit der neuen Handykarte bei der angegebenen Nummer an. "Ja, bitte?" Eine männliche Stimme. Sie klang ein klein wenig herrisch, wie von jemandem, der es gewohnt war, das Sagen zu haben.

"Ich rufe an wegen Ihrer Annonce. Sekretärin für sie mit Kenntnissen in Deutsch und Spanisch. Das sind meine Elternsprachen. Ist die Stelle denn noch zu haben?"

"Ja im Prinzip … können sie denn auch englisch?"

"Ja, so im üblichen Rahmen. I speak this very well."

"¿Qué tan bueno es tu conocimiento del español?" Das war zwar wirklich Spanisch, aber die Art, wie er es vorgetragen hatte, also die Langsamkeit und die völlig falsche Betonung, sagte mir, dass er es von einem Zettel abgelesen haben musste. Die Frage war, wie meine Spanischkenntnisse sind.

"Excelente, te lo dije. Era una prueba, ¿no?"

Man hörte es im Hörer lachen. "Gut gekontert. Ich kann leider nur wenig Spanisch, sonst würde ich ja keine spanisch sprechende Sekretärin suchen, aber bestimmt werden sie mir sagen, was sie gerade von sich gegeben haben."

Jetzt lachte ich auch. "Das ist vermutlich nur ein weiterer Test, aber ich sagte: Ausgezeichnet, das sagte ich ja schon. Das war doch ein Test, oder?"

Etwas brummig kam: "Den Test kann ich leider nicht auswerten, da ich nicht gelogen habe, aber falls sie flunkern, sind sie schneller wieder draußen, als sie denken. Wie viel?"

"Ist es Vollzeit?"

"Es ist manchmal sogar mehr als das. Work-Life-Balance kann ich nicht bieten, denn an manchen Tagen könnte es ein 16-Stunden-Job werden. Natürlich mit freien Tagen zwischendurch. Die Arbeitszeitverordnung müssen wir natürlich so weit wie möglich einhalten. Wieviel wollen Sie?"

"25 die Stunde."

"So wenig? Deal!"

"Ich brauche den Job." Das war gelogen, aber ich wollte ihn unbedingt haben.

"Kommen Sie vorbei. Wann geht es?"

"Weiß nicht. In zwei Stunden?" Er gab mir noch die Adresse durch, dann machte ich mich zurecht. Kleidung und Schmuck tauschte ich gegen gediegene und seriöser wirkende Exemplare aus. Ich hatte schon gecheckt, wie ich mit dem Öffi hinkam, es war in Blankenese. Nachdem ich meine Observierer ausgetrickst hatte, war ich ja für unbestimmte Zeit Gast in dem Hotel, bei dem ich Stammgast für Schäferstündchen war. Damit es nicht auffliegt, war ich seitdem auch nicht mehr im Laden gewesen. Nach einer guten Stunde war ich endlich da. Es war natürlich in einer Villa am Elbhang. Es war gut, den Öffi genommen zu haben, parken konnte man hier nicht, aber es war von der Straße her erreichbar und hatte, wie ich dann erfuhr, eine kleine Garage neben dem Haus, welche aber für sein Auto reserviert war.

Ich klingelte. Eine übergewichtige Dame öffnete mir. "Sie wünschen?"

"Herr Bremer erwartet mich."

"Wen darf ich melden?"

"Sandra Koosen. Ich komme wegen der Annonce." Ich hatte mich dafür entschieden, meinen Mädchennamen zu nehmen. Den kannte sonst kaum jemand, und im Netz stand er nicht. Ich hatte zu Hause sogar noch einen alten Ausweis mit einem Uralt-Foto liegen. Der war zwar abgelaufen, aber ich wollte hier ja nur schnüffeln, und nicht alt werden. Ich ging der Frau einfach hinterher. Sie führte mich zu einem älteren Herrn, um die 70 oder etwas mehr, der an einem massiven Schreibtisch saß und mit einem altmodischen Taschenrechner irgendwas zusammenrechnete, vor sich liegend eine Mappe mit Unterlagen. Es war genau der Typ, den ich am Golfplatz gesehen hatte. Und, wie ich anhand dieses alten Fotos aus dem Netz erkennen konnte, war er tatsächlich mein vermeintlicher Gegenspieler.

Er stand auf, schaute mir ins Gesicht, und sagte: "Bremer. Frau Sandra Koosen? Wegen der Annonce? Ich hatte jetzt gar nicht nach ihrem Namen gefragt. Passiert mir sonst nie. Wahrscheinlich werde ich alt." Er lachte kurz auf. Im ersten Moment wirkte er, da ich ihm jetzt in echt gegenüberstand, sogar ein wenig sympathisch, und er gab mir die Hand, welche ich natürlich auch schüttelte. "Sandra, wie die Sängerin? War das die Inspiration ihrer Eltern?"

"Welche Sängerin?", fragte ich zurück.

"Na … die Sandra halt. Maria Magdalena. Noch nie gehört?"

"Ach, jetzt weiß ich’s. Doch, irgendwie klingelt da was. Aber soviel ich weiß, gab es das Lied erst nach meiner Geburt."

"Na gut. Sie wollen also bei mir anfangen. Haben sie so etwas schon mal gemacht? Und mit dem PC können sie umgehen? Ich stehe mit diesen Dingern nämlich ein wenig auf Kriegsfuß. Auch mit diesen smarten Zeitdieben."

"Sie meinen Smartphones? Ja, das geht mir manchmal auch so." Ich quetschte mir ein Lächeln heraus. "Klar kann ich den PC bedienen. Schreibprogramm, Kalkulation, Präsentationen, Zeichenprogramme. Alles, was man so braucht im Berufsleben. E-Mail und Terminplanung natürlich auch. Und natürlich auch Smartphones, obwohl ich die nicht besonders mag." Ein leichtes Lächeln folgte.

"Ach … wo haben sie das denn alles gelernt?"

"Ich habe früher mal in einem Modeladen gearbeitet. Da war ich auch Sekretärin. Später dann bei meinem Mann."

"Ach … sind sie geschieden?"

"Nein, verwitwet. Es war total überraschend, von einem Tag auf den anderen. Von seiner Arbeit habe ich keine Ahnung, sonst hätte ich weiter gemacht."

"Oh, das tut mir leid. Was hatte er denn gemacht?"

"Er hatte einen Handwerksbetrieb. Gas, Wasser, Heizung, Klima. Am Schluss fast nur noch Heizung, Wärmepumpen und so. Den Betrieb habe ich dann verkauft und bin plus/minus null herausgekommen. Aber irgendwie muss es ja weitergehen für mich."

"Haben sie Kinder?"

"Wieso fragen sie? Nein, Kinder habe ich nicht." Das war nicht gelogen. Andrea war ja nicht mein eigenes Kind.

"Na, wegen der Arbeitszeiten. Es kann auch sein, dass sie mal zwei oder drei Tage mit mir verreisen müssen." Mein Gesichtsausdruck musste wohl sehr fragend gewesen sein, denn er fühlte sich genötigt, hinterherzuschieben: "Als Dolmetscherin. Spanisch. Ich bin irgendwie nicht gemacht für Fremdsprachen. Englisch kann ich nur so leidlich, und Spanisch kaum."

"Das bekomme ich hin." Ich bemühte mich, dabei mein bestes Lächeln auszupacken.

"Auch in vier Tagen?"

"Prinzipiell schon." Das machte für ihn jetzt vermutlich einen zögerlichen Eindruck, was einfach der Tatsache geschuldet war, dass ich einen Riesenschreck bekam. Da würde ich doch ganz sicher auffliegen! Dazu brauchte ich meinen Pass und da steht nun mal Sandra Neuhaus drin. Der Name würde ihm sicher ein Begriff sein und ich wäre enttarnt. "Wo ist denn eigentlich ihre Firma? Ich habe darüber im Netz nichts gefunden."

"Na, hier."

"Wie, in dem kleinen Haus?"

"So klein ist das gar nicht. Aber hier residiere ich tatsächlich alleine."

"Also haben sie nur eine kleine Firma?"

"Das kann man so nicht sagen. Tatsächlich ist sie sehr groß. Ein Netzwerk von Firmen, das über eine Holding verwaltet wird. Die ist aber nicht hier in Hamburg. Ein Teil der Holding sitzt in Leezen in Schleswig-Holstein. Da sind die Steuern viel günstiger."

'Du Arsch!', dachte ich. In Hamburg leben und die gute Infrastruktur nutzen, sie aber nicht mitfinanzieren. "Also muss ich dann auch jeden Tag dahin fahren?"

Er lachte kurz auf. "Nein. Nur höchst selten. Sie sind ja meine persönliche Assistentin und die meiste Zeit bin ich ja hier."

"Das klingt gut. Lange Fahrtzeiten zur Arbeitsstelle sind verschwendete Lebenszeit."

"Dann sind sie jetzt mein Mann, oder, wir wollen ja modern sein, meine Frau. Natürlich nur für geschäftliche Dinge. Persönliche Sekretärin." Er holte aus dem Schreibtisch ein Büchlein heraus. Es war ein Terminkalender für dieses Jahr. "Hier tragen sie immer zeitnah ihre Stunden ein, die sie gearbeitet haben oder auch nur Bereitschaft für mich hatten. Machen Sie sich jeden Tag eine Kopie davon, oder so ein Handyfoto. Haben sie eine Lohnsteuerkarte?"

"Die muss ich erst noch besorgen."

"Gut, also dann. Ich werde versuchen, ihnen im Voraus mitzuteilen, wann ich sie wie lange benötigen werde. Es wird nicht immer passen, da kommen ja manchmal Sachen dazwischen, und …"

"Ich bin flexibel", bemühte ich mich zu sagen.

Es huschte zum ersten Mal ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. "Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter. Ihre Vorgängerin hat deswegen genervt das Handtuch geworfen. Es kommt schon relativ oft vor. Aber ich bemühe mich. Können sie schon heute was machen?"

"Ja klar. Was denn?"

"Sie müssten für sich noch einen Flug buchen. Flug und Hotelzimmer. Für mich habe ich schon gebucht. Versuchen Sie, dieselbe Maschine zu bekommen. Und das Hotel natürlich auch. Hier sind die Daten. Ein Visum brauchen sie dafür nicht." Er schob mir einige Ausdrucke rüber. Reiseziel Ecuador, Quito. Drei Tage. Ab Montag. Na gut, das würde gehen. Ich hoffte nur, ich könnte das tarnen, vor ihm geheim halten. "Und hier sind noch einige Schreiben, die übersetzt werden müssten. Lesen Sie die mir erst mal vor, bitte." Er schob mir die Schreiben herüber. Sie waren in Spanisch. Da war ich in meinem Element. Ich fing an und übersetzte. Es handelte sich vor allem um Spezifikationen. Daten, Mengen, Normen, Vor-Ort-Behandlung, Preise. Liefertermine. Und es ging um die Herstellung von Kakao, und die Veredlung zu Schokolade. Dabei bekam ich auch raus, wie seine Firma hieß, da die auf dem Briefkopf stand. OBS-Holding. Olaf Bremer Schokoladen-Holding, hieß das, wie er mir sagte, als ich ihn danach fragte.

Bingo! Ich war auf der richtigen Spur. Ein anderes Schreiben ging um Probleme mit der geernteten Menge, und die Bitte um neue Vertragsverhandlungen, sonst könne man den Vertrag nicht verlängern. Dafür diktierte er mir eine Antwort, die ich ins Spanische übersetzen, und dann per Mail schicken sollte. Es ging konkret um die geplante Reise, das merkte ich, denn ich sollte noch unsere Ankunftszeiten mitteilen. Es gab einige Fachbegriffe, die ich noch nicht kannte, aber damit konnte er etwas anfangen und erklärte mir die Bedeutung. Ich versuchte, mir alles einzuprägen, machte dann die Übersetzung ins Deutsche, und druckte sie für ihn aus. Papierloses Büro war hier noch ein Fremdwort. Ein Herr der alten Schule. Dann war ich fertig. "So, fertig. Brauchen sie mich noch?"

"Was ist mit der Buchung?"

"Dazu brauche ich meinen Pass. Ich kann das von zu Hause aus machen."

"Gut, machen Sie das, aber schreiben Sie sich die Stunden dafür auch auf. Wie ist das mit der Bezahlung? Ach, reichen Sie mir einfach die Rechnung ein, ich gebe Ihnen das dann in bar. Oder haben sie …"

"Ich kann geringe Summen vorstrecken", sagte ich schnell, ehe er auf die Idee kam, dass ich nichts auf dem Konto haben könnte. Geldsorgen waren ja Teil meiner Tarnung, um den Job zu bekommen.

"Na gut. Morgen brauche ich sie für diese Dokumente. Sechs, sieben Stunden? Sie können zwischendurch auch Pause machen. Gleich hier unter uns ist ein Restaurant und ein Imbiss."

"Hier im Haus?", fragte ich.

"Nein, nicht hier, sondern unterhalb des Souterrains. Das liegt eine Häuserreihe tiefer. Wir sind hier ja am Elbhang." Er ging zu einer Treppe. Merkwürdigerweise war an deren Seite so ein Transport für Behinderte angebaut. Von seiner verstorbenen Frau? Ich fragte nicht weiter nach. Das würde mir bald noch mein Vorhaben fast zunichte machen, zumindest einen Riesenschreck einjagen. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen das!" Ich ging ihm hinterher. Er ging seitlich in einen Raum. So eine Art Speisesaal, oder Gesellschaftszimmer. Nach vorne zum Elbhang hin riesengroße, bis zum Boden reichende Fenster, Kronleuchter. Von hier aus konnte man auf die Dächer der Häuser darunter schauen, und bei einem lugte das Schild des Restaurants hervor. Ein langer Tisch mit Stühlen stand hier drin. In einer Ecke eine Couch. In einer anderen Ecke ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch stand ein Schachbrett. Ich schaute mir die Stellung an. Sie sah nicht gut aus für den einen.

"Ich hoffe, sie spielen die weißen Figuren."

"Ach, sie verstehen was von Schach? Das ist ein Nachspiel, Lasker gegen Schlechter, 1910, 10. Partie des Weltmeisterschaftskampfes. Ich spiele gerne solche Partien nach. Wollen wir?"

"Was, wollen?"

"Na eine Partie Schach spielen." Er sah wohl meinen skeptischen Blick. "Das gehört natürlich mit zur Arbeitszeit. Kommen Sie, geben Sie sich einen Ruck! Ich kann viel zu wenig gegen würdige Gegner spielen."

"Dieser Gegner werde ich dann wohl sicher nicht sein."

"Ach, kommen Sie!“ Ohne Zeitlimit. Okay?"

-----------------------------------------------------------

Teil 12

Das Damenopfer und eine Entführung

Es wäre wohl nicht gut, das jetzt abzulehnen, so kurz nachdem ich den Job bei ihm bekommen hatte. "Na gut!" Jetzt würde ich wohl in die Bredouille kommen. Mein letztes Schachspiel gegen meinen Vater war lange her. Ich war auch immer nur sehr mittelmäßig gewesen. Nur zweimal hatte ich gegen ihn gewonnen. Ich seufzte. Er hatte mittlerweile alle Figuren aufgestellt und mir, Gentleman wie er meinte zu sein, die weißen Figuren überlassen.

Ein wenig war ich über die niedrige Qualität von Brett und Figuren irritiert, und konnte mir eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. "Haben sie das Spiel während einer Firmenkrise gekauft?"

Sein Blick verdüsterte sich. War ich jetzt zu weit gegangen? "Nein, ich hatte natürlich ein viel besseres. Aus Tropenholz und mit Porzellanfiguren. Das ist aber leider bei einem eskalierten innerfamiliären Streit kaputtgegangen und ich habe noch kein neues besorgt."

Ich vermied es, noch weiter nachzufragen, und fing an. Ich eröffnete normal, also russisch, er aber anders, mit einer Variante, welche ich noch nicht kannte. Schnell entwickelte ich meine Figuren, und fing an, aberwitzig riskant zu spielen. Fast könnte man sagen, draufgängerisch. Es war eine Kopfsache. Er hatte mir in die Suppe gespuckt, ich wollte es ihm zeigen, obwohl mir klar sein müsste, dass ich das nicht konnte. Die Wut auf ihn trieb mich an. Es entwickelte sich ein verbissenes Spiel. Wir schenkten uns nichts. Jede Bedrohung wurde mit einer neuen Bedrohung erwidert.

Nur einmal passte ich nicht auf, und nun hatte er einen Bauern mehr als ich. Dadurch kam ich aber auch besser ins Spiel und hatte Raum zur Entfaltung. Ich griff vehement an. So hatte ich noch nie gespielt! Inzwischen hatte ich fast meine gesamte Streitmacht an seinem Königsflügel versammelt und bereitete mich für den Sturm auf seinen König vor. Selbst meine Dame hatte ich eingesetzt, obwohl man doch dazu rät, sie erst im späteren Spielverlauf einzusetzen, da diese Platz braucht, um ihre volle Wirkung erzielen zu können. Er verteidigte allerdings meisterhaft, und so kam ich bald an einen toten Punkt und dann in die Bredouille. Ich hatte mich verrannt. Sein Läufer fing an, meine mittlerweile bedrohlich platzierte Dame zu bedrängen und möglichst zu vertreiben, kein Wunder, drohte doch sein Matt in zwei Zügen, wenn es mir gelang, mit dem Turm auf seine offene H-Linie nachzurücken.

[Anmerkung: Leider kann man hier keine Bilder posten! Der Autor]

Es fiel mir schwer, darauf eine adäquate Antwort zu finden, da ich mich nicht wieder zurückziehen konnte, ohne dass meine Dame dann etwas eingeklemmt wäre. Alle Varianten, die ich machen konnte, hatten erhebliche Nachteile für mich. Er würde dann auch das Heft des Handelns übernehmen können. Er setzte ein Pokerface auf. Da sah ich eine Möglichkeit. Die Idee dahinter könnte funktionieren. Aber dazu musste ich das Unvorstellbare wagen. Ein völlig verrückter, schmerzhafter Zug. Ich berechnete wieder und wieder. So könnte es klappen! Ich schlug mit meiner Dame seinen Bauern. Also so, dass sein diesen Bauern deckender Bauer meine Dame schlagen konnte. Damit wäre dann auch seine Deckung zu Teilen kaputt. Er schaute mich erstaunt an. Und überlegte. Aber nur kurz. Ein überlegen aussehendes Grienen erschien in seinem Gesicht. Dann nahm er den Bauern und schlug meine Dame. Dadurch war der Weg frei. Mein Läufer stand parat und schlug seinen Springer. Schach! Sein Turm blockte es ab und wurde von meinem Turm geschlagen. Sein König kam nun langsam in Bedrängnis und wich auf h8 aus. Nach einem Geplänkel mit dem Vorziehen eines seiner Bauern und einem Nachsetzen meines Turms stand mein Turm inzwischen parat für den nächsten Angriff.

Da machte Bremer einen Fehler. Er zog seine Dame an seinen König heran. Das war meine Chance! Mein Turm bot Schach! Nur das Davorsetzen seiner Dame konnte ihn retten. Sie wurde mein Opfer, aber ich verlor natürlich meinen Turm durch seinen König. Ich versetzte meinen weißen Läufer, um seinen Turm zu bedrohen, und er machte den nächsten Fehler, denn er zog ihn an seinen König heran. Meinen Turm zog ich zurück. Sein schwarzer Läufer schlug in meine ungedeckte Bauernreihe auf der anderen Seite. Ein erneuter Fehler, denn jetzt war der Weg frei. Mit Turm, schwarzem Läufer, und nochmal Turm im jeweiligen Schachgebot drängte ich seinen König bis hinter seine mittlere Deckung heraus und kassierte dann seinen Turm, bis auf meinen von seinem Läufer geschlagenen Bauern, verlustfrei ein. Herr Bremer schaute mich erstaunt an. Dann kippte er seinen König um. Er wusste, dass das Spiel für ihn verloren war. Er hatte nur noch seinen schwarzen Läufer und seine Bauern. Es würde nicht schwer sein, den Rest zu eliminieren.

Er seufzte auf. "Machen sie das immer so?" Aber ein bedrohlich klingender Unterton in seiner Stimme mahnte mich zur Vorsicht.

"Was machen?"

"Sich zu opfern."

Ich bekam einen Riesen-Schreck. Meinte er mich selbst? Hatte ich mich irgendwie preisgegeben? Warum hatte er mit der Enttarnung so lange gewartet? War dieses Spiel nur eine Ablenkung gewesen, um mich in Sicherheit zu wiegen? Würde er jetzt auf mich losgehen? Ich versuchte abzulenken. "Ich hab mich ja nicht selbst geopfert."

Seine bisherige Anspannung löste sich, er lächelte gequält. "Ich meinte ja auch ihre Spielfigur. Die Dame. Aber sie sind doch auch eine Dame."

"Ach so. Nein, ich hatte Glück und habe etwas gesehen. Eigentlich habe ich vorher ja miserabel gespielt." Mir fiel ein Stein vom Herzen.

"Haben sie nicht. Gut und energisch. Und tapfer. Hat der Ehrgeiz sie gepackt? Oder war da etwas anderes? Wie auch immer, viele haben das noch nicht geschafft. Tatsächlich hab ich mich bis zu ihrem Damenopfer schon siegen sehen, denn ich konnte alles abblocken."

"Sie hätten mich doch ohnehin absichtlich gewinnen lassen, oder?"

Er lächelte mich zum zweiten Mal an. "Ich verliere nicht gerne. Danke für das Spiel. Sie können jetzt Feierabend machen. Bis morgen."

"Ich verliere auch nicht gerne. Bis morgen."

Ich verließ das Haus und atmete erst mal tief durch. Das war nur mit Glück heute nicht schiefgegangen. Was hatte ich mir hierbei nur gedacht! Der Hinweis vom Chef von Markus hätte mir eine Warnung sein müssen. Nicht gegen ihn gewinnen! Und was machte ich? Ich hatte ihn nicht nur besiegt. Ich hatte ihn regelrecht gedemütigt! Zumindest musste er das so empfunden haben, obwohl er sich kaum was hatte anmerken lassen. In Zukunft würde ich vorsichtiger, und überlegter agieren müssen.

Ich fuhr nicht zum Hotel, sondern nach Hause. Meinen Pass hatte ich natürlich nicht mitgenommen, der lag dort. Schon gleich hinter der Kurve, wo es zu meiner Straße ging, stand ein Auto, ein großer, schwarzer Van. Die seitliche Tür öffnete sich, als ich daran vorbeigehen wollte. Von vorne kam ein kräftiger Mann und stellte sich mir in den Weg. "Steig ein!", sagte er. "Wir müssen was bereden." Mist! Jetzt war ich wohl doch aufgeflogen! Ich war enttarnt! Würde ich jetzt entführt werden? Ich hätte an ihm vorbeigehen können, aber es machte ja keinen Sinn, es hinauszuzögern, da keine Hilfe in Sicht war, ich stieg ein und der andere Mann kam hinterher. Er setzte sich neben mich. Es war ein geräumiger Van. Es gab in dem Van auch eine hintere Sitzreihe.

"Schön, dass du kommen konntest", kam von dort, von hinter mir, eine Stimme. Es war nicht die erwartete Stimme von Bremer, sondern die Stimme von Piere. Sofort schnürte mir Wut die Kehle zu. Das war eine ganz andere Situation als die, welche ich erwartet hatte.

"Lass mich in Ruhe", schrie ich, und wollte raus, was aber nicht ging, da der Typ neben mir den Weg versperrt hielt. Ich versuchte mich zu wehren, mich durchzukämpfen, hatte aber zu wenig Bewegungsfreiheit, und der Typ war viel stärker als ich. Piere wiederum war gut geschützt, da er hinter mir saß. Die Tür schloss sich und ich war gefangen. "Sandra, jetzt hör doch mal auf!", rief Piere.

"Lass mich raus! Ich habe mit dir nichts mehr zu bereden!"

"Sandra, da ist etwas, was du nicht weißt", sagte er. Zwischendurch attackierte ich meinen Aufpasser, und dieser versuchte weiter, mich zu bändigen. Ich hatte ihm mit meinen Fäusten schon so allerhand Treffer verpasst, und er blutete wegen meines 'Schlagrings' am Finger schon aus der rechten Augenbraue, als er es langsam, aber sicher schaffte, meine Handgelenke zu fassen zu bekommen. Mehrmals konnte ich mich noch befreien, aber ich merkte, dass meine Kräfte erlahmten.

"Ich rede kein Wort mit dir, du Scheusal!", rief ich nach hinten, zu Piere.

"Musst du auch nicht! Ich will dir was zeigen und was erklären. Ich konnte gar nicht anders handeln, wurde erpresst."

"Egal, falsch ist falsch!" Mein Begleiter ließ eine meiner Hände los, was ich sofort für einen neuen Befreiungsversuch nutzte. Aber wieder schaffte er es, mich unter Kontrolle zu bringen. Ich war mit meinen Kräften einfach am Ende.

"Jarass, hilf mir doch mal mit den Schellen", rief der nach vorne, und hielt mich jetzt weiter fest. Dort saß noch jemand, wohl der Fahrer. Er öffnete die Tür, hatte eine eiserne Acht bei sich und schaffte es, trotz meines Gezerres und der Versuche von Fußtritten, die Handschellen um meine Handgelenke zu platzieren. Ich war gefesselt! Ich hatte vor lauter Wut und der Erkenntnis, ihnen ausgeliefert zu sein, Tränen in den Augen. Der Typ ließ mich jetzt los, Piere hielt mir von hinten ein Handy hin, und spielte darauf etwas ab. Ich gab mir Mühe, nicht hinzuschauen, aber was ich hörte, war trotzdem interessant. Jemand mit einer Frauenstimme rief nämlich: "Ich bringe euch um!"

Piere sagte: "Sandra, du solltest dir das wirklich anschauen. Es macht keinen Sinn, dass du jetzt dicht machst." Wieder startete er diesen Film. Ich konnte jetzt nicht anders, ich musste schauen, obwohl ich immer noch furchtbar sauer über diese Freiheitsberaubung war. Was der Film zeigte, war der Hammer! Er startete damit, dass ein blonder Mann in einem Zimmer am Boden lag. Er rührte sich nicht, seine Augen waren offen, neben seinem Kopf war Blut. War er tot? Eine Person kniete neben ihm. Es war Evelyn! Eine jüngere Ausgabe von ihr. Viel hatte sie nicht an. Nur ein BH-Hemdchen, welches ganz blutig war. Sie zog etwas aus dem Hals des liegenden Mannes. Es war ein Messer! Evelyn hatte einen wirren Blick. Sie schaute in Richtung Kamera. Wütend, verzweifelt. "Ich bringe euch um!", schrie sie. "Ich bringe euch alle um!" Man hörte, dass sie nicht ganz nüchtern war, und sie torkelte. Sie ging mit dem Messer einige Schritte Richtung Kamera. Die Kamera schwenkte wild und dann war der Film zu Ende.

Es war ein verstörender Film. Er riss mir regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Es sah so aus, als hätte Evelyn jemanden umgebracht! Das musste der Film sein, den auch Uwe damals gesehen hatte! Wenn ich nicht schon sitzen würde, wäre ich jetzt wohl umgekippt. Ich bekam erst Schnappatmung, ich weiß nicht mehr, wie lange, aber endlich riss ich mich zusammen, und schaffte es, dass meine Atemzüge wieder gleichmäßiger wurden. Fast hätte es in einer Panikattacke geendet. Dann wurde ich apathisch, fiel zusammen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so saß und alles auf mich einwirken ließ. Und noch weniger wusste ich, wie ich damit umgehen sollte. "So, jetzt weißt du's. Der Film wurde mir damals zugespielt. Ich wollte das Projekt nicht, musste das dann aber machen. Und es war total unvernünftig von dir, das jetzt groß in die Öffentlichkeit zu zerren. Der Vorstand hatte mich aufgefordert, dagegen vorzugehen. Und bei Gott, um Evelyn zu schützen, musste ich dem nachkommen. Keine Ahnung, ob sonst jemand den Film erneut benutzen wird."

"Du lebst mit einer Mörderin zusammen! Mörderin und Betrügerin!"

"Das ist ja gar nicht gesagt! Der Film ist vielleicht geschnitten. Und Evelyn bestreitet, den ermordet zu haben. Der Typ, der dort liegt, ist ihr damaliger Freund. Sie war damals total betrunken und hat nur bruchstückhafte Erinnerung daran. Sie erinnert sich an einen Typen, einen Bekannten ihres Freundes, der über sie hergefallen ist. Und die waren zu zweit. Dann kam ihr damaliger Freund und ist dazwischengegangen, dann wurde der von einem von denen erstochen. Dann war sie zusammengebrochen. Sie hat ihn nicht umgebracht. Und das mit Evelyn und Uwe ist aus dem Ruder gelaufen. Sie sollte nur ein Auge auf Uwe haben. Der drohte damals das ganze Projekt zu torpedieren."

Das wurde ja immer besser! Und mir hatte er nichts gesagt! "Was? Du hast Evelyn auf Uwe angesetzt? Und mir spieltest du das Unschuldslamm vor! Ha! Der betrogene Intrigant, der von seiner eigenen Streitmacht hintergangen wurde! Da hätte Shakespeare glatt ein Drama draus machen können!" Der Sarkasmus triefte nur so aus mir heraus. Irgendwie machte jetzt die Sache von damals auch endlich Sinn. Ich erinnerte mich an die SMS, die erste, welche Evelyn an Uwe geschickt hatte. Wie war das noch? 'Hi, hab dich gesehen.' Und Uwe antwortete: 'Wer bist du denn?' Das bedeutete, Uwe hatte ihre Nummer noch gar nicht, woher sollte er die auch haben! Wenn Evelyn die ihm gegeben hätte, wäre sie mit Namen in seinem Telefonbuch gewesen. Und Evelyn hatte die Nummer von ihm auch nicht gehabt, woher auch? Piere war es also gewesen, der sie ihr gegeben hatte! Ich setzte nach: "Von wem ist dir der Film denn zugeschickt worden?"

"Ich weiß es nicht! Es war anonym, über einen gehackten Mailaccount."

"Und wer könnte ein Interesse daran gehabt haben?"

Piere schaute ganz erstaunt. "Ich habe eine Ahnung, wer das sein könnte. Er ist jedenfalls der einzige, bei dem das Sinn macht. Leider hat er die besseren Karten."

"Hat der auch einen Namen?"

"Den kann ich dir nicht sagen. Der würde mich sonst fertigmachen! Er legt großen Wert darauf, immer im Hintergrund zu bleiben."

"Du bist ein Feigling!"

"Und wenn schon. Besser feige sein, als dass Evelyn im Knast landet."

"Es ist kein Kartenspiel! Es ist Schach!" Piere schaute mich wie entgeistert an. "Man muss die besseren Züge machen, um zu gewinnen."

"Ach, und wie willst du das tun? Wäre übrigens keine gute Idee, damit zur Polizei zu gehen. Bei mir werden die nichts finden. Das Ding wird an einem geheimen Ort liegen."

"Warum hast du mir das gezeigt? Willst du, dass ich dir helfe? Dafür ist es zu spät!"

"Ich wollte nur, dass du weißt, warum die Sache damals so gelaufen ist. Vielleicht hast du ja noch eine Idee, um dir selbst zu helfen. Aber ich kann da nichts machen. Ich stecke in der Klemme, genauso wie du."

"Mach mich jetzt bitte los! Und schick mir den Film!"

"Jarass", sagte Piere, der wieder zu mir nach hinten ging, und öffnete die ziemlich fest sitzenden Handschellen. Ich rieb mir die Handgelenke, stieg dann aus. "Wie stellst du dir das vor? Ich kann dir den Film nicht schicken! Dann wäre ich erledigt, und Evelyn gleich mit."

"Dann verpixel halt die Gesichter, und ich schaue mal, was ich herauskriegen kann. Das ist vielleicht die einzige Chance", sagte ich noch. Dann ging ich weiter meinen geplanten Weg, so als ob nichts gewesen wäre. Ich konnte Piere natürlich nicht sagen, dass ich bereits ahnte, wer mich da fertigmachen will. Der Van fuhr an mir vorbei. Woher wussten die, dass ich komme? Da fiel mir ein, dass ich Piere ja mal gesagt hatte, dass ich diesen Weg immer von der S-Bahn gehe. Da er mich gut kannte, hatte er mich trotz meiner Blondierung erkannt. Oder am Gang. War ja auch egal. Sicher hätte ich Piere jetzt anzeigen können, aber ich rechnete mir aus, dass das nichts bringen würde. Er war ja nicht doof. Den Wagen würde er reinigen lassen. Und mir ging es erst einmal genauso wie ihm: Ich wollte Evelyn nicht in die Pfanne hauen. Jedenfalls nicht, bis ich wusste, ob sie den Typen wirklich umgebracht hatte.

Tatsächlich hatte Piere recht. Der Film war vielleicht nur ein Schnipsel. Und jetzt, da ich ihn kannte, machte auch die Aussage von Uwe Sinn: 'Es ist ein Alptraum! Werde ich bald auch ein Messer im Hals haben? Was hab ich mir hier nur eingebrockt!' Jetzt erst konnte ich seine Reaktion nachempfinden. Trotzdem, Uwe hatte mit der herumgemacht! Ein Betrüger war er trotzdem gewesen! Warum hatte Piere mir das gesagt und gezeigt? War es eine Art Hilferuf an mich? Oder schlechtes Gewissen? Ersteres eher nicht. Vermutlich dachte er, dass er da auch mit fremder Hilfe nicht mehr herauskommen würde. Wozu sollte ich das auch tun? Die Freundschaft war vorbei. Es war eher letzteres. Er hatte mir mit seinem Verhalten eine Menge Ärger bereitet. Außerdem wurde mir nun klar, warum er Evelyn nicht fallengelassen hatte. Es ging nicht nur um ihren Sohn Justus. Er hatte ein schlechtes Gewissen, auch ihr gegenüber, weil er dachte, er hätte sie selbst in die Arme von Uwe getrieben. Ja, so etwas in der Art würde es wohl sein. Oder vielleicht sogar beides. Aber nun fokussierte ich mich wieder auf meine Aufgabe.

Ich hatte keine Ahnung, ob noch oder wieder Observierer vor meinem Haus warten würden, schlich daher auf dem mir mittlerweile gut bekannten Weg in mein Haus, stand dabei aber ziemlich neben mir. Immer wieder fuhren die Gedanken Karussell. Neue Herausforderungen. Schon wieder! Irgendwann später piepste mein Handy. Eine Nachricht von einem unbekannten E-Mail-Postfach. Kein Text, nur ein Anhang. Der Film? Ich startete ihn. Es war genau der Film, den ich jetzt kannte. Die Gesichter von Evelyn und von dem offenbar toten Typen waren verpixelt und der Ton war verzerrt. Clever gemacht von Piere. Ich suchte nach einer Idee, was ich wegen des Films machen könnte, fand zunächst aber keine. Dann doch. Jens! Aber das musste ich erst mal vertagen.

-----------------------------------------------------------

Teil 13

Der Flug ins Ungewisse und ein Familientreffen

Erst mal machte ich die Buchungen. Die machte ich per Sofortüberweisung vom Konto mit der Identität meiner Mutter, mit dem ich schon seit Ewigkeiten die Sachen für das Haus bezahlte, wie Steuer, Wasser, Strom, usw. Als Überweiser nahm ich S. Koosen, nach dem Vornamen meiner Mutter, Serafina. Bei den Flugdokumenten und dem Hotel musste ich natürlich meinen echten Namen nehmen und hoffen, dass alles gut geht, also dass er keinen Blick draufwerfen will. Am anderen Tag übersetzte ich wieder etliche Dokumente, nahm einige Diktate auf und schrieb sie ins Spanische. Er hatte wohl wirklich viele Geschäftspartner in Mexiko, Nicaragua, Honduras, Costa Rica und Guatemala. Aber ein Dokument, welches ich ins Englische übersetzte, ging zur Elfenbeinküste. War ich auf der richtigen Fährte?

Nach dem freien Wochenende kam der Montag. Der Tag des Fluges. Im Flieger saßen wir in verschiedenen Sitzreihen. Er war schon viel früher da als ich, und hatte schon eingecheckt. Das ersparte mir, dass er beim Check-in neben mir stand. Ich hatte mir nur wenige Sachen eingepackt. Es sollte ja schon übermorgen abends dortiger Ortszeit zurückgehen. Es ging alles glatt. Nach einem Zwischenstopp in Amsterdam waren wir am späten Nachmittag in Quito angekommen. Mit ein wenig Herzklopfen war ich durch die Passkontrolle gekommen, ohne dass er meinen Namen hörte. Wir nahmen ein Taxi zum Hotel, und checkten dort ein. Ich ließ ihm den Vortritt, indem ich ihn anlog, in der Art, dass ich mal dringend aufs Örtchen musste, und er verabredete sich mit mir eine Stunde später in der Lobby. Ich checkte ein, natürlich mit meinen echten Pass, aber reichte dem Portier einige Dollarscheinchen im Wert von etwa 100 Euro, und schärfte ihm ein, mich immer mit Frau Koosen anzusprechen, dann würde er weitere 100 bekommen. Es funktionierte! Als ich am Empfang auftauchte, rief er: "Mr. Bremer, Miss Koosen ist arrived!" Natürlich war er eher da als ich und wartete schon. Spätestens jetzt würde er kein Misstrauen mehr haben!

Wir aßen im Hotelrestaurant zu Abend, wohin er mich einlud. Wir erzählten Belangloses. Meistens er. Es ging um die allgemeine wirtschaftliche Lage, was sonst. Merkwürdigerweise hielt er sich mit Lob auf mein Aussehen zurück und flirtete nicht mit mir. War mit seiner früheren Sekretärin da mal was aus dem Ruder gelaufen? Ich fragte aber sicherheitshalber nicht nach. Am anderen Morgen, nach wunderbarem Schlaf, fuhren wir erst mit einem Taxi los, welches uns an den Rand der Stadt fuhr. Hier war eine Schokoladenfabrik. Wir wurden zum Chef vorgelassen und begutachteten dann die Produktionsanlagen, was nicht ohne Verkostungen ablief. Meistens waren das verschiedene Verarbeitungsstufen im flüssigen Stadium, aber am Schluss dann auch einige Stücke fertiger Schokolade. Am Schluss war ich schon schokoladensüchtig. Ich musste Übersetzungsdienste leisten. Der Fabrikchef lobte mein tolles Spanisch, was ja viel besser wäre, als das seiner letzten Sekretärin. Und dann waren wir fertig. Wir fuhren zurück. Herr Bremer erzählte mir, dass er von dieser Fabrik verschiedene Premium-Schokoladen bezog.

Dort waren wir im Hotel mit einer Frau verabredet. Wir waren nicht zu spät, aber sie saß bereits im Restaurant und wartete auf uns. Herr Bremer kannte sie schon, begrüßte sie mit Handkuss, stellte mich vor. Sie konnte zumindest einige Brocken Englisch, aber mit meiner Übersetzungshilfe ging es dann flüssiger. Sie stellte sich als die Geschäftspartnerin heraus, welche das Schreiben abgefasst hatte. Ich fand sofort einen Draht zu ihr, da sie so bodenständig wirkte. Schwarze Haare mit grauem Einschlag, vielleicht 50, 60 Jahre alt. Sie war in einem Mischmasch gekleidet, zum Teil traditionell, aber auch ein wenig elegant, so wie viele hiesige Geschäftsfrauen. Ein typischer Hut, wie ihn viele hier in der Gegend trugen, Männer, und auch Frauen. Wir plauderten ein wenig Belangloses, bis wir mit dem Essen fertig waren. Sie fragte mich ein wenig zwischendurch aus, und erzählte mir auch ein wenig. Es stellte sich heraus, sie war die Führerin der hiesigen Kooperative.

Die Verhandlungen begannen anschließend und wogen hin und her. Ich übersetzte. Sie wollte 20 Prozent mehr, er wollte 10 Prozent geben. Nach einer Stunde und viel gegenseitigem Palavern und Jammern hatte er sie auf 17 Prozent heruntergehandelt und sie besiegelten das Ganze. Ich hatte dafür ja ein Schreiben auf Spanisch vorbereitet, in das nur noch die Summe pro Tonne eingetragen werden musste. Der Vertrag war auf vier Jahre angelegt und enthielt eine jährliche automatische Steigerung um 2 Prozent. Beide unterschrieben ihr Exemplar. Sie sah erleichtert aus, er aber auch. Besiegelt wurde das Ganze dann noch mit einem traditionellen alkoholischen Getränk namens Aguardiente, welches so eine Art Zuckerrohrschnaps ist. Es war mittlerweile später Nachmittag. Sie verabschiedete sich, Herr Bremer, der hier schon einmal gewesen war, ging mit mir noch ein wenig herum und zeigte mir einige der hiesigen Sehenswürdigkeiten. Ich fragte ihn: "Warum sind sie denn nicht weiter runtergegangen?"

"Weil das so reicht. Wir hätten sonst hier nur Zeit verschwendet. Ich muss den Preis beim Endprodukt kaum oder nur um ein Prozent anziehen, was im Premiumschokoladenbereich kein Problem ist. Und die Kooperative hier kommt damit auch klar. Ich will die nicht verlieren, habe kein Interesse daran, dass die pleitegehen, dann bricht mir ja ein wichtiger Lieferant weg. Mit dem Ergebnis können wir beide gut leben." Er war jetzt redseliger, anders als heute Vormittag, wo er doch sehr in sich gekehrt war (vermutlich wegen der anstehenden Verhandlungen), und erklärte mir einige der Sachen, welche wir hier sahen. Im Hotel holten wir nur die heute früh geparkten Koffer ab und fuhren gleich zum Flughafen weiter, wo wir noch ein Essen zu uns nahmen. Ich schob Darmprobleme wegen des Essens vor, verschwand erstmal auf die Toilette, und ließ ihn wieder alleine einchecken. Bis hierher hatte alles geklappt und als wir am nächsten Tag ankamen und die Einreisekontrolle war, fiel mein Name auch nicht. Geschafft! Für den nächsten Tag gab er mir frei. Ich orderte Vanessa zu mir ins Hotel, um mit ihr die fertiggestellten Entwürfe zu begutachten.

"Hast du zu Hause einen Wasserrohrbruch?", fragte sie.

"Nein. Mein Haus wird doch beobachtet."

"Ach so, das. Die Typen sind übrigens immer noch da. Jeden Tag gegen drei Uhr geht jemand in die Gaststätte rein, und um sechs wieder weg. Das ist ja deine übliche Feierabendzeit."

"Macht nichts. Ich bin ja nicht da", antwortete ich, und grinste dazu. "Hab sie nämlich abgeschüttelt. Die denken, ich bin in der Schweiz."

"Clever", sagte Vanessa dazu nur.

Vanessa ging dann, nachdem ich ihr versichert hatte, vorsichtig zu sein, und wir mit den Begutachtungen und Korrekturen fertig waren, was einige Stunden dauerte. Am Arbeitstag darauf war nicht so wahnsinnig viel zu tun. Gleich zu Anfang bat er mich erneut in den schon bekannten Raum, aber nicht, um Schach zu spielen. Er drückte an der Wandvertäfelung, die aufging, hantierte an einem Tresor, und nahm von einem Bündel Geldscheinen so etliche Zweihunderter und Hunderter weg, und gab sie mir. Es war der Ausgleich der von mir eingereichten Kontoauszüge für die Buchung von Flug und Hotel. Ich übersetzte danach einige Dokumente. Dann kam er auf mich zu. "Frau Koosen?"

"Ja, was denn?"

"Können sie morgen auch kommen?"

"Klar, dafür bin ich ja da."

"Ich brauche noch was. Erina kocht ja immer, kann aber nicht backen. Ich brauche für morgen eine Torte. Was Fruchtiges, nicht sahnig. Können sie sowas besorgen?"

"Ja, klar. Mögen sie Baiser?"

"Baiser geht. Nur keine Sahne. Die verträgt meine Schwester nicht so gut."

"Ach, bekommen sie Besuch?"

"Ja, sie kommt morgen."

"Ich könnte selber backen. Stachelbeer-Baiser. Wäre das okay?"

"Wie, zu Hause bei sich?" Mist, jetzt hatte ich mich in eine missliche Lage gebracht. Zu Hause ging natürlich nicht.

"Nein, mein Herd ist momentan kaputt. Geht es hier? Was liegt eigentlich an?"

"Meine Schwester und meine Tochter mit ihrem Sohn kommen zu Besuch. Wäre auch nett, wenn sie die beiden vom Flughafen abholen könnten."

"Und wann?"

"Na so etwa gegen Mittag."

"Okay, dann mache ich die Torte, hole die beiden ab, am Schluss noch das Baiser drauf, und dann kann die kurz danach schon gegessen werden."

"Fein. Gehen Sie mal runter zu Erina und klären Sie, ob sie noch was einkaufen muss. Dann können sie für heute Feierabend machen."

"Danke. Bis morgen." Ich ging die Treppe herunter, wo Erina in der Küche schon wirbelte, und besprach mit ihr alles. Die Stachelbeergläser wollte sie noch besorgen, dann fuhr ich zum Hotel. Ich hatte ein wenig Herzklopfen, nicht wegen des Backens, sondern wegen des Besuchs, den er morgen bekommen würde. Wie würden sie wohl auf mich reagieren? Und die Sache mit dem Tresor ging mir im Kopf herum. Wie könnte ich da herankommen? Ob da Unterlagen drin waren, die mir helfen könnten? Dazu musste ich an die Kombination kommen. Einen Schlüssel gab es nicht, das hatte ich schon gesehen. Das war ein Tresor mit Drehknopf. Ich rief Nico an.

"Hi Sandra. Wo brennt's?"

"Ich brauche mal eine Information. Ich will jemanden beobachten, der einen Tresor mit Zahlendrehschloss öffnet. Dort sind Dokumente drin, die ich einsehen will."

Nico lachte. "Und wie viel Geld liegt dort?"

"Keine Ahnung. Da liegt Geld drin, aber das lasse ich liegen. Ich will nur die Dokumente sichten. Wie geht das? Sicher doch mit einer Kamera, oder?"

"Das wäre schon mal ein guter Anfang. Du brauchst eine Minikamera. Möglichst auch mit eigener Stromversorgung. Kann man die da irgendwo verstecken?"

"Weiß nicht. Vielleicht im Kronleuchter. Da sind solche schlanken Lampen drin. Kannst du mir so eine besorgen?"

"Ja. Ich habe so eine Sockel-14-Lampe mit eingebautem Kameraauge. Kommst du vorbei?"

"Geht nicht. Ich werde überwacht."

"Ach so … ja, die Autos, die da hinten standen, habe ich auch schon bemerkt und mich gefragt, was das soll. Momentan sind aber keine da. Wo treffen wir uns?"

"Komm zum Hotel." Ich nannte ihm die Adresse und eine halbe Stunde später schlug Nico bei mir auf. Ich bekam Instruktionen. Zum Kameraleuchtkörper gehörte auch ein Programm zum Steuern. Nico zeigte mir, was ich da machen muss. Die Kamera da drin hatte eine wahnsinnig gute Auflösung und wurde mit einer Handy-App gesteuert. Auch er schärfte mir natürlich ein, vorsichtig zu sein. Nun brauchte ich erst mal eine Gelegenheit, um die Lampe auszutauschen. Die sollte sich gleich am nächsten Tag ergeben. Ich schlug im Haus auf. Erina sagte mir, dass der 'Herr Bremer', wie sie ihn immer nannte, nicht im Haus sei, und sie auch noch mal kurz wegmuss. Ich sollte aber niemanden hereinlassen, falls jemand klingeln sollte. Sie ging dann los, um einen Einkauf zu machen, und ich war allein.

Ich ging sogleich auf die Suche und fand eine kleine Leiter in einer Kammer. Ich nutzte diese, tauschte die Lampe aus. Ein kurzer Test zeigte, dass die Lampe leuchtete. Die wäre sonst zu schnell enttarnt worden. Sie hatte zwar eine leicht andere Färbung als die anderen, das lag aber daran, dass es eine LED-Lampe war. Und die Fassung war etwas länger als bei den anderen, ich hoffte, dass es nicht auffiel. Das lag daran, dass die Kamera ja nicht im Lampenkörper sein konnte, da hätte man ja vor Überstrahlung nichts sehen können, wenn die Lampe an war. Ich brachte die Leiter weg und justierte die Kamera mit der App so, dass sie seitlich auf den Tresor zielte. Die Aufzeichnung würde starten, wenn die Kamera Bewegung wahrnahm. Der Akku reichte laut Nico für zwei Tage ohne Nachladen. Aber da abends das Licht angestellt wurde und eine Baumkrone vor dem Haus reichlich Schatten spendete, wäre auch das gesichert. Ich machte mich an mein Backwerk. Zwischendurch kam Erina wieder. Die fast fertige Torte kam in den Kühlschrank zum Festwerden, aber noch ohne Baiser-Deckschicht.

Ich übersetzte noch etliche Schreiben vom Spanischen ins Deutsche, später kam auch Herr Bremer ins Haus. Er reichte mir einen Autoschlüssel, und einen für die Garagen-Fernbedienung. Diese war neben dem Haus und mündete in eine der wenigen befahrbaren Straßen, die es hier im Treppenviertel gibt. Dazu gab er mir ein Schild mit dem Namen 'Britta', und sagte mir, dass sie mit der Maschine aus London kommen werden. Ich machte mich auf den Weg, nachdem ich noch die Torte aus dem Kühlschrank befördert hatte. Sein Wagen, den ich ja bereits kannte, war ein flüsterleiser Lexus mit Automatikgetriebe. Am Flughafen angekommen, fuhr ich auf den Kurzzeit-Parkplatz und ging ins Ankunftsterminal. Und just in diesem Moment stürmten die ersten angekommenen Passagiere heraus. Ich hielt mein Schild hoch und nach kurzer Zeit kamen eine Frau und ein etwa zehnjähriger Junge auf mich zu.

"Oh, hat mein Vater eine neue Haushälterin?", fragte sie mich.

"Nein, ich bin seine neue Freundin", sagte ich, und grinste dazu. Sie schaute mich dann so merkwürdig an. Fragend. "Sandra Koosen. Ich habe aber geflunkert. Ich bin seine neue Sekretärin, nicht seine Freundin."

"Hätte mich auch gewundert. Er nimmt sonst immer jüngere." Sie streckte mir die Hand hin, und animierte auch ihren Sohn, das zu machen. Sie stellte ihn mir als Edgar vor. "Wann kommt Romy?"

"Oh, noch jemand?", fragte ich.

Sie lachte. Irgendwie war sie mir sympathisch. "Ja, hat er das nicht gesagt? Meine Tante, sie wohnt auf Malle." Wir schauten auf die Anzeigetafel. Dort war die Maschine gerade mit über einer Stunde Verspätung angezeigt.

"Wissen Sie was? Ich fahre sie jetzt zu ihrem Vater und dann fahre ich noch mal hierher. Wie erkenne ich sie denn?"

"Am vermutlich ausgefallensten Outfit von allen Passagieren. Da liegt aber auch noch ein Pappschild für sie in der Garage herum. Mein Vater hat selten Zeit, uns selbst abzuholen. Er dachte ja, wir kommen etwa gleichzeitig, deswegen hat er ihnen wohl keines für meine Tante mitgegeben."

Ich geleitete die beiden dann zum Wagen. Während der Fahrt erfuhr ich einiges aus ihrem Leben. Sie arbeitete in London in einer Werbeagentur und ihr Mann hatte einen Laden für Fahrräder. Eine gute Stunde später war ich wieder am Flughafen. Ich war ein wenig spät, die meisten Passagiere waren wohl schon durch, aber einige Passagiere standen dort noch. Auch eine Frau in einem schwarzen Kleid, welches mit knallig bunten Streifen besetzt war. Niemals würde ich so etwas entwerfen, aber sie trug es. Ich hielt mein Schild in die Höhe, und als sie es sah, kam sie auf mich zu.

"Wo bleiben sie denn? Ich warte hier schon drei Minuten!"

Ich versuchte, die Fassung zu wahren. "Ich habe schon ihre Nichte und deren Sohn zu ihrem Bruder gefahren. Ihr Flieger hatte ja Verspätung und die beiden wollten nicht so lange warten."

"Ach, hat sie Edgar dabei?"

"Das hatte sie."

"Naja, die jungen Leute heutzutage. Alles müssen sie anders machen. Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben." Ich geleitete sie zum Auto, versuchte, sie zu einem Gespräch zu bringen, welches sie dann unterband. "Schauen Sie lieber auf den Verkehr!" Sie war mir total unsympathisch. Als ich sie abgeliefert hatte und sie zur Begrüßung in den Gesellschaftsraum ging, verdrückte ich mich gleich in die Küche, um die Baiserdecke fertigzumachen. Nach dem Flambieren ging ich in den Gesellschaftsraum. Alle saßen um den Tisch und unterhielten sich angeregt.

"Brauchen Sie mich heute noch, Herr Bremer?", fragte ich ihn.

"Kommen Sie, leisten Sie uns Gesellschaft. Meine Tochter, meinen Enkel, und meine Schwester kennen sie ja schon. Das ist meine neue Sekretärin, Frau Koosen." Ich nickte allen zu. "Trinken Sie mit uns Kaffee." Zu den anderen sagte er: "Sie ist ein Multitalent. Sie kann Deutsch, Englisch, Spanisch, Computerisch, und backen kann sie auch."

"Backen?", fragte Romy, reichlich geringschätzig. In dem Moment kam Erina mit der nun aufgeschnittenen Torte herein, und danach brachte sie auch den Kaffee. Der Fokus wanderte von mir weg. Britta nickte mir mit einem Zwischenblick anerkennend zu, während man bei Edgar schon das Wasser im Munde zusammenlaufen sah. Nur Romy verzog keine Miene. Herr Bremer wies mir einen Platz am Rande neben ihnen zu. Erina erkannte wohl, dass ich einen höheren Status als sie besaß, und tat mir auch ein Stück meiner Torte auf, allerdings als Letzte von allen. Das gehörte sich wohl so in dieser feinen Gesellschaft. Mit einem Knicks entfernte sie sich. Dann mampften wir erst einmal. Britta lobte den Geschmack, dann unterhielten sie sich über das Haus von Romy, wie heiß das jetzt wohl wäre und welche Unsummen die Klimaanlage wohl verschluckt, aber auch welche tollen Gewächse da gerade wachsen würden. Wir hatten unser Kuchenstück schon fast alle aufgegessen, Britta, der man ansah, dass sie das öfters machte, nahm noch ein Stück, Edgar auch, als auf einmal die Klingel ertönte.

Keiner machte Anstalten aufzustehen, aber kurz danach öffnete sich die Tür, und jemand in einem Rollstuhl rollte herein. "Na, bin ich mal wieder die Letzte?" Sue, die damals meine junge und unternehmungslustige Zimmergenossin in der Kurzzeitpflege zwischen Krankenhaus und Reha war, griente alle an, dann fiel ihr Blick auf mich und ihr Grienen erstarb. Großes Fragezeichen in ihren Augen. Natürlich hatte sie mich trotz meiner Blondierung und der sonstigen Umgestaltung erkannt.

-----------------------------------------------------------

Teil 14

Aufgeflogen!

Ich erstarrte, und schüttelte, hoffentlich für die anderen kaum wahrnehmbar, leicht meinen Kopf. Meine Pulsfrequenz hatte mittlerweile astronomische Höhen erreicht, und der Atem stockte mir. Es war, als würde mich ein stählerner Panzer am Atmen hindern. Jeden Moment würde ich auffliegen! Aber ich hatte Glück, und Sue begriff schnell.

"Oh, ne Neue?" Gegenseitige Blicke flogen hin und her. Ihre spöttisch, meine sicherlich ängstlich.

"Sue, schön dass du dich doch umentschieden hast. Das ist meine neue Sekretärin, Sandra Koosen. Sie kann nahezu alles", sagte Herr Bremer. Und zu mir: "Das ist meine jüngste Tochter Sue. Sie ist die Halbschwester von Britta."

"Passen Sie bloß auf meinen alten Herrn auf. Der ist nämlich ein Casanova", sagte Sue zu mir. Dabei betonte sie das Casanova so, dass ich merken müsste, dass es mir galt, und zwar meinem Namen. Aber die anderen bemerkten nichts. Bei einem vor nicht allzu langer Zeit geführten Telefonat hatte ich Sue die Sache mit der italienischen Übersetzung meines Namens erzählt, was bei Sue zu einer Lachsalve geführt hatte.

Ein klein wenig der Last fiel von mir ab. Aber noch war die Sache nicht durch. Oder? "Hab schon gehört, dass ich nicht den üblichen Altersdurchschnitt habe", sagte ich, und versuchte, es normal klingen zu lassen, trotz des Schreckens, der mich gerade ereilt hatte. Erst jetzt wurde mir klar, dass Sue Bremer, natürlich hatte ich damals ihren Familiennamen x-mal in der Pflegeeinrichtung gehört, die Tochter meines vermeintlichen Gegenspielers sein müsste.

"Ist er schon mit ihnen verreist?" Wieder betonte sie ein Wort so merkwürdig, und zwar das 'ihnen'. War ja klar, was sie damit meinte, denn damals hatten wir uns natürlich geduzt. "So sind nämlich zwei Halbschwestern von mir entstanden. Und ich auch, so wie er es mir weismachen will."

"War ich. Mit ihm in Ecuador. Und er hätte keine Chance. Ich bin doch nur Sekretärin!" Sue war jetzt um den Tisch herumgefahren, scheuchte Erina weg, die den Stuhl wegnehmen wollte, damit sie dort heranfahren kann, erhob sich aus ihrem Rollstuhl, und schaffte es mühselig, sich auf den Stuhl zu setzen.

Ich schaute ihr anerkennend zu. Sie hatte also Fortschritte gemacht. Als ich sie letztens besucht hatte, im Sommer kurz vor der Bergtour, da hatte ihre intensive Bewegungstherapie gerade erst begonnen.

"Du bist mal wieder ganz wie deine Mutter. Immer aufmüpfig. Da sag noch mal einer, dass einen die Gene nicht prägen." Der Satz kam von Romy. Die Eiseskälte hörte man heraus. Sue war aber nicht auf den Kopf gefallen.

"Das merkt man bei meinem Cousin auch. Ist er denn schon wieder draußen?"

"Schon lange! Du bist das beste Beispiel dafür, dass alle materiellen Sachen nichts nützen, wenn man sie nicht nutzt!"

"Und Manuel das beste Beispiel dafür, wie es einen Charakter verdirbt, wenn man alles hat."

"Leute, vertragt euch!". Herr Bremer sprach ein Machtwort. Er schmiss giftige Blicke gegen seine Schwester und etwas weniger giftige, eher bettelnde Blicke gegen Sue.

"Krieg ich auch noch eines?", fragte Sue jetzt, und deutete auf die Torte. Herr Bremer griff schon nach der Klingel vor ihm, aber ich war schneller und tat Sue einfach ein Stück auf den Teller. "Lassen Sie es sich schmecken", sagte ich. "Ist selbstgemacht."

"Sowas können sie? Versteckte Talente, oder?" Das war wohl wieder ein Seitenhieb gegen meine für sie überraschende Anwesenheit hier.

"Schachspielen kann sie übrigens auch", sagte Herr Bremer.

"In welchem Zug hast du sie Schachmatt gesetzt?", fragte Sue ihn erstaunt.

"Gar nicht. Sie mich!"

"Ach, hast du sie gewinnen lassen?"

"Sue, du kennst mich doch!"

"Wow, jemand hat dich beim Schachspiel geschlagen! Ich hab das nur ein oder zwei Mal geschafft, und da war er von der Rolle, da … ach, lassen wir das."

Sue verspachtelte nun ihr Tortenstück, während ich überlegte, aus der Sache herauszukommen, ohne dass ich aufflog und Sue mich verriet. Aber noch machte sie keine Anstalten, außer mich mehrmals kurz fragend anzuschauen. Ich schüttelte nur immer ganz leicht den Kopf. "Lecker, sie kann was", sagte sie nach den ersten zwei Bissen. Die anderen unterhielten sich über die internationale Schule von Edgar und seine Fortschritte dort, dann über Brittas Mann und sein Geschäft mit den vielen neuen Möglichkeiten durch die E-Bikes, und ich beobachtete einfach nur. Ich war ja kein Familienmitglied, sondern nur geduldeter Gast. Am liebsten hätte ich jetzt gehen wollen, konnte aber nicht, da ich mir nicht sicher war, was Sue machen würde. Sie war jetzt mit dem Kuchen fertig und schaute mich verschmitzt an. So wie damals vor dem ersten Rollstuhl-Wettkampf. "Kommen Sie, eine Partie", sagte sie, deutete auf das Schachtischchen in der Ecke, und hievte sich umständlich in ihren Rollstuhl zurück, fuhr zum Schachtisch.

Ich ging hin, nahm den Stuhl auf ihrer Seite weg, und stellte die Figuren auf. Sie fuhr heran und schaute mich grinsend an. "Ich bin die Unschuld, ich nehme Weiß", sagte Sue. Die anderen beachteten uns kaum noch. Nur Edgar warf ab und an einen Blick zu uns. Wir setzten die ersten Figuren der Eröffnung, dann zischte Sue: "Was machst du hier?"

"Private Ermittlungen! Jemand verklagt mich, und ich muss herausbekommen, was da Sache ist."

"Ermittlungen? Gegen meinen alten Herrn?"

"Ich weiß es noch nicht. Vermutlich ja! Schlimm?"

"Das hat er schon lange verdient, dass ihm einer mal die Grenzen zeigt. Ich hasse dieses elitäre Gehabe."

"Ich auch! War er damals der Grund für deinen Unfall?"

"Sozusagen ja. Er war der Auslöser. Hast du schon was erreicht?"

"Leider noch nicht."

"Und er hat das nicht gemerkt? Das mit dir?"

"Ich hoffe nicht. Hab ja meinen Mädchennamen genommen."

"Ich wünschte, ich könnte das."

"Wieso geht das nicht?"

"Meine Mutter ist damals angeblich abgehauen. Den Namen hat er mir nie genannt. Die alte Schreckschraube auch nicht."

"Deine Tante, meinst du?" Sue nickte. "Ich denke, deine Mutter war seine Sekretärin? Da muss es doch Unterlagen geben!"

"Hab leider selber nichts gefunden. Das, was er mir gesagt hat, hat mich nicht zufriedengestellt. Es klang wie eine Lüge. Außerdem meint meine liebe Tante immer, sie wäre eine Prostituierte gewesen."

"Glaubst du das?"

"Nö. Und selbst wenn!"

"Hör mal, das kann doch gar nicht sein. Jeder muss doch Unterlagen über seine Herkunft haben. Was ist mit der Geburtsurkunde?"

"Die hab ich auch mittlerweile. Aber die hilft mir nicht weiter."

"Wieso?"

"Bei Mutter steht dort: Unbekannt."

"Kann doch gar nicht sein. Jeder Mensch hat doch eine Mutter."

"Ich offenbar nicht. Jedenfalls steht das so da. Ich hab mich auch schon erkundigt. Geboren bin ich in Lyon. Also, in Frankreich gab es damals schon die Möglichkeit einer anonymen Geburt. Ich weiß nicht, ob es bei mir so war, aber dort im Archiv sind meine originalen Unterlagen irgendwie weggekommen, eine Seite des Geburtsregisters fehlte, der Beamte hat das dann einfach so gemacht, da mein Vater ja schon bekannt war."

"Ist er wirklich dein Vater?"

"Ich habe selbst einen Gentest gemacht. Er ist es wirklich."

"Aber er muss es dir doch sagen können!"

"Sagst du so einfach! Er hat dem Typen ja einen Namen genannt, aber der war falsch. Die Person gab es nicht. Also hat er es so eingetragen, mit Mutter unbekannt. Hat es so eintragen müssen."

"Also ich hätte da längst rebelliert!"

"Hab ich doch auch! Wir hatten danach einen furchtbaren Streit. Am Ende hat er dann gesagt, ich sollte froh sein, dass ich meine Mutter nicht kenne. Also war klar, er kennt sie, und hat alles manipuliert, damit ich nicht dahinterkomme. Das kann er. Und da er Geld wie Heu hat, kommt er immer damit durch. Ich hasse ihn!"

"Und warum bist du dann doch hierher gekommen?"

"Wegen meiner Halbschwester Britta. Sie ist meine große Schwester. Ich bin zusammen mit ihr aufgewachsen. Ich wollte sie unbedingt wiedersehen."

"Und nach diesem Streit hattest du daraufhin den Unfall, oder?"

"Ja." Sue schlug kurz die Augen nieder und seufzte. "Ich war so wütend, und fühlte mich betrogen und nicht ernst genommen. Ich war wie von Sinnen. Ich habe einfach den Schlüssel seines Benz genommen, der zwei Straßen weiter steht, bin abgehauen, und mit dem davongedüst. Mit viel Vollgasanteil. Weit bin ich nicht gekommen. Schon nach der dritten Kurve ist es passiert. Ich bin froh, dass es dabei keinen anderen erwischt hat. Mittlerweile habe ich es bereut, aber in diesem Moment war es mir egal. Ich wollte sterben."

"Und heute nicht mehr?"

"Nein. Vielleicht lerne ich meine Mutter ja doch noch kennen."

"Und wenn es wirklich eine Prostituierte ist?"

"Dann wäre es mir auch egal. Mutter ist Mutter."

"Und im Tresor? Hast du da mal gesucht?"

"Du weißt von dem? Den hütet er mit Argusaugen. Mir ist es nicht gelungen."

"Schade."

"Schach!" Ich setzte meinen Springer vor ihre Dame, gedeckt von einem Bauern. Es half für den Moment, die Sache kostete mich trotzdem im Endeffekt einen Läufer, beim Gegenschlag gewann ich aber nur einen Bauern von ihr. "Und was macht er mit dir? Hat er was gegen dich in der Hand?"

"Er will mich verklagen, weil ich eine Kakaobohnenschweinerei, welche er durch Einschalten der Firma meines verstorbenen Mannes eingefädelt hat, in die Öffentlichkeit gezerrt habe. Natürlich nicht selber. Er hat die ehemalige Firma meines Mannes als Strohmann benutzt, glaube ich."

"Das sieht ihm ähnlich! Bei sowas kennt er kein Erbarmen. Und, wie geht's weiter?"

"Ich suche Dokumente. Verträge über eine Fabrik in der Elfenbeinküste."

"Viel Erfolg beim Finden. Schach!"

Ich wehrte den Angriff ab, verlor aber einen Turm, und sie nur den Läufer. Lange würde ich nicht mehr durchhalten.

"Wirst du mich verraten?"

Sue schüttelte den Kopf. "Heute nicht. Schach!"

"Hast du keine Angst um deinen alten Herrn?"

"Er wird das schon überleben. Und meine Schreckschraube von Tante kann ich übrigens noch weniger leiden."

"Wegen diesem Manuel?"

"Wegen Manuel, und ihretwegen."

"Und was war mit Manuel?"

"Der kennt einfach keine Grenzen. Er hat mal versucht, mich zu vergewaltigen. Da war ich sechzehn. Seitdem darf er nicht mehr hierherkommen. Wie ich später gehört habe, war ich nicht sein erstes Opfer."

"Ach, sitzt er wegen so etwas ein?"

"Ich hoffe es. Aber du hast ja gehört! Er scheint wieder draußen zu sein."

"Was ist mit deiner dritten Halbschwester? Du hattest da was angedeutet."

"Mariana. Sie hat sich leider das Leben genommen, hat sich vor einen Zug geschmissen. Mein Vater behauptet, und Marianas Mann glaubte das auch, dass es wegen eines Ehestreits war. Aber ich könnte mir vorstellen, dass er Mariana auch irgendwie unter Druck gesetzt hat. Das kann er nämlich gut."

"Du hast also ihren Mann gefragt?"

"Hark? Konnte ich nicht mehr. Kurz nachdem er die Todesnachricht bekommen hatte, nahm er sich auch das Leben. Mit Pistole und Abschiedsbrief. Einem Freund von ihm hatte er das aber erzählt. Klang fast wie eine Erpressung, meinte der."

"Ihr scheint eine gefährliche Familie zu sein. Zumindest gefährdet."

"Das glaube ich mittlerweile auch. Du solltest besser abhauen."

"So schnell gebe ich nicht auf! Also, wenn du mich nicht verrätst, versuche ich auch herauszufinden, wer deine Mutter ist und wie man sie finden kann. Deal?"

"Einverstanden!"

"Das kaputte Schachspiel deines Vaters war auch dein Werk, oder?"

"Ja, das war der erste Teil des Streits. Ich wusste, wie viel ihm das bedeutet hat. Es gehörte seinem Vater, also meinem Opa."

Kurz konnte ich mich noch erfolgreich vor ihrer Übermacht verteidigen, aber auf Dauer half es nichts. Dieses Mal fand ich keine Lücke, und nach etwa 15 Zügen kam dann das Schachmatt. Wir reichten uns die Hände. Ich verabschiedete mich danach von allen, denn Herr Bremer gab mir für den Rest von heute und morgen frei, wollte mich aber übermorgen zu einer Besprechung dabei haben. Ich hatte riesiges Herzklopfen, als ich ankam, aber Sue hatte wohl wirklich nichts verraten. Für Herrn Bremer übersetzte ich bei einer Online-Besprechung mit einem Geschäftspartner in Guatemala, dann bat er mich, noch Begriffe mit spanischer Übersetzung und dazugehörige Zahlen in eine Tabelle einzutragen, die dann an einen Geschäftspartner verschickt werden musste. Es war derartig viel, dass ich glatt zwei Stunden gebraucht hatte.

Mehrmals war er aus dem Büro gegangen, was mir die Chance gab, die Spionagekamera-Filmschnipsel herunterzuladen. Es gab dann noch eine weitere Besprechung, und ein paar Dokumentenübersetzungen, dann konnte ich Feierabend machen. Im Hotel angekommen, sah ich die Filmschnipsel durch. Es waren drei. Bei zwei der Filmchen war er nur vorbeigegangen, beim dritten hatte er aber den Tresor geöffnet, einige Geldscheine entnommen, und den Tresor wieder geschlossen. Ich schaute mir x-mal seine Handhabung an. Dann hatte ich eine Ahnung, welche Zahlen es sein könnten. Aber bei der Kameraposition hatte man ja nur die Kombination von der Seite aus gesehen. Es gibt da ja einen perspektivischen Versatz. Trotzdem würde es nicht besser werden.

-----------------------------------------------------------

Teil 15

Die Schatzkiste

Jetzt fehlte noch die passende Gelegenheit. Am Montag nach dem nächsten Wochenende, also eine Woche später, war es soweit. Herr Bremer wollte in irgendeinen Club gehen und Erina wollte einkaufen, während ich etwas zu übersetzen hatte. Freie Bahn! Ich zog mir Latexhandschuhe über, ich wollte ja keine Spuren hinterlassen, ging in den Raum, legte den Tresor frei. Aber wie sollte ich die richtigen Zahlen erwischen? Da kam ich auf die Idee, mit Probieren die geheime Kamera zu nutzen, um die korrekte Stellung an der Markierung zu erwischen. Ich bekam heraus, dass ich immer von der Ziffer 2 subtrahieren müsste. Dann stand der Drehknopf genauso wie auf dem Bild. Mit riesigem Herzklopfen stellte ich die Kombination ein, drückte den Öffner, und er ging – nicht auf. Mist! Ich probierte es noch einmal und stellte dabei fest, dass ich mich bei einer der Zahlen einfach verrechnet haben musste. Ich drückte – und er ging auf. Alle Unterlagen lagen vor mir!

Der Tresor hatte drei Fächer. Unten, im größten Fach, lagen Unterlagen. Die Unterlagen verfrachtete ich auf den Tisch, und schaute schnell alles durch. Interessant war gleich die erste Mappe oben. Dünn, unscheinbar. Nur zwei Seiten. Es waren Ausdrucke meiner Webseite. Darauf war ein Klebezettel. Mit Kugelschreiber geschrieben stand dort: 'Stoppen! -> Anwalt'. Ich zückte mein Handy und fotografierte das Corpus Delikti. Die anderen waren größtenteils Mappen mit Verträgen. Meistens in Mittelamerika, aber auch einen von Venezuela, einen von Brasilien, von Ecuador, einen von Ghana, und zwei von der Elfenbeinküste. Ich versuchte da einzusteigen, aber es war mir schnell klar, das schaffte ich nicht. Ich beschloss daher, nur den Inhalt beider Elfenbeinküste-Mappen zu kopieren. Dafür brauchte ich eine halbe Stunde, legte dann alles wieder zurück. Außerdem gab es eine dicke Mappe mit Abtrennern. Dort waren Unterlagen von Beteiligungen enthalten. Ganz vorne eine zweiseitige Auflistung mit den wichtigsten Daten. Aktiennummer, Anteile, Beginn, Ende. Bei den meisten war kein Ende eingetragen. Der Herr Bremer schien sein Vermögen also gut vermehrt zu haben. Die beiden Seiten fotografierte ich mit dem Handy ab.

Auch im mittleren Fach waren Unterlagen, Mappen. Hier waren vor allem persönliche Unterlagen drin. Alles Originale. Vier Geburtsurkunden. Eine war von ihm, eine von Britta, eine von Mariana, eine von Sue. Die von ihr war in französisch, und dort stand tatsächlich unbekannt bei der Mutter drauf. Zudem gab es eine Hochzeitsurkunde, Datum vor etwa 50 Jahren, mit einer Hertha von Hohenfels, eine Sterbeurkunde von dieser Herta zwei Jahre später - genau am Hochzeitstag, eine Sterbeurkunde von Mariana, dazu alle möglichen Trauerbekundungen, dazu ausgeschnitten die Zeitungsannonce davon vom Hamburger Abendblatt, und einige Fotos von ihr vom Kinderalter bis zum jugendlichen Alter. Es war ein dunkelhaariges Kind, vermutlich also gezeugt mit einer Südländerin, vielleicht sogar einer Spanierin? Von seiner Frau Hertha fehlte ein solches. Er schien also zu seiner Tochter ein ganz anderes Verhältnis gehabt zu haben.

Außerdem gab es noch etliche Schulabschlusszeugnisse von ihm, allzu gut waren die Zeugnisse nicht, dann einen Ausbildungsvertrag mit der Firma Lindt, einige andere Verträge, welche aufzeigten, dass er dort schnell Karriere gemacht hatte. Da war er noch nicht verheiratet. Zudem gab es einen Wehrdienstausweis. Das war alles sicher interessant, aber für mein Problem nicht von Belang. Dann gab es einige Mappen mit Bankunterlagen. Zwei davon waren von Schweizer Banken. Nummernkonten? Ich fotografierte diese mit dem Handy. Lose lagen dort auch noch einige Kontoauszüge herum. Die waren uralt. Warum hatte er die aufgehoben? Ich fotografierte auch diese.

Dann gab es dort noch fünf dünne Klemm-Mappen. Es waren Dossiers. Vier zeigten irgendwelche Leute, die ich nicht kannte, zwei waren Afrikaner, zwei Lateinamerikaner, es war vermerkt, mit welchen Kreisen sie verkehrten, welche Position sie innehatten. Dazu einige Ausdrucke kompromittierender Fotos mit Playgirls. Beim letzten im Bunde merkte ich auf. Es war mein wohlbekannter Xanadu-Geschäftsführer Marco. Bei ihm waren die Playgirls natürlich Playboys. Ich fotografierte den spärlichen Inhalt dieser Mappen schnell mit dem Handy. Außerdem auch die Geburtsurkunde von Sue. Des Weiteren lagen dort mehrere deutsche Pässe von Bremer, ein echter, und zwei mit anderem Namen, aber seinem Bild, also gefälschte. Zusätzlich zwei weitere mit seinem Namen, vermutlich also echte, nämlich einen argentinischen und einen für Großbritannien. Dann lag noch ein weiterer Pass da. Er zeigte einen jungen Mann mit Namen Manuel Herreros aus Peru. Alle Pässe waren leer, bis auf seinen echten, deutschen Pass, in dem doch eine ganze Menge Visumsstempel drin waren. Ich fotografierte alle mit meinem Handy.

Im obersten Fach des Tresors lag ein Geldscheinstapel, den legte ich erst mal beiseite. Ganz hinten in einer Ecke lagen mehrere Uralt-Handys, solche Nokia-Teile. Daneben eine Pistole, zwei Magazine und eine Packung mit Munition. Einen Waffenschein hatte ich nicht gesehen. Vermutlich war die also illegal. Gleich daneben einige Goldbarren in verschiedenen Größen, von groß bis klein. Ich hob einen von denen an. Verdammt schwer. Dann gab es ein kleines Kästchen mit Hakenverschluss. Ich öffnete dieses Kästchen. Obenauf ein gefalteter, dünner Zettel. In Englisch stand 'Zertifikat' und in kleiner Schrift mehr dazu. Innen lagen lauter Glitzersterne. Diamanten? Ich schloss das Kästchen nach dem Foto wieder und legte es zurück. Davor lagen zwei verschiedenartige Schlüssel mit einem Anhänger. Darauf war jeweils eine eingestanzte Nummer. Vermutlich Schlüssel für Schließfächer.

Ganz einsam, verloren und gelangweilt lag auch noch ein USB-Stick herum, und niemand wollte mit ihm spielen. Ich auch nicht. Ich wollte ihn haben. Aber einfach so mitnehmen konnte ich den natürlich nicht. Ich steckte ihn an den PC. Er wurde ganz normal als Laufwerk angemeldet, man konnte es öffnen, war also nicht verschlüsselt. Vermutlich würde ich deshalb nichts Belastendes darauf finden. Oder doch? Was wäre, wenn …? Könnte hier der Film drauf sein? Aber wenn man das gemacht hätte, würde man ihn doch hinterher löschen, oder?

Ich rief Nico an. "Na Sandra, welchen PC soll ich für dich hacken?"

"Keinen PC. Einen USB‑Stick. „Also, man kann ihn ganz normal öffnen, aber wenn man auch gelöschten Kram darauf finden will, was muss man machen?"

Nico lachte. "Schweinkram?"

"Sozusagen ja. Aber nicht so etwas, was du denkst."

"Schnüffelst du wieder herum?"

"Natürlich. Kennst mich ja."

"Hast du Adminzugang zum Rechner?"

"Was ist denn Admin? Ach so! Du meinst Administrator! Das steht hier auf einem Zettel."

"Gut. Ich schick dir was aufs Handy. Das sicherst du in Downloads, steckst das Handy an, suchst das Programm, führst es als Administrator aus, installierst und startest es, gibst erst den Stick für die Quelle an, dann den Zielstick. Hast du denn einen? Groß genug?"

Ich schaute nach. Bremers Stick war ein 32 Gigabyte, meiner hatte 64. "Ist groß genug." Mein Handy machte 'Pling'. "Dann leg mal los. Nicht vergessen, am Schluss das Programm wieder zu deinstallieren. Spuren verwischen."

"Mache ich, Nico. Danke." Ich legte auf, schloss mein Handy an den Arbeits-PC an, installierte es von dort, startete es, steckte auch meinen eigenen USB-Stick an, und legte los. Die Zugangsdaten für den Administrator standen auf einem Zettel, der seitlich am Monitor klebte.

Auch die Handys weckten mein Interesse. War eines davon dieses Handy, welches damals der Einbrecher angerufen hatte? Das Starten eines der Handys lieferte mir nur eine PIN-Abfrage. Die kannte ich ja nicht. Ich hatte keinen Plan, wie ich das sonst herausbekommen sollte, brauchte wieder Expertise. Ich rief erneut Nico an. Er ging ran.

"Hey Sandra, hat's geklappt?"

"Ich denke schon, er ist noch am Kopieren. Noch eine kurze Frage: Wenn ich die Nummer eines Handys ermitteln will, aber die PIN nicht kenne, wie geht das?"

"Ruf die Notrufnummer an und dann gleich auflegen, wenn sich jemand meldet", sagte Nico. "Und dann versuche, jemanden vom Notrufdienst kennenzulernen."

"Danke Nico", sagte ich noch, und legte auf. Ich überlegte. Beim allgemeinen Notruf kannte ich keinen. Beim Polizeinotruf könnte ich es über Jens probieren. Ich rief daher die 110 an. Es funktionierte!

"Polizeinotruf Hamburg." Ich legte auf. Dasselbe Spiel machte ich noch mit den anderen vier Handys. Mehr konnte ich mit denen nicht tun, schaltete sie wieder aus, und legte sie zurück.

Das Kopieren war fertig, ich zog beide Sticks ab, deinstallierte das Programm, und legte Bremers Stick wieder zurück. Es war an der Zeit, mein gefährliches Tun hier zu beenden. Ich legte alles zurück, und schloss den Tresor. Ich überlegte schon, ob ich die Kamera wieder entfernen sollte, aber dann ließ ich sie doch noch drin im Kronleuchter. Wer weiß! Ich schnappte mir noch die Leiter und wischte auch dort die Fingerabdrücke weg. Sicher ist sicher.

Später kamen dann beide wieder, erst Erina, dann Herr Bremer. Wir hatten noch eine Konferenz mit meinen Übersetzungsdiensten, dann hatte ich ein ganz langes Dokument zu übersetzen, bei dem es darum ging, in Peru in einem Gebiet ein neues und großes Anbaugebiet zu erschließen, da das alte nicht mehr ergiebig genug war. Da gab es dem Dokument nach allerhand Gegenwind von den Behörden, welche Auflagen erteilten, und Probleme und Risiken einer Renaturierung des alten Anbaugebietes behandelten. Schade, ich hatte gehofft, dort auch Hinweise auf eine Bestechung zu finden, aber es kam nichts darin vor. Herr Bremer schickte mich dann in den Feierabend. Ich war tausend Tode gestorben! Es war ja auch leichtsinnig gewesen! Was wäre, wenn er da eine Kamera gehabt hätte, welche auf den Tresor gerichtet war? Die Dinger waren heutzutage ja so klein, und gut getarnt waren sie meistens auch. Aber Herr Bremer wirkte völlig normal.

Im Hotel angekommen, arbeitete ich alles durch. Die eine Mappe war von einem alten, schon länger existierenden Anbaugebiet, und das andere war ein Projekt von 2018. Es war anstrengend, da ein großer Teil der Unterlagen in Englisch verfasst war. Und es war echt viel! Es gab auch einen Ausdruck einer Karte von Anbaugebieten, Sammelstellen, Verarbeitungszentren, und einer Fabrik. Außerdem Verträge mit diesen Sammelstellen und dem Verarbeitungszentrum über die Konditionen und dem Anspruch auf eine Exklusivlieferung. Dann gab es eine Liste mit Personen. Hinter denen stand jeweils eine Funktion und weitere Informationen wie Adresse und eine Telefonnummer. War das eine Bestechungsliste? Einige von der Liste hatte offenbar wichtige Funktionen inne. Zwei von denen wohnten in der Hauptstadt der Elfenbeinküste. Leider fehlte jeder Hinweis auf Uwe. Dafür war aber die Kopie eines Vertrages von Mattsinvest mit der Fabrik in der Elfenbeinküste vorhanden. Yes! Alle Dokumente hatten also eine lokale Zuordnung zur Elfenbeinküste. Das könnte durchaus die Information sein, die ich gesucht hatte. Denn genau dieses zweite Objekt schien mir das zu sein, welches Uwe bekämpft hatte.

Der Stick enthielt eine Menge Daten, viele Ordner, viele Dokumente, Bilder, einige Audiodateien, Filme, in Ordnern nach dem Jahr sortiert. Ich müsste sie alle einzeln durchsehen. Und jetzt stand ich vor einer Entscheidung. Sollte ich da noch mal hin? Könnte ich noch weiteres entdecken? Ich fand das sehr unwahrscheinlich. Jeden Tag könnte er meine wahre Identität entdecken. Er könnte mich dann umbringen, foltern, was auch immer. Die Dokumentenkopien müssten auch weg, zumindest so, dass sie sicher waren, ich sie aber jederzeit einsehen könnte. Aber ich hatte keine Idee, wohin damit. Mein Entschluss stand fest. Keinen Tag länger! Doch, halt! Ich brauchte eine Legende, und einen Ersatz für mich. Ich grübelte und grübelte.

Dann hatte ich eine Idee. Maria! Ich hatte sie zufällig im Supermarkt kennengelernt, genau an dem Tag, als ich mich dort blondieren ließ und anschließend noch den Einkauf erledigt hatte. Da waren wir mit unseren Einkaufswagen zusammengestoßen, wobei sie einen Fluch auf Spanisch ausgestoßen hatte. Dann war ich mit ihr dort Kaffee trinken gegangen, als ich erfahren hatte, dass sie aus Peru stammt. Dort wird ja auch Spanisch gesprochen. Es tat gut, uns auf diese Weise zu unterhalten. Sowohl mein als auch ihr Spanisch war ein wenig eingerostet. Sie hatte vor, nach längerer Kinderbetreuungsphase wieder zu arbeiten, aber noch nichts gefunden. Früher hatte sie bei einer bekannten Kaffeerösterei im Büro gearbeitet, sagte sie mir. Da ihr Mann fast nur Homeoffice machte, wäre das mit den Zeiten wohl auch kein Problem. Ich zückte mein Handy und suchte ihre Nummer heraus, die ich hatte, da wir uns mal verabreden wollten. "Maria hier!"

"Hallo Maria, hier ist Sandra. Vom Supermarkt letztens, weißt du noch? Zusammenstoß, Kaffee trinken und so?"

"Ach Sandra, schön, dass du dich meldest. Wir wollten dich demnächst zu uns einladen. Aber irgendwie habe ich deine Nummer verbaselt. Manchmal bin ich etwas chaotisch", kam es entschuldigend.

"Kein Problem, hab eh ein neues Handy, allerdings habe ich momentan so viel um die Ohren, und muss in Kürze auch verreisen. Aber ich habe eine Frage: Hast du schon eine Arbeit gefunden?"

"Nein, ich bin noch am Suchen. Ist nicht so einfach, wenn man so lange raus ist."

"Ich hätte da vielleicht was. Momentan arbeite ich bei jemandem, aber da ich das aufgeben muss, brauche ich Ersatz für mich. Es geht meistens um Bürosachen, Übersetzungen, und so weiter. Kannst du denn Englisch?"

"Klar, Englisch kann ich auch."

"Gut, das würde passen: Spanisch, Englisch, und Deutsch. Ich kann natürlich nicht versprechen, dass er dich nimmt, aber …"

"Nee, Sandra, das will ich mir auf jeden Fall ansehen. Wie ist er denn so?"

"Er ist ein älterer Mann, schwerreich, soviel ich weiß, sehr agil, hat alle möglichen Unternehmungen und ein Haus in Blankenese, wo auch das Büro ist. Die Zeiten sind unregelmäßig und manchmal müsstest du auch verreisen, aber ich fand es nicht schlecht. Und er hat ein tadelloses Benehmen."

"Und wieso willst du dann da weg?"

Blitzschnell überlegte ich mir was. "Ich will nach Kolumbien. Ein früherer Bekannter lebt da und ich will ihn bei einem Regenwald-Projekt unterstützen, welches mir sehr am Herzen liegt. Es ist für ein halbes Jahr und man verdient da auch recht gut."

"Klingt nicht schlecht für dich. Und du fragst ihn mal, ja?"

"Ja klar, ich muss da ja eh weg. Wann könntest du denn anfangen?"

"Na, ab sofort. Unverzüglich. Am besten schon heute." Das Wort erinnerte mich ein wenig an den Mauerfall-Satz, der die Rettung für Millionen von Menschen war, und vielleicht war er auch meine Rettung. Wenn das klappte, wäre das ideal. Maria wusste ausreichend wenig von mir, sodass sie sich nicht verplappern konnte. Eigentlich wusste sie nur, dass mein Mann tot war, und dass ich ein Geschäft hatte. Noch nicht mal welches oder welche Art.

"Gut, gleich morgen werde ich fragen. Tschüss, Maria."

"Tschüss Sandra. Und nochmals vielen Dank."

Ich legte auf. Gerade noch rechtzeitig, denn es kam gerade ein Anruf herein. Herr Bremer. "Hallo Frau Koosen, ich hoffe, ich störe nicht. Wäre es denn möglich, dass sie heute noch mal kurz vorbeikommen könnten? Es liegt etwas Dringendes an und ich möchte das am liebsten heute noch erledigt haben. Ich bezahle ihnen auch die Extra-Fahrten."

Wie mechanisch antwortete ich: "Klar geht das. Ich komme gleich." Ich legte auf, und atmete tief aus. Mist, jetzt war ich aufgeflogen! Oder? Was sollte es sonst sein?

-----------------------------------------------------------

Teil 16

Herausgewunden

Ich simste zu Ellen, dass ich zu Herrn Olaf Bremer fahre, und auch wie die Adresse ist, und fuhr mit dem Auto hin, mit einem richtig mulmigen Gefühl. Am liebsten hätte ich mir Mut angetrunken, aber das ging nicht. Ellen antwortete. 'Was ist denn da los? Bist du in Gefahr?'

'Weiß nicht, die Schokoladensache', schrieb ich zurück. 'Habe Unterlagen im Hotel im Brillkamp, und bei meinem Nachbarn Nico sind auch welche', schrieb ich noch hinterher. Dazu hatte ich natürlich in einer Parkbucht gehalten.

'Sandra, mach nicht schon wieder Dummheiten!', schrieb sie noch. Ich ignorierte es. Eine halbe Stunde später war ich da. Mein Magen war ein einziges, riesiges schwarzes Loch. Keine Chance, da wieder herauszukommen. Dennoch schaffte ich es, das Auto unfallfrei in der Nähe zu parken, was hier nicht so einfach war, und ging den letzten Kilometer zu Fuß. Auf dem Weg dorthin starb ich tausend Tode. Endlich stand ich vor der Tür. Man hatte mich wohl schon gesehen, denn Erina öffnete die Tür. "Kommen Sie rein", sagte sie. "Er wartet schon." Ich ging zum Raum. Die Tür war zu. Ich klopfte. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals.

"Herein", rief er, mit fester Stimme. Ich trat ein. Würde er jetzt die Pistole auf mich richten? Er war aber nicht alleine. Ein Mann war bei ihm, relativ dunkle Hautfarbe. Ich sah sofort, dass es ein Lateinamerikaner ist. Gesichtsform, Nase. Ich sah so etwas einfach. Er lächelte mich an. Herr Bremer stand auf. "Frau Koosen. Schön, dass sie noch mal kommen konnten. Das ist Herr Nascimento. Er hat wichtige Informationen für mich, kann aber kein Englisch. Und das mit dem Übersetzer klappt nicht so recht. Ich denke, mit ihnen kriegen wir das besser hin."

"Sicherlich", sagte ich, und spürte regelrecht, wie meine Stimme zitterte, und mein Herzschlag astronomische Höhen erreicht hatte. Aber so langsam entspannte ich mich wieder. Ich war offenbar nicht aufgeflogen, jedenfalls nicht heute. Ich begrüßte Herrn Nascimento und fragte ihn, wie ich helfen könnte. Er legte los und berichtete von einigem Ärger mit den Behörden in Peru, weil die nun bei einer Plantage Auflagen gemacht hatten, für die eine Lösung gefunden werden musste. Er hatte einen Haufen Dokumente dabei, auch etliche Formulare, die ausgefüllt werden müssten. Herr Bremer entschied nach meiner übersetzten Wiedergabe, dass er dazu jemanden vor Ort hinzuziehen muss. Wir starteten also eine Telefonkonferenz, bei der ich übersetzte. Es dauerte echt lange, nämlich zwei Stunden, bis die Marschrichtung klar war.

Wir beendeten die Konferenz. Ich hatte dann noch eine Zusammenfassung als Protokoll zu schreiben, während Herr Bremer die Lösungsansätze zu Papier brachte, die ich dann ebenfalls noch ins Spanische übersetzen musste, während Herr Nascimento mit mehreren Leuten in Peru telefonierte. Es war mittlerweile 21 Uhr. Herr Nascimento telefonierte noch. Seine Stimme hatte den für das Spanische typischen, harten Klang. Endlich war er fertig, ich brachte noch das Ergebnis der Telefonate von Herrn Nascimento zu Papier. Herr Bremer fragte: "Können Sie Herrn Nascimento noch ins Hotel fahren?", fragte er. "Morgen früh müssen wir noch das Formular ausfüllen. So ab zehn dann wieder hier? Und können sie Herrn Nascimento vom Hotel abholen?"

Ich war froh, dass nichts passiert war. "Klar, kein Problem. Ich habe aber ein anderes Problem. Ich kann den Job nicht mehr lange machen, muss für ein halbes Jahr ins Ausland gehen. Ich hätte aber einen Ersatz."

Kurz verschlug es ihm die Sprache. "Gut, bringen Sie ihn mit. Morgen. Geht das?"

"Weiß nicht. Es ist eine Frau. Ich kläre das. Danke, und noch einen schönen Abend." Ich gab Herrn Nascimento ein Zeichen, und er folgte mir. Während des Weges und der Fahrt versuchte er ein wenig, mit mir zu flirten, aber ich war nicht in Stimmung und blockte es ab. Das hätte meine Mission vielleicht in Schwierigkeiten gebracht, das wollte ich vermeiden. Ich setzte ihn beim Hotel ab und fuhr zu meinem Hotel. Dort angekommen, gab ich erst einmal Ellen Bescheid, dass alles gut gelaufen war. Und ich rief Maria an. Sie war hocherfreut und meinte, das könnte sie einrichten. Ich würde sie abholen. Leider war es jetzt so spät, dass ich keine Zeit mehr für die kopierten Dokumente hatte. Das müsste ich morgen machen, wenn genug Zeit dafür ist. Völlig erledigt schmiss ich mich ins Hotelbett und schlief sofort ein.

Am anderen Morgen machte ich mich nach dem Frühstück im Hotel fertig und düste los. Obwohl das Frühstück nicht schlecht war, so langsam reichte es, und ich würde gerne wieder bei mir zu Hause wohnen und essen, nur hatte ich keinen Plan, wie ich das erreichen sollte. Dazu müsste es mir gelingen, die Überwachung zu beenden. Ich holte Maria ab, die ganz aufgeregt war. Sie fragte mich wegen meiner Brille. Ich tischte ihr auf, dass ich eigentlich immer eine brauche, aber in der Öffentlichkeit sonst zu eitel war. Sie fraß es scheinbar.

Dann ging es zum Hotel, wo ich Herrn Nascimento abholte. Da er in den Fond musste, konnte er mich nicht mehr von der Seite anquatschen. Dafür fand Maria gleich einen Draht zu ihm. In den zwanzig Minuten der Fahrt erzählte er ihr davon, wo er wohnt, von seiner Familie, wie sein Lebenslauf war, lobte Herrn Bremer in den höchsten Tönen. Ja, wenn der wüsste! Nett ist der nur, wenn man ihm nicht in die Quere kam, wie ich nun wusste. Nach dem Parken gab es wieder die zehn Minuten Fußweg. Da man da ja keinen Parkplatz nahe bei ihm fand, ging es nicht anders. Er lobte Blankenese, das Bauen am Hang kannte er von La Paz, der Hauptstadt von Bolivien. Ich selbst würde hier in Blankenese nicht so gerne wohnen wollen.

Wieder öffnete Erina und bat uns hinein. Er erwartete uns schon. Ich stellte ihm Maria vor und er erzählte, was sie hier so alles machen müsste. Dann füllten wir mit ihr zusammen die Formulare aus – ich schaute auch noch drüber, fand auch, dass sie es ganz ordentlich gemacht hatte, dann ließ er sie einige Übersetzungen machen, und eine Telefonkonferenz wie gestern, aber viel kürzer, gab es auch noch. Maria hatte sich mit Bravour geschlagen. Herr Nascimento, der mit Vornamen Carlos hieß, hatte in dieser Zeit mit jemand anderem auf Spanisch telefoniert, und gab den Inhalt wieder, wobei Maria übersetzte. "Und, wie war sie?", fragte er mich. "Es war alles super", sagte ich, und Maria strahlte erst mich, dann ihn an. "Hat ihnen Frau Koosen schon gesagt, wie das hier so läuft?"

"Ja, hat sie."

"Und, das geht für sie? Haben sie Kinder?"

"Um mein Kind kümmert sich dann mein Mann, wenn ich für sie arbeite. Er macht Homeoffice und hat freie Zeiteinteilung."

"Gut. Reichen 25 pro Stunde?"

Maria kamen fast die Augen raus. "Geht klar, damit komme ich aus." Vermutlich hatte sie mit weniger gerechnet.

"Wieso müssen sie denn auf einmal weg?", fragte er mich. "Hat es ihnen nicht gefallen?"

"Doch, es war klasse, sehr abwechslungsreich. Danke für alles. Aber ein Bekannter hat ein Projekt in Kolumbien. Er hat mich gefragt, ob ich da mitarbeiten kann, und ich fand es gut."

"Bezahlen die denn gut?"

"Ich bekomme da genauso viel wie bei ihnen, habe da aber viel weniger Lebenshaltungskosten. Und da die auch den Flug bezahlen, mache ich insgesamt Plus. Meine Wohnung kann ich in dem halben Jahr an einen Studenten untervermieten, das habe ich schon klar gemacht."

"Verstehe. Was ist das denn für ein Projekt?"

"Das ist ein Projekt zur Wiederaufforstung vom Regenwald. Vorher wurden da illegale Plantagen angelegt, das soll alles zurückgebaut werden. Ich mache da Übersetzungsdienste und halte Kontakt zu den lokalen Behörden. So eine Schweinerei, oder? Plantagen im Regenwald!"

Bei meinen letzten Worten schaute ich ihm aufmerksam ins Gesicht. Es war nichts zu sehen, noch nicht mal ein Zucken der Augenbrauen. Er hatte sich gut im Griff. "Ja, so ein Skandal", sagte er, ließ aber offen, was er davon hielt. "Was ist eigentlich mit ihrer Lohnsteuerkarte? Und ihre Kontonummer habe ich auch noch nicht. Sie bekommen ja noch den Lohn."

"Ähm … ich schicke sie ihnen zu, dann gebe ich ihnen noch die Informationen wegen des Kontos. War noch nicht beim Finanzamt."

"Okay. Dann können sie jetzt Feierabend machen. Alles Gute ihnen, und wenn sie zurück sind und wieder einen Job brauchen …"

"Werde ich an sie denken. Es war echt gut bei ihnen. Vielen Dank." Ich versuchte, ein strahlendes Gesicht aufzusetzen, dann schüttelte ich seine Hand, und verschwand aus dem Haus. Dann erst atmete ich tief durch. Puh, Glück gehabt. Nicht aufgeflogen. Nun blieb nur mein anderes Problem. Ich müsste die Dateien vom Stick und die Dokumente auswerten, könnte aber immer noch nicht nach Hause. Da klingelte das Handy, als ich auf dem Weg zum Auto war. Ich ging ran.

"Frau Neuhaus, hier ist Jens Mehnert, KDD Hamburg. Kann es sein, dass sie in Schwierigkeiten sind?"

"Nein, alles in Ordnung. Wieso?"

"Erinnern Sie sich noch an den Überfall in Ihrem Haus vor ein paar Jahren?"

"Und ob! Die Narbe kann man immer noch sehen."

"Weil die Nummer von diesem Handy wieder aktiv war. Mit der wurde gestern der Polizeinotruf angerufen. Jetzt ist das Handy aber wieder ausgeschaltet."

"Ach, war der Typ selber in Schwierigkeiten?"

"Wieso das denn?"

"Na, weil er den Notruf angerufen hat." Ich konnte ihm ja schlecht sagen, dass ich das war.

"Ach so, nein, der hatte dann gleich wieder aufgelegt. War wohl ein Versehen. Also ist alles in Ordnung bei ihnen?"

"Ja, das heißt nein. Ich habe ja diese merkwürdigen Sachen bemerkt." Ich hatte eine Idee. Vielleicht wäre das die Chance, mich meiner Verfolger zu entledigen. "Vielleicht bin ich ja doch in Gefahr. Bei meinem Haus in der Nähe parken ja immer diese Autos, in denen jemand drin sitzt. Und wenn das wegfährt, kommt sogleich ein neues Auto. So als ob mich jemand beobachtet. Ich hatte dir doch davon erzählt. Und die Typen, die, wenn ich weggehe, mich immer verfolgen. Ich würde schon gerne wollen, dass die jetzt dauerhaft verschwinden."

"Sandra … Frau Neuhaus. Wir sprechen das mal durch. Wo sind sie?"

"Auf dem Weg zu meinem Auto."

"Wann sind sie zu Hause?"

"Weiß nicht. In einer guten Stunde?"

"Gut, ich komme dorthin."

-----------------------------------------------------------

Teil 17

Die Observation hat ein Ende

Ich fuhr zum Hotel, checkte dort aus, nahm alle meine Sachen mit, gab den Leihwagen bei der Autovermietung ab, und fuhr mit dem Öffi nach Hause. Ich sagte kurz Andrea Bescheid, dass ich nun wieder da sein würde, nur seine hochgezogenen Augenbrauen fragten, aber er selbst fragte mich nicht, was ich in der ganzen Zeit gemacht hatte. Später würde ich es ihm erzählen. Oder auch nicht. Wäre wohl besser, wenn er nicht zu viel weiß. Eine halbe Stunde später kam Jens vorbei. Ich öffnete die Tür. Jens blickte mich fragend an, dann fing er an zu lachen. "Hat Ludmilla eine neue Identität?" Da erst fiel es mir auf. Ich hatte immer noch die Brille auf. Die blondierten Haare kannte er aber schon von den Ludmilla-Sessions, nur dass es jetzt meine echten, gefärbten Haare waren. Ich stimmte in sein Lachen mit ein, dann 'entkleidete' ich mich. Natürlich nicht alles, sondern nur die Brille. "Hast du schon wieder eine neue Sache am Laufen?", fragte Jens. Die Frage klang ein wenig ängstlich.

"Sozusagen ja." Ich seufzte. "Jemand will mich verklagen und ich musste ein wenig undercover unterwegs sein."

"Und das haben die Wachhunde da draußen nicht mitbekommen?"

"Ich kenne einen Schleichweg. Momentan stehen die nicht da, hab sie verarscht, die denken, ich bin im Urlaub, aber zur Feierabendzeit sitzen die immer in einer Gaststätte, von der aus sie meinen Laden beobachten können, sagen meine Mitarbeiterinnen."

"Kann ich da bei der Sache irgendwie helfen?", fragte Jens.

"Du kannst mir erstmal bei was anderem helfen. Komm mit." Ich ging geradewegs hoch ins Schlafzimmer. Es war schon wieder viel zu lange her, dass ich Sex gehabt hatte. Die Sache hatte mir einfach jede Menge Energie geraubt. Jens folgte mir. Ich stellte die Musikanlage an, startete einen schmissigen Titel, und legte einen hoffentlich sehenswerten Strip vor Jens hin. Im Anschluss strich ich um ihn herum wie eine läufige Katze. Jens wollte natürlich seine Hände benutzen, aber ich wehrte diese anfangs ab. Erst als ich seine Hose öffnete, ließ ich es zu. Ich sah, dass er auch eine längere Enthaltsamkeit hinter sich hatte. In der nächsten Stunde änderte sich das für uns beide. Unsere Stellungsspiele waren nicht besonders gefährlich, aber super schön. Ich hoffte wegen der Anwesenheit von Andrea, dass die Musik unsere nicht gerade leisen Geräusche überdeckt hatte. Und ich stellte fest, dass der Sex mit Jens so langsam immer besser wurde, je öfter wir es miteinander trieben. Woran lag das? Fing ich an, etwas für ihn zu empfinden? Oder war es nur dieses aufeinander-eingespielt-sein?

"Du überraschst mich immer wieder", sagte Jens, während wir uns danach streichelten, und das prickelnde Kribbeln sich dabei über den ganzen Körper verteilte, auch bei Jens, wie er mir dann verriet.

"Ich war von mir selber überrascht. So wird es doch nie langweilig." Wir streichelten uns noch eine Weile weiter, dann noch eine Weile, und dann immer noch weiter. Mega-Streichling. "Und wie geht's jetzt weiter?", fragte ich.

"Wie es mit uns weitergeht? Keine Ahnung! Willst du denn mehr?"

Ja, wollte ich das? Im Augenblick nicht. Ich lachte, und ignorierte die Stoßrichtung der Frage. "Nein, ich wollte wissen, wie es mit der Sache weitergeht. Du hast da sowas angedeutet. Wegen diesem … Stalking. Ich hab jede Menge Fotos von den Wagen und den Typen gemacht. Wenn ich weggehe, folgen die mir immer, positionieren sich in der Gaststätte schräg gegenüber bei meinem Laden, beobachten von dort den Laden, und hängen sich nach meinem Feierabend wieder an mich dran, bis ich zu Hause bin. Und dann setzen sie sich wieder in ihr Auto, bis sie vom nächsten abgelöst werden."

"Und das ist eine schwerwiegende Beeinträchtigung deiner Lebensgestaltung?"

"Ja, ist es. Warum so förmlich?"

"Das ist Vorschrift. Willst du einen Strafantrag stellen?"

"Weiß nicht. Wäre das wichtig? Erstmal würde es mir reichen, wenn das aufhört."

"Also du erfährst nur dann etwas von dem Ergebnis, wenn du das machst. Vielleicht hilft es dir ja bei der Sache. Weißt du denn, wer das durchführt?"

"Ja, das weiß ich. Die Überwachungsfirma heißt No Secret."

"Typischer und passender Name für eine Detektei. Und der Auftraggeber?"

"Das ist die Xanadu Import Export GmbH."

"Woher weißt du das denn alles?"

"Ich bin einem der Typen unbemerkt gefolgt. Und das andere … kein Kommentar."

"Aha." Kein gestrenger Blick von ihm. "Was will denn diese Firma von dir?"

"Keine Ahnung. Ich kenne die Firma gar nicht."

"Nichts? Keine unbezahlten Rechnungen? Kein Auftrag?"

"Nein, gar nichts. Weder privat, noch von meinem Laden her. Die sind ja auch in einem ganz anderen Metier tätig. Lebensmittelhandel."

Sein Gesichtsausdruck fing an zu leuchten. "Dann haben wir sie. Da fehlt ja das berechtigte Interesse. Nur dann darf das eine Detektei machen."

"Und nun?"

"Machst du eine Anzeige."

"Und wie?"

"Wir fahren zu einer Polizeidienststelle und geben dort die Anzeige auf."

"Und was brauche ich dafür?"

"Hast du Aufzeichnungen?"

"Ja, ich habe alles protokolliert. Und ich habe Fotos gemacht. Einen Teil der Fotos haben meine Mitarbeiterinnen gemacht."

"Dann gibst du das Handy der Polizei. Die lesen alles aus und dann …"

Ich unterbrach ihn. "Alles?"

"Ja, alles." Er grinste. "Ach, fragst du wegen der Nacktbilder und der Sexfilmchen?"

Da war er aber bei mir an der falschen Adresse. "Ja, genau, die von dir und mir."

Er schmunzelte. "Na, dann wollen wir die mal nicht in falsche Hände fallen lassen, oder?"

"Was soll ich tun?"

"Du ziehst die einfach auf einen USB Stick rüber und den übergibst du zusammen mit den Informationen."

"Okay. Ich mache das mal, ja?" Ich setzte mich an meinen Laptop und eine Viertelstunde später hatte ich alles zusammen. "So, fertig. Wollen wir los?"

"Ich würde mir gerne noch selbst ein Bild machen. Kommen wir hier ungesehen raus?"

"Ja, über die Gartenseite. Da momentan aber keiner da steht, können wir glaube ich ganz normal vorne raus." Eine halbe Stunde später saßen wir in meiner Polizeiwache, der Polizeistation Poppenbüttel. Ich gab meine Anzeige auf, Jens besprach dann mit dem Beamten die weitere Vorgehensweise. Er hatte dazu natürlich schon eine Idee.

"Wann startest du hier?", fragte er mich.

"Wie, immer?"

"Nein, morgen. Besser übermorgen. Du hast ja angedeutet, dass sie erstmal mitbekommen müssen, dass du wieder da bist."

"Ach so, ja. Ich werde übermorgen um acht Uhr dreißig starten. Willst du dir den Typen gleich schnappen?"

"Nein, ich schaue, was der macht. Zu deinem Feierabend tauche ich wieder auf und kümmere mich um den Rest. Wann machst du denn Schluss?"

"Weiß nicht. Gegen siebzehn Uhr, denke ich."

"Gut, das richte ich ein und rufe dich vorher noch an."

"Danke, Jens. Bis dann!"

"Bis dann. Morgen tust du einfach so, als wäre ich nicht da."

"Schaffe ich. Auch wenn es mir schwerfällt." Ich ließ ein kleines Lächeln folgen und ging dann.

Am anderen Tag lief alles wie am Schnürchen. Die Autos waren ab dann wieder da. Der Typ folgte mir wieder am Tag danach. Ich drehte mich nicht um, wusste ja, dass Jens ihm folgen würde. Als er dann zu meinem Feierabend zugriff, konnte ich es sehen. Er setzte sich in das Auto des Typen, der erschrak sich, Jens zeigte seinen Ausweis, dann gab es eine längere Diskussion, und sie fuhren dann im Auto von Jens davon. Keine Ahnung, was sie dann machten, aber auf einmal waren die Autos am anderen Morgen verschwunden und es kam kein weiteres mehr. Ich war wieder frei, keiner verfolgte mich!

Am darauffolgenden Tag fiel mir ein, dass ich doch noch was von Jens brauchte. Das hatte ich voll vergessen! Ich rief ihn an. "KDD Hamburg, Mehnert!"

"Und hier ist Sandra!"

"Oh, du hast aber schnell neue Sehnsucht nach mir bekommen. Was Berufliches ist es also nicht?"

Ich musste ein paar Sekunden überlegen. Nein, das wäre wohl nicht so gut. "Ich würde sagen, was Halbberufliches. Es muss nämlich unter dem Radar fliegen."

"Oh, du machst es aber spannend. Muss ich raten, worum es geht? Etwa wieder um deine Aufpasser?"

"Nee, die sind ja weg, dank dir."

"Ich bin mit dem Typen zu dessen Firma, habe den Chef mit der Anzeige konfrontiert. Er war total erschrocken und hat mir den Auftraggeber genannt. Es ist die von dir erwähnte Firma. Der Geschäftsführer behauptete Industriespionage von deiner Seite. Belegen konnte er gar nichts. Es gab eine Gefährderansprache, und nun ist es denen allen wohl zu heiß geworden."

"Danke, mein lieber Beschützer."

"Gerne. Also, worum geht es?"

"Nicht am Telefon."

"Na dann muss es sich ja um eine heiße Sache handeln. Steckt da noch mehr hinter deinen Schwierigkeiten?"

"Irgendwie ja, aber wohl nur am Rande. Ich brauche mal jemanden, der sich mit so etwas auskennt."

"Womit auskennt?"

Wieder musste ich kurz überlegen, was ich wie sagen sollte. Aber es machte ja keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden. "Mit Mord. Einem vermeintlichen." Einige Sekunden Stille. "Jens?"

-----------------------------------------------------------

Teil 18

Konfrontation mit Evelyn

"Sandra … also!" Man hörte, dass er Schnappatmung bekommen hatte.

"Keine Angst, ich hab ihn nicht begangen."

"Puh. Und wie soll ich da helfen?"

"Wie kann ich dir ein Video schicken? Das darf aber nicht in eure offiziellen Kanäle fließen. Ich brauche nur eine Einschätzung dazu."

"Dann schreib mal mit." Jens diktierte mir einen ganzen Haufen Buchstaben, die kein sinnvolles Wort in irgendeiner Sprache ergaben. "Schick das dort hin."

"Jetzt?"

"Ja, jetzt!" Ich versuchte es, und erst beim dritten Versuch mit Korrektur klappte es, ohne dass die Mail wegen nicht existierender Empfängeradresse zurückgewiesen wurde. "Da ist ja gar kein Anhang dran", bemerkte Jens.

"Wollte ja nur sichergehen, dass das nicht an den falschen Empfänger geht!" Ich schickte noch eine Mail los, und dieses Mal war das Video als Anhang mit dran.

Jens pfiff durch die Zähne. "Wo hast du das her?"

"Das wurde mir anonym zugespielt."

"Ja, und ich bin der Märchenprinz!"

"Das stimmt aber! Wirklich!"

"Trotzdem weißt du mehr darüber. Wozu dient das Video? Erpressung?"

"Vermutlich schon. Aber ich weiß nicht, wer damit erpresst wird, denn wozu ich das selbst bekommen habe, weiß ich nicht. Ich habe das blöde Gefühl, dass mir irgendwer was damit sagen will, weiß aber nicht, was. Es hat wohl irgendwie mit dem Prozess zu tun, der mir droht. Oder mit Uwe."

"Hmm. Kennst du wen von den Typen? Dein Mann ist es jedenfalls nicht. Der Typ ist blond."

"Wenn ich das wüsste, wäre mir wohler."

"Und was soll ich da jetzt machen?"

"Kennst du jemanden, der das analysieren kann? Also, inoffiziell natürlich."

"Das kann niemand machen, der im Dienst ist. Und sonst … obwohl. Das müsste gehen. Ich lasse mal meine früheren Beziehungen spielen. Wir hatten nicht immer das beste Verhältnis, aber vielleicht hat sich das ja gegeben."

"Gut, danke Jens."

Er zögerte kurz mit seiner Antwort. "Sandra, deine Stimme war viel zu ruhig gewesen. Du weißt mehr, als du mir gesagt hast." Mit diesen Worten beendete er das Gespräch. Und es führte dazu, dass ich mich nun mies fühlte. Ja, er hatte recht. Ich hatte ihn belogen. Musste ihn belügen. Zum Schutz für andere. Und für ihn zum Selbstschutz.

Am anderen Tag machte ich ein wenig Ordnung im Garten, da es ungewöhnlich warm trotz Dezember war, als auf einmal Andrea seinen Kopf aus der Terrassentür steckte. "Besuch für dich", rief er. Etwas in seiner Stimme ließ mich aufmerken. Der Tonfall. Ich machte meine Hände notdürftig sauber und ging ins Haus. Dort wartete im Eingangsbereich jemand. Es war Evelyn. Ich stockte. "Können wir reden?", fragte sie.

Ich seufzte. "Komm rein. Möchtest du einen Kaffee? Oder Wasser?"

"Wasser ist okay." Ich holte eine Karaffe mit frischem Wasser, dazu noch zwei Gläser, und stellte die Sachen auf den Tisch, füllte beide Gläser, und setzte mich ächzend.

"Was führt dich zu mir?", fragte ich Evelyn, so sanft wie möglich.

Evelyn schaute mich traurig an. "Was ist da letztens passiert?", fragte sie.

"Wie, passiert?"

"Na da, zwischen dir und Piere, vor etwa sechs Wochen! Oder waren es acht?"

"Hat er dir das nicht erzählt?"

"Nein, hat er nicht! Ich hab nachgehakt, aber er hat nur … gelogen. Kleine Meinungsverschiedenheit, hatte er gesagt. Aber da war mehr. Seitdem ist er völlig verändert. Immer, wenn ich nachfrage, weicht er aus. Ich hab doch gesehen, dass …" Sie stockte. "Er hat dich angetatscht, und du hast ihm eine Ohrfeige gegeben, oder? Man hat es deutlich gesehen."

In mir begannen die Gedanken zu kreisen. Was könnte ich ihr sagen, ohne irgendeine Sache zu gefährden?

"Die Ohrfeige gab es wirklich, aber angefasst hat er mich nicht. Ich habe herausgefunden, dass er mich hintergangen und benutzt hat. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen."

"Hat es … hat es mit der Sache von damals zu tun?"

"Irgendwie vermutlich ja. Und ich weiß selbst noch nicht, wie das alles zusammenhängt. Hat Piere dich geschickt, um zu erfahren, was ich weiß? Bist du deswegen hier?"

Evelyn bekam große Augen, und in diese ein wenig Pipi. "Nein! Was denkst du von mir?" Ich antwortete darauf nicht. Dann fiel ihr wohl ein, wie kurios das von ihr Gesagte auf mich wirken müsste. "Du hast recht. An deiner Stelle würde ich mir wohl auch nicht mehr vertrauen."

Ich versuchte einen Schuss ins Blaue. Eher einen Schrotschuss. "Was weißt du von einem Messer? Uwe hatte ein Messer erwähnt! Und einen Typen, der selbiges im Hals hatte."

"Hat Piere dir das gesagt? War das Piere?" Sie war jetzt ganz aus dem Häuschen und ihre Stimme klang schrill, fast schon panisch.

"Nein, nicht Piere. Uwe hatte es gesagt. Warte, ich will dir was zeigen." Ich ging ins Schlafzimmer und holte den Laptop. Evelyn saß da wie zur Flucht bereit. Hatte sie gedacht, ich hole eine Waffe? Ich startete den Film und ließ sie das ansehen. Sie schaute ziemlich entsetzt dem Film zu. "Und, kannst du dich erinnern?"

Evelyn schüttelte den Kopf. "Nein. Nur an Uwe selbst."

"Was hat er da für ein Messer erwähnt?"

"Also hat dir Piere doch was gesagt!"

"Nein", log ich. "Uwe hat es doch erwähnt. Und er muss einen Film auf deinem Handy gefunden haben, denn er erwähnte vorher, dass er versuchen will, an dein Handy heranzukommen. Es zeigt offenbar jemanden, der ein Messer im Hals hatte. Was hat es damit auf sich? Du weißt doch mehr! Der Bezugspunkt warst du!"

Jetzt fing Evelyn an zu weinen, eine ganze Weile. Selbst Andrea musste es gehört haben, denn er tauchte auf einmal an seiner Tür auf, schaute nach, ob alles in Ordnung ist, und ich gab ihm ein Zeichen, dass ich alles im Griff habe. Dann, wenig später, schaute sie mich aus ihren verheulten Augen an und hörte mit Heulen auf. Sie fing an, mit weinerlicher Stimme. "Es war vor etwa 8 Jahren. Ich war im Urlaub mit einer Freundin nach Mallorca gereist. Wir wollten Spaß haben, Party machen. Was man so eben macht in dem Alter. Da habe ich jemanden kennengelernt. Einen Schweden. Er hieß Sören. Seinen Nachnamen kenne ich gar nicht. Wir sind durch die Ballermänner gezogen. Die Nacht wurde zum Tage. Es floss immer reichlich Alkohol. An einem dieser Tage, es war der Abend vor unserer Abreise, hatte meine Freundin einen Spanier kennengelernt und ist mit dem losgezogen. Also bin ich mit Sören alleine zu den Partys. Da haben wir zwei Einheimische kennengelernt. Irgendwann war ich wie immer total betrunken. Die anderen aber auch. Wir sind dann irgendwohin gefahren, also einer der beiden Typen aus Mallorca ist gefahren. Zu einem alten Haus. Es war irgendetwas Düsteres. Ein Keller oder so. Und an mehr kann ich mich nicht mehr erinnern. Am anderen Morgen wurde ich wach. Ich lag auf dem Boden. Alle waren weg, und auf dem Boden war jede Menge Blut. Ich hatte nur so ein Hemdchen an, auch blutig. Und unten tat alles weh."

"Du meinst, du bist vergewaltigt worden?"

"Vermutlich. Ich habe es nicht überprüfen lassen. Ich bin da abgehauen, durch den Wald zu einem Gehöft, da hing Wäsche auf einer Leine, da hab ich mir etwas von geklaut, und habe mich per Anhalter bis Palma durchgeschlagen. Und dann bin ich wie geplant nach Hause geflogen. Ich habe keinem was gesagt, bis Piere mir vor einigen Wochen einen Film gezeigt hat."

"Es gibt also doch einen Film, ja? Was zeigt der?"

"Ein Mann liegt auf dem Boden. Er sieht aus wie dieser Sören. Er hat ein Messer im Hals. Ich ziehe es gerade heraus und gehe damit auf den Filmenden zu, drohe dem, ihn umzubringen. Alle umzubringen. Und dann bricht der Film ab. So, nun weißt du's."

"Hast du den Film hier?" Ich hoffte natürlich, ihn noch mal zu sehen.

"Nein, den hat nur Piere." Sie seufzte. "Er hat mich befragt. Na, eher verhört. Aber mehr weiß ich wirklich nicht. Ich war damals betrunken, hatte Filmriss."

"Damals musstest du den Film aber auch gehabt haben. Auf deinem Handy. Sonst hätte Uwe ihn ja nicht gesehen."

"Kann sein. Aber ich weiß ja nicht mehr viel. Je näher die Sachen beim Unfall liegen, desto mehr ist weg. Und mein Handy ist ja auch weg."

"Hast du später noch mal versucht, diesen Sören zu finden? Oder die anderen?"

"Nee, ich war froh, dass ich da irgendwie aus der Sache herausgekommen war. Von den anderen wusste ich noch nicht mal die Namen. Einer hieß Miguel oder so was. Ich hab im Netz nach Vorgängen gesucht, aber da war zu diesem Zeitpunkt nichts in der Art erwähnt. Auch Sören hab ich damit nicht wiedergefunden. Da gibt es ja Tausende. Und dass es davon einen Film gab, wusste ich erst, als Piere mich damit konfrontiert hatte."

"Das hört sich alles sehr merkwürdig an. Warum hat Piere den Film bekommen?"

"Er meint, er wurde erpresst. Um mich nicht Ermittlern auszuliefern, hat er einer Wirtschaftssache zugestimmt, was er erst nicht wollte. Hattet ihr deswegen Zoff?"

"Sozusagen ja. Ich frage mich aber, wer wusste, dass er Piere damit erpressen konnte. Dieser Mister X musste ja irgendwie Wind von der Sache bekommen haben, von der offiziell niemand wusste, und auch die richtigen Zusammenhänge herstellen. Ein unwahrscheinlicher Zufall."

Evelyn seufzte. "Mir wäre wohler, wenn ich das wüsste. Seid ihr jetzt nicht mehr befreundet? Piere und du?"

Jetzt war es an mir, zu seufzen. "Das geht jetzt nicht mehr. Hätte er mir reinen Wein eingeschenkt, wäre das alles nicht passiert. Vielleicht würde Uwe dann sogar noch am Leben sein."

"Wie meinst du das?", fragte Evelyn.

Ich konnte ihr natürlich nicht sagen, dass ich wusste, dass Piere sie damals auf Uwe angesetzt hatte. "Ach, nur so ein Gefühl."

"Das ist noch nicht alles, oder?"

"Piere ist als Chef von Mattsinvest jetzt mein Gegenspieler. Die Firma will gegen mich klagen. Und du bist offenbar deren Trumpfkarte. Ich denke, du verstehst, warum ich dir nicht mehr sagen kann."

Evelyn merkte, das war so etwas wie eine Verabschiedung. "Trotzdem danke." Evelyn stand auf und ging aus dem Haus. Schleichender Gang. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie sich jetzt fühlen musste. Wie voll zwischen allen Stühlen, dann noch die Selbstzweifel, die Schuldgefühle. Trotzdem konnte ich ihr momentan nicht helfen. Wollte ich auch nicht, nach all den Sachen.

Kaum war sie weg, klingelte das Handy. Ich ging ran. "Ja, bitte?"

"Hier ist Jens."

"Oh, mein lieber Jens. Hast du Neuigkeiten? Warum kommst du nicht vorbei?"

"Leider momentan keine Zeit. Ich komme mal gleich zur Sache. Also, ich sollte da ja nachforschen. Ich habe zwei Bekannte von früher gefragt. Ein Forensiker und ein früherer Pathologe. Also, der Typ, der da liegt, ist mit ziemlicher Sicherheit tot. Zumindest hatte er keinen Puls mehr, sonst wäre das Blut da weiter herausgepumpt worden. Seine Größe ist etwa eins neunzig. Vermutlich skandinavischer Haplotyp. Die vermutete Tat wurde von einem Linkshänder ausgeführt, der mindestens 1,80 m groß ist. Zumindest, wenn das Opfer beim Stich stand. Das konnte man anhand der Zigarettenschachtel herausbekommen, die da auf dem Boden lag. Und der Stich wurde mit großer Wucht ausgeführt, also vermutlich von einem Mann. Die Frau da in dem Film war es aber offenbar nicht. Sie hat das Messer zwar mit links herausgezogen, anders wäre es von ihrer Position auch nicht gegangen, hat das dann aber in die rechte Hand genommen. Interessant ist das verwendete Tatwerkzeug. Es ist kein Messer, sondern ein historischer Dolch. Solche Dolche waren etwa im 17. Jahrhundert in Gebrauch. Besonders im Mittelmeerraum, vor allem im spanischen, da, wo es den Einfluss von Mauren gab." Er machte eine Pause. Es gab mir Gelegenheit, über etwas nachzudenken. Evelyn hatte das Glas mit der rechten Hand gegriffen. Ich atmete auf. Sie war also wirklich keine Mörderin. Zumindest nicht die von diesem Typen. Jens setzte nach. "Was weißt du über diese Tat?"

"Nichts. Es spielt vielleicht eine Rolle bei meiner Sache, aber ich habe keine Ahnung, welche. Vielleicht sollte es mich auch nur verunsichern. Die Gestalten dort kenne ich nicht, der Ton ist verzerrt, ich weiß nichts." Ich seufzte, und hoffte, er würde jetzt Ruhe geben.

"Wenn du mehr darüber erfährst, sag Bescheid, ja?"

"Mache ich. Danke, Jens."

"Ja, ich liebe dich auch."

Was war das denn jetzt? Das war gefährlich! Meine Gedanken kreisten wie wild. Es war kein Geständnis, dass er mich liebt. Es war Ironie, Sarkasmus. War ich zu weit gegangen? Gleich würde er auflegen. Das musste ich verhindern! Ihn musste ich unbedingt bei der Stange halten! Er hatte schon so viel für mich getan! "Jens, warte."

"Ja, Sandra?"

Ich seufzte. "Du hast recht. Ich weiß mehr darüber. Ich weiß sogar, wer die Frau mit dem Messer ist. Aber ich weiß jetzt, dass sie ihn nicht umgebracht hat. Ich weiß, wer erpresst wurde, und warum, und vermute sogar, von wem. Er ist ein hohes Tier mit besten Verbindungen in höchste Kreise. Aber ich kann es nicht beweisen. Noch nicht. Wenn ihr da jetzt hineingrätscht, sitze ich in der Falle. Sollte ich dadurch meinen Prozess verlieren, bin ich pleite, dann kannst du mich künftig in der Obdachlosenunterkunft oder am DropInn am Hauptbahnhof besuchen. Deshalb wollte ich dir nichts Genaueres sagen." Das war zwar übertrieben, aber es könnte nicht schaden, wenn ich die Sache ein wenig dramatisiere.

"Gut, Sandra. Ich versuche, meine Beine stillzuhalten. Noch. Vielleicht kannst du mir ja trotzdem noch einen Hinweis geben."

Ich überlegte. Könnte sie das in Schwierigkeiten bringen? Die Polizei auf ihre Spur führen? Eher nicht. Jedenfalls nicht so schnell. "Recherchiere mal nach einem Schweden, der wahrscheinlich Sören heißt und vermisst wird. Und die Sache hat sich vermutlich auf Mallorca abgespielt."

"Danke Sandra. Du bleibst vorsichtig, ja?"

"Klar. Das war so was von Scheiße im Krankenhaus!"

"Siehst du, geht doch." Jens legte auf. Hm, nun hatte ich mich ganz schön aus dem Fenster gelehnt. Aber wenn ich ihn nicht involviert hätte, wüsste ich jetzt nicht, dass Evelyn den Typen wirklich nicht umgebracht hatte. Jens wusste jetzt, worum es bei mir wirklich geht, und würde sicher vorsichtig sein mit seinen Nachforschungen. Und jetzt musste ich mich endlich an die Auswertung der Daten machen. Ich fuhr den Laptop hoch und öffnete die Daten.

-----------------------------------------------------------

Teil 19

Der Gütetermin

Da klingelte schon wieder das Telefon. Ich ging ran. "Ja, bitte?"

"Andre Schünke von der Kanzlei Thiele."

"Ach, Herr Schünke. Gibt's was Neues? Müssen sie auch am Samstag arbeiten?"

"Manchmal ja, da habe ich mehr Ruhe. Also, das haben sie ja nicht so mitbekommen, aber es gab so das eine oder andere juristische Scharmützel, und inzwischen hat uns das Gericht einen Gütetermin vorgeschlagen. Nächste Woche Mittwoch. Geht das für sie?"

Ich überlegte. Ein Termin stand da nicht an. "Ja, das ginge. Um was geht es dabei?"

"Also das Gericht will natürlich versuchen, Arbeit zu sparen, also die beiden Streithähne zum Einlenken zu bewegen, damit es nicht zu einem Prozess kommt. Die Firma, die gegen sie klagen möchte, will wohl ein Exempel statuieren, also hofft, dass der Widerstand gegen sie zusammenbricht. Sie hofft also, dass sie einlenken und die ganze Sache komplett abblasen, also dementieren, und, um Nachahmer abzuschrecken, will sie erreichen, dass sie eine hohe Schadensersatzforderung zahlen müssten. Ich vermute mal, das wollen oder können sie nicht, richtig?"

"Da vermuten Sie ganz richtig. Müssen wir das denn mit dem Gütetermin trotzdem machen?"

"Leider ja."

"Dann würde das also eher so eine Pro-forma-Sache werden, oder?"

"Das sehe ich auch so. Wir werden nicht nachgeben, die vermutlich aber auch nicht."

"Welche Uhrzeit?"

"Um 10 Uhr, Landgericht Sievekingsplatz 1. Ich warte dann draußen auf sie."

"Gut, bis dann." Mist, das war arg kurzfristig. Aber es musste ja sein! Ich machte mich also an die Arbeit, und ging die Unterlagen durch. Das war verdammt schwierig. Es war alles durcheinander. Private Daten, geschäftliche Daten, Zahlungsinfos, Mietverträge – alles wild gemixt, es gab kein System. Das einzige Gemeinsame war die Zeit. Alle Dokumente waren in Jahresordner hineingepackt. Es war vermutlich so, dass immer wieder von Zeit zu Zeit Unterlagen gescannt und digitalisiert worden sind, und das von verschiedenen Personen, selbst innerhalb eines Jahres, wie man anhand des uneinheitlichen Namensschemas sehen konnte. Grausam! Mittendrin bekam ich, was ich schon ewig nicht mehr gehabt hatte, einen Migräneanfall. Ich gab nur Andrea Bescheid und verkroch mich in mein abgedunkeltes Schlafzimmer. Erst am Dienstagmorgen war ich wieder fit. Ich fuhr zum Laden und blieb bis zum späten Feierabend, ging dann früh ins Bett. Morgen musste ich fit sein!

Vor dem Landgericht wartete Andre schon auf mich. Er gab mir die Hand, wir gingen rein, mussten vor dem Gerichtssaal noch kurz warten. Er erkannte mich sofort, da ich mir mein Haar wieder in meiner natürlichen Farbe hatte färben lassen. Dann ging es rein. Ich hatte zwar ein wenig Herzklopfen, andererseits kannte ich so etwas aber schon vom damaligen Prozess gegen das Apothekerehepaar. Es war ein ganz kleiner, fast schon familiärer Saal. Familiär war die Atmosphäre aber nicht, sondern eher frostig. Die Gegenseite war mit einer Anwältin und einem Vertreter der Firma gekommen. Die Anwältin war sehr bissig. Vielleicht war es ja deswegen, weil sie schon lange keinen Mann mehr bekommen hatte. Zumindest sah sie so aus. Der Typ von der Firma, den ich nicht kannte, war einfach sehr undurchsichtig, fast emotionslos. Die Richterin war dagegen ganz in Ordnung. Immer wieder versuchte sie eine Vermittlung.

Immerhin war schon erkennbar, wohin die Gegenseite steuern wollte. Sie zogen die Dokumente in Zweifel, die angeblich erfunden worden waren, nur um der Firma zu schaden, angeblich gäbe es auch gar keine Rechtsverletzungen, das hätten die zahlreichen Zertifizierungen ja ergeben. Andre hielt dagegen, dass das ganze Land ja durch und durch korrupt ist und etliche NGO's schon beim ersten Projekt zahlreiche Verstöße aufgedeckt hatten, die aber nie zu ernsthaften Konsequenzen geführt hatten. Nachdem die Gegenseite selbst auf mehrfache Aufforderungen ablehnend reagiert hatte, richtete die Richterin Fragen an mich, und fragte mich, wie ich zu den Dokumenten gekommen war, die in meiner Puppe steckten. Zwangsweise musste ich nun sehr weit ausholen und es wurde später und später. Man spürte dann, sie wollte zum Ende kommen, merkte dann an, dass die Dokumente doch recht überzeugend wirkten, aber die Gegenseite lenkte einfach nicht ein. Dann forderte sie von denen noch Unterlagen bezüglich der behaupteten Umsatz- und Gewinneinbußen, welche die natürlich nicht liefern konnten.

Dann endlich wurde es der Richterin zu bunt. Sie erklärte die Güteverhandlung als gescheitert, setzte aber noch den Streitwert auf 40 % der geforderten Summe herunter, einfach so pauschal, da die nichts belegen konnten. Es war schon besser als vorher, aber immer noch ganz schön hoch. Die beiden von der Firma zogen ein langes Gesicht, erklärten aber, an der Klage festhalten zu wollen. Dann schloss die Richterin die Verhandlung. Das Ergebnis hatte ich erwartet, trotzdem war ich natürlich genervt. Nun müsste ich mich in die Hand eines Gerichtes begeben und hätte immer noch denkbar schlechte Karten. Wie sollte ich das denn alles beweisen? Andre nahm meine Stimmung wahr. "Geht's einigermaßen?", fragte er mich. Ich nickte. "Kommen Sie, wir gehen noch wohin.“ Haben sie Hunger?"

Ich lächelte gequält. "Appetit habe ich nicht, Hunger schon."

"Gut. Gleich da vorne ist ein trendiges Lokal. Das?"

"Nichts wie hin!" Wir kamen dort hin, das Restaurant hatte keinen erkennbaren regionalen Typ, also von jedem was, aber das war mir im Moment egal. Wir nahmen Platz. Der Kellner brachte uns die Karte und Andre bestellte, ohne mich zu fragen, zwei Doppelte. Er hatte das richtig eingeschätzt, den brauchte ich jetzt. Ich kippte ihn in einem Rutsch herunter und verzog wie üblich das Gesicht. "Sah so aus, als hätte ich es nötig, oder?"

"Ganz bestimmt. Aber ich habe schon schlimmere Gesichter gesehen."

"Was passiert nun?"

Andre griente. "Jetzt bestellen wir", und reichte mir die Karte rüber, fischte für sich selber eine vom Nebentisch. Kluger Mann. Ich wählte etwas mit Frikadelle und Bratkartoffeln, also was richtig Deftiges, und Andre, ich gebe zu, ich weiß es gar nicht mehr. Ich war viel zu sehr deprimiert.

"Lief eher unterdurchschnittlich, oder?", fragte ich ihn.

"Nein, es lief wie erwartet."

"Wie gehen wir weiter vor?"

"Ich gehe weiter vor. Sie nicht."

"Das kommt nicht infrage! Ich kann doch nicht in aller Ruhe abwarten, dass die mich fertigmachen!"

"Und was wollen sie tun?"

"Kommt darauf an. Was ist denn zu tun?"

"Wir müssen beweisen, dass die Dokumente echt sind. Und wir sollten Beweise dafür finden, dass dort tatsächlich diese gravierenden Rechtsverletzungen stattfinden."

"Wie das denn?"

"Wir sollten jemanden finden, der das vor Ort bestätigen kann. Am besten sogar einen Betroffenen."

"Sie meinen, jemanden, der wie ein Sklave dort schuften muss?"

"Das wäre am besten."

"Und wie soll der denn hier aussagen? Der ist doch in Afrika!"

"Der muss dann halt seine Aussage vor einem dortigen Richter machen." Er sah meinen skeptischen Blick. "Ja, ich weiß, damit bringt er sich in Gefahr, aber ich sehe keinen anderen Weg."

"Gut. Ich kümmere mich darum."

"Kennen Sie denn jemanden in Afrika?"

"Nee, aber ich kenne jemanden, der an so einer Sache dran war. Eine Reporterin. Vielleicht kann die mir da was vermitteln."

"Gut. Versuchen Sie ihr Glück. Und ich versuche, die Dokumente zu verifizieren." Er sah meinen fragenden Gesichtsausdruck. "Klären, ob die echt sind. Über Gutachter." Er schaute mich jetzt so merkwürdig an. "Hat ihr Mann das denn tatsächlich aus rein altruistischen Motiven gemacht?", fragte er. "Das wäre sehr ungewöhnlich. Ich meine, so weit zu gehen."

Ich seufzte. "Nicht ganz. Er hat wohl das Menschliche mit dem für ihn Nützlichen verbinden wollen. Mit seiner Geliebten ein neues und leichtes Leben ohne Geldsorgen beginnen. Aber das ging dann schief."

"Verstehe."

"Nein, das verstehen sie nicht. Wenn ich das hier finanziell überstehe, dann erzähle ich ihnen vielleicht die ganze Geschichte mitsamt aller Hintergründe. Aber momentan bin ich einfach nicht in der Stimmung und so viel Zeit habe ich momentan auch nicht." Ein Schmunzeln kam auf sein Gesicht. Nein, nicht dieses vulgäre Schmunzeln, welches schmutzige Sachen vermutet. Es war ein hintergründiges Schmunzeln, scharf zwar, aber mit einem Schuss Empathie. Ich sah mich trotzdem genötigt, es ihm zu erklären. "Wenn ich es ihnen jetzt erzähle, werde ich emotional, fange vielleicht an zu heulen, dann trösten sie mich, und dann lande ich vielleicht doch in ihrem Bett. Ich brauche sie aber als Verteidiger, und zwar zu einhundert Prozent."

Sein Schmunzeln erstarb zu 99 Prozent. "Klar doch, ist auch in meinem Interesse." In deinem beruflichen, aber nicht in deinem privaten, dachte ich. Unser Essen kam und ich schaufelte mechanisch alles in mich hinein. Ich weiß nicht mal mehr, ob es mir geschmeckt hatte. Ich verabschiedete mich von ihm, und fuhr nach Hause, machte mich weiter an die Dateien. So richtig konzentrieren konnte ich mich aber nicht. Am anderen Tag fuhr ich zum Laden. Es war Donnerstag, der Tag, an dem Stine da ist, die junge Frau, welche damals mit einigen Entwürfen ausgeholfen hatte, als ich so lange im Krankenhaus lag. Ich hatte sie weiter beschäftigt, allerdings mit viel weniger Stunden. Als ich gerade im Büro die Schreibsachen machte, klopfte es. "Herein!"

-----------------------------------------------------------

Teil 20

Stines Ideen und der Kontakt mit der Presse

Die Tür öffnete sich und Stine kam herein. Auch bei mir öffnete sich was, und zwar meine Augen. Ich bekam große Augen. Es lag an der Kleidung von Stine. Sie hatte so eine Hotpants an, aber nicht irgendeine. Es war eine Hotpants aus bunter Wolle, wie winzige Kacheln, grobe Maschen, die trotzdem nicht durchsichtig waren. Sah ein wenig nach Lateinamerika-Stil aus. Ihr Oberteil war in der gleichen Art gestaltet. Stine war groß, total schlank, hatte einen tollen Körper, es sah einfach sehr sexy an ihr aus, sie konnte das also auch wirklich tragen, ohne dass es lächerlich wirkte. Bei sich hatte sie einen großen Beutel in ähnlicher Machart, nur nicht so but und mit gröberen Maschen. "Hast du mal Zeit?", fragte sie.

Ich seufzte. "Eigentlich nicht. Aber schieß erst mal los."

"Ich habe eine Idee. Für den Laden. Und das Sortiment."

"Ist das in der Tüte?"

Stine schmunzelte. "In der Tüte, und an mir."

"Zeig mal!"

"Nee, also das kann ich doch nicht ausziehen!"

Das war wohl ein Missverständnis, aber ich griff ihre Steilvorlage auf. "Hast wohl keine Unterwäsche drunter?"

"Doch!" Dann sah sie mein Grienen, begriff, und packte ihre Tüte aus. Wollstrippen mit Gnubbeln erschienen. "Wir haben doch da diese hintere Ecke, die immer so ein wenig verloren wirkt, und wo fast nie ein Kunde zu sehen ist. Ich hatte die Idee, das ein wenig aufzupeppen. Und zwar mit der Kollektion, und diesen Sachen als Deko."

"Ach, es gibt noch mehr davon?"

"Klar doch!" Stine zückte ihr Handy und zeigte mit dem noch mehr von diesen witzigen und sexy aussehenden Sachen. Es waren auch Röcke dabei, und selbst Unterwäsche in Form von Bikinis. Alle in diesem ähnlichen bunten Stil, aber durchaus in Variationen mit dem Muster. "Man könnte die Ecke umbauen und sie 'Heiße Ecke' nennen."

"Das könnte vielleicht Markenrechtsprobleme geben, aber 'Heiße Woll-Ecke' würde wohl gehen."

"Und als Slogan hatte ich mir überlegt: 'Im Großstadtdschungel überleben.' Wegen Partys und so, zu denen man das anziehen kann. Und an den Wänden in diesem Bereich hängen wir diese Blumenstrippen auf." Ich nahm mir einige von denen. Es war nicht nur so ein Knäuel, sondern es waren einige Meter lange Wollstrippen, an denen kunstvoll gefertigte Blätter und Blüten aus Wolle dranhingen. Mein Blick traf sich mit dem von Stine. "Ich stricke für mein Leben gerne. Immer wenn ich mal Zeit hatte, habe ich das angefertigt."

Ich seufzte. "Gut Stine, ich habe ein wenig Angst, dass das vielleicht unsere konservative Kundschaft verschrecken würde, aber wir können es ja mal versuchen. Wie du schon sagtest, ist eh nicht viel los in der Ecke. Was brauchst du denn noch dafür?"

"Wirklich?" Stines Augen fingen an zu glänzen. Aber das hatte sie sich schon lange verdient. In meiner Krankenhauszeit hatte sie wirklich einiges auf die Beine gestellt und sogar einige Stücke entworfen, die sich verkauft hatten. Ich nickte. "Nicht viel. Eigentlich müssen der hintere Tresen und das schmale Regal raus. Die Sachen hänge ich dann als Mobile auf und die Blumenlianen kommen an die Wände."

"Klingt gut. Aber mindestens eine von den Lianen musst du bis zum Schaufenster führen, damit man das auch von draußen sieht. Das Problem ist nur, ich habe momentan privat eine blöde Sache an den Hacken, und kann mich nicht viel darum kümmern. Du müsstest das also zum großen Teil alleine machen. Vielleicht kann dir Sanne dabei ein wenig helfen."

Stine schien hocherfreut. "Danke, Sandra!"

"Hast du eine Kalkulation gemacht, was die Sachen kosten müssten?"

"Ja klar, für jedes Teil. Die liegen je nach Aufwand und Größe so bei 30 bis 120 Euro Materialkosten."

"Dann schlägst du etwa noch mal soviel drauf für deine Arbeit, und vom Gewinn führst du dann zwanzig Prozent an mich ab für Ladenmiete, Personal, und laufende Kosten wie Heizung, der Rest gehört dir. Wenn die Kollektion gut läuft, kann man den Preis ja anziehen. Wir müssen sehen, wie es sich entwickelt. Das sind ja eher Sachen für junge Leute, da kommen nicht so viele."

"Verstehe. Na, vielleicht ändert sich das dann ja."

"Ja, schauen wir mal. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen. Ich spreche nachher noch mit Sanne, wie wir das am besten managen. Sie kommt ja heute erst gegen Mittag. Lass die Sachen so lange hier."

Stine nickte und ging aus dem Büro. Puh, noch eine Sache mehr. Momentan kam alles auf einmal. Ich würde mich nachher mit Stine und Sanne noch zusammensetzen. Ich machte meine Bürosachen fertig und die Besprechung mit den beiden, dann erinnerte ich mich an meine drängenden Probleme, suchte das Kärtchen heraus, und rief an. Eine sehr verschlafene Stimme erklang. "Hello?"

"Guten Tag, Sandra Neuhaus." Einige Sekunden Stille. Vermutlich musste sie erst überlegen, wer ich war. "Ach, Frau Neuhaus! Sie sollten doch die Zeitverschiebung berücksichtigen!"

"Oh, sorry, wie spät ist es denn?"

"Sechs dreißig a.m."

"Oh Mist, sorry. Ich rufe später noch mal an."

"Nein, ist schon gut. Jetzt bin ich ja wach. Sie haben also ein klein wenig herausgefunden. Sonst würden sie ja nicht anrufen. Oder?"

"Wenig ist gut! Ich habe eine ganze Schlangengrube gefunden. Auf einem sehr gut versteckt gewesenen Datenträger waren aufschlussreiche Dokumente und Filme. So ziemlich jeder hatte mich schamlos belogen und ausgenutzt."

"Das ist dem Metier so üblich. Ähm … kann ich denn auch gewisse Dinge erfahren?"

"Ganz die Journalistin, oder?" Ich lachte auf.

"Sorry, ist sozusagen eine Berufskrankheit. Aber ich bin auch so an zwischenmenschlichen Dingen interessiert."

"Ich weiß nicht. Das schauen wir dann. Sie wollten mir ja was vermitteln. Und das machen die sicher nicht ohne Gegenleistung. Wenn die also auf Exklusivität bestehen …"

"Das lassen sie mal meine Sorge sein! Sie haben wohl recht, müssen aber bei den Verhandlungen darauf bestehen, dass ich die Zweitverwertung bekomme. Notfalls drohen sie mit der Konkurrenz."

"Haben sie die an der Hand?"

Sie lachte, hatte wohl meine Skepsis im Tonfall gehört. "Sie sind aber auch mit allen Wassern gewaschen. Nein, aber das wissen die ja nicht. Also, was haben sie?"

"Ein neues Anbaugebiet im Naturschutzgebiet mit Bestechungen, Druck auf Untergebene, Erpressung, Verschleierung."

"Also so das Übliche. Etwa mit dem Bremer?"

"Nein, der wohnt ja in Hamburg. Ach so, ja, der Name. Stimmt. Sie kennen den also?"

"Ja klar. Das ist der, welcher die Strippen zieht, aber im Hintergrund bleibt. Er hat immer die besten Karten und spielt sie zum richtigen Zeitpunkt aus."

"Er hat das Spiel gewechselt. Er spielt Schach."

"Auch nicht anders. Mit Spielfiguren kann er sicher auch umgehen und wird nie auf dem Brett auftauchen."

"Vielleicht verirrt sich aber mal eine mit falscher Farbe bemalte Figur in seine Streitmacht."

"Ach! Sagen Sie bloß …"

"Ich werde nichts verraten. Sie hatten also auch schon einmal gegen ihn gespielt."

"Gegen ihn verloren, wollten sie wohl sagen. Irgendwas hatte der wohl gegen den Redakteur in der Hand, oder gegen den Inhaber. Jedenfalls ist die Sache dann wieder schnell im Sande verlaufen. Was haben sie denn mit ihm zu tun?"

"Er verklagt mich jetzt. Also nicht er direkt, aber eine von seinen Marionetten. Die ehemalige Firma meines verstorbenen Mannes. Er ist da jetzt ja Großaktionär."

"Echt? Da muss ich glatt mal recherchieren. Das sieht ihm ähnlich. Also die Sache müssen sie mir unbedingt mal erzählen. Auch die Sachen, die nicht in die Presse dürfen. Wenn sie wollen." Sie seufzte. "Ich melde mich dann bei Ihnen. Muss mich jetzt fertig machen. Im Laufe des Tages strecke ich mal meine Fühler aus."

"Danke, bis dann." Sie legte auf. Ich fuhr nach Hause und machte den Rest des Tages weiter Recherchen in den Dateien. Bisher ziemlich ergebnislos. Ich hatte mit 2019 angefangen und war beim Anfang von 2020. Aber vielleicht sollte ich eher weiter zurückgehen. Die Sache musste ja eine Vorgeschichte haben. Ich machte nun aber erst einmal mit 2020 weiter, damit ich nicht durcheinanderkomme. Von der stupiden Arbeit wurde ich aber schnell müde und legte mich, was selten vorkam, schon vor zehn ins Bett. Mitten in der Nacht klingelte mein Telefon. Verschlafen schaute ich zur Uhr. Ein Uhr zwanzig. "Ja, bitte?"

"Hier ist Mareike Henning. Guten Abend. Ich hab Neuigkeiten für sie."

"Gut gekontert."

"Hä? Welcher Konter?"

"Es ist gleich halb zwei. Frühmorgens."

"Oh. Nee, sorry, war keine Absicht, ich war nur verpeilt. Also, ich habe eben mit meiner früheren Redakteurin gesprochen. Ziemlich lange sogar." Sie kicherte. "Sie ist interessiert. Sie will die Erstverwertungsrechte, aber sicher werden die auch noch versuchen, Exklusivrechte zu bekommen. Aber sie wissen ja …"

Ja, das wusste ich. Andererseits hatte sie ja nichts, womit sie das verhindern könnte. Aber ich war ihr zu Dank verpflichtet und würde mich an die mündliche Abmachung halten. "Keine Angst, ich bleibe standhaft."

"Gut, danke. Es war ein ziemliches Gezerre mit ihr, deshalb ist es ja so spät geworden. Darf ich ihr ihre Nummer geben? Sie kontaktiert sie dann selber."

"Aber klar doch. Wird wohl sonst zu umständlich. Und keine Angst, sie sind mit im Boot. Aber erst mal muss ich noch Licht in viele Dinge bringen. Der darf vorher nichts merken."

"Ich hoffe, es bringt ihn mal jemand zur Strecke. Oder zumindest an seine Grenzen. Also, nicht in echt natürlich."

"Ich hatte auch nicht vor, ihn zu töten."

"Puh, Glück gehabt", sagte sie. "Dann gute Nacht."

"Gute Nacht."

Am Morgen verschlief ich, was ich aber erst merkte, als mein Telefon klingelte. Die Uhr zeigte 6:12. "Ja, bitte?"

-----------------------------------------------------------

Teil 21

Die letzten Worte des Turmspringers

"Jessica Wolf vom Reportagespiegel. Die Mareike sagte mir, sie hätte da eine Story für mich?"

"Im Prinzip ja, aber das muss erst mal eine Story werden. Momentan sieht es noch nach einem Turmsprung vom 10-Meter-Turm aus. Ohne Wasser drin."

"Oh. Die letzten Worte des Turmspringers: Hui, ist das Wasser heute klar." Es folgte ein kicherndes Lachen, dann sprach sie weiter. "Ausweglosigkeit schreckt mich nicht. Dafür sind wir ja da."

"Darauf hatte ich gehofft. Wollen wir uns treffen?"

"Gerne. Besser aber eher nicht in der Redaktion."

"Befürchten sie einen Maulwurf?"

Kurz war es still im Hörer. "Ja. Ich wollte das daher nicht an die große Glocke hängen."

"Eine Idee?"

"Ich dachte, sie hätten eine. Griechisch, Italienisch, Spanisch?"

"Ich dachte, es geht um Afrika?"

"Nein, Missverständnis, ich meinte die Nationalität der Gaststätte. Den Essenstyp."

"Ach so. Ja, griechisch wäre gut. Das hatte ich lange nicht."

"Dann im Achilles? Heute, dreizehn Uhr? Und bringen Sie bitte ihr Material mit."

"Geht klar, ich komme!" Ich legte auf. Mist, da lohnte es sich nicht, zum Laden zu fahren. Ich sagte also Sanne Bescheid, und schaute mir bis zum Mittag weiter den Ordner des Sticks durch. Dann brach ich auf. Vor dem Lokal warteten zwei Leute. Eine Frau, blond, leicht übergewichtig, aber recht hübsch, wenn nur das beginnende Doppelkinn nicht wäre, und ein Mann, etwa 1,80 groß, lockige schwarze Haare, Schnurrbart, wache Augen, extrem gutaussehend, mit so einem Papageienhemd. Also nicht so das Urlaubsmotiv, sondern bunte Kleckse. Das Problem war: Er wusste, dass er sehr gut aussah, und benahm sich auch so. Das stellte sich aber erst im Laufe des Gespräches heraus. Ich sprach sie an. "Sind Sie vom Reportagespiegel?"

"Genau die sind wir. Und Sie sind Sandra Neuhaus?" Die Frau hatte die Gesprächsführung übernommen.

"Die bin ich. Wollen wir reingehen?" Beide nickten, der Herr stellte sich als Adam Rückert vor, und ging voran. Man merkte, er war es gewohnt, den Anführer zu spielen. Wir Frauen gingen ihm hinterher, was blieb uns auch weiter übrig. Selbstbewusst steuerte er einen freien Tisch in einer ruhigen Nische an, ließ das darauf stehende Kärtchen mit der Reservierung in seiner Hosentasche verschwinden. Die Frau setzte sich, wahrscheinlich kannte sie das von ihm schon, er machte Anstalten, mir meinen Stuhl zurechtstellen zu wollen, aber ich durchkreuzte seinen Plan, und setzte mich blitzschnell ebenfalls hin. Er hob kurz seine Augenbrauen, setzte sich dann aber auch, ein wenig düpiert. Die Frau wollte schon anfangen zu reden, aber ich kam ihr zuvor. "Ich bin ein wenig verwirrt über diese Art des Treffens. Das ist so nicht üblich, oder?"

Die Frau lächelte kurz, dann wurde ihr Gesichtsausdruck wieder ernst. "Reine Vorsichtsmaßnahme. Wir hatten schon mal eine große Sache vorbereitet und dann hatte, wir vermuteten das zumindest, jemand von höherer Stelle eingegriffen."

"Ging es dabei auch um Schokolade?"

"Na ja, zumindest um Kakaobohnen, den Ausgangsstoff. Und bei ihnen ist das also auch so, wenn ich das richtig verstanden habe."

"Genau. Ich habe auch einiges an Material dabei. Ich kann …"

"Vielleicht sollten wir erst einmal das Geschäftliche machen. Ich meine, wenn wir schon …"

"Ach so, ja, das hatte mir ihre Ex-Kollegin bereits angedeutet."

Sie seufzte. "Mareike hat sie also schon gebrieft. Also, wir haben schon mal einen Vertrag aufgesetzt. Alles, was sie noch nicht veröffentlicht haben, muss bei uns landen. Auch die Hintergründe. Einfach alles. Wenn wir die Story gebracht haben, können sie das natürlich auch noch anderen anbieten. Adam!" Er zog aus einer mitgebrachten Tasche jetzt einen Zettelbogen und reichte ihn mir. "Sie können sich den natürlich mit nach Hause nehmen und in Ruhe durchlesen und analysieren. Können sie sich denn erst mal ausweisen? Wir müssen natürlich sicherstellen, dass der Hinweisgeber echt ist. Also Sie." Ich zückte meinen Ausweis, sie schaute kurz darauf.

Ich schnappte mir die Unterlagen. "Ich schaue es gleich durch."

Die beiden warteten in aller Ruhe ab, während ich las. Es waren keine Fallstricke dabei, wie ich sah. Sie behielten sich die Veröffentlichung per Schrift, Bild und Ton vor, hatten aber keine Pflicht dazu. Wenn sie es nicht veröffentlichten, durfte ich es ab Ablauf eines Jahres selbst veröffentlichen, und außerdem, wenn sie es selbst schon veröffentlicht hatten, durfte ich es ebenfalls jemandem zur Veröffentlichung anbieten. Im Gegenzug mussten sie mich mit Informationen versorgen und so weit wie möglich unterstützen. Zudem würde ich im Falle einer Veröffentlichung eine gewisse Aufwandsentschädigung erhalten. Es war jetzt nicht wahnsinnig viel, würde aber helfen. Der Vertrag war von ihrer Seite bereits unterschrieben, einmal vom Chefredakteur, und auch von Jessica Wolf. Ich zögerte noch. "Da ist noch etwas." Ich reichte ihnen das Schreiben von deren Anwaltskanzlei. "Da muss ich natürlich wahrheitsgemäß aussagen, falls es zum Prozess kommt."

Jessica schaute es nur kurz an. "Ach so, ja. Das sagte Mareike ja schon. Dafür haben wir eine Zusatzvereinbarung."

Adam schaltete dieses Mal auch ohne Aufforderung und holte ein weiteres Schreiben hervor. Er reichte es mir und ich schaute es durch. Hiernach wäre ich vom Schweigen laut erstem Vertrag entbunden, musste aber die kompletten Informationen vom Prozess an sie weitergeben. Es schien so weit alles in Ordnung zu sein. Trotzdem musste ich mich rückversichern. "Muss das mal kurz klären", sagte ich.

Ich zückte mein Handy und rief Andre an. Ich hatte auch Glück, dass er nicht gerade im Gerichtssaal war, und sofort ranging. "Kanzlei Thiele, Andre Schünke am Apparat."

"Hier ist Sandra Neuhaus. Ich habe mir in meinem Fall externe Hilfe geholt. Die haben Expertise in der Sache. Natürlich wollen die eine Gegenleistung." Man sah, dass Adam grinste. "Ich schicke Ihnen die Verträge, können Sie mal drübersehen, ob das so in Ordnung ist?"

"Jetzt gleich?"

"Ja, wenn es geht. Ich sitze hier gerade mit denen zusammen."

"Klar, nur zu! Ich rufe dann zurück." Ich legte auf, machte vom ersten Vertrag vier Fotos, also von jeder Seite eines, vom zweiten Zusatzvertrag zwei Fotos, und schickte sie los.

Während ich auf den Rückruf wartete, kam der Kellner, um unsere Bestellung aufzunehmen, schaute uns stirnrunzelnd an, und suchte das Kärtchen. "Komisch. Da war doch ein Reservierungskärtchen drauf!"

"Also hier war nichts", sagte Adam, mit einem Blick, dem man das Lügen nicht ansah. Er war also ein professioneller Lügner. Aufpassen, sagte ich zu mir. Wir tätigten unsere Bestellung und der Kellner zog kopfschüttelnd ab.

Ich fragte die beiden: "Haben sie schon die Sachen von meiner momentan pausierten Webseite?"

"Da ist ja nichts mehr, aber ja, wir haben uns die Daten über eine Wayback-Maschine geholt." Sie deutete meinen fragenden Blick richtig. "Das ist so etwas wie ein Web-Archiv. Das sieht so ganz ähnlich aus wie das, was wir damals recherchiert hatten. Auch da wurden einige Leute geschmiert. Die gehen natürlich jedes Mal anders vor."

"Hier war es wirklich anders. Ich habe mittlerweile erfahren, dass es dazu gekommen war, weil jemand unter Druck gesetzt wurde. Genauer gesagt, er wurde erpresst." Adam pfiff durch die Zähne.

"Können Sie uns mehr dazu sagen, Frau Neuhaus?", fragte Jessica.

"Nein, jedenfalls jetzt noch nicht. Ich würde damit jemanden gefährden. Aus meinem Freundeskreis."

Die beiden warfen sich einen Blick zu. "Weiß noch jemand davon? Ich meine, von all den Sachen?", fragte jetzt Adam, der nun das Gespräch übernahm.

"Nein. Nicht wirklich. Zumindest nicht alles. Den damals gefundenen Stick mit den Originalen habe ich bei jemandem gut verwahrt."

"Zumindest etwas. Aber sie sollten wirklich alle ihre Erkenntnisse verschriftlichen, immer auf dem neuesten Stand halten, und bei jemandem hinterlegen. Zur Sicherheit."

"Ist bei ihnen schon mal was passiert?"

"Ja, in unserer Redaktion wurde eingebrochen und Unterlagen wurden gestohlen. Es ist nichts Schlimmes passiert, aber einer unserer Informanten wurde dann später entlassen. Wir glauben, das hing damit zusammen. Also seien sie wirklich vorsichtig."

"Danke für den Tipp. Werde ich noch machen. Sie haben recht. Nur der Stick alleine ist ein wenig dürftig, das werde ich noch ergänzen. Ich werde meine Vertrauensperson informieren, das Material nicht nur an die Polizei, sondern auch an sie weiterzuleiten, sollte mir wieder was passieren."

"Ach, tat es das schon mal?"

"Ja, jemand ist in mein Haus eingebrochen und hat den Stick gesucht. Er hat ihn aber nicht gefunden. Und ich den Stick erst viel, viel später."

In diesem Moment klingelte mein Handy. Das Display zeigte die Kanzlei an. "Sandra Neuhaus."

"Hier ist Andre Schünke. Also, die Verträge sind so weit okay. Ist nur ein bisschen wenig, was sie dafür kriegen."

"Macht nichts. Mir kommt es darauf an, die Wahrheit ans Licht zu bringen, und nicht darauf, mir eine goldene Nase zu verdienen. Danke, Andre."

"Na dann, Frau Neuhaus. Schönen Tag." Er legte auf. Ich zückte meinen Stift und unterschrieb meine und ihre Exemplare, und reichte deren Exemplare an Adam zurück, der einen kurzen Blick darauf warf und diese wieder einsteckte.

"Gut. Was haben sie dabei?", fragte Jessica.

Ich reichte ihnen die bei Herrn Bremer kopierten Unterlagen über das Projekt hinüber. Außerdem die Schreiben, welche mir die Anwaltskanzlei von denen geschickt hatte. Dann die Fotos von dem Auftrag dieser Xanadu Firma. Wieder pfiff Adam durch die Zähne. "Die haben sich aber ganz schön ins Zeug gelegt. Bei uns sind sie damals subtiler vorgegangen. Hintenrum, oder eher obenrum, über Vorgesetzte."

"Das ging wohl bei mir nicht. Ich habe ja keinen Vorgesetzten und habe auch gleich den direkten Weg genommen."

"Ja, das wird wohl der Grund dafür sein. War das eben ihr Anwalt für diese Sache?"

"Klar, der war das. Es gab schon einen Gütetermin. Der ist gescheitert und die wollen es jetzt also auf einen Prozess ankommen lassen. Das dauert aber noch."

"Wie schätzen sie ihre Chancen ein?"

"Eher nur so mittelmäßig. Die werden wohl alles auffahren, was sie haben und kriegen können. Deswegen habe ich sie ja involviert."

"Und wie wollen sie vorgehen, ihre Karten zu verbessern?", fragte jetzt wieder Jessica.

"Ich brauche Beweise. Am besten wasserdichte. Wenn das stimmt, müsste ja irgendwo diese Plantage sein."

"Wir waren schon da", sagte sie. Und dann: "Adam!"

Adam zückte sein Handy, und spielte was ab. Es lief dort ein Film, man sah Adam von hinten, er stapfte durch lichten Dschungel. Auf einmal tauchten zwei, nein, drei afrikanische Kinder auf. Sie waren ein wenig unterernährt und zwei vielleicht so etwa 10 Jahre alt, einer von denen war größer, vielleicht zwölf. Eine Stimme erklang, in einer afrikanisch anmutenden Sprache. Zwei von den Kindern antworteten nacheinander, der eine auch in dieser afrikanischen Sprache, der andere offenbar in Französisch. Alle drei hatten Macheten in der Hand, und der größte von denen hieb die Machete jetzt auf so ein gelbes Ding, welches wohl die Kakaofrucht ist, und leerte die Frucht dann in so eine Art Blechschüssel aus. Alle drei sahen ziemlich lädiert aus. An den Beinen waren Narben von Verletzungen zu sehen. Mehrmals ging das Frage-Antwort-Spiel weiter. Das eine Kind, das noch nicht geantwortet hatte, drehte sich bei seiner Arbeit um. Auch auf dessen Rücken waren Narben zu sehen. Adam streckte seinen Arm zu diesem Kind hin und zeigte auf es. Der große Junge antwortete. Adam zeigte auf seine Machete und fragte, aber der Junge schüttelte den Kopf. Er sagte etwas. Dann war der Film zu Ende. Ich war ziemlich erschüttert, und vermutlich sah man mir das auch an. Der Film zeigte tatsächlich Kinderarbeit. Es war entsetzlich!

"Nun sehen sie, wie recht sie hatten."

"Wer hat denn da gefilmt?"

"Das war unser Kameramann", sagte Adam. "Ich war mit dem und dem Tontechniker, einem Guide und einem Mann von einer NGO in das Plantagengebiet gefahren und da haben wir gedreht. Wir haben noch viel mehr Material. Es ist vielleicht sinnvoll, wenn sie sich auch das noch ansehen. Es ist alles noch Rohmaterial, soll aber bald in Form einer Doku ins Fernsehen kommen. Da hoffen wir auch noch auf ihr Material, wenn sie da was bekommen sollten. Wir haben eine Kooperation mit einigen Sendern. Die wissen noch nicht genau, was wir haben, wollen das dann aber bringen. Nach dem Motto: Einer wird schon durchkommen. Wir müssen sie auch bitten, zu niemandem etwas darüber zu sagen. Das steht ja auch im Vertrag. Wir müssen die Dokumentation erst fertigstellen, das dauert noch, und wir wollen dabei nicht gestört werden."

"Was ist mit dem einen Jungen passiert? Dem mit den Narben auf dem Rücken? Hat der zu ihrem Guide was gesagt?"

"Ja, hat er." Er zögerte mit der weiteren Antwort. Ich schaute ihn fragend an. "Er hat gesagt, sein Arbeitgeber, den man eher als Sklavenhalter bezeichnen müsste, hatte ihn ausgepeitscht, als er geflohen war und er ihn wieder eingefangen hatte."

"Was? Das wird ja immer schlimmer!"

"Als Reporter muss man einiges aushalten."

"Sie haben ihn doch da herausgeholt, oder?"

"Nein! Das dürfen wir nicht. Wir dürfen da nicht eingreifen. Wir berichten nur."

Ich schüttelte den Kopf. "Was brauche ich, um dort hinzureisen?"

"Was wollen sie denn da?"

"Na, ich will die Kinder dort herausholen und nach Deutschland bringen!"

"Wie soll das denn gehen?"

Jessica mischte sich jetzt ein. "Sie können die doch nicht einfach in einen Flieger setzen und nach Deutschland fliegen lassen. Die haben ja keinen Pass, oft keine Papiere, und ein Visum erst recht nicht. Wenn sie Pech haben, werden sie selbst festgesetzt. Schon da oder spätestens in Deutschland."

"Dann muss es halt anders gehen."

"Und wie? Mann, sie haben keine Ahnung!"

Ich lächelte sie an. "Aber ein Herz. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!"

"Ich kann ihnen den Guide und jemanden von der NGO vermitteln", sagte Adam, und fing sich einen giftigen Blick von Jessica ein. "Aber den Rest müssen sie alles selbst organisieren, und wenn was ist, ich weiß von nichts. Wir wissen von nichts." Den letzten Satz hatte er wohl nur gesagt, um Jessica zu beruhigen.

"Wollen sie sich noch die anderen Filme ansehen? Wir haben einige Gespräche schon übersetzt. Da können sie sich selbst ein besseres Bild machen."

"Klar. Zeigen Sie", sagte ich zu Adam.

"Die habe nur ich", sagte Jessica. "Zu Hause!" In diesem Moment kam unser Essen und wir machten uns erst mal darüber her. Dieser Adam belauerte mich dabei. Überlegte er schon Pläne, wie er mich am effektivsten ausziehen könnte? Zumindest sah es so aus, und ich hatte, trotz seiner zur Schau gestellten Selbstsicherheit, nichts dagegen. Immerhin war mein Sexleben wegen dieser Sache in letzter Zeit ziemlich eingeschlafen. "Kommen Sie mit zu mir? Oder haben sie heute keine Zeit mehr?", fragte mich Jessica.

"Doch, klar, gerne. Jetzt gleich?" Jessica nickte. Ich winkte nach dem Kellner und bezahlte für alle.

"Wann willst du Frau Neuhaus briefen?", fragte Jessica Adam.

"Wann haben sie denn Zeit dafür?", fragte der mich.

Ich überlegte. Morgen müsste ich unbedingt in den Laden. "Morgen nach Feierabend. Ich kann eher Schluss machen. Achtzehn Uhr?"

"Passt! Und wo?"

"An der Stadthausbrücke ist ein Hotel mit einer Bar, da ist es schön ruhig und intim mit kleinen Separees. Da können wir uns in aller Ruhe unterhalten." Adam schaute ein wenig verwundert, dann stand er aber auf. "Dann bis morgen", sagte er, zu mir und wohl auch zu ihr.

Als er aus der Tür heraus war, seufzte Jessica auf. "Dieser Bastard", sagte sie.

"Hat wohl nicht geklappt mit ihm?"

"Bei ihm stehen sie Schlange. Zum Glück ist er zumindest ein guter Journalist."

"Mal sehen, ob er im Bett auch gut ist", sagte ich, und Jessica fielen fast die Augen raus. "Gehen wir?"

"Ja, auf geht's. Wie sind sie hierhergekommen?"

"U-Bahn und Bus."

"Dann können wir ja mein Auto nehmen." Ihr Wagen stand direkt vor dem Lokal. Sie fuhr los. Schon zwei Minuten später parkte sie an der Straßenseite ein. Vielleicht war es auch nur eine Minute gewesen.

"Hat ihr Auto ein Problem?", fragte ich.

"Nein. Wir sind da." Das war ja interessant. Wofür manche Leute ein Auto nehmen! Da hätte man zu Fuß in fünf Minuten hingehen können. "Kommen Sie." Sie ging voran, wir gingen in einen Hauseingang rein, und ganz nach oben. Fünfter Stock, glaube ich. Dann ging es in ihre Wohnung rein. Eine Mansardenwohnung. Sauber, und schmuck eingerichtet. Auf dem kleinen Tisch stand ein Laptop. Ich reimte mir zusammen, dass sie wohl recht selten Besuch bekam. Vielleicht war sie auch zu festgelegt. Wer selbst nicht so ganz dem Schönheitsideal einer Frau entsprach, sollte vielleicht seine Ansprüche herunterschrauben. Dieser Schönling Adam würde allerdings kaum auf sie stehen, es sei denn, er hatte Notstand. Wir legten unsere Sachen ab. Jessica bot mir einen Kaffee an, und bemühte dann ihre Maschine, für sie und für mich. Dann stellte sie die Tassen auf dem kleinen Tisch ab, stellte noch einen Stuhl zu dem vorhandenen, und startete den Laptop. Sie öffnete einen Ordner und fing an, Dateien zu öffnen, beziehungsweise abzuspielen, denn es waren alles Videos.

Es waren Interviews, mit Behördenvertretern, mit Bauern, und mit Mitarbeitern von NGO's. Bei einigen war auch schon ein Kommentar aus dem Off hinterlegt. Im Großen und Ganzen ging es darum, dass die Behördenvertreter natürlich bestritten, dass es ein Problem gibt, und behaupteten, sie würden alles genau kontrollieren, die Bauern wiegelten ab, da sie ja zertifiziert sind und sich strikt an die Gesetze des Landes hielten (welche?), und die NGOs gaben Hintergrundinfos, dass die ja alle unter einer Decke stecken, geschmiert sind, und so weiter. Dann gab es einige andere Videos, die noch roh waren, also ohne Übersetzung, und dem in der Gaststätte gezeigten Video ähnelten. Alles mehr oder weniger mit Kindern oder Jugendlichen, die auf den Plantagen arbeiteten. Auch in diesen Videos wurden sie etwas gefragt, aber das meiste war in dieser afrikanisch klingenden Sprache. Dann gab es noch ein Interview mit einer großen Firma, die Schokolade herstellt. Auch die meinten natürlich, so etwas gäbe es gar nicht, und verwiesen auf die Zertifizierungen.

Die Interviewer verwiesen aber darauf, dass es nun das Lieferkettengesetz gab, und sie verpflichtet sind, einzugreifen. Sie spielten denen einen Film vor und die sagten zu, sich darum zu kümmern. Das war natürlich eine glatte Lüge. Die profitierten natürlich von durch Kinderarbeit erlangten und dadurch billigeren Ausgangsstoffen und würden das da lange wie möglich verzögern, meinte die Off-Stimme.

"Und, was sagen sie dazu?"

"Krass! Aber irgendwie war das aber auch zu erwarten, oder?"

"Natürlich. Die geben ihren Profit nicht so gerne her."

"Waren sie auch mit bei den Dreharbeiten in Afrika?"

"Nee, ich vertrage das Klima da nicht. Aber Adam war dort. Der wird ihnen dann alle nötigen Informationen geben und die Kontakte vermitteln. Sie brauchen zumindest einen Fahrer, und jemanden von der NGO, der weiß, wo diese Gebiete sind."

"Und da kann man einfach so hineinfahren? Wird das nicht bewacht?"

"Nicht sehr. Die Gebiete sind ja sehr abgelegen. Schon mit dem Auto ist man stundenlang unterwegs. Wenn da jemand abhaut, wie dieser Junge da, dann hat man den bald wieder. Man muss ja immer auf der Straße bleiben, im Dschungel ist kaum ein Durchkommen. Da, wo die Plantage ist, da wurden Bäume gefällt, damit der Wald lichter ist, aber außerhalb ist es schwer bis unmöglich."

"Und wo gehen die geernteten Bohnen dann hin?"

"Es gibt da kleine Dörfer. Dort sind Bauern, die jeweils einen bestimmten Teil der Plantage betreuen. Die beliefern eine Kooperative, welche die Bohnen an die Fabrik vermarktet. Den ersten Gang, die Fermentierung, macht schon der Bauer, den weiteren, also die Trocknung, die Fabrik. Am Rand der Stadt befindet sich die Fabrik. Dort werden die Bohnen hingebracht und weiterverarbeitet, dann zur Küste gesendet und im Hafen verschickt. Die Bauern bringen die Kinder jeden Morgen zur Plantage und holen sie abends wieder zusammen mit der Ernte ab. Da kümmert sich in der Zwischenzeit keiner um die. Sie können ja kaum weglaufen."

"Und wo kommen die Kinder her?"

"Meistens aus dem noch viel ärmeren Nachbarland Burkina Faso. Sie werden den Eltern abgekauft. Teilweise auch von der Straße weggefangen, da es dort viele Waisenkinder gibt. Aids ist in Afrika immer noch ein großes Thema." Sie schaute mich jetzt einige Sekunden nur an. "Und sie wollen da wirklich Kinder rausholen?"

"Wenn es geht, ja."

"Stellen Sie sich das nicht so einfach vor. Die Kinder werden auch Angst haben. Die wissen, dass es fast unmöglich ist."

Mir fiel als Entgegnung der damalige Spruch von Piere ein. "Es ist auch fast nicht möglich, auf den Mond zu fliegen, und doch waren Menschen da."

Sie grinste. "Behaupten die!" Aha, eine Verschwörungsfanatikerin.

"Ich werde es trotzdem probieren!"

"Ich drücke ihnen die Daumen. Wir bleiben in Verbindung, ja?"

"Ich werde ihnen Zwischenstände geben. Und auch, wenn sich beim Prozess was tut."

"Bis dann, Frau Neuhaus. Und bitte denken Sie dran: Kein Wort zu niemandem."

"Es müsste: zu niemandem ein Wort heißen", antwortete ich, und verließ ihre Wohnung. Sie schaute mir noch mit einem skeptischen Blick hinterher. Ich sortierte dann zu Hause noch einige Unterlagen, fing mit der schriftlichen Erfassung meiner Erlebnisse und Erkenntnisse an, und ging am anderen Tag in meinen Laden. Natürlich ziemlich aufgehübscht, schließlich wollte ich mich abends ja mit dem Reporter treffen. Stine hatte zusammen mit Sanne schon ein wenig mit dem Umbau angefangen, also die tote Ecke, in der vor allem Strümpfe ausgestellt waren, in einen anderen Bereich zu verlegen. Ich ließ sie einfach machen und ging mit Vanessa die Entwürfe durch, machte dann ein wenig Schriftkram, und machte einen frühen Feierabend.

-----------------------------------------------------------

Teil 22

Adam

Als ich in der Bar ankam, waren noch ein paar Minuten Zeit. Trotzdem saß er schon da und winkte mir zu, als ich herein kam. Ich ging zu ihm hin und wollte ihm die Hand geben, aber er nahm sie und setzte einen Kuss auf diese. "Oh, ich dachte, Handküsse sind aus der Mode gekommen?"

"Bei mir nicht. Es ist ein Zeichen des Respekts." WOW. So etwas hatte ich bei ihm gar nicht erwartet. Er fragte: "Wollen Sie etwas trinken?"

"Nichts mit Alkohol. Sie sind ja hübsch genug." Ich weiß, das war jetzt ziemlich frech, aber ich dachte, das ist vertretbar. Er wusste es, und kannte seinen Wert in der Damenwelt. Er überging es auch einfach. "Ich nehme eine schlichte Rhabarberschorle. Und einen Brownie." Ich hatte beim Vorbeigehen in der Vitrine nämlich welchen gesehen.

"Oh, so spät noch Kuchen?"

"Ich hatte im Laden heute Nachmittag keine Gelegenheit, noch etwas zu Essen."

"Was haben sie denn für einen Laden?"

"Es ist ein Laden für Frauen."

"Ach! Etwa Dessous?" Er wurde ein wenig rot im Gesicht.

"Nein, es ist ein Laden für Sachen aus Wolle. Es kommen fast nur Frauen in den Laden. Für Männer ist er aber nicht verboten."

"Na, dann muss ich doch glatt mal dahin!"

"Dort ist es aber viel kühler als in Afrika", sagte ich, und wollte das Gespräch damit erst einmal auf die berufliche Schiene bringen.

Die Kellnerin kam gerade. "Zwei Brownies, eine Apfelschorle, und eine Rhabarberschorle", sagte er. Er hatte es drauf. Etwas Gleichartiges oder Ähnliches wie sein Date zu bestellen, schaffte immer gleich ein wenig Vertrautheit. Die Kellnerin ging wieder, und sein Blick ihr hinterher. Natürlich. Sie war viel jünger als ich und mindestens ebenso hübsch, und vermutlich zumindest in seinen Augen auch mehr sexy. Nur nicht darunter. Da war ich heute vermutlich besser gekleidet als sie, aber das wusste er ja (noch) nicht. "Sie wollen vermutlich wissen, was sie dort erwartet und wie sie sich vorbereiten und verhalten sollten, nehme ich mal an?"

"Das wäre zumindest einmal ein Anfang."

"Also, erst mal die Kurzform: Der Klima ist grauenhaft, zumindest für uns Europäer. Es … also zu der Zeit, wo die Kakaobohnen geerntet werden - das war die Zeit, wo ich und unser Filmteam da war, da herrscht ein schwülwarmes Klima. Das ist so in der Art, dass man schon frühmorgens keine Lust hat aufzustehen, weil man weiß, dass unmittelbar nach dem Anziehen der Kleidung alles schon pitschnass sein wird. Ich hatte da jedenfalls mit zu kämpfen. Nur unserem Kameramann Mike hat das kaum was ausgemacht. Also, das muss man abkönnen, sonst leidet man. Es gibt auch eine trockene Zeit dort, wo es angenehmer sein soll, aber da waren wir schon wieder weg."

"Wie lange warst du denn da? Oh, Entschuldigung!"

"Ist schon gut, Sandra. Ist wohl auch einfacher. Also, wir waren dort etwas mehr als einen Monat lang."

"Und wie kann ich mir das vorstellen, da in Afrika?"

"Das ist unterschiedlich. In den Großstädten ist es eigentlich ganz ähnlich wie hier bei uns, nur dass der Verkehr viel chaotischer ist, ganz andere Gefährte unterwegs sind, viele Mopeds, die meisten Autos ziemlich alt, und die Polizei und teilweise auch die Armee auffallend präsent sind. Man sieht viele Obdachlose, viele Menschen, die herumstreunen, auch Kinder. Im ländlichen Bereich ist es ganz anders. Da hat man die Dorfgemeinschaften, die teilweise eng zusammenleben und ein reiches Gemeindeleben pflegen. Da läuft auch viel mit Musik, Tanz, Festen und so weiter. Als Außenstehender wird man da aber nicht so schnell integriert. Man darf zuschauen, ja, aber ist und bleibt immer Außenstehender."

"Und wie seid ihr da hingelangt? Ins Anbaugebiet?"

"Über Straßen. Die darfst du dir jetzt nicht so vorstellen wie bei uns. Es gibt zwar auch einige asphaltierte Straßen. Aber das sind nur die wenigsten. Die meisten sind einfach nur planierter Untergrund. Buckelpisten, die voller Schlaglöcher sind. Nach Regen sind auch tiefe Schlammlöcher entstanden. Es ist nicht einfach und dauert. Wir sind von San Pedro, unserem Regionalflughafen dort, erst ins Hotel, haben mit einigen Behörden gesprochen und sind dann in den Nordteil von San Pedro hin. Da ist die neue Fabrik entstanden. Und von da ging es dann über eine recht gute Asphaltstraße zu den Kooperativen, welche die Kakaobohnen für die Bauern an die Fabrik verkaufen. Von denen führen solche Buckelpistenstraßen zu den kleinen Dörfern entlang der Straße. An einigen Stellen gibt es noch kleine Straßen, die abzweigen und weiter in den Regenwald zu den Dörfern führen. Ein Durchkommen ist in dem Bereich nur mit einem Geländewagen möglich. Ich zeichne dir das mal auf. In der Mitte sind die Sammelzonen, und da verzweigt es sich in die Erntezonen."

Die Kellnerin kam gerade mit den Getränken. "Danke", sagte er zu ihr. Aber er setzte nach. "Sagen Sie mal: Haben Sie vielleicht mal ein Blatt Papier und Buntstifte?"

"Buntstifte?", fragte die Kellnerin, und schaute etwas pikiert. Vermutlich hätte sie ihm eher ein Kärtchen mit ihrer Nummer gegeben. Aber dann bekam sie noch die Kurve. "Ich schaue mal." Zwei Minuten später kam sie mit einigen Blättern Papier wieder und hatte auch tatsächlich einige Stifte dabei. "Von der Nichte vom Chef", sagte sie.

Wieder kam von ihm: "Danke." Das musste man ihm lassen: Manieren hatte er. Er begann zu zeichnen und malte dann etwas auf, was wie ein vielverzweigter Baum aussah. "So sieht das aus. Hier unten kommt man von San Pedro. Dort wohnte unser Fahrer und kurz danach kommen zwei größere Dörfer mit den Kooperativen. Und dann verzweigt es sich. Dazwischen gibt es noch einige Hügel und Senken, da hat man den Urwald stehen gelassen, da würden Kakaobäume nicht so gut gedeihen, da es dann zeitweise entweder zu feucht oder zu trocken ist, das mag die Pflanze nicht. Und hier in diesen Dörfern waren wir gewesen. Er malte mit einem gelben Stift Dörfer ein, und versah einige davon mit einem roten Kreuz. Das ist natürlich alles nicht maßstabsgerecht, einfach nur so aus dem Gedächtnis."

[Anmerkung: Leider kann man hier keine Bilder posten! Der Autor]

"Und warum ist die Fabrik nicht auch im Urwald? Ich kann mich erinnern, dass es damals so geplant war. Zumindest sagte Mareike das."

"Mareike, meine Ex-Kollegin? Weiß nicht, vielleicht war es ja damals erst so geplant, und aus irgendwelchen Gründen hat man dann davon abgesehen."

"Und warum schauen wir uns das nicht einfach in Maps an?"

"Da würde man das nicht so gut erkennen. Zum Beispiel sind viele Dörfer sehr klein. Das wäre dann wie ein Stecknadelknopf und das Kulturland und den Urwald würde man nur schwer auseinanderhalten können."

"Jetzt kann ich mir das ein wenig besser vorstellen, danke. Und in welchem Dorf ist dieser Junge da mit den Verletzungen vom Auspeitschen?" Ich war dabei ganz dicht an ihn herangerutscht und konnte sein zurückhaltendes Parfüm riechen. Es war nicht so aufdringlich, wie sonst bei vielen anderen Männern. Das mochte ich. Er schmunzelte mir zu, machte aber keine Flirtversuche, obwohl er das doch bemerkt haben müsste.

"In dem Dorf in der Mitte. Da willst du hin? Warum gerade da?"

"Na, weil da die Chance am größten ist, jemanden zu finden, der da raus will. Zumindest er wird doch wohl wollen, oder?"

"Keine Ahnung. Da musst du ihn schon fragen. Ich vermute schon, dass er das will."

"Und da kann man einfach so hinfahren oder hingehen?"

"Das ist gar kein Problem. Polizei oder Armee sind da nicht präsent. Die schaut da lieber weg."

"Und die Kinder sind da ganz allein in diesem Urwald?"

"Da, wo die Kakaobohnen stehen, ist ja kein Urwald. Den gibt es auch noch stellenweise, zwischen den Plantagen. Das habe ich jetzt nicht mit eingezeichnet. Ab und an steht auch noch ein großer Baum, weil der Kakaobaum Schatten benötigt, aber im Prinzip kannst du dir das so wie eine alte Obstbaumplantage bei uns vorstellen. Nur dichter, und mit schrecklichem Klima. Zu einer Gruppe von Kindern gehört auch immer ein Aufpasser. Der arbeitet aber nicht mit. Arbeiten tun nur die Kinder."

"Und woher kommen die alle?"

"Meistens aus Burkina Faso. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr ernähren können, verkaufen sie die. Vor allem die Jungen. Aber manchmal kommen die auch allein. Wenn die Eltern gestorben sind, oder so."

"Sind die Aufpasser bewaffnet?"

"Also ich habe keine Waffen gesehen. Kann aber schon sein, dass manche ein Messer haben."

"Und wo hausen diese Kinder?"

"Abends gehen die zurück ins Dorf. Da haben sie irgendeine Hütte, wo sie campieren."

"Zusammen mit dem Aufpasser?"

"Soviel ich weiß, nicht. Da sind die Kinder allein, also zusammen mit ihrer Gruppe."

"Und du warst auch in dieser Fabrik?"

"Ja, klar. Das ist ein ziemlich großes Gelände, wo die Bohnen weiterverarbeitet werden. Die Bohnen werden dann weiter getrocknet, in speziellen Fabrikhallen, bis der größte Teil der Feuchtigkeit entwichen ist. Außerdem werden Fremdkörper oder schlechte Bohnen aussortiert. Dort werden sie dann in Säcke gepackt und mit dem LKW zum Hafen verschickt. Ganz vorne gleich hinterm Tor ist das Verwaltungsgebäude. Da waren wir hin und haben mit einigen Mitarbeitern von der Leitung gesprochen."

"Und wie ist diese Fabrik gesichert?"

Adam lächelte. "Nicht so wie bei uns. Da ist Maschendrahtzaun drumherum, und des Nachts streunen Hunde auf dem Gelände umher. Am Tage kann man aber ganz einfach aufs Gelände marschieren."

"Das klingt ja gut."

"Du willst doch nicht etwa nachts dort rein?"

"Keine Ahnung. Mal sehen."

"Ganz schön leichtsinnig. Und gefährlich."

"Das ganze Leben ist gefährlich. Habe ich selbst schon mehrfach erlebt. Einen Überfall, zwei Mordanschläge."

"Ja klar, und ich bin der Weihnachtsmann." Er schaute amüsiert. "Und du willst da wirklich einen von den Kleinen rausschmuggeln?"

"Wenn es geht, ja."

"Das wird nicht einfach werden. Die lassen sich nicht so gerne ihre Arbeitnehmer wegnehmen."

"Will sie ja nicht wegnehmen. Abwerben will ich sie."

"Ach, so nennt man das jetzt." Er grinste. "Ein wenig musst du dich auch an die andere Mentalität anpassen. Die sind nicht so distanziert wie wir. Und Afrikaner machen alles immer furchtbar laut. Für uns hört sich das gefährlich an, aggressiv, bei denen ist das aber normal. Bei einem richtigen Streit geht das dann übergangslos in Handgreiflichkeiten über. Das musst du lernen auszuhalten, ohne dich zu fürchten. Wenn du Lust hast, kann ich dich ja mal in eine afrikanische Community mitnehmen."

"Wie, heute noch?"

Er lächelte. "Weiß nicht, ist vielleicht ein bisschen spät dafür. Eher morgen. Ist das okay?"

"Musst du das erst mit denen abklären?"

Er hob wie abwehrend die Hände. "Nein, so etwas ist bei denen nicht nötig. Man geht einfach vorbei und wird sofort aufgenommen."

"Braucht man für das Land Impfungen?"

"Eine Impfung ist Pflicht, andere sind empfohlen. Am besten redest du mal mit deinem Arzt darüber, der kennt dich ja am besten und weiß, was du brauchen wirst."

Ich lachte. "Ich kenne mich eigentlich auch ganz gut. Wie sieht es mit dem Visum aus?"

"Das braucht man, kriegt man aber problemlos. Entweder in der Botschaft, das ist sicherer, oder nach Online-Beantragung dann bei der Einreise. Wir hatten das vorher gemacht."

"Was zieht man da an?"

"Am besten luftige Sachen. Es muss nichts Landestypisches sein. Man sieht ja schon an der Hautfarbe, dass man nicht von dort ist. In der Plantage sollten die Sachen ein wenig derber sein. Da musst du auch ein wenig durchs Unterholz streifen. Und Sonnenschutz ist wichtig. Die Kleidung sollte möglichst viel der Haut bedecken." Er warf einen kurzen Blick auf mich, schien mich zu scannen. "Und Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor. Und ein breitkrempiger Hut ist auch zu empfehlen. Auch wenn der bei Frauen manchmal komisch aussieht." Wieder dieser abschätzende Blick.

"Wie sieht es da mit der Hygiene aus?"

Er war amüsiert. "Einen Schönheitsspiegel suchst du da vergeblich. Braucht du auch nicht. Und die Toiletten … reden wir besser nicht darüber. Im Hotel ganz normal. Auf dem Land … na ja! Mit Glück ein Plumpsklo, sonst irgendwelche abgetrennte Ecken. Natürlich sollte man die Hygienehinweise beachten. Sich vor Mücken schützen. Absolute Garantie gibt es aber nicht. Schau mal auf die Webseite des Auswärtigen Amts. Da steht schon so einiges." Er griff in seine mitgebrachte Tasche, holte einige dünne Mappen heraus, in denen fliegende Blätter zusammengefasst waren. "Hier sind Kopien meiner Aufzeichnungen, Reisepläne, Karten und Skizzen. Da ist auch ein Stick dabei mit meinen selbstgemachten, privaten Filmen und Fotos. Vielleicht schaust du da mal rein."

"Sind da auch deine Sexfilme drauf?"

Er lächelte. "Beim Sex mache ich keine Filme."

Er stand auf. "Musst du schon los?"

"Ja, ich habe noch einen Auftritt."

"Als was trittst du denn auf?"

"Ich singe in einer Band. Ich schicke dir noch eine SMS mit Treffpunkt und Uhrzeit für morgen, ja?" Mit diesen Worten verschwand er, und ließ mich mit meiner Enttäuschung allein. Immerhin, ich hatte viele Informationen bekommen. Aber keine Liebesdienste. Und das bei einem Draufgänger! War ich so unattraktiv geworden? Oder stand er eher auf Blondinen?

-----------------------------------------------------------

Teil 23

Einmal windiger Hund mit alles

Ich bezahlte die Rechnung, der kleine Kuchen war längst verspeist, die Schorlen ausgetrunken, und fuhr nach Hause. Irgendwann mitten in der Nacht piepte das Handy und signalisierte den Empfang einer Nachricht. Ich war zu müde, um nachzusehen, und schlief gleich weiter. Erst am anderen Morgen öffnete ich sie. Sie war von Adam. "Heute um 16 Uhr an den Landungsbrücken. Passt das?"

Ich überlegte. Heute? Dann schaute ich auf die Empfangszeit. Es war heute früh kurz vor zwei gewesen. "Passt", schrieb ich zurück. Ich wollte nicht zu viel von meinen Emotionen preisgeben. Meinen Wunsch hatte die gestrige Abfuhr nur noch mehr angefacht. Ich fuhr in meinen Laden, zog dieses Mal aber eher legere Sachen an. Nur darunter nicht. Da war ich wie eh und je. Ich stieg rechtzeitig in die S-Bahn und ging, dort angekommen, bis zur Fußgängerbrücke durch, welche die Straße überquerte. Ich hielt nach ihm Ausschau, aber entdeckte ihn nicht. Hatte er mich versetzt? Auf einmal verdunkelte sich mein Gesichtsfeld. Jemand hielt mir die Augen zu. Ich befreite mich und wirbelte herum. Da stand er vor mir. Ein Hemd mit Palmen. Dünne Stoffhose. Gut aussehend wie immer. Grienend. "Hallo Sandra."

"Hallo Adam", antwortete ich, so kühl wie möglich, ohne dass es übertrieben wirkte. "Lange Nacht gehabt?"

"Ja, ich hatte meinen Spaß." Dieser Bastard! Das dachte ich zumindest im ersten Moment. "Musikalischen", setzte er noch hinzu, und grinste erneut. Mist, der wusste genau, was ich gedacht hatte. "Und, noch was gemacht?"

"Nein, ich hatte keine Hand an mich gelegt!"

"Sandra! Ich meinte doch mit meinem Material!"

Mist! "Geht's noch mit meiner Rotfärbung?", fragte ich. Das Kind war jetzt eh in den Brunnen gefallen. "Nein, war noch keine Zeit", setzte ich hinzu, da leider nichts von ihm zurück kam.

"Gehen wir?", fragte Adam, und rettete mich aus der unmöglichen Situation. "Willst du nicht fragen, in welcher Band ich singe?"

"Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen."

"In der: 'Neue Welt' Kennst du bestimmt nicht."

"Von Dvorak?"

"Hä? Wer ist das?"

"Ein tschechischer Komponist."

"Ach so, nee, nichts Klassisches. Es ist so gemischt, ich würde sagen Reggae und Soul."

"WOW. Dann bist du also ein talentierter Mann. Was ich vergessen hatte zu fragen: Welche Sprache spricht man dort eigentlich?"

"Einfach französisch."

"Und das können alle?"

"Fast alle. Es gibt noch regionale Sprachen, aber fast jeder dort versteht das."

"Kannst du das auch?"

"Oui, Madame. Et vous ?"

"Ich nicht, falls das die Frage war."

"War sie. Aber der Typ von der NGO kann Englisch. Wenn wir es schaffen, denselben zu vermitteln. So, wir sind da!" Er drückte eine Hauseingangstür auf. Unten im engen Flur standen etliche Kinderwagen. Wir gingen eine Etage hoch. Die Tür war nur angelehnt. Wir gingen rein. Es roch hier nicht unangenehm, aber anders als in deutschen Wohnungen. Man sah schon, dass diese Wohnung anders war. Andere Deko, und alles viel bunter. Im Flur kam uns schon ein afrikanisches Mädchen entgegen.

"Bonjour Adam", sagte es, und schlüpfte an uns vorbei.

Adam ging immer dem Lärm nach. Eine offenstehende Tür innerhalb der Wohnung. Wir gingen rein. Hier standen und saßen etwa zehn Frauen und zwei ältere Männer. Alle kamen aus Afrika, wie man schon an der Kleidung sah. Eine etwa 30 Jahre alte Frau, die mir sofort ins Auge fiel, hatte ihre pechschwarzen Haare zu kleinen Zöpfen geflochten und diese Zöpfe zu einem Kunstwerk aufgetürmt. Sah echt gut aus. Zwei von den anderen Frauen waren jung, hübsch und schlank, der Rest Big Mamas in verschiedenen Reifegraden. Anders als europäische Übergewichtige versteckten die sich aber nicht, sondern waren farbenfroh gekleidet. Eine von den Letzteren entdeckte Adam als erste. Sie kreischte auf, rief in übergroßer Lautstärke "Adam", und fing sofort an, zu ihm hinzugehen und ihn zu knuddeln, inklusive Abknutschen. Er hatte alle Hände voll zu tun, die abzuwehren, wobei er auf mich deutete.

"C'est Sandra", sagte er. Die Frau ließ von ihm ab, drückte mich, während die anderen Frauen die Situation nutzten, um selber Adam zu begrüßen, dies allerdings wesentlich zurückhaltender, aber dennoch innig. Auch die beiden Männer begrüßten ihn, aber mit Handschlag, genauso wie der etwa fünf Jahre alte Junge, der auch noch im Zimmer war. Mit jedem von ihnen wechselte Adam einige Worte. Auch die anderen begrüßten mich.

Ich verstand natürlich nicht, was sie sagten, aber ich lächelte alle an und sagte "Hallo."

Adam rettete mich, indem er auf Französisch sagte, dass ich kein Französisch, sondern Deutsch spreche. "Ah, eine Deutsche", sagte jetzt die eine der beiden schlankeren, jungen Frauen, und kam erneut an mich heran. "Bist du Adams neue Freundin?" Sie hatte keinerlei Akzent, war also vermutlich hier geboren.

"Nein, wir sind eher beruflich hier."

"Ach, bist du auch Reporterin?"

"Nein, aber ich habe in meinem Blog über Schweinereien in der Firma meines Mannes berichtet, unter anderem über Kinderarbeit in Afrika bei der Kakaoernte, und jetzt verklagt mich diese Firma."

"Aber dein Mann hat doch dann gekündigt, oder?"

"Sozusagen ja. Ihm wurde vom Leben gekündigt. Er hatte einen Autounfall und ist gestorben."

"Hat ihn die Firma …?" Man sah ihre Aufregung.

"Nein, mit der lag er am Schluss über Kreuz, aber der Unfall war bei einer privaten Sache." Mittlerweile waren die Gespräche wieder auf dem Level angekommen wie vorher, vor unserer Ankunft. Also, es war laut geworden und alle redeten mehr oder weniger durcheinander, und das in einer hohen Lautstärke. Es klang tatsächlich ein wenig aggressiv, aber ich empfand das nicht unbedingt als bedrohlich. Gewöhnungsbedürftig war es aber schon. Es waren mehrere Sprachen: Französisch, dann etwas Afrikanisch klingendes, und nur wir beide redeten momentan auf Deutsch. "Ist die eine da die Freundin von Adam? Oder Exfreundin?"

"Meine Mutter? Das war sie tatsächlich mal. Sie glaubt immer noch, Adam festnageln zu können, aber das ist ein windiger Hund, glaube ich."

"Klingt so, als wäre er nicht dein Typ."

"Meine Mutter würde mich lynchen!"

"Hast du einen Freund?"

"Hab ich. Aber der ist gerade im Knast. Ich hab ihm x-mal gesagt, er soll keine kriminellen Sachen machen, aber er schlägt alles in den Wind." Mit einem Mal horchte sie auf und schaute zu einer anderen Gruppe. Dann schaute sie ganz erstaunt. "Du willst wirklich nach Afrika reisen? Hast du keine Angst?"

"Ein wenig schon, aber nicht viel."

"Nimm dich bloß vor den Männern da in Acht. Einige sind ganz schön übel."

"Ich kann Selbstverteidigung. Ich habe zwei Mordanschläge meines Stiefsohnes auf mich überlebt." Ich zeigte auf meine immer noch sichtbare Narbe am Bein. Sie rief laut etwas auf Französisch den anderen zu. Mein Name Sandra kam darin vor. Die anderen blickten alle zu mir.

Adam kam an mich ran. "Ach, das stimmt wirklich? Ich meine, das mit diesen Mordanschlägen?"

"Ja, das stimmt. Einmal Messer und Würgen, einmal Pistole. Beides gescheitert."

"WOW! Nun glaube ich wirklich, dass du es schaffen kannst."

"Mit deiner Hilfe schon!"

"Brauchst du noch Hilfe?"

"Vielleicht in französisch."

"Das kann ich. Bin aber kein richtiger Lehrer." Das Mädchen von vorhin war jetzt zu der schlanken Frau, mit der ich mich unterhalten hatte, hingegangen, und die redete jetzt mit ihm und ging dann zu einer anderen Gruppe. Auch ich gesellte mich dahin und redete auch mit den anderen ein wenig. Die meisten konnten einigermaßen Deutsch, aber nur zwei andere so gut wie Akeba, so hieß die Frau, mit der ich mich zu Anfang unterhalten hatte. Einige erzählten mir ihre Fluchtgeschichte. Alle waren entweder über das Mittelmeer gekommen, oder aber hier geboren. Ich fühlte mich bei ihnen wohl und wurde gut aufgenommen. Nach einiger Zeit – es waren mittlerweile drei Stunden vergangen, – tippte Adam mich am Arm. "Wollen wir?", fragte er.

"Was denn wollen?"

"Na gehen. Dann kann ich dich noch ein wenig Französisch lehren."

"Klingt gut", sagte ich, und dachte an ein ganz anderes Französisch. Wir verabschiedeten uns von den anderen, was wieder mit viel Geknuddel passierte, und gingen dann aus der Wohnung und dem Haus. Unten angekommen merkte ich erst, wie mir die Ohren und der Kopf dröhnte.

"Und, geht's wieder?", fragte Adam.

"Nächstes Mal nehme ich Ohrstöpsel mit", entgegnete ich lachend. "Und nun? Gehen wir zu dir? Oder schimpft dann deine Frau?"

"Hat dir Akeba nicht meinen Beziehungsstatus mitgeteilt?"

"Doch, hat sie. Sie meint, du bist im Beziehungsstatus windiger Hund."

Adam lachte, konnte sich erst nicht wieder einkriegen. "Gehen wir!"

"Du hattest wirklich was mit der Mutter von Akeba, oder?"

"Warum nicht? Ich bin ein Freund der gepflegten Fülle. Also auch Big Mamas. Schockiert dich das?"

"Nein, aber es erklärt, warum du mir gestern ausgewichen bist."

"Bin ich gar nicht. Ich hatte wirklich einen Auftritt. In Wahrheit war ich enttäuscht und habe mich geärgert, keinen anderen Termin vorgeschlagen zu haben. Ich dachte, du bist so eine von den üblichen."

"Von den üblichen? Was meinst du?"

"Frauen mit Hinhaltetaktik. Oder Frauen mit materiellen Wünschen."

"Nein. Aber manchmal habe ich emotionale Wünsche."

"Französischkurse zum Beispiel? Wir sind da!"

Schon? Er schloss eine Haustür auf, dann ging es fünf Etagen hoch. Bei jeder Etage nahm das Kribbeln zu. Die Wohnungstür aufzuschließen, schaffte er dann nicht mehr, da ich schon davor anfing, ihn erst am Ärmel zu ziehen, und dann mit ihm zu knutschen. Und er knutschte zurück! Durchaus meisterhaft! Dann erst schloss er auf, wir gingen rein. In Schneckentempo ging es in sein Schlafzimmer. Schneckentempo deswegen, da schon auf dem Weg dorthin alle Kleidungsstücke fielen, welche dann bunt gemischt auf dem Teppichboden lagen. Eine blanke Spur der unbändigen Lust. Natürlich hatte er Kondome. Durchhaltevermögen auch. Zwischen den Französischlektionen erforschten wir immer wieder am anderen das weibliche (Er) oder das männliche (Ich) Lustempfinden. Lust ohne Grenzen! Auch wenn es anders geplant war, beschloss ich, bei ihm zu übernachten.

Dann gab es den Morgen danach. Der begann erst einmal mit Küssen auf meinen Körper, welche mich weckten. Viel Zärtlichkeit, das Kontrastprogramm zu gestern. Aber da hatte ich ja selber Schuld gehabt, hatte es provoziert. Und genossen. Heute war der Morgen des Heiligabends. Heilig war uns aber nichts, außer unsere Körper und unsere Lust. Noch ehe ich die Augen aufmachte, streckte ich meine Hände aus und erforschte die Lage. Ich entdeckte, dass er schon voll einsatzfähig war. Der sah also nicht nur gut aus, sondern konnte auch gut. Ich schaffte es, ihn noch mal zu überreden. Nach dem Duschen und dem Frühstück fuhr ich dann direkt in meinen Laden, der heute natürlich viel eher zumachte als sonst, weil ja heute ein besonderer Tag war. Natürlich hatten wir keine Sprachübungen gemacht, aber ich würde sicher einen Online-Kurs dafür finden. Ich war sehr zufrieden, denn ich hatte endlich wieder meine Befriedigung bekommen. Vor der eigentlichen Reise würde ich mich auch sicher noch mal mit ihm treffen. Oder? Aber erst waren noch eine Menge Vorarbeiten zu erledigen.

-----------------------------------------------------------

Teil 24

Vorbereitungen und Walkie-Tolkien-Übungen

Ich verbrachte mit Andrea und Lena einen schönen Heiligabend. Sie hatten den Baum besorgt und geschmückt, da ich dieses Mal keine Zeit hatte. Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag revanchierte ich mich mit Backen und Essen kochen bei den beiden. Dann kam ich erst mal zur Ruhe. Bis das neue Jahr begann, kümmerte ich mich um meinen Laden und recherchierte ein wenig über die Elfenbeinküste. Und ich fing an, in jeder freien Minute Französisch zu lernen. Von Adam bekam ich Informationen über eine dort aktive NGO und einen lokalen Ansprechpartner. Ich rief ihn an, verschwieg ihm aber erst mal mein Vorhaben, Kinder dort herauszubringen, und log ihm vor, für einen reichweitenstarken Influencer Vor-Ort-Informationen zu erlangen.

Er war nicht unbedingt begeistert davon, es mit einer Frau zu tun zu haben, die das macht, aber einige Anrufe später hatte ich ihn weichgeklopft. Zum Glück sprach er mehrere Sprachen, die häufigste Landessprache ja sowieso, außerdem konnte er Französisch und leidlich Englisch. Natürlich fragte ich ihn noch allerhand aus, aber ich zog mir jede Menge Informationen über Land und Leute rein, wohl wissend, dass es vor Ort dann trotzdem ganz anders sein würde, was ich schon bei einigen Urlaubsreisen erlebt hatte. Zum Glück war mein Prozess noch nicht terminiert und ich hatte noch genügend Zeit, dachte ich zumindest. Ich fuhr zur Botschaft des Landes in Berlin und besorgte mir dort ein Visum, welches dann vor Ort für zwei Wochen gültig sein würde. Das sollte auch reichen. Meine anderen Aktivitäten schraubte ich erst mal herunter. Im Laden immer nur das Nötigste, Entwürfe machte ich keine, Stine dafür umso mehr, wobei ihr allerdings das elegante, festlich wirkende nicht so lag, dafür war das junge, freche, sexy Design genau ihre Welt.

Die Wanderung entlang der Alster machte ich nur noch sporadisch, das Fitnessstudio gar nicht mehr, aber zumindest den Selbstverteidigungskurs weiter. Ich wusste ja, wie wichtig der war. Dann bekam ich einen Anruf von Boubacar Kouamé, welcher mein Ansprechpartner der NGO in der Elfenbeinküste ist, die man heutzutage aber Côte d'Ivoire nennen soll, was übersetzt aber dasselbe bedeutet. Er hätte einen Guide, der die Gegend kennt, und in drei Wochen Zeit, uns dorthin zu fahren. Mit dem wäre er schon mal unterwegs gewesen, meinte er. Verdammt, das war zeitlich ziemlich knapp. Siedend heiß fiel mir ein, dass ich noch gar nicht darüber nachgedacht hatte, wie ich die Kinder oder das Kind denn da herausbekommen wollte. Ich rief bei einer Flüchtlingsorganisation an, und nach einigem Hin und Her – sie vermuteten wohl eine Falle – vermittelten sie mir ein Treffen, und ich traf mich mit einer anonym auftretenden Mitarbeiterin, wobei ich bemerkte, dass sie von zwei Männern begleitet wurde, die sich aber im Hintergrund hielten. Ich entdeckte sie trotzdem.

"Hi", sagte ich, als sie am vereinbarten, locker belebten Treffpunkt ankam. "Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht meinen richtigen Namen mitteilen will."

"Ganz meine Meinung", sagte sie. Sie musterte mich aufmerksam. "Und sie wollen also jemanden von Afrika hierher schleusen."

"Schleusen will ich nicht. Ich will ihre Flucht unterstützen."

"Sie erwähnten was von Kindern?"

"Ja, es sind Kinder, die auf einer Kakaoplantage arbeiten müssen."

"Und wie viele wollen sie das rausbringen?"

"Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Vielleicht ein oder zwei, höchstens drei."

Sie zog die Luft zwischen den Zähnen ein. "Das wird schwierig. Die haben keine Papiere, oder?"

"Weiß nicht. Vermutlich nicht. Ein Visum auch nicht."

"Also auf dem Luftweg wird das nichts. Ist eh unmöglich, ein Visum zu bekommen. Auch der Landweg wird schwierig. Langwierig, und gefährlich auch."

"Bleibt ja nur ein Boot, oder?"

"Ja, das ginge. Wo ist es denn?"

"Elfenbeinküste."

"Ziemlich weit weg. Normalerweise startet man da von der Westsahara, momentan verwaltet von Marokko. Und dann geht's zu den Kanaren. Das ist aber gefährlich, die Flüchtlingsboote sind überfüllt."

Ich überlegte. Dann hatte ich einen Geistesblitz. Jochen! Und wenn es mit ihm nicht ginge, würde ich eines chartern. "Ich werde versuchen, ein eigenständiges Boot zu organisieren."

"Okay, das könnte gehen. Haben sie Hilfe da in dem Land?"

"Ja, klar."

"Gut. Ich wünsche ihnen Erfolg. Und viel Glück. Und passen Sie auf. Unentgeltlich dürfen sie einem einzelnen Flüchtling helfen, ins Land zu kommen, aber bei zweien oder mehr wird es schon als illegale Fluchthilfe gewertet. Zumindest in Deutschland ist das so. Sie sollten die dann also auf mehrere Helfer verteilen."

Ich zeigte mit einer Kopfbewegung auf ihre beiden Helfer zur Absicherung. "Nun haben sie die beiden ja nicht gebraucht."

"Es sind sogar drei. Man kann nicht vorsichtig genug sein!" Mit diesen Worten ging sie dann und verschwand mit ihren Aufpassern in der Menge.

Ich fuhr nach Hause. Dort rief ich Jochen an. Er ging ran. "Hi Sandra. Kann ich dich zurückrufen? Wir laufen gerade in die Marina Amarilla ein."

"Klar, mache ich!"

Eine Viertelstunde später rief Jochen zurück. "So Sandra, wir sind vertäut. Hast du Sehnsucht nach dem Meer?"

"Die habe ich immer. Wo ist denn dieser Hafen da? Ist das die Bucht mit den bleichen Bergen auf Teneriffa? Da bin ich mal gewandert."

"Du bist ja gut informiert. Ja, das ist hier ganz in der Nähe."

"Und was macht ihr da?"

"Inselhopping. Wir wollten Urlaub vom kalten Deutschland machen und sind daher hierher gesegelt. Erst Portugal und Südspanien, und jetzt die Kanaren. Teneriffa ist unsere letzte Station. Danach vielleicht ein wenig Mittelmeer, so genau haben wir das noch nicht geplant."

"Das trifft sich gut. Ich würde dich gerne buchen."

"Wofür denn?"

"Als Fluchthelfer."

"Wohin willst du denn flüchten?"

"Nicht ich. Zwei, maximal drei afrikanische Kinder." Es war auf einmal still im Telefon. "Jochen, bist du noch da?"

"Sorry, ich war nur ein wenig geschockt. Soll ich die von Teneriffa mitnehmen, oder wie?"

"Nee, ich wusste ja gar nicht, dass ihr da hin seid. Ist Anton auch mit?"

"Ja, der ist auch mit dabei."

"Nein, ich will welche aus der Elfenbeinküste herausbringen, weil ich die als Zeugen für meinen Prozess brauche."

"Sandra! Hast du wen umgebracht?"

"Nee, ich hab mich mit jemandem von der Schokoladenbranche angelegt. Uwes frühere Firma ist da eingestiegen und jetzt verklagen die mich. Und die Kinder brauche ich als Zeugen dafür, dass dort tatsächlich Kinderarbeit stattfindet."

"Sandra, das sind über 3000 Kilometer. Da brauchen wir mindestens eine Woche bis dahin. Eher zwei."

"Wieviel soll ich dir zahlen?"

Jochen lachte. "Sei froh, dass du nicht gesehen hast, wie ich mir gerade die Haare gerauft habe. Kann doch kein Geld für einen Freundschaftsdienst nehmen."

"Heißt das, ihr seid dabei?"

"Wann brauchst du uns denn dort?"

"Ich schätze, in etwa gut drei bis vier Wochen. Muss da für die Reise dorthin noch was vorbereiten."

"Okay. Das klingt machbar. Dann verkürzen wir notfalls unser Programm hier. Und wie genau willst du das bewerkstelligen?"

"Ihr wartet dann vor der 12-Meilen-Hoheitszone bei der Stadt San Pedro. Ich bringe die dann mit einem Boot zu euch hin. So braucht ihr kein Visum für das Land. Das muss ich aber alles noch organisieren."

"Das soll also heimlich passieren, richtig?"

"Anders geht es ja nicht."

"Gut Sandra. Dann machen wir das so. Du gibst Bescheid, ob und wann wir losfahren sollen. Plane zwei Wochen für unsere Fahrt dorthin ein. Du müsstest uns also schon prophylaktisch in Marsch setzen, wenn du da hinreist, sonst müsstest du ja da lange warten. Bitte fahre nach Grömitz zu meinem Freund Jan. Adresse schicke ich dir gleich. Dort lässt du dir von ihm ein Hochleistungs-Walkie-Talkie geben und die Handhabung erklären. Das hat eine hohe Reichweite, ist wasserdicht, und schwimmt sogar. Um uns damit zu erreichen, solltest du aber, wenn du so weit und an der Küste bist, mindestens fünf, besser zehn Meter erhöht mit freiem Blick über dem Meer stehen, wegen der Erdkrümmung. Du stellst es auf Kanal 8, Subkanal 15. Damit können wir kommunizieren. Das Handy wird da eventuell nicht funktionieren oder weit genug reichen, deshalb. Jan zeigt dir alles. Alles Weitere wird sich dann ergeben. Die Absprachen, also wann es losgehen soll, und Zwischenmeldungen machst du mit Jan. Die Botschaften machst du aber nicht im Klartext, sondern codiert, das müsst ihr miteinander durchsprechen. Jan teilt es uns dann über Kurzwellenfunk oder Satelliteninternet mit. Ich schick dir dann noch alles. Wir sprechen vorher ja sicher noch miteinander, oder?"

"Klar, wenn ich so weit bin, dass ich Genaueres weiß, rufe ich noch mal an."

"Gut. Ich sage den anderen Bescheid. Bis dann, Sandra. Und bring dich nicht in Gefahr."

Ich seufzte. "Das muss ich wohl leider. Danke, Jockel." Mit diesen Worten legte ich auf. Ich wollte ihn nicht anlügen bezüglich der Gefahren, aber ich hoffte, es würde alles beherrschbar sein. Kurz danach piepte mein Handy. In der SMS standen die Adresse seines Freundes in Grömitz, sein Name (Jan Hoffmann) und seine Telefonnummer. Ich rief da sofort an, verabredete mich mit ihm, dort vorbeizukommen, und da er zu Hause war, fuhr ich sofort los und war dank freier Straßen schnell dort. Er wohnte in einem Haus im Bungalowstil, ganz in der Nähe meiner Ferienhäuser. Ich klingelte. Ein blonder Mann, etwa 30 Jahre alt, muskulös, leicht braungebrannt, öffnete. "Hi, ich bin Sandra, eine Freundin von Jockel. Kann ich bitte mal deinen Vater sprechen?"

"Meinen Vater kenne ich nicht. Wir hatten telefoniert. Ich bin Jan."

"Oh, sorry, ich dachte, Jockels Freund ist in seinem Alter."

Er lachte sympathisch auf. "Wir sind im selben Alter. Im Kopf."

"Verstehe. Also, er sagte etwas vom Walkie-Tolkien."

Erneutes Lachen. "Komm rein. Es hat nichts mit dem Schriftsteller zu tun. Es heißt Walkie-Talkie. Er hat mich schon angesimst." Er führte mich zu einem Tisch, auf dem ein Gerät lag, daneben ein Ladegerät mit Kabel, und so ein Drahtbügel. "Da liegt das gute Stück." Ich zwang mich, nicht auf sein gutes Stück zu schauen, denn er war doch sehr attraktiv, und nahm das Walkie-Talkie in die Hand. Er hatte auf einmal auch eines in der Hand, was wie dessen Zwilling aussah. Dann führte er mir vor, wie man es anschaltet, die Kanäle einstellt, und so weiter.

Er bat mich, ihm zu folgen. Er ging in die Küche, ließ Wasser in eine Spüle, und schmiss sein Gerät dort hinein. Es schwamm oben, ging nicht unter. Dann fischte er es wieder heraus. "Dort draufdrücken, wenn du sprechen willst. Sonst hört der andere dich nicht. Das macht man immer wechselseitig. Es hat sich eingebürgert, nach Durchgeben seiner Sätze 'over' zu sagen, damit der andere weiß, dass er nun sprechen kann. Dann musst du den Knopf aber auch wieder loslassen. Wir üben das mal. Ich gehe raus und du sprichst dann mit mir." Er ging aus dem Haus. Ich sprach etwas in das Gerät. Es kam aber nichts zurück. Dann merkte ich, dass ich nicht gedrückt hatte. Aber ehe ich etwas sprechen konnte, kam: "Geht's dir gut da drinnen? Over."

Wieder drückte ich. "Mir geht es gut. Kannst wieder hereinkommen. Ich habe es begriffen. Over." Einige Sekunden später klopfte es an der Tür. Ich sprach hinein. "Warum kommst du nicht rein? Over."

Es schnarrte kurz. "Weil ich keinen Schlüssel mithabe. Over." Ich ließ ihn herein. Ich wollte ihn schließlich nicht verärgern. Er verzog keine Miene. "Wozu ist denn dieser Drahtbügel da?", fragte ich.

"Das ist sozusagen der Turbolader. Die Dinger reichen nur so an die drei bis vier Kilometer. Wenn du den aber hier reinsteckst", er zeigte mir, wohin, "dann kommen wir auf fünfzehn Kilometer bei freier Strecke. Auf dem Meer ist das wichtig für uns. Auf dem Land darf man das aber so nicht benutzen, das ist verboten. Jockel sagte, du willst verreisen. Da musst du den Bügel immer woanders haben, falls die das Teil kontrollieren. Sicher ist sicher. In Bereitschaft hält der Akku ein bis zwei Wochen. Sonst hast du ja das Ladegerät."

"Mache ich, Jan. Und Jockel hat auch so ein Gerät?"

"Das haben wir fast alle. So eines, oder ein ähnliches. Alle mit Range Extender."

"Was ist das?"

"Na, der illegale Drahtbügel."

"Ach so. Ja, danke. Dann will ich mal."

"Es ist schon spät. Ich dachte, du isst noch Abendessen mit mir."

"Im Restaurant?"

"Nee, ich mache was. Nudeln mit Lachs in Sahnesauce. Einverstanden?"

"Ja, gerne."

Er fing dann an zu kochen, während er mich parallel dazu ausfragte, und ich erzählte ihm Stück für Stück meine Geschichte, also, wofür ich dieses Walkie-Talkie brauche, beim Essen dann noch die Hintergründe, die dazu geführt hatten, und nach dem sehr verschmusten Sex mit ihm dann auch noch die Geschichte mit Uwes Verschwinden und dessen Tod. Ich fand es schön, mit ihm zu schlafen. Trotz seines Aussehens war er also eher der weiche Typ Mann, und nachdem er zugab, keine feste Freundin zu haben und nur mal ab und zu eine Urlauberin zu vernaschen, waren wir ja sozusagen 'Kollegen', sodass er die ideale Gelegenheit war, wieder ein ausgeglichenes Gefühlsleben zu bekommen. Er war sehr zärtlich gewesen. Zuerst fuhr er mit seinen Fingern und Händen ganz viel meiner Haut ab. Erst nach etwa 2 Kilometern oder so ging es an die Erforschung von Hügeln, Spalten und Höhlen. Letztere mittlerweile Feuchtraum-Biotope. Und dann gab es Stellungsspiele. Alles ganz langsam. Irgendwie so zwischen Faultier und Gottesanbeterin. Mittendrin, als wir gerade dabei waren, kam auf einmal Jens in meine Gedanken. Auch er war ja in intimen Momenten so ein Genießer-Männertyp. Warum machte ich es nicht mit ihm? Aber die Gedanken an ihn verscheuchte ich gleich wieder. Die konnte ich jetzt gar nicht gebrauchen.

Erst am anderen Morgen fuhr ich zurück und gleich in meinen Laden. Zu Hause sprach ich mit diesem NGO-Typen Boubacar Kouamé. Er gab mir auch noch weitere Informationen. Dann suchte ich Flüge und ein Hotel in Abidjan, der Hauptstadt dort. Von da müsste ich dann noch weiter nach San Pedro. Das würde ich vor Ort erledigen, da müsste ich mich auch noch mit Boubacar kurzschließen. Ich rief Angelika an und verabredete mich mit ihr und Markus für den Folgetag, einen Samstag. Auch dieses Mal machten sie mir gleich an der Vordertür auf und begrüßten mich. Zum Glück musste ich also weder eine kokelnde Couch wegziehen noch sie als Verletzte retten. Wir gingen ins Wohnzimmer. Erst erzählten wir Belangloses, aber nach dem Kaffee und Kuchen kamen wir zur Sache.

"Was macht die Sache mit der Anklage?", fragte mich Angelika.

"Die lassen nicht locker, und irgendwann demnächst wird es eine Verhandlung geben."

"Doofe Sache das. Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst."

"Unterstützung kann ich tatsächlich gebrauchen, besonders öffentliche Bekundungen, zum Beispiel Proteste, damit die Sache an die Öffentlichkeit kommt. Und Zuschauer beim Prozess. Aber ich habe mich schon an die Presse gewendet und einen Plan. Aber dafür brauche ich noch was."

"Von uns?"

"Von dir, Markus."

"Oh, was soll es denn sein?"

"Ich will nach Afrika reisen und einige junge Afrikaner, die unter sklavenartigen Bedingungen auf einer Kakaoplantage schuften müssen, außer Landes bringen. Und dazu brauche ich irgendwas, womit man Hunde schlafenlegen kann. Falls es da welche gibt, die mich daran hindern wollen."

"Sandra, da hast du dir ja was vorgenommen! Ist das nicht gefährlich?"

"Irgendwie schon. Aber ich muss es machen. Sonst streiten die ja alles ab mit ihren blöden, aber verlogenen Zertifizierungen."

"Was genau hast du dir denn da vorgestellt?"

"Irgendwas, was man da in das Fleisch tun kann, damit die einschlafen."

"In Afrika?" Ich nickte. "Fleisch hält da nicht so lange bei diesen Temperaturen. Entweder besorgst du dir frisches Fleisch, oder du besorgst dir vorher gut verpackten Schinken. Da träufelst du ein Mittel rein, was ich dir besorgen werde. Drei Tropfen pro Kilo Körpergewicht Tier."

"Wann kannst du das denn besorgen?"

"Am Montag. Wann willst du los?"

"Nächste Woche Mittwoch."

"Gut, das sollte reichen. Kommst du dann vorbei?"

"Ja, klar."

Ich erzählte den beiden noch ein wenig von den neuesten Erkenntnissen und brach dann schon am späten Nachmittag wieder auf, da noch so viel zu organisieren war. Ich rief Jockel an, sagte ihm, wann ich fliege, und er sagte mir, dass sie sich Samstag auf den Weg machen werden. Ich müsste sie nur zwischendurch über seinen Freund Jan informieren, wenn es mir nicht gelingen sollte, eines von den Kindern zu überreden.

Dann rief Andre an. Es gab Neuigkeiten. Der Prozess war nun terminiert. In etwa acht Wochen würde er sein, an einem Mittwoch. Ich bekam zunächst einen Schreck, dazu einen Kloß im Hals, aber es half ja nichts. Ich würde mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen! Tschakka!

-----------------------------------------------------------

Teil 25

Diesseits von Afrika

Eine Woche später ging es in aller Frühe los. Erst ging es nach Amsterdam, dann nach Paris, dann nach Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste. Ich war von der langen Flugzeit ziemlich geschafft, und als ich aus dem klimatisierten Terminalgebäude ging, traf mich der Hammer. Diese Luft! Es war stickig, warm, feucht. In Sekundenschnelle klebte mir die Kleidung am Körper. Ich stieg am Flughafen in ein Taxi, welches mich bis zum Hotel brachte. Hier könnte ich mit der Kreditkarte bezahlen, aber für sonstiges hatte ich mir natürlich ziemlich viel Bargeld in der Landeswährung besorgt. Im Hotel sprachen sie auch Englisch, aber wie ich dann feststellte, war das Französisch, das die Leute hier sprachen, nicht so standardkonform. Trotzdem, für eine grundlegende Verständigung reichte es. Meistens hörte man aber ein Sammelsurium der verschiedensten Sprachen.

Ich ließ mir dann am nächsten Tag ein Taxi rufen und fuhr einige Sehenswürdigkeiten an: die moderne Kathedrale, das Handwerkerzentrum, den Zoo, das Museum für Zivilisationen, und am Schluss den etwas außerhalb gelegenen botanischen Garten. Danach war ich platt. Aber auch total fasziniert. Die fremden Gerüche, andere, meistens sehr bunte Farben, die Kleidung der Leute, das Sprachwirrwarr. Beim Vorbeikommen an einigen Gruppen hörte ich auch wieder die vom Besuch bei Adams Bekannten gehörte, landestypisch lautstarke Kommunikation. Man sah hier nur selten europäisch aussehende Leute, wenn, dann meistens Männer, nur eine Frau, das war eine Backpackerin. Ich sprach nicht mit ihr, wünschte ihr in Gedanken aber viel Glück.

Der Taxifahrer bedankte sich tausendmal und freute sich, heute einen so solventen und neugierigen Fahrgast bekommen zu haben. Zum Glück sprach er ein wenig Französisch. Nach dem Abendessen im Hotel rief ich noch einmal Boubacar an, der mich morgen am Nachmittag in San Pedro am Flughafen abholen wollte. Am anderen Tag machte ich mich in aller Ruhe auf den Weg zum Flughafen. Ein Angestellter des Hotels hatte mir schon am Abend dabei geholfen, einen Flug zu buchen, und der Angestellte vom Vormittag rief mir dann ein Taxi zum Flughafen. Das war einer der Tipps, welche mir Adam mit auf den Weg gegeben hatte. Nie einfach ein Taxi anhalten, sondern immer von einer Vertrauensperson rufen lassen. Es gäbe hier viel Betrug, auch seien schon manchmal Fahrgäste ausgeraubt worden. Am Flughafen und auf dem Flug ging alles glatt, und so stand ich dann in der Ankunftshalle, und wartete.

Hier ging es zu wie in einem Taubenschlag, aber nirgendwo stand jemand mit einem Pappschild, auf dem 'Neuhaus' oder 'Sandra' draufstand. Am Schluss war ich hier alleine. Erst nach einer halben Stunde tauchte ein einzelner Mann auf. Eine stattliche Erscheinung. Er kam lässig auf mich zugeschlendert, aber obwohl es Europäern meistens schwerfällt, Emotionen eines Afrikaners zu lesen, drückte sein Gesicht und seine Haltung Schuldgefühle aus. "Frau Neuhaus? Ich entschuldige mich. Es gab ein Problem mit meiner Tochter." Wobei er natürlich Englisch mit mir sprach, und das Neuhaus mit einem merkwürdigen Akzent aussprach, so mit einer Mischung aus amerikanischen und französischen Elementen. Ich nickte. "Ich bin Boubacar Kouamé. Sie können Boubacar zu mir sagen. Darf ich sie mit Sandra ansprechen?" Wie schon bei den Telefonaten sprach er das 'Sandra' in der englischen Betonung aus. Ich war froh, dass er so gut Englisch sprach, denn weit gekommen war ich hier mit meinem Französisch bisher nicht.

"Ja, darfst du. Gerne. Was war denn mit deiner Tochter?"

Er runzelte kurz die Stirn, vielleicht weil es hier nicht üblich ist, dass man so schnell privat nachfragt, antwortete dann aber. "Sie ist aus der Schule abgehauen. Ich musste sie suchen, und wieder hinbringen."

"Wie alt ist sie denn?"

"Sie ist Vierzehn."

"Schwieriges Alter. Macht sie das öfters?"

"Zum Glück nicht. Nur gelegentlich."

"Was ist mit ihrer Mutter?"

Sein Gesicht verfinsterte sich. "Sie ist bei ihrer Geburt gestorben." Er interpretierte mein fragendes Gesicht wohl richtig, und fügte hinzu: "Es gab ein Anaphylactoid syndrome of pregnancy." Ich schaute ihn fragend an. Er zuckte nur die Schultern, und sagte ein französisches Wort, das ich nicht kannte. Ich bemühte also auf dem Handy die Suchmaschine. Die spuckte aus: 'Fruchtwasserembolie'. Offenbar eine seltene, aber gefährliche Komplikation während oder kurz nach der Geburt.

"Das tut mir leid!" Ich sah mich genötigt, ihn kurz tröstend an den Arm zu fassen, und er nickte. Ich ließ ihn wieder los. "Ich hoffe, das ist kein Problem für dich und deine Tochter, wenn wir jetzt ein paar Tage unterwegs sein werden?"

"Nein, meine Mutter wird sich dann um sie kümmern. Wollen wir? Du hast mir ja schon so eine grobe Planung gegeben. Zuerst zur Fabrik, oder?"

"Ja, das wäre gut."

"Dann komm mit." Er ging voran, ich folgte ihm, hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Er war groß, und sah auch ziemlich athletisch aus. Breite Schultern und unter seinem Shirt zeichneten sich eine muskulöse Brust und stramme Bizeps ab. Er sah meinen musternden Blick, schaute aber gleich wieder verschämt weg. Draußen war ein großer Parkplatz. Wir gingen durch die Autos und kamen an einem Geländewagen an, in dem schon jemand saß. Er war das genaue Gegenteil von Boubacar. Klein und schmächtig. Wir stiegen ein. Er stellte ihn mir vor. "Das ist Yussuv Come. Er wird in der Zeit unser Fahrer sein. Er kann kein Englisch. Nur die Landessprache und ein wenig Französisch." Yussuv nickte mir zu, freute sich dabei wie ein kleiner Schneekönig und zeigte seine strahlend weißen Zähne. Boubacar sagte etwas zu ihm in der Landessprache. Es kam Sandra drin vor. Als der Redeschwall vorbei war, startete Yussuf den Motor und fuhr los. Wir kämpften uns durch den dichten Verkehr, und nach einer halben Stunde kamen wir an einem Fabrikgelände in den Außenbezirken von San Pedro an, und fuhren dort darauf.

Ich hatte mir die Mühe gemacht und mich vorher für eine Besichtigung angekündigt. Meine Legende war, dass ich eine reichweitenstarke Influencerin wäre, die als Schokoladenliebhaberin nun eine Story über den Herstellungsprozess von Schokolade machen will. Dazu hatte ich von Nico extra eine Webseite aufsetzen lassen. Eine Story war dort schon drin, und zwar über Mode. Das war ja eh mein Metier und so war es mir leichtgefallen. Meine Bekanntschaften hatten mitgespielt und dort reichlich Seitenaufrufe generiert und Kommentare dagelassen, und Nico füllte auch etwas mit einem KI-Bot. Für die Schokoladenstory hatte ich auch schon etwas Aufgenommenes, nämlich den Anfang, wie ich dem Zuschauer eine gezielt auf lasziv getrimmte Szene vorspielte, so, als würde das gezeigte Öffnen einer Schokoladentafel und das anschließende davon-naschen nahezu eine Art Höhepunkt in mir auslösen. Ich hoffte, das wäre nicht zu dick aufgetragen. Wir fragten einen Arbeiter auf dem Hof, und der verwies uns auf ein Gebäude.

Boubacar war schon einmal in so einer Fabrik gewesen. Es war damals aber eine andere gewesen. Auch da hatte er schon einmal die Sache mit entdeckter Kinderarbeit angesprochen, aber das war natürlich im Sande verlaufen. Auf jeden Fall würde man ihn hier nicht kennen. Aus den Unterlagen wusste ich, dass dies hier genau die Fabrik war, welche Herr Bremer über die frühere Firma meines Mannes, Mattsinvest, beziehungsweise deren Tochterfirma, betrieb. Im Gebäude, das ein relativ kleines Bürogebäude war, fragten wir eine dunkelhäutige Frau, die recht sexy gekleidet und schön geschminkt war, nach meinem Ansprechpartner, mit dem ich Kontakt hatte. Sie führte uns in ein Büro und dort in einen Raum hinter einem Vorraum, der, wie wir dann sahen, ihr Arbeitsplatz war. Ein bulliger, übergewichtiger Typ saß im hinteren Raum auf einem Computerstuhl hingefläzt und setzte sich zurecht, als seine Sekretärin mit uns hineinkam. Sie sagte etwas zu ihm. Er nickte.

"Sandra Neuhaus?", fragte er.

"Die bin ich", antwortete ich auf Englisch, denn so hatten wir uns auch bei der vorherigen Kommunikation unterhalten.

"Ich bin Daouda Keita. Freut mich, sie zu sehen. Sie wollen hier also was drehen?"

"Ja, wenn ich darf. Schauen Sie, das ist mein Kanal. Leider ist er nur auf Deutsch." Ich startete meine erste Story, spielte diese kurz an, dann die zweite mit der Schokolade, die ihm sehr gefiel. Noch mehr gefiel ihm aber mein Körper, wie ich sah. Immer wieder schielte er zwischendurch auf mich. Dann war der Film zu Ende. Ich holte mein Handy heraus. "Können wir loslegen? Sie können auf Englisch sprechen. Ich übersetze das dann später für meine Follower." Er nickte, und setzte sich zurecht. Ich begann zu fragen: "Also, was machen sie hier in der Fabrik?"

Er fing an zu reden. "Also, zu uns kommen die Bohnen der Kooperativen, welche von den Bauern beliefert werden. Die Bohnen sind schon vorverarbeitet, also nicht nur geerntet, sondern auch fermentiert. Das ist für den Geschmack wichtig. Fahren sie da auch hin?" Ich nickte. "Also, hier kommen sie in der Warenannahme an, dann werden die Säcke mit den Bohnen gewogen, dann gesichtet, bewertet, auf einen Siebrahmen geschüttet, dann werden Fremdkörper aussortiert, und in ein Gestell gehievt. Da tackern wir die Chargennummer dran, damit wir immer wissen, von welchem Bauern das kam. Dann transportieren wir das Gestell in unsere Trocknungsräume. Da wird ständig warme Luft von außen zugeführt. Die wird natürlich gefiltert. Ein Teil trocknet auch draußen. Das dauert so etwa ein bis zwei Wochen, bis die Bohnen ausreichend trocken sind. Und am Schluss wird alles in Jutesäcke verpackt und bei der Warenausgabe auf Trucks verladen, die dann in den Hafen fahren. Zwischendurch gibt es natürlich ständig Prüfungen und eine Qualitätskontrolle."

"Und wie passiert das wirtschaftlich? Haben sie Verträge mit den Bauern oder mit den Kooperativen? Und wie läuft das mit der Preisgestaltung?"

"Natürlich haben wir Verträge. Die haben wir mit den Kooperativen. Bei der Anlieferung bekommen die natürlich einen Lieferschein."

"Kann ich solche Scheine mal sehen?"

"Aber klar doch!" Er ging zu einem Ordner und holte den aus seinem Regal. Ich sah, es war der aktuelle Ordner für diesen Monat. Er schlug ihn auf und blätterte einige Scheine durch, erklärte mir an einigen Stellen, was da stand. Ich sah, dass auch einer von der Kooperative dabei war, welche ich besuchen wollte. Es war die, wo vor kurzem Adam gewesen war.

"Gibt es da Tagespreise? Oder wie läuft das?"

"Anhand der gegenwärtigen Marktpreise gibt es einen Festpreis."

"Aber die sind vertraglich an sie gebunden, oder?"

"Die meisten Kooperativen sind das. Die müssen eine bestimmte Mindestmenge liefern. Was sie darüber hinaus ernten, können sie auch an andere Fabriken verkaufen. In der Regel sind das etwa 60 bis 70 Prozent ihrer Ernte, welche wir bekommen. Sonst würde sich keiner auf solche Verträge einlassen, da wir den Preis diktieren könnten."

"Reich werden die damit aber nicht, oder?"

Er grinste jetzt. "Nein, aber damit können die gut überleben."

"Es gibt bei uns Gerüchte, dass es Kinderarbeit auf den Plantagen geben soll."

"Also, das war früher mal. Wir haben ja Zertifikate, die so etwas unterbinden. Das ist auch in den Verträgen verankert. Wollen wir uns jetzt mal die Arbeitsstationen ansehen?"

Man merkte, das Thema war ihm unangenehm, und er wollte davon ablenken. "Ja, gerne. Kommt da jemand, der uns herum führt?"

"Nein, das mache ich selbst." Anzügliche Blicke, welche eher auszüglich waren, und über meinen Körper fuhren. Er sagte etwas zu seiner Sekretärin, und wir gingen aus dem Büro. Dann ging es in die Stationen. Ich filmte immer wieder. Es war hier ziemlich groß, weite Wege waren zu gehen, was ihm reichlich Gelegenheit gab, mich anzuglotzen. Helme bekamen wir nicht. Nach über zwei Stunden waren wir durch und gingen wieder in sein Büro. Ich war auch durch, nämlich komplett durchgeschwitzt. Das würde mein Vorhaben unterstützen. Seine Vorzimmerdame war nämlich nicht zu sehen.

"Danke. Es gab wirklich viel zu sehen." Ich lächelte ihn dabei an. Er bekam wohl gar nicht mit, dass ich ihn damit ironisch hochzog. Am Schluss zog ich aus meiner mitgebrachten Tasche noch ein kleines Geschenk und gab es ihm. Es war eine offene Kakaobohnenfrucht mit Bohnen aus Wolle, welche mir Stine gebastelt hatte. Er bedankte sich. Ich fächelte mir Luft zu, so, als ob mir furchtbar heiß wäre, dann schwankte ich, hielt mich am Tisch fest, tat so, als wäre mir schwindelig, stöhnte, setzte mich auf einen Stuhl.

Er bekam einen Schreck. "Ist ihnen nicht gut?" Ich schüttelte den Kopf. "Ich hole ihnen mal ein Glas Wasser, ja?" Dann lief er aus dem Raum. Darauf hatte ich gewartet. Ich schnappte mir den Ordner, und fischte mir den Lieferschein der Kooperative heraus. Ich wusste, es war gleich der zweite, knallte ihn in meine Tasche. Boubacar sah mir mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung zu, sagte aber nichts, trat an mich heran, um Unterstützung zu signalisieren. Der Typ kam mit einem großen Glas Wasser wieder, welches ich austrank.

"Danke. Das war wohl wegen der Hitze." Die war wirklich enorm gewesen, vor allem in diesen Schluchten zwischen den Hallen. Aber das hier war ja nur Show gewesen. "Ich glaube, jetzt geht's wieder. Vielen Dank."

Wir beide verabschiedeten uns von ihm und wir gingen zum Auto hin. Auf dem Weg dorthin sprach Boubacar mit mir. "War eine schöne Show gewesen. Machst du immer solche Sachen?"

"Eigentlich ständig. Also, nimm dich vor mir in acht!"

Er grinste. Dann setzte er nach: "Wow. Der hat dich bestimmt so an die tausendmal ausgezogen, oder?" Dabei zwinkerte er mir zu. Er hatte also einen ähnlichen Humor wie ich.

"Das war ich doch in seinen Augen, oder?", antwortete ich, und grinste ihn ebenfalls an. Eine Antwort darauf zu geben, traute er sich nicht.

"Hast du noch mehr solcher Sachen vor?"

"Mal sehen, was geht."

Er schaute mir aufmerksam ins Gesicht. "Da ist noch mehr. Was hast du wirklich vor?"

Ich seufzte. Ich wusste, ich würde ihn noch brauchen, aber trotzdem musste ich ihn in das einweihen, was ich vorhatte, auch auf die Gefahr hin, dass er dann abbricht. "Ich will ein oder zwei von den Kindern da herausholen und nach Deutschland mitnehmen. Sie müssen da raus, und die Welt muss erfahren, was da vor sich geht. Aus erster Hand."

"WAS? Bist du verrückt!?"

"Ich bin verrückt, aber ich bin auch Mensch. Komm, wir wollen doch beide dasselbe! Wir wollen, dass das hier endet. Das geht nur mit drastischen Methoden!"

"Das wird nicht einfach sein! Die lassen sich nicht so gerne ihre Arbeitssklaven wegnehmen."

"Ich muss es trotzdem versuchen. Wir müssen es versuchen! Ist es eine Straftat? Nein, oder?"

"Nein. Nach den hiesigen Gesetzen darf es keine Kinderarbeit geben. Auch keine Sklaven. Aber es wird schwierig. Vielleicht auch gefährlich."

"Bist du dabei?"

Er raufte sich die kurzen, lockigen Haare. "Ja, ich bin dabei. Wir versuchen es. Aber wir müssen vorsichtig sein. Und schlau vorgehen."

-----------------------------------------------------------

Teil 26

Die Flucht von der Plantage

Wir waren beim Auto angekommen, wo Yussuv immer noch wartete, stiegen ein, und fuhren los. Boubacar sprach mit Yussuv, wobei sich das Gespräch schnell in ein hitziges Wortgefecht verwandelte. Aber so etwas kannte ich schon vom Besuch bei der afrikanischen Community. Aber irgendwann beruhigte sich das wieder. Der Wagen wendete und schien jetzt wieder zurückzufahren. Ich fragte: "Müssten wir nicht in Richtung Plantagen fahren?"

"Doch, aber ich muss noch Sachen holen. Du hast ja gemerkt, Yussuv war nicht so ganz begeistert von der Sache, aber ich habe ihn überreden können. Dafür will er aber mehr Geld."

"Wenn's nur das ist", antwortete ich. Dann erschrak ich mich. Ich hatte noch nichts für die Hunde besorgt! "Sag mal, wo kann man hier was einkaufen?"

"Was brauchst du denn?"

"Verpackten Schinken. Ich brauche irgendein Fleisch, um die Hunde zutraulich zu machen."

"Die haben doch in den Dörfern Fleisch. Die halten jede Menge Nutztiere."

"Na gut, dann nicht."

Wir kamen an einem Haus an. Für afrikanische Verhältnisse nicht schlecht. Boubacar ging rein, es dauerte eine ganze Weile, dann kam er mit einem großen Rucksack wieder, den er in den Geländewagen verstaute. Yussuv fuhr wieder los. Dann hatten wir nach einer guten Stunde die Stadtbereiche verlassen und fuhren jetzt auf einer geteerten Straße weiter. Die war schmal. Ab und an kam uns ein beladener LKW entgegen, da fuhr Yussuv immer rechts ran und wartete, bis dieser vorbeigefahren war. Und schließlich, nach stundenlanger Fahrt – wir hatten vorher noch bei einem Imbiss eine Pause gemacht –, kamen wir in einem Dorf an, und stiegen aus.

Eine afrikanische Frau kam aus der Hütte, korpulent, wie man das kennt, dicker Po, aber ein durchaus hübsches Gesicht, sie trug zu ihrer traditionellen Kleidung so einen der üblichen Head-Wraps. Yussuv stieg aus, umarmte die Frau, deutete auf uns. Die Frau bat uns herein. Sie sprach weder Englisch noch Französisch, was aber nichts machte, da Boubacar übersetzen konnte. Er sagte, dass wir hier übernachten dürfen, und dass sie uns auch etwas zu essen kochen wird. Boubacar sagte mir, dass sie eine Cousine von Yussuv ist, die hier alleine lebt, ohne Mann und Kinder, sich aber mit der Betreuung anderer Kinder ihren Lebensunterhalt verdient. Die Frau machte sich an das Kochen, und ich schaute ihr zu.

In einem von den anderen beiden unbeobachteten Moment steckte ich ihr heimlich einen Schein der Landeswährung zu. Ich machte das Pssst-Zeichen, was man wohl auch hier verstand, denn sie zwinkerte mir zu. Dann begann es zu dämmern. Die Nacht brach hier immer ungeheuer schnell herein, es dauerte kaum eine Viertelstunde, und es war stockdunkel, und nur der hier echt tolle Sternenhimmel und ein Schein von Feuern in der Nähe sorgten noch für Licht. Hier gab es natürlich keine richtige Toilette und ich ging vorher noch schnell Richtung zum Glück nicht weit entfernten Waldrand und erledigte hinter einem Gebüsch mein Geschäft. Wir aßen dann das schmackhafte Essen aus Wurzeln und anderem Gemüse, es war ein Eintopf. Ich war supermüde und legte mich gleich danach schlafen. Jeder von uns bekam ein Lager. Eine Decke brauchte man hier nicht. Es war ja warm.

Als ich am anderen Morgen aufwachte, war es natürlich immer noch warm. Schwülwarm, wie hier überall. Also so, dass man am liebsten gar nicht aufstehen wollte. Alle anderen waren schon wach. Zwischendurch war ich immer wieder aufgeschreckt von den ungewohnten Geräuschen, die hier herrschten. Unsere Gastgeberin hatte bereits gekocht. Boubacar sagte, das wäre Bananen-Foutou. Das waren so längliche Klöße, und dazu gab es mehrere Soßen, in die man diesen Kloß tunkt. Die aß man mit den Fingern, und Boubacar schärfte mir ein, dazu immer die rechte Hand zu benutzen. Es war für mich gewöhnungsbedürftig, aber es schmeckte echt gut. Dann brachen wir auf.

Wir fuhren noch ein ganzes Stück auf der Straße, dann kam erneut ein Dorf. Es war ziemlich groß. Hier begannen schon die ersten Kakaoplantagen. Boubacar zeigte auf eine größere Hütte, ein Langhaus, vor der ein Lkw stand, der gerade beladen wurde. Er sagte mir, dass das die Kooperative ist. Hier sah ich die ersten arbeitenden Kinder. Sie luden recht schwer wirkende Säcke auf den LKW. Boubacar schärfte mir ein, hier nichts zur Kinderarbeit zu sagen, denn das könnte unser Vorhaben gefährden. Ich filmte es aber. Wir gingen dann da hin. Ein spindeldürrer Afrikaner beaufsichtigte das Verladen, und als er Boubacar sah, winkte er und kam zu uns. Er begrüßte ihn, und Boubacar zeigte auf mich, stellte mich vor, redete dann eine Weile mit ihm.

"Du kannst anfangen zu filmen, und ihm Fragen stellen", sagte er. Ich zückte mein Handy, und fing an, auf Englisch zu sprechen, und Boubacar übersetzte.

"Danke, dass Sie mit mir sprechen. Ich betreibe einen Nachrichtenkanal in Deutschland und möchte meinen Zuhörern gerne Informationen geben, wie Schokolade hergestellt wird. Wir waren bereits in der Fabrik, und jetzt sind wir hier in der Kooperative, welche diese beliefert, richtig?"

Boubacar übersetzte, der Typ nickte, sagte etwas, Boubacar übersetzte, was zwar ein wenig zäh war, aber funktionierte: "Genau. Wir sind die Kooperative der umliegenden Dörfer und sammeln die Kakaobohnen der Bauern ein, welche hier die einzelnen Plantagen bewirtschaften. Die laden wir auf die Trucks und beliefern damit die Fabrik. Somit müssen sich die Bauern nicht selber um die Vermarktung kümmern. Wir liefern die Bohnen bei der Fabrik ab und die Bauern bekommen dann den vereinbarten Preis dafür, und wir einen kleinen Teil für unsere Dienstleistung."

"Wohin liefern sie die denn?"

"An eine Fabrik in San Pedro."

"Wie heißt die denn?"

"Xocomining Company."

"Liefert ihr alles dorthin?"

"Ja, klar."

"Warum gerade diese? Gibt es keine andere?"

"Doch, wir haben aber Verträge. Wenn wir da alles abliefern, bekommen wir einen etwas günstigeren Preis als bei den anderen. Außerdem sind die Lastwagen dahin kürzer unterwegs, und da die Abfertigung da besser läuft, sind die auch eher wieder hier. Zeit ist Geld." Er grinste und zeigte dabei seine makellosen weißen Zähne.

"Wie heißt das Dorf hier?"

"Djalapi."

"Werden sie denn auch vom Dorf Bhopanij beliefert?"

"Das ist einer unserer Lieferanten. Woher kennen sie das denn?"

"Ein Bekannter von mir hat da in dem Dorf mal eine Reportage gedreht."

"Ach, etwa der Typ mit dem Schnurrbart?"

"Ja, der. Der hatte aber ein ganzes Team dabei. Ich bin ja nur eine Bloggerin und arbeite alleine. Mein Geld verdiene ich mit Werbung und Produktempfehlungen. Ist das hier eine typische Kooperative?"

"Ja, die meisten sind ähnlich groß wie diese hier. Jedes lokale Anbaugebiet hat mindestens eine."

"Und da können die Bauern von leben?"

"Klar, es reicht zum Überleben. Mehr braucht man hier nicht."

"War das hier und in den Anbaugebieten früher mal Urwald?"

"Ja, da haben die Bauern dann eine Plantage draus gemacht. Die meisten Bäume gefällt, Kakaobäume angepflanzt. Die befestigte Straße nach San Pedro war aber schon vorher da."

"War das hier alles nicht ein Naturreservat?"

"Weiß nicht, ich glaube nicht." Man sah, seine Augenlider zuckten dabei. Es war also gelogen.

"In Deutschland haben wir auch Plantagen, da gibt es oft Probleme mit Schädlingen. Haben sie das hier auch?"

Er zeigte zu einer Hütte, vor der ein Tisch aufgebaut war. Ein Mann stand dahinter. "Da können die Bauern Mittel dagegen kaufen." Man sah, dass gerade zwei Kinder dorthin schlenderten.

"Vielen Dank für Ihre Informationen. Wir schauen uns das mal an." Er nickte uns zu, und wandte sich wieder der Beladung des Trucks zu, während wir zu dem Stand gingen. Die Kinder reichten dem Mann hinter dem Stand gerade einige Scheine, und bekamen eine Metalldose überreicht, in der vermutlich Pflanzenschutzmittel war. Ich filmte alles. Die Kinder zogen damit ab und wir folgten ihnen. Als sie um die Ecke waren, sprachen wir sie an. Boubacar übersetzte wieder.

"Hallo! Was macht ihr denn damit? Ist das Gift?"

"Das ist Gift gegen Insekten. Wir sollen das nachher verspritzen."

"Ihr? Warum macht das nicht euer Vater oder eure Mutter?"

"Die sind doch gar nicht hier!" Ich war voll erschüttert über ihre Aussage, und ließ sie erst mal ziehen. Die Kinder gingen weiter zu einem kleineren LKW, der auf sie wartete, und der fuhr dann los.

Ich fragte Boubacar. "Die machen das wirklich, oder?"

"Ja, leider. Das habe ich letztes Mal mit eigenen Augen gesehen."

"Wollen wir jetzt zu diesem Dorf mit dem Bauern fahren?"

"Auf geht's." Boubacar hatte mir im Vorgespräch gesagt, dass er damals die Truppe um Adam zu einem bestimmten Bauern geführt hat, und genau diesen wollte ich aufsuchen.

Nach einem kleinen Stück auf der Teerstraße ging es links in eine Nebenstraße rein. Aber Straße war zu viel gesagt. Es war eher so ein Weg aus gestampfter Erde, in Form eines Hohlwegs. Ab und an gab es mal eine Stelle, wo Schotter hingekippt war. Da war dann meistens auch eine dieser Ausweichstellen, die aber viel seltener als auf der Teerstraße waren. Auch hier mussten wir die recht oft nutzen, einige Male sogar ziemlich weit zurücksetzen, damit der jeweilige LKW passieren konnte. So ging es eher nur im Schneckentempo vorwärts. Klar, übertrieben, aber erst am Nachmittag kamen wir im Dorf an, passierten zwischendurch auch weitere Dörfer. Wir hielten am Anfang des letzten Dorfes. Boubacar sagte, dass wir hier übernachten können.

Wir gingen ab hier zu Fuß hindurch. Vor nahezu jeder Hütte lagen, meist auf Bananenblättern ausgebreitet, Kakaobohnen. In der letzten Hütte, wo dieser Bauer residierte, gab es eine solche Bananenblätterfermentierung nicht. Unter einer Überdachung standen Holzkisten. Der Bauer war gerade dabei, in so einer Kiste mit einer Schaufel die Bohnen zu wenden. Als wir in sein Blickfeld kamen, erkannte er wohl Boubacar, und sprach ihn an. Wieder stellte Boubacar mich vor, und erzählte ihm dann von meinem Vorhaben. Dann nickte er. Ich zückte mein Handy, und fing an zu filmen.

"Hallo. Ich bin von der Presse und möchte meinen Zuhörern gerne Informationen geben, wie Schokolade hergestellt wird. Wir in Deutschland lieben Schokolade! Was machen sie hier mit den Kakaobohnen? Das sind frisch geerntete Bohnen, richtig?"

Boubacar übersetzte, er nickte, sprach dann, Boubacar übersetzte erneut, aber zu mir. "Diese hier sind schon zwei Tage alt. Wir müssen die Bohnen gären, damit sie Geschmack bekommen. Viele machen das im Freien auf Bananenblättern, aber meine Plantage ist größer, da geht das in den Holzkisten besser."

"Besitzen sie die Plantage?"

"Ich und meine zwei Brüder. Deshalb ist die Plantage ja größer als die meisten anderen."

"Ach so, und ihre Brüder ernten gerade?"

"Nein, die beaufsichtigen die Kinder."

"Welche Kinder?"

"Na die Kinder, welche die Arbeiten machen. Kakaofrüchte ernten und die Bohnen gewinnen, den Boden bearbeiten, bei Bedarf Schutzmittel spritzen, Baumpflege machen, und so weiter."

"Müssen die denn nicht in die Schule?"

"Nein, das brauchen die nicht mehr."

"Sind das denn ihre Kinder?"

"Die gehören mir. Ich habe sie von einem Vermittler gekauft. Die meisten sind aus Burkino Faso."

"Kriegen sie da so eine Eigentumsurkunde?"

"Ich bekomme eine Vermittlungsurkunde. Da stehen ihre Namen drauf, der Name und Ort ihrer Eltern, der Preis."

"Ach, kann ich so eine mal sehen?"

"Klar." Der Bauer ging in seine danebenstehende Hütte und kam mit einigen Papieren wieder. Ich filmte diese ab.

"Warum nehmen sie denn keine erwachsenen Arbeiter?"

"Ach, die sind zu teuer, die kann ich nicht bezahlen. Für die Bohnen bekomme ich ja einen Festpreis. Wenn die Ernte schlecht ausfällt, kann ich da gerade von leben."

"Haben sie auch eigene Kinder?"

"Na sicher."

"Ach, die arbeiten auch da mit?"

"Nein, die gehen ja in die Schule. Nur der Älteste arbeitet mit. Der passt auf die Kinder auf und hilft denen."

"Kann ich mal sehen, wie die Kakaofrüchte geerntet werden?"

"Klar. Da müssen sie aber in die Plantage hineingehen."

"Ist das schwer?"

"Nein. Eine halbe Stunde den Pfad entlang. Warten sie!" Er rief etwas. Aus seiner Hütte kam ein etwa 16 Jahre altes Mädchen. Er sagte etwas zu ihm und das Mädchen winkte mit dem Finger, ihr zu folgen. Ich bedankte mich und wir gingen ihm nach. Boubacar unterhielt sich ein wenig mit dem Mädchen, das Französisch sprach. Ich verstand auch ein wenig, aber nicht viel. Sie erzählte, dass sie nicht mitarbeiten muss, aber bei der Wäsche und beim Kochen des Essens helfen muss. Heute war sie krank und ist deswegen nicht zur Schule gegangen. Für mich sah sie aber fit aus. Gab es Schulschwänzer auch hier in Afrika? In etwa nach der angegebenen Zeit blieb das Mädchen stehen, horchte in den Wald, und zeigte in eine Richtung, in die sie dann ging. Wir verließen den Pfad. Hier war Plantagenwald. Über uns Baumkronen, unter uns Waldboden. Es war aber kein Urwald, man kam gut durch.

Nach etwa zwei Minuten sahen wir einige Leute, die arbeiteten. Es waren tatsächlich Kinder. Ein Junge war schätzungsweise elf Jahre alt, zwei so an die dreizehn bis fünfzehn. An einer anderen Stelle arbeiteten weitere Kinder, alle so an die zwölf bis vierzehn Jahre alt. Alle schmächtig, nicht unbedingt unterernährt, sondern drahtig. Außerdem war ein etwa 18 Jahre alter Mann dort. Das Mädchen sprach mit diesem, zeigte auf uns. Der Mann sprach dann zu Boubacar. Er deutete auf mich. Boubacar erklärte, dann nickte der Mann, und deutete auf die Jungen. Ich hatte schon längst meine Kamera gezückt und filmte. Ein Junge holte mit einer langen Stange eine Kakaofrucht nach der anderen vom Baum, die beiden anderen hauten diese mit einer Machete auf und entleerten den Inhalt in einen Eimer. Es war so, wie es auch im Film war, den ich gesehen hatte. Und einen der Jungen, es war der älteste, erkannte ich wieder. Es war der von Adams Film. Ich sprach die Gruppe von ihm an, Boubacar übersetzte. "Hi! Was macht ihr hier?"

"Wir ernten Kakaofrüchte."

"Warum macht ihr das? Bekommt ihr Geld dafür?"

"Nein. Nur selten. Wir gehören ja dem Bauern und müssen für den arbeiten."

"Was ist denn mit euren Eltern?"

"Die mussten mich weggeben. Sie hatten kein Geld mehr für Nahrung."

Ein anderer, es war der größte und älteste von denen, sagte: "Meine Eltern sind beide tot."

"Kriegt ihr genug zu essen?"

"Wir haben ein Gemüsebeet im Dorf. Davon kochen wir uns was."

"Ist die Arbeit hier schwer?"

"Ja, ziemlich. Aber wir können das."

"Wie lange müsst ihr das denn machen?"

"Bis wir achtzehn sind."

"Habt ihr denn auch mal frei?"

"Ja, sonntags. Da jagen wir dann oft, damit wir mal Fleisch essen können."

"Gibt es denn hier Tiere?"

"Ja. Vögel, Ratten, Schlangen."

"Wolltet ihr hier nie weg?"

"Doch ich", sagte der ältere Junge. "Aber man hat mich wieder eingefangen."

"Und ihr wohnt im Dorf?"

"Wir haben da eine kleine Hütte."

"Dürfen wir euch nachher mal besuchen?"

"Klar, gerne."

"Danke. Wir schauen euch noch ein wenig bei der Arbeit zu, ja?"

Die drei nickten und machten weiter mit ihrer Arbeit. Der Aufpasser hatte auch schon ein wenig gedrängelt. Die drei machten das sehr geschickt. Der Aufpasser rührte keinen Finger.

Boubacar sagte etwas zu dem Mädchen, das weiter mit uns gewartet hatte, es nickte, und führte uns zu einer anderen Stelle der Plantage. Auch hier sah man drei Kinder arbeiten, sowie einen Aufpasser, der schon ziemlich alt war. Das Mädchen stellte uns vor und Boubacar sprach dann mit ihm. Ich filmte die Kinder bei der Arbeit. Den Aufpasser interviewte ich dann mit Hilfe von Boubacar bei der Übersetzung. Er sagte, dass seine Frau schon lange tot sei, er alleine im Dorf lebte, seine Kinder in alle Winde zerstreut waren, und er sich mit diesem Job ein wenig verdiente, um überleben zu können. Es folgte noch ein Interview mit einem der Kinder, die anderen waren zu schüchtern und schüttelten den Kopf. Das Kind gab auch an, dass seine Eltern ihn weggegeben hatten.

Eine Viertelstunde später machten wir uns zusammen mit dem Mädchen auf den Weg zurück ins Dorf. "War ganz schön heftig, oder? Am liebsten wäre ich den Typen an die Gurgel gegangen. Dem Bauern auch."

"Der hat auch kein einfaches Leben. Das machen hier alle so. Die Preise sind einfach zu niedrig für normale, erwachsene Arbeiter."

"Aber das ist doch Sklaverei!"

"Ja, ist es. Aber ohne den Hebel für die Preise werden wir da nie was dran ändern. Es muss Druck vom Westen kommen, damit die hiesige Regierung was macht. Nur so geht das. Wie ist denn dein Plan?"

"Na, ich werde die nachher fragen, ob ich sie nach Deutschland mitnehmen kann. Zumindest der älteste von denen der ersten Gruppe scheint ja auch wegzuwollen."

"Ich hoffe, die anderen verraten den nicht. Und wie genau wollen wir das machen? Das geht nur nachts, denke ich. Ich spreche mal mit Yussuv. Vielleicht hat der ja eine Idee." Wir gingen zurück und entdeckten Yussuv, der im Schatten eines Baumes döste. Boubacar ging zu ihm hin. Vor der Hütte stand das Mädchen von vorhin und spielte mit einer Perlenkette. Boubacar gab mir einen Wink und ich ging zu den beiden hin. "Yussuv sagt, der Bauer ist weggefahren. Das Mädchen ist allein. Vielleicht kannst du es ja ablenken." Dazu zwinkerte er mit einem Auge. Ich ging also zum Mädchen hin, zog mein Handy heraus, und spielte ein Musikstück ab, etwas Fetziges. Ich fing an, zur Musik zu tanzen, und bewegte mich zur Rückseite der Hütte hin. Das Mädchen hatte mit dem Spielen aufgehört und schaute mir zu. Das Mädchen fing auch an, sich im Takt der Musik zu bewegen, versuchte, meine Bewegungen nachzuahmen, fand aber bald welche, die ihr selbst besser lagen. Ich musste zugeben, es war hundertmal besser als ich, ein Naturtalent. Ich schielte zu Yussuv. Der stand jetzt allein da. Das zweite Musikstück lief. Immer noch tanzten wir. Irgendwann rief mich Boubacar, der nun wieder bei Yussuv stand. Ich zuckte dem Mädchen gegenüber bedauernd die Schultern, stoppte die Musik, und ging zu Boubacar hin.

"Was sollte das?", fragte ich.

"Später! Yussuv hat einen Plan!" Er zeigte mir etwas, was Yussuv auf den Boden gemalt hatte, erklärte mir dann die Gegebenheiten und die einzelnen Schritte. Ich verstand. Es könnte funktionieren. Aber ein wenig Angst hatte ich schon. Wer weiß, was passieren würde, wenn wir entdeckt und erwischt werden? Ob die dann ausflippen? Aber ich musste es riskieren. Meine wirtschaftliche Existenz stand auf dem Spiel, und schon aus Gründen der Menschlichkeit musste ich es versuchen. Aber ich musste zugeben, der Plan war irgendwie brillant. Er müsste nur klappen. Wir gingen zum Anfang des Dorfes. Hier gab es ein 'Hotel'. Das war eigentlich nur eine etwas größere traditionelle Hütte, ein Gästehaus mit mehreren abgetrennten Bereichen, aber es gab hier auch etwas zu essen, die sehr voluminöse Wirtin begrüßte uns herzlich und tischte etwas auf, nachdem wir eine Übernachtung für uns drei bei ihr gebucht und bezahlt hatten. Sie sprach ein paar Worte Französisch, etwa so ähnlich schlecht wie ich.

Hier nebenan hatte auch ein anderer Bauer seine Hütte. Er wirtschaftete anders, hatte seine Kakaobohnen auf mehreren Flächen davor ausgebreitet und fermentierte die Bohnen auf Bananenblättern, welche genauso wie die vom anderen Bauern mit seinen Holzkisten einen süßlichen Geruch verströmten. Ich interviewte ihn, wobei Boubacar wieder Übersetzungsdienste leistete. Auch er hatte natürlich einige Kinder als Arbeiter am Laufen. Mir lief die Galle über, aber ich sagte nichts dazu. Wir hatten hier ein höheres Ziel. Auch hier filmte und interviewte ich einige der Kinder, die etwas Ähnliches erzählten wie die anderen von der großen Plantage. Deren Aufpasser ließ uns aber machen und nervte nicht, weil er dabei die ganze Zeit auf seinem Handy daddelte. Dann gingen wir ein wenig im Dorf umher. Bei einer Hütte war ein Stand aufgebaut. Hier gab es Ziegenfleisch. Genau darauf hatte ich gehofft, und kaufte etwas davon. Es sah abgehangen aus, zumindest war es trocken, was aber auch an der Hitze liegen könnte. Nur die vielen Fliegen darauf sahen abschreckend aus. Der Verkäufer sagte zu Boubacar, dass man es braten oder abkochen sollte, wegen der Fliegeneier. Nun gut, ich wollte es ja nicht selber essen.

Neben vielen Hütten grasten Ziegen, aber es gab auch etliche Hunde. Auch beim ersten Bauern hatte ich welche gesehen. Ich hatte mein erworbenes Fleisch in kleine Stücke schneiden lassen und warf den Hunden Brocken zu, welche diese gierig vertilgten. Dann kamen sie sogar heran und fraßen mir aus der Hand. Das Fleisch war noch pur, nicht mit den Tropfen versehen. Die würde ich später dazugeben. Schließlich gingen wir erneut zum anderen Ende des Dorfes, wo der Bauer mit der großen Plantage residierte. Auch hier versorgte ich dessen Hunde mit Fleischstückchen. Sie waren gierig, so etwas Gutes schienen sie nur selten zu bekommen. Dann gingen wir zum Pfad.

Wir versteckten uns abseits des Pfades gleich an dessen Anfang im Wald. Hier war noch keine Plantage, es gab einige Bananenpflanzen und ein wenig Wildwuchs. Wir warteten etwa eine Stunde, während der wir vor allem damit zu tun hatten, uns der Ameisen zu erwehren. Dann kam die erste Gruppe von Kindern mitsamt ihrem Aufpasser, kurze Zeit später eine zweite Gruppe. Es war genau die Gruppe mit den von mir interviewten Kindern. Wir sahen, wie sie in ihre Hütte gingen, der Aufpasser ging zu einer anderen Hütte. Wir gingen hin und schlüpften da hinein. Im ersten Moment waren sie überrascht, aber Boubacar beruhigte sie sogleich. Er sprach mit ihnen, deutete mehrmals auf mich. Schließlich nickte einer der Jungen, es war der älteste, und nach einigem Zögern auch noch ein anderer. Der kleinste Junge schüttelte dagegen immer wieder seinen Kopf.

Boubacar sagte dann zu mir: "Also, der eine Junge hier, Kouassi Touré, der will auf jeden Fall mit, sein Freund Moja Koffi kommt auch mit, aber der dritte im Bunde, Brahima Coulibaly, der will das nicht, will hierbleiben. Ich hoffe, er wird uns nicht verraten. Er will aber Geld haben. Er will es als Startkapital nutzen, wenn er alt genug ist und hier weg darf. Aber er nimmt nur Dollars. 500. Hast du sowas?"

"Nein, leider nicht." Plötzlich hatte ich eine Idee. Der Ring! Der hatte damals 700 Euro gekostet, und seitdem waren die Goldpreise weiter gestiegen. Ich streifte mir den Ring vom Finger. "Gib ihm den. Aber erst, wenn wir weg sind! Ist viel mehr als 500 Dollar wert."

"Okay, ich rede mit ihm." Er sprach mit ihm, eine ganze Weile. Dann sagte er: "Moja wird ihn deponieren, wenn wir abhauen. In dieser alten Asthöhle des Baumes bei unserer Unterkunft. Ich hab ihm gesagt, wir machen das bei Sonnenaufgang, aber wir fahren ja schon früher los. Das sollte uns genug Vorsprung geben, selbst wenn er petzt. Morgen ist Sonntag, da müssen die nicht arbeiten. Es ist also günstig für unser Vorhaben. Willst du ihm sonst auch noch was von deinem Schlafmittel geben?"

Ich schüttelte den Kopf. "Auf keinen Fall! Er ist ja kein Hund! Das Risiko müssen wir eingehen!"

"Ich hätte es auch so gemacht", sagte er. "So, lass uns zum Hotel gehen." Ich lachte auf, wegen des Begriffs 'Hotel', und wir gingen dann dorthin. Dann kam der schnelle Sonnenuntergang. Wir bekamen noch ein schönes Abendbrot, Alloca, welches aus gebratenen Bananen besteht. Im Dorf wurde es aber nicht etwa ruhig, sondern das ganze Gegenteil. Aus allen Ecken und Enden waren erst Stimmen zu hören, dann Musik, die vor allem aus Trommeln bestand. Wir gingen nach dem Essen zum zentralen Dorfplatz. Da saßen etliche Dorfbewohner, welche trommelten, und einige tanzten dazu, vor allem Frauen, aber auch Mädchen. Die Umherstehenden klatschten. Wir schauten nur fasziniert zu, eine ganze Weile. Dann gingen wir zur Unterkunft und legten uns auf die Lauer. Es dauerte lange, bis die Musik erst leiser wurde, und dann ganz verstummte. Nach und nach wurde es still. Nur einige Tiere in der Umgebung machten noch Geräusche. Es war zwei Uhr.

Wir brachen auf. Ich verteilte zuerst sehr großzügig mein Fleisch an die Hunde des ersten Bauern, der seine Hütte direkt neben dem Gästehaus hatte. Dessen Hunde sollten möglichst nichts mitkriegen. Wir gingen dann zum Bauern am Ende, und nahmen dabei einen anderen Weg, nicht den im Dorf, sondern einen, der hinter den Hütten am Rande des Waldes entlangführte. Den hatten wir vorhin auf dem Rückweg schon ausgekundschaftet. Man brauchte hier zwar viel länger, kam dort aber nicht an irgendwelchen anderen Hütten vorbei, wo Hunde anschlagen könnten. Wir hatten Glück, der Mond stand am Himmel, man sah ausreichend. Wir kamen an der Hütte des Bauern an. Er hatte auch zwei Hunde. Da die mich schon kannten, schlugen die nicht an. Auch diese versorgte ich großzügig mit Fleischstücken.

Es dauerte nicht lange, dann wurden die Hunde müde. Es schien zu wirken. Wir schlichen uns in die Hütte mit den Kindern. Wir waren auf alles gefasst, aber es gab keinen Hinterhalt. Boubacar flüsterte einige Worte, und zwei der Kinder, die man aber in diesem Licht nur als Schatten sah, schlichen mitsamt uns aus der Hütte. Die Hunde waren ruhig, schliefen vermutlich bereits ihren Drogenrausch aus. Wir gingen über den Dorfrandweg bis zur ersten Hütte, wo nebenan auch unsere Unterkunft war. Boubacar ging mit den Kindern dorthin, wohl um den Ring für Brahima wie vereinbart zu deponieren. Dann kam er mit ihnen zurück, und hatte Yussuv dabei. Ich wartete so lange am dort stehenden Auto.

Yussuv setzte sich ans Steuer. Wir packten alle an und schoben den Wagen langsam auf die Straße. Zum Glück machte es nur wenig Geräusche, da die Straße ja aus Erde gestampft war und hier kein Kies lag. Es war ziemlich anstrengend, aber zum Glück war ein leichtes Gefälle vorhanden. Erst nach einer geraumen Weile startete Yussuv den Motor, wir sprangen auf, und ab ging die Fahrt, erst langsam, ohne Licht, und später dann schneller. Ich schaute zur Uhr. Vier Uhr. Wir hatten noch vermutlich zwei Stunden Zeit, oder gar ein wenig mehr, bis sie es bemerken würden. Yussuv fuhr und fuhr. Moja sah ziemlich ängstlich aus, aber im Gesicht von Kouassi sah man Entschlossenheit. Es war der, welcher schon mal versucht hatte zu fliehen. Wir kamen gut voran, trotz Dunkelheit viel schneller als bei der Hinfahrt, da zu der Zeit keine Lkw unterwegs waren, bei denen wir hätten zurückfahrend ausweichen müssten. Man sah schon erste Anzeichen der Morgendämmerung, als Yussuv etwas zu Boubacar sagte. Boubacar schaute nach hinten, nickte dann, und sprach weiter mit Yussuv. Zu mir sagte er dann: "Ich glaube, man hat uns entdeckt. Da ist Licht an den Hügeln da hinter uns zu sehen."

-----------------------------------------------------------

Teil 27

Dschungelcamp ohne R-T-L

"Und nun?"

"Wir verstecken uns, und warten erstmal. Da müssen wir unseren Plan eben ändern. Ich habe da schon vorgesorgt." Yussuv fuhr noch eine ganze Weile weiter, dann bremste er sanft, legte den Rückwärtsgang ein, und fuhr direkt hinter ein Gebüsch am Wegesrand, machte den Motor und auch das Licht aus. Er fuhr nicht weit hinein, nur etwa zehn Meter. "Bleib hier", sagte Boubacar zu mir, er und Yussuv stiegen aus, und verschwanden unter raschelnden Geräuschen im Dunkel des Dickichtes. Erst nach einer ganzen Weile kamen beide wieder und setzten sich wieder in das Auto. Mittlerweile war es schon relativ hell geworden, die Sonne würde gleich aufgehen.

"Was habt ihr gemacht?", fragte ich.

"Wir haben unsere Spur verwischt. Die sind nicht mehr weit weg."

"Ob Brahima uns verraten hat?"

"Ich glaube nicht. Dann hätten die gleich beim Befreiungsversuch zugeschlagen. Keine Ahnung, irgendwer wird wohl was bemerkt haben. Vielleicht, als wir durch das dazwischenliegende Dorf gefahren sind. Dann haben sie da Bescheid gegeben, die haben nachgeschaut, und das Fehlen der Jungs bemerkt. Wir müssen jetzt leise sein." Boubacar sprach jetzt auch mit den beiden Jungen. Wir warteten. Ich weiß nicht, ob die anderen Herzklopfen hatten, aber ich hatte es auf jeden Fall. Und dann hörte man erst was. Motorgeräusche. Der Adrenalinspiegel stieg. Die Motorengeräusche wurden lauter und lauter und dann brauste jemand vorbei. Es klang nach Motorrad. Kurz danach kam noch eines und noch eines. Dann dauerte es eine ganze Weile, und zwei weitere Fahrzeuge fuhren vorbei. Es waren offenbar Geländewagen. Alle, Wagen und Motorräder, hatten einen ziemlichen Speed draufgehabt. Selbst bis zu uns war die Staubfahne hingekommen. Zumindest die Motorräder hätten uns sicher eingeholt, ehe wir die richtige Straße erreicht hätten. Anders als die Autos konnten sie ja die hier üblichen Schlammlöcher besser umfahren.

"Und nun?", fragte ich Boubacar.

"Wir machen uns jetzt mit den Jungs auf den Weg. Yussuv wird hier erstmal warten. Er überlegt sich dann was."

"Welchen Weg?"

"Durch den Urwald."

Ich erschrak. "Und das geht?"

"Klar. Der Weg dauert aber länger. Wir werden erst morgen dort ankommen. Ich habe aber alles dabei, was wir brauchen."

"Und Yussuv wird auch nichts passieren?"

"Er hat Proviant dabei. Mach dir keine Sorgen."

Er sprach noch mit den Kindern, wir verabschiedeten uns von Yussuv, (das vereinbarte Geld hatte ich ihm schon im Dorf gegeben), dann stiegen wir aus und machten uns auf den Weg. Die Sonne war aufgegangen und man sah jetzt mehr. Tatsächlich standen wir mit dem Wagen in dichtem Gestrüpp. Auch vor dem Wagen war Gestrüpp. Gut getarnt. Ich schnappte mir meinen Rucksack, und Boubacar seinen sehr viel größeren Rucksack. Vorher hatte er noch zwei Macheten aus diesem herausgefischt. Eine nahm er, die andere der große Junge, Kouassi. Wir waren hier natürlich nicht mehr in einer Plantage, hier war mehr oder weniger Urwald. Alles war ziemlich dicht, trotzdem kam man durch, aber ab und an musste doch die Machete zum Einsatz kommen. Aber es ging nur langsam voran. Das größte Problem waren hier Bodenunebenheiten, vor allem Baumwurzeln. An einigen Stellen lagen auch umgestürzte Bäume. Alles war anstrengend. Und dann die Schwüle! Es war wie Gehen in der Wüste, nur schlimmer. Irgendwann machte ich alles nur noch mechanisch. Ab und an blieb ich stehen und holte tief Luft.

Plötzlich spürte ich bei so einer kurzen Ausruh-Pause einen Lufthauch. Erinnerung an den Messerhieb von Mario kam auf. Ein paar dunkle Augen schauten mich an. Kouassi. Er hatte seine Machete in der Hand. Jetzt schaute er auf den Boden. Ich auch. Dort lag eine grüne Schlange. Sie war zerteilt, und die beiden Hälften zuckten noch. Im ersten Moment wurde mir übel. Kouassi grinste mich an und hob den Daumen. Er war es wohl, der mich vor der Schlange gerettet hatte. Ich bedankte mich bei ihm mit gefalteten Händen. Von nun an ging ich sehr viel aufmerksamer durch den Urwald, was wohl auch die Schlangen wussten, denn es tauchten, bis auf einige am Boden flüchtende, keine mehr auf. Man merkte, es ging erst leicht aufwärts, dann aber wieder abwärts. Zwischendurch machten wir auf einer Lichtung, die ein umgestürzter Baumriese geschlagen hatte, eine Pause. Boubacar hatte Müsliriegel mitgenommen, welche er verteilte. Das war auch dringend nötig. Wir gingen dann weiter. Nach kurzer Zeit kamen wir an einen Fluss. Es war nicht die Elbe, aber so ganz schmal war er nicht. Unser und das gegenüberliegende Ufer waren dicht bewachsen. Der Fluss floss aber nur träge dahin.

"Kannst du schwimmen?", fragte Boubacar.

Eine tolle Frage, nicht wahr? Hätte er das nicht eher fragen sollen? "Natürlich. Und du?"

"Ich kann auch schwimmen."

"Da müssen wir rüber, oder?"

"Anders geht es nicht."

"Und die Jungs?"

"Können nicht schwimmen. Du nimmst einen, ich den anderen."

"Oh Gott. Bin doch keine Rettungsschwimmerin."

"Du schaffst das!", sagte er.

"Wir schaffen das", sagte ich. Irgendwie kam mir der Satz bekannt vor, wie tausendmal gehört.

"Okay, dann machen wir das anders. Ich schaffe zuerst meinen Rucksack und Kouassi rüber. Du wartest hier", sagte Boubacar. Er zog aus seinem Rucksack eine Hülle, dann begann er, sich auszuziehen, bis er nur noch seine Unterhose anhatte. Ich schaffte es einfach nicht, meinen Blick von ihm zu nehmen. Selbst die Stelle zwischen seinen Beinen nahm ich ins Visier. Er tat so, als hätte er es nicht gesehen, stopfte seine Sachen in den Rucksack, und sagte etwas zu den beiden Jungen, welche sich auch auszogen. Er stopfte alle Sachen in seinen Rucksack, und machte die Hülle darüber.

"Ist wasserdicht", sagte er, schnappte sich den Rucksack, band an diesem eine Schnur, welche er sich um den Unterarm knotete, gab Kouassi einen Wink, und schwamm mit ihm hinüber. Der Rucksack schwamm oben und er ließ Kouassi sich daran festhalten. Er brauchte eine ganze Weile, dann verschwand er im Dickicht auf der anderen Seite, und tauchte nach einer Weile viel weiter oberhalb wieder auf. Klar, er musste ja die Strömung ausgleichen. Nach etwa einer Minute war er wieder bei uns angekommen. "Was ist mit dir?", fragte er.

"Ich behalte meine Sachen lieber an", sagte ich.

"Wirklich? Es ist unangenehm, mit den feuchten Sachen weiterzugehen. Überlege es dir!"

"Na gut", sagte ich, und zog die Hose, meine weite Bluse, und die Schuhe aus, und stopfte alles in meinen Rucksack. Anerkennender Blick von ihm auf mein Unterwäscheoutfit. Nur kurz, dann schaute er verschämt weg, als er merkte, dass ich es gesehen hatte.

Plötzlich fiel mir etwas ein. "Sag mal, gibt es hier eigentlich Krokodile?"

"Findest du die Frage nicht ein wenig zu spät?", antwortete er. Dann grinste er. "Nein, die gibt es hier nicht. Auch keine Piranhas."

"Blödmann! Die gibt es doch nur in Südamerika!"

"Eine gebildete Frau!"

Er zog aus seiner Unterhose etwas raus. Es war die wasserdichte Hülle seines Rucksackes. Clever! Ich hatte nämlich keine solche. Er band sich meinen Rucksack mit der langen Schnur um, so wie er es auch mit seinem gemacht hatte. "So komm, geht los." Er sprach mit Moja, und zeigte ihm, wo er sich festhalten muss, nämlich an einer Schlaufe seiner wasserdichten Hülle. Dann ging es los. Ich sollte die Nachhut bilden. Das Wasser war zum Glück warm und das Ufer fiel nur sanft ab. Aber dann waren wir im Wasser. Moja schaute erst ein wenig ängstlich, aber er hielt sich schön fest und wir kamen unbeschadet am anderen Ufer an. Kouassi wartete dort schon. Boubacar holte die Klamotten aus seinem Rucksack heraus, ich die meinen, und wir zogen uns wieder an. Wieder gab es Blicke. Solche in der Art begehrlich, und zwar auf beiden Seiten.

Nachdem wir wieder so weit waren, ging es weiter. Wieder erst einmal leicht bergauf. Nicht so wahnsinnig lange. Aber in Unwegsam. Man merkte, die Sonne würde bald untergehen. Boubacar schaute sich wie prüfend um, zur Seite, und nach oben, und blieb auf einmal stehen. "Wird bald Nacht", sagte er. Ich war eh schon ziemlich fertig und hatte schon mehrere Male stoppen müssen, um kurz durchzuatmen. Die Kinder und Boubacar auch. Er hatte versucht, es zu überspielen, aber man sah es ihm trotzdem an. Ich war total schlapp, alle Sachen klebten an meinem Körper. Viel weiter konnte ich nicht mehr. Wie weit wäre es denn noch?

Ich erschrak plötzlich und fragte: "Sag mal, müssen wir hier übernachten?"

"Natürlich! Hier holt uns kein Taxi ab."

"Ich hab aber nichts dabei dafür!"

"Ich schon. Hab keine Angst! Wir bauen uns ein Nachtlager." Er setzte seinen Rucksack ab, holte aus dem zwei kleine Sägen, eine kleine Axt, einen Haufen kurze Seilstricke und so ein feines, durchsichtiges Netz, so eines von der Art, welches wir auch in den Hütten zur Übernachtung gehabt hatten, also ein Moskitonetz. Er wechselte mit den beiden Jungen einige Worte, unterstützt durch Handzeichen, und die machten sich sofort an die Arbeit. Mir gab er eine kräftige Gartenschere mit langen Hebeln, und den Auftrag, einen Haufen lange, mindestens daumendicke Zweige abzuschneiden. Wir schwärmten also aus. Die beiden Jungen fällten einige Bäumchen mit dünnem Stamm, dünner als mein Unterarm, und entästeten die. Dann noch etliche noch dünnere. Mir war noch nicht klar, was er damit vorhatte, aber ich erntete jede Menge dicke Zweige und schleppte die dorthin. Boubacar schien aus zwei von den Bäumchen etwas zu basteln. Beim zweiten Transport meiner Zweige sah ich endlich auch, was es werden sollte. Es war so eine Art Leiter. Die Stämme hatte er eingekerbt und in Abständen jeweils ein kurzes und viel dünneres Stammstück drangebunden. Dann lehnte er die Leiter an ein Bäumchen, nur wenig dicker als diejenigen, welche die Jungen zu Anfang gesägt hatten, und kletterte die Leiter hoch.

Jetzt sah ich erst, warum er diese Stelle gewählt hatte. Hier standen in einem Abstand von etwa gut zwei Metern gleich vier solcher Bäumchen. Er rief mir zu, ich sollte ihm eines von den abgesägten Bäumchen geben, Er nahm es und band das erste Ende von dem Bäumchen fest, nachdem er den senkrechten Stamm an einer Stelle eingekerbt hatte. Dann versetzte er die Leiter an einen anderen von den aufrecht stehenden Bäumchen, ging an der Leiter hoch. Mit einem Bäumchen, welches oben noch eine Astgabel hatte, sollte ich ihm den schon halb befestigten Stamm hochhieven. Er befestigte ihn in der gleichen Weise wie den Stamm zu Anfang. Und nun sah man auch, was es werden würde. Auch die anderen beiden Baumstämme verband er so. Dann fixierte er mit weiteren Seilstücken kürzere und dünnere Querstangen. So langsam entstand ein Podest. Ich war skeptisch, sagte aber nichts dazu. Boubacar deutete aber meinen Blick richtig, als er zu mir schaute.

"Hab Vertrauen", sagte er.

"Das soll halten? Diese dünnen Bäumchen?"

"Die halten!" Er zauberte dann noch einige Holzkeile aus seinem Rucksack, mit welchen er die Seile der Querverbinder straffte. Wir reichten ihm auf seine Aufforderung hin die kleineren Zweige, die noch Blätter dran hatten. Er schichtete die einfach lose auf, quer zu den anderen. Die letzten beiden Stämmchen verband er, schon auf dem Podest stehend, über Kreuz und in der Mitte. Dann verlangte er das Moskitonetz, und band es oben an der Mitte fest. Genial! Er hatte uns mit ganz simplen Werkzeugen einen Schlafplatz gebastelt, ein Hochbett. Er kletterte wieder runter, gab uns den Ratschlag, noch mal austreten zu gehen. Jeder von uns wählte natürlich eine andere Ecke, jeweils ein wenig weiter weg. Die Kinder schickte er schon hoch, und wir mussten noch Wasser besorgen, da das vorhandene Wasser fast alle war.

Das war hier aber nicht schwer. Wir nahmen das nicht aus dem Fluss mit dem schlammigen Wasser. Kurz vorher hatten wir einen kleinen Wasserlauf überschritten, er war keinen halben Meter breit, der hatte klares Wasser. Wir mussten uns aber beeilen, die extrem kurze Dämmerung hatte bereits begonnen. Wir gingen dorthin, füllten jeder unsere 2-Liter-Flaschen und gingen zurück. Das tranken wir natürlich nicht so. Wir ließen alles durch so einen biochemischen Filter laufen, den Boubacar auch im Gepäck gehabt hatte. Aus seinem Zauberrucksack holte er so eine Dose und einen in einer Plastikfolie eingewickelten Pinsel, den er in die Dose tunkte. Damit bestrich er die vier Stützpfosten-Stämme unterhalb unseres Schlafplatzes. Augenblicklich breitete sich ein übler Gestank aus. Es war klar, der kam von dem Zeugs. Ich war bereits oben und schaute herunter, um zu sehen, was das ist, was in dieser halben Dunkelheit, die wir mittlerweile hatten, gar nicht so einfach war.

Boubacar schrie: "Dont touch!" Ich wollte damit nur noch mal klarmachen: Auch wenn ich hier Deutsch schreibe, unterhielt ich mich mit ihm natürlich die ganze Zeit auf Englisch, und gelegentlich mit meinen wenigen Brocken mit den Kindern mit meinem holprigen Französisch.

"Wieso denn? Ist das giftig?"

"Ja, und es klebt. Das ist, damit hier keine Insekten durchkommen. Manche Ameisen haben starke Kiefer und würden mit Leichtigkeit das Moskitonetz durchbeißen."

Dann bezog auch er unseren Schlafplatz. Die Rucksäcke hatten wir mit hochgenommen. Boubacar sagte, dass er keinen Proviant mehr hätte, aber ich hatte noch einen Haufen Müsliriegel in meinem Rucksack, verteilte diese, und wir aßen unser 'Abendbrot'. Boubacar zog noch die Leiter hoch und legte sie an der Seite längs hin. In diesem Moment erinnerte ich mich an mein Parfümfläschchen, als Waffe gegen den Gestank. Ich hatte es in einer kleinen Seitentasche meines Rucksackes. Ich holte es heraus und wandte es an. Und sah ein erstauntes Gesicht. Das von Boubacar.

"Willst du mich verrückt machen?", fragte er.

"Wieso? Riecht es nicht gut?"

"Doch. Das ist es ja! Es riecht himmlisch!"

"Da war ich schon mal", sagte ich.

"Beim Fliegen?"

"Nein, nach einem Unfall, zwischen Leben und Tod."

"Erzählst du mir das?"

Ich seufzte, fügte mich in mein Schicksal, fing an, ihm die Geschichte zu erzählen, nicht alles, nur die Grundzüge. Aber schnell wurde ich einfach zu müde dafür. Da auch die letzten Reste des Tageslichts verschwanden, zogen wir uns ins Moskitonetz zurück und versuchten zu schlafen. Die beiden Jungen lagen dort schon und schliefen bereits. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl, ich hatte mich schon tagelang nicht mehr gewaschen, geschweige denn geduscht. Nur die Flussdurchquerung hatte ein wenig geholfen. Aber es half ja nichts. Ich hatte es so gewollt, und musste da durch. Trotz der aufregenden Situation hier in dem Baumhaus schlief ich schnell ein. Mittlerweile war hier im Dschungel auch die totale Ruhe eingekehrt. Irgendwann wurde ich wach. Es dämmerte bereits. Ich musste ewig lange geschlafen haben. Im Dschungel war bereits ein tierisches Konzert in Gange. Man hörte Laute, die wohl von Affen stammten, viele Vögel, und ab und an summte ein größeres Insekt vorbei. Ich spürte etwas. Ich hatte mich wohl im Schlaf umgedreht und Boubacar auch. Sein erigiertes Tool spürte ich an einer gefährlichen Stelle. Unter anderen Umständen hätte ich wohl Lust bekommen. Aber so nicht. Und nun musste ich natürlich mal austreten.

Ich öffnete den Reißverschluss des Moskitonetzes. Die drei anderen schienen noch zu schlafen. Ich schlüpfte hinaus, schnappte mir die an der Seite des Schlafplatzes geparkte Leiter, und ließ sie herunter. Dann wollte ich heruntergehen. Aber schon vorher hörte ich etwas, dann sah ich es auch. "Scheiße", rief ich, und zog mich zurück. Unter mir war eine Raubkatze, die mich voll fokussiert ansah. Im Nu war Boubacar wach.

"Was ist los", fragte er.

"Da hat jemand Hunger auf mich." Ich deutete nach unten und Boubacar krabbelte zur Kante und lugte herunter.

"Oh. Das Kätzchen will dich vernaschen."

"Manche Männer auch", sagte ich. Ein hellhäutiger Mann wäre jetzt wohl rot geworden, aber bei ihm sah man nichts. "Und was machen wir nun?"

"Keine Ahnung. Das war nicht in meinem Plan." Er rettete erst einmal die Leiter, zog sie hoch. Seine Erektion war mittlerweile zurückgegangen, so, dass es nicht mehr ganz so peinlich war, denn auch die beiden Jungen waren jetzt wach geworden, schauten nach unten, und erschraken sich. Sie hatten wohl genauso wie ich den ersten Leoparden ihres Lebens in freier Wildbahn gesehen. Aufgeregt schnatterten sie mit Boubacar. "Sie sagen, so einer war auch schon mal am Rande ihrer Plantage, bei einer anderen Gruppe. Sie durften tagelang nicht ernten, bis jemand auf die Idee kam, Trommeln mitzunehmen. Aber er ist dann nie wieder aufgetaucht. Sag mal, hast du noch was von dem Ziegenfleisch?"

"Ein Rest ist noch da. Ach, jetzt weiß ich, was du vorhast!" Ich kramte in meinem Rucksack, was gar nicht so einfach war, da ich so mit Adrenalin geflutet war. Das war hier ja ganz anders als im Zoo. Jederzeit konnte ein Angriffsversuch erfolgen. "Ich hoffe, der kann hier nicht auf Bäume klettern", sagte ich.

"Da irrst du dich", sagte Boubacar. "Leoparden klettern mit Vorliebe auf Bäume." Ich bekam einen Riesenschreck. "Aber nicht auf diese. Die sind zu dünn für ihn. Deshalb habe ich die Stelle ja ausgewählt."

"Ach, du wusstest, dass der kommt?"

"Nein, der wusste aber wohl, dass wir kommen." Endlich hatte ich es geschafft, das Fleisch aus dem Rucksack zu kramen. Auch die Tropfen holte ich heraus, und passte auf, dass mir das Fläschchen nicht durch die Finger glitt und nach unten fiel. Das Fleisch war natürlich nicht mehr ganz in Ordnung. Durch die Wärme am Tage hatte es natürlich schon leicht zu gammeln angefangen und stank. Aber egal, anderes hatte ich nicht. Wie schwer würde so ein Leopard sein?

"Wie viel wiegt der denn?", fragte ich Boubacar.

Der zuckte die Schultern. "Vielleicht achtzig Kilo?" Ich schaute nach unten. Er strich immer noch um unser Baumhaus herum. Zum Glück waren wir hier wohl hoch genug. Ich schätzte ihn auf siebzig Kilo. Aber ich wollte sichergehen und rundete auf hundert Kilo auf. Wilde Tiere sind ja auch ganz anders drauf. Ich träufelte also, nachdem ich mit dem Messer einige Schnitte hineingemacht hatte, die nötige Anzahl Tropfen in das Fleisch und dankte in Gedanken Markus, dass er mir die besorgt hatte. Ich schmiss es hinunter. Der Leopard strich drum herum, traute der Sache wohl nicht, schaute immer wieder nach oben, zu uns. Dann schnappte er es sich und verschwand im Dickicht. Dann hörte man noch was, sah aber nichts mehr. Es war unklar. Wir trauten uns erst nicht. Aber dann bewaffnete sich Boubacar mit einer Machete und ging hinunter, spähte nach allen Seiten, zuckte mit den Schultern. Ich warf ihm auf sein Zeichen hin seinen Rucksack herunter, schulterte den meinen, und ging mit viel Herzklopfen die Leiter herunter. Kouassi warf die zweite Machete herunter. Auch Moja ging nun herunter und am Schluss Kouassi. Boubacar machte ein Zeichen, zeigte in eine Richtung. Wir gingen indessen in diese Richtung weiter, ich als Erste, Boubacar sicherte nach hinten.

-----------------------------------------------------------

Teil 28

Die letzte Düne und die Entwurmung

Der Leopard tauchte zum Glück nicht mehr auf. Es dauerte bestimmt eine Stunde, bis ich mich wieder entspannt hatte und endlich mein Geschäft machen konnte. Wir waren vorher auch noch an einen Bach gekommen, etwa einen Meter breit, und in diesem ein Stück gegen die Strömung gegangen, damit der Leopard, falls er uns folgen sollte, die Fährte verlor. Das wiederholten wir noch zweimal. Ich hatte ziemliche Angst, dass wir uns so einen Blutegel einfangen, aber hier gab es solche wohl nicht. Wir aßen die letzten sechs Müsliriegel. Ich verzichtete darauf und überließ alle den anderen drei, hatte danach aber ziemlichen Hunger. Moja sah wohl meine Qual, denn auf einmal sagte er, etwa zwei Stunden später, auf Französisch "warte", kletterte flink wie ein Äffchen einen Baum hoch, und kurze Zeit später kam eine Fruchtstaude heruntergeflogen. Es waren winzige Früchte daran, die aber wahnsinnig gut schmeckten, und gut sättigten. So gestärkt machten wir uns auf den weiteren Weg.

Irgendwann war ich so wie auch gestern ziemlich fertig, auch Boubacar konnte seinen Zustand nicht länger verbergen, die Jungen wollten es auch nicht. Ihnen ging es genauso, obwohl die ja körperliche Arbeit besser gewöhnt waren als wir beiden Erwachsenen. Ich hatte keine Lust, noch mal im Dschungel zu übernachten. Außerdem ging das nicht ohne weiteres. Wegen des Leoparden mussten wir natürlich das ganze Material für das Nachtlager zurücklassen. "Wo gehen wir eigentlich hin!", schrie ich irgendwann Boubacar an. Der drehte sich erstaunt zu mir um.

"Natürlich zur Straße."

"Aber von der Straße kamen wir doch!"

"Dort haben die bestimmt Kontrollposten aufgebaut! Da wären wir nie durchgekommen! Wir gehen zu einer anderen Straße."

"Und wie lange müssen wir noch, Ihre Majestät?" Mein Tonfall war mittlerweile nicht nur ironisch, sondern genervt-sarkastisch.

"Nur noch ein paar Meter", sagte Boubacar.

"Du bist ja hier total der Dschungelexperte!" Ich weiß, das war total gemein, denn er hatte uns dieses schöne Nachtlager gemacht, aber ich konnte echt nicht mehr.

"Wir alle schaffen das!" Sein Gesicht zeigte aber etwas anderes, nämlich Besorgnis. Er zog ein Handy aus der Tasche, machte das Display an. Es dauerte einen Moment, bis es die Position ermittelt hatte, und tatsächlich war dort inmitten von weißem Nichts nicht weit weg eine dünne Linie zu sehen. Seine Gesichtszüge entspannten sich. Er ging dann einfach weiter und ließ mich stehen. Was blieb mir über, ich musste hinterher. Wir waren noch keine zehn Minuten gegangen, da hörte man etwas. Etwas, was nicht in diesen Dschungel gehörte. Zumindest war es etwas Neues. War es ein Wasserbüffel? Gab es so etwas hier?

Aber nach einer Weile Horchen war klar: Das müsste von einem Motor sein. Ein Auto, oder Lkw. Auch die anderen hatten gehorcht und waren stehengeblieben. Das war die Motivation, die wir gebraucht hatten. Trotzdem dauerte es noch über eine Stunde, bis wir auf einmal aus dem Dschungel kamen und vor einer Straße standen. Es war eine leere Straße. Es war wieder so ein Hohlweg aus gestampfter Erde. Der Himmel sah nicht schön aus, wurde immer dunkler. Auf einmal öffnete er seine Schleusen und ein Sturzbach kam herunter. Es war unmöglich, Schutz zu finden. In Sekundenschnelle waren wir alle durchnässt bis auf die Haut. Wir hätten in den Dschungel flüchten können, aber dann würden wir vielleicht das rettende Auto verpassen.

Nach einer halben Stunde, die sich wie ein halber Tag anfühlte, war der Regen urplötzlich vorbei. Die Straße sah jetzt anders aus. Sie war eher ein flacher Bach geworden. Dann hörten wir erst etwas, und eine Viertelstunde später sahen wir es auch. Ein LKW kroch langsam die Straße entlang. Wir winkten, und als er dicht vor uns war, hielt er. Boubacar wechselte einige Worte mit dem Fahrer, und wir durften dann aufsitzen. Vorne in der Kabine Boubacar und ich, und hinten die beiden Jungs auf den Säcken mit den Kakaobohnen. Das klingt jetzt vielleicht herzlos, aber wir wollten verhindern, dass der Fahrer mit den Kindern spricht und die sich vielleicht verquatschen. Außerdem war das hier so üblich und die Kinder könnten sich im Fall der Fälle da auch besser verstecken. Das hier war also auch so eine Straße, die zu Plantagen führte. Ich erinnerte mich an die Zeichnung von Adam. Vermutlich das südliche Anbaugebiet. Recht schnell war das Wasser auf der Straße abgeflossen, aber einige Senken hatten sich in Schlammlöcher verwandelt. Trotz meiner Ungläubigkeit betete ich, dass wir da, ohne steckenzubleiben, durchkamen, und es half.

Boubacar unterhielt sich mit dem Fahrer in einer afrikanischen Sprache. Keine Ahnung, was er dem Fahrer für eine Lügengeschichte wegen der Jungen aufgetischt hatte. Abenteuerausflug im Dschungel? Zu Anfang sprach der Fahrer mich auch einmal an, aber als er merkte, dass ich nur einige Worte auf Französisch antwortete, verlor er das weitere Interesse an einer Unterhaltung mit mir. Nur nicht das Interesse an meinem Körper. Immer wieder schielte er kurz herüber. Mich störte es nicht. Sorgenvoll schaute ich zur Uhr. In einer halben Stunde würde die Dämmerung hereinbrechen. Da sahen wir vor uns erste Häuser. Es war das Dorf mit der Kooperative. Wir kamen aber von der Seite, in einem anderen, weiter vorn gelegenen Teil des Dorfes an. Boubacar sagte etwas und der Fahrer hielt und ließ uns aussteigen. Wir bedankten uns, ich steckte ihm noch einen kleinen Schein zu, im Gegenwert von etwa 20 Euro. Konnte ja nicht schaden.

Wir fragten uns durch und gingen zu Fuß zu einem Haus an der Hauptstraße. Boubacar sagte, dass da Yussuvs Frau wohnt. Keine Ahnung, warum wir hier bei der Hinfahrt nicht gehalten hatten. Just in diesem Moment kam auch gerade der Geländewagen mit Yussuv mit Karacho um die Ecke angefahren und hielt vor dem Haus mit blockierenden Rädern. Yussuv sprang hinaus und umarmte uns erst einmal und überzog uns mit einem Redeschwall. Auch Yussuvs Frau kam heraus und begrüßte uns ebenfalls. Schließlich gab Boubacar wieder, was Yussuv gesagt hatte. "Also, er sagt, er hat dort bis Mittag des nächsten Tages gewartet. Dann ist er dort herausgefahren. An drei Kreuzungen standen welche aus dem Dorf und haben ihn angehalten. Er hat denen gesagt, dass er uns in eine andere Abzweigung hineingefahren hat, dass wir da in den Urwald rein sind und er uns in drei Tagen dort wieder abholen soll. Von Kindern wusste er nichts und im Auto waren ja auch keine. Das haben ihm alle geglaubt. Der letzte Wagen von den Dorfleuten steht hier oben ein Stück vor dem Dorfanfang. Die Straße, von der wir jetzt kamen, hatten die gar nicht auf dem Plan." Wir gingen dann in das Haus, es wurde sowieso schon dunkel, Yussuvs Frau kochte uns etwas, und dann bekamen wir wieder ein Nachtlager. Ich war sowas von fertig, und schlief in Sekundenschnelle ein.

Am Morgen brachen wir früh auf, Yussuv hatte zur Sicherheit die weitere Strecke schon ein Stück weit abgefahren, da lauerte niemand mehr. Die weitere Fahrt ging zügig und am frühen Nachmittag kamen wir in den Außenbezirken von San Pedro an. Ich atmete auf. Ich hatte das größte Abenteuer meines Lebens überstanden. Nun gut, die Anschläge von Mario oder das mit dem Einbrecher damals waren auch aufregend gewesen, aber anders. Hier war ich die ganze Zeit voll auf Adrenalin gewesen. Der Dschungel ist eine ganz andere Nummer, als es diese doch recht gepflegten Plantagen waren. Dieses schreckliche, feuchtwarme Mikroklima! Und es gab Unmengen von kleinen Fluginsekten, auch viel größere als Mücken, diese aber auch, eher ganze Schwärme davon, schmucke Schmetterlinge, dann noch die Bodenbewohner. Überall waren Würmer gewesen, Asseln, Tausendfüßler, Salamander, Frösche, kleine Schlangen, Skorpione. Man musste höllisch aufpassen. Und dann dieser unebene, meist weiche Boden, Zweige, Stämme, und Felsbrocken, über die man klettern musste. Einige Male hatten wir auch Affen gesehen, die oben in den Baumkronen herumturnten und auch Geschrei abgaben. Und dann der Leopard! Ich schüttelte mich, als ich daran dachte.

Boubacar wollte zuerst zu seiner Wohnung. Nach kurzer Zeit kam er wieder heraus. "Das Vögelchen ist ausgeflogen", sagte er.

Ich wusste, was er meinte. "Mit oder ohne Schultasche?"

"Zum Glück mit."

"Was machen wir jetzt? Ich hatte gedacht, ich gehe mit den Jungs ins Hotelzimmer, bis mein Wassertaxi bereit steht."

"Das ist keine gute Idee. Eine weiße Frau mit zwei afrikanischen Kindern würde auffallen. Es wäre nicht gut, wenn du da Besuch von den Behörden bekommst. Am besten, ich nehme sie mit zu mir." Er deutete meinen skeptischen Blick wohl richtig. "Natürlich übergebe ich sie dir, wenn sie es sich nicht doch noch anders überlegen."

"Du hast wohl recht. Kennst du hier ein Hotel? Es sollte dicht am Meer liegen, vielleicht sogar mit Blick darauf."

"Klar gibt es das. Aber das kannst du mit denen in Abidjan nicht vergleichen."

"Ist egal. Ich will da ja nicht den Rest meines Lebens verbringen."

"Na dann, lass uns aufbrechen." Er sagte etwas zu Yussuv, der startete den Motor und fuhr los. Nach einer ganzen Weile waren wir an der Küstenstraße angekommen und Yussuv stoppte bei einem Hotel, welches direkt an dieser Straße lag. Wie ich später beim Herumschlendern sah, gab es hier nirgends ein Hochhaus-Hotel, aber dieses hier war tatsächlich eine gute Wahl. War es doch das einzige Hotel in Strandnähe mit Meerblick, welches drei Etagen hatte. Alle anderen hatten nur zwei. Ich ging mit Boubacar zur Rezeption und hatte Glück, dass eines der beiden Zimmer oben mit Meerblick noch frei war. Ich buchte das Zimmer, und verabschiedete mich von Boubacar, der zum Auto mit Yussuv und den Kindern zurückging. Er wollte heute Abend noch mal vorbeikommen. Als Allererstes ging ich natürlich unter die Dusche. Endlich duschen! Ich fühlte mich nicht nur schmutzig, ich war schmutzig. Mein Körper, aber auch meine Klamotten. Letztere waren teilweise zerrissen, zumindest angerissen. Die Schuhe waren völlig ramponiert, da musste ich mir neue besorgen. Da ich nicht so wahnsinnig viele Sachen mit hatte, traute ich mich im Dschungel und in den Dörfern nicht, etwas zu wechseln. Bis auf ein Mal noch nicht mal die Unterwäsche.

Als ich nach einer Ewigkeit aus der Dusche herauskam, machte ich erst einmal eine Begutachtung meines Körpers. Ich hatte etliche blaue Flecken. Die Kratzer konnte man kaum zählen. Eine Stelle am Knie war aufgeschlagen, da war ich über einen Baumstamm gestürzt. Ich hatte die unterwegs mit einem Pflaster versorgt. So ziemlich alles tat weh. Meine Haare waren verfilzt und ich brauchte eine ganze Weile, die wieder in Ordnung zu bringen. Und an zwei Hautstellen fiel mir was auf. Eine hinten am Hals, die man nur erfühlen konnte, und eine an der Schulter. Etwas pulsierte dort und die Haut hatte eine kleine Beule. Was nun tun? Erst einmal holte ich meine Wechselklamotten aus dem Rucksack. Ich hatte eine dünne Hose, ein langes Kleid, und zwei Oberteile in Plastikfolie eingeschweißt. Außerdem etliche Slips. Ich suchte mir etwas aus und zog mich an. Dann ging ich zur Rezeption, sagte, dass ich im Dschungel gewesen war, und fragte, ob sie einen Rat hätte, was das mit diesen pulsierenden Beulen wäre. Die Frau dort sah mich mit einem angeekelten Gesichtsausdruck an und meinte, da müsse ich zum Arzt mit hin. Das könnte ich doch aber zu Hause machen, oder? Dann fiel mir aber ein, hier sind die Spezialisten, die sich mit so etwas auskennen. Die Frau vom Hotel kannte einen Arzt und rief mir ein Taxi.

Das Wartezimmer war fast leer, nur zwei Patienten waren vor mir dran. Alle beide natürlich mit dunkler Hautfarbe. Hier gab es nun endlich wieder funktionierendes Netz für mein Handy. Dort im Inland wollte sich mein Handy ums Verrecken nicht in eines der wenigen verfügbaren Netze einloggen. Es gab einige Nachrichten, und ich nutzte die Wartezeit, um zu kommunizieren. Eine Nachricht war von Ellen und Julian, die fragten, wie es mir ging. Ziemlich viele von Jens, der fragte, wie es mir ging. Drei von meinem Anwalt Andre, der mir einige Mails geschickt hatte mit Dokumenten, die ich durchsehen sollte. Außerdem fragte er nach dem Stand der Dinge. Von Andrea gab es Anfragen, der auch von Lena und Oliver grüßen ließ. Weitere Nachrichten kamen von Jessica Wolf.

Ich versuchte, in all dem Durcheinander so etwas wie eine Priorität hinein zu bekommen, aber entschied dann, schnell an alle den gleichen Text zu schicken. 'Bin aus den Plantagen zurück, war erfolgreich, alles weitere später.' Und dann schrieb ich an Jockels Freund Jan: 'Paket ist angekommen. Mit Bonus. Du Schlingel! Zwei Tafeln Zartbitterschokolade! Das wirst du mir büßen! Küsschen, Sandra.' Das hatten wir so abgesprochen. Jan würde es per Funk weitergeben und dann würde Jockel wissen, dass sie nicht umkehren müssen. Ich kam sehr schnell dran und der Arzt meinte, das wären Würmer, die sich unter die Haut bohren und dort Eier legen, und man müsste die entfernen. Er spritzte mir dort etwas rein für eine örtliche Betäubung, und dann schnitt er dort die Haut auf und holte die Parasiten heraus. Natürlich musste ich am Schluss was bezahlen, aber es hielt sich im Rahmen. Bei uns wäre es eher das Dreifache gewesen, oder gar noch mehr.

Ich ließ mir von der Arzthelferin ein Taxi rufen, mich von diesem zum Hotel zurückfahren, legte mich erst einmal auf das Bett und schlief. Ich hatte mir extra den Weckservice des Hotels bestellt, sonst hätte ich verschlafen. Da nicht zu erwarten war, dass Jockels Boot schon hier war, probierte ich es auch gar nicht erst, das Walkie-Talkie zu benutzen. Ich zog mich an, mein einziges mitgenommenes Kleid darüber, und ging zur Rezeption. In der kleinen Lobby wartete Boubacar schon. Ich lud ihn zum Essen ein. Wir gingen in ein nahegelegenes Restaurant, und suchten uns etwas zum Essen und Trinken aus. Dann sah ich Boubacar an. Lange. Er wusste es nicht zu deuten, wurde nervös.

-----------------------------------------------------------

Teil 29

Boubacar

"Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Das da im Dschungel. Du hast das alles super gemacht, das war nicht angemessen von mir. Ohne dich hätte ich nichts von alledem geschafft. Danke!"

"Ich konnte es gut nachempfinden. Es ging mir ganz ähnlich. Auch ich war völlig am Ende und habe den Glauben verloren. Ich sah uns schon die Nacht am Boden verbringen, und das wäre nicht lustig geworden. Selbst ohne Leopard."

"Echt? Das hast du ja gut verborgen. Hast du die Strecke vorher geplant?"

"Als Plan B, ja. Das war ein wenig provisorisch. Ich kannte die Karte so ungefähr. Aber die Stelle, wo wir in den Dschungel rein sind, war ja nicht die geplante Strecke. Das war viel länger, da die unser Abhauen ja früher entdeckt hatten. Dieser Teil des Urwaldes war zwischen den Plantagen übergeblieben, und das war an einer Stelle, die etwa fünfzehn Kilometer breit war."

"Fünfzehn Kilometer? Mehr nicht?"

"Du hast ja selbst erlebt, wie schwer das Vorankommen war. Und du hast das super gemacht! Die meisten europäischen Frauen stellen sich viel blöder oder zickiger an."

"Ich war nicht immer so fit. Das kam erst in den letzten Jahren."

"Ach! Gab es einen Grund?"

"Allerdings. Ich hatte im Zuge einer Beerdigung eine ganz blöde Aufgabe bekommen. Musste auf einen Berggipfel hoch."

"Einen hohen Gipfel?"

Ich lachte auf. "Für mich war er hoch. Kennst du den Kilimandscharo?" Er nickte. "Meiner war der Averau. Aber der ist noch nicht mal halb so hoch. Ich hatte vorher viel geübt, meine Fitness verbessert. Dann kam leider noch ein Autounfall dazwischen, aber ich hab es geschafft."

"Kommt von dem Unfall der Reißverschluss an deinem Bein?"

"Das hast du gesehen?"

"Ja, bei der Flussüberquerung. Da warst du ja", er grinste dazu ein wenig, "also da hattest du ja ziemlich wenig Sachen an."

"Und da schielst du ausgerechnet auf meine Narbe?"

"Das andere traute ich mich nicht." Auf meinen fordernden Gesichtsausdruck hin fühlte er sich wohl genötigt, hinzuzufügen: "Mein Sehen habe ich ja nicht unter Kontrolle. Mein Sprechen schon."

"Und das andere, was du gesehen hast?"

"Darf ich das denn sagen?"

"Das musst du sogar."

Er bekam große Augen, zögerte. Dann sprach er doch: "Du bist attraktiv. Wie meine Frau damals. Nur eben mit heller Haut."

Der Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen. Wir hatten zwischendurch die Karte studiert und uns etwas ausgesucht. Die hatten hier zwar auch so etwas wie Burger, aber ich entschied mich bewusst für eine einheimische Speise, nämlich Samensoße mit Rindfleisch und Reis. Boubacar nahm Attiéké. Er sagte mir, das ist aus Maniok hergestellt. Dazu gab es aber, wie ich dann sah, auch einen Salat und Fleisch. Ich war ja wohl noch ein paar Tage hier, das könnte ich dann auch mal probieren.

"Nur attraktiv?", fragte ich zurück.

"Nicht nur das. Du bist auch taff. Du traust dir was, bist mutig."

"Ich musste schon allerhand schwierige und gefährliche Situationen in meinem Leben überstehen. Das begann alles nach dem Verschwinden meines Mannes und dann nach dessen Tod."

"Hattest du da den Autounfall? Ich meine, ist er dabei gestorben?"

"Nein, jeder hatte seinen eigenen Unfall. Er war damals sofort tot, und ich war bei meinem auch lange auf der Kippe. Lag zehn Tage im Koma."

"Schön, dass es dir wieder gut geht. Du hast anfangs angedeutet, dass du vor Gericht musst?"

"Ja, deswegen wollte ich auch bei der Reise in die Plantagen die Kinderarbeit dokumentieren. Ich brauche Beweise dafür, dass meine Behauptung stimmt. Ich hoffe, dass mir die Kinder dabei helfen können. Natürlich werde ich sie fragen, ob sie eine Zeugenaussage machen wollen. Ich will sie nicht zwingen. Wo sind sie übrigens? Hast du sie zu Hause gelassen?"

"Ja. Die sind ja schon ziemlich selbstständig, und meine Tochter passt ja auf sie auf."

"Ist sie da nicht genervt von den beiden?"

"Nein, gar nicht. Sie ging richtig auf in ihrer neuen Rolle als Gastgeberin. Sie hat den beiden Filme gezeigt auf ihrem Handy, Musik abgespielt. Das kannten die ja gar nicht. Und so eine Jugendzeitschrift gezeigt. So mit geschminkten Mädchen und Pop-Bands mit schrillem Outfit."

Ich stöhnte auf. "Oh Gott, die werden einen Kulturschock bekommen!"

Er grinste. "Es hat ihnen gefallen. Hattest du damals so etwas auch?"

"Na klar! Das gehört bei uns zum Erwachsenwerden dazu. Musik den ganzen Tag. Meine Eltern waren voll genervt! Aber irgendwann war es auch vorbei."

"Und was machst du jetzt?"

"Ich habe einen Laden für Mode. Im Laden ist fast nur Strickmode, aber ich mache auch Einzelentwürfe und entwerfe Kollektionen. Auch Kleinserien, das aber eher selten."

"Dann bist du ja ganz schön vielseitig."

"Jetzt ja. Früher habe ich aber nur meine Mode gemacht."

"Hattest du es mal mit einer neuen Partnerschaft versucht?"

"Einer richtigen? Nein, nicht mehr. Und du?"

"Zwei mal. Ging aber beides schief. Die wollten nur einen Versorger, waren nicht ehrlich."

"Du meinst, die haben dich betrogen?"

"Ja. Das kann dir dann ja nicht passieren."

"Meine Männer betrügen mich ständig!"

"Hattest du nicht gesagt, keine neue Partnerschaft?"

"Keine Partnerschaft, aber ab und zu gehe ich auch mal mit einem Mann essen. So wie mit dir." Ich setzte dazu mein strahlendstes Lächeln auf. So wie ich ihn einschätzte, würde er sich nicht trauen, weiterzufragen. So war es dann auch. Also erzählte ich weiter. "Sag mal, was hast du da eigentlich gemacht, als ich das Mädchen von der Bauernfamilie ablenken sollte?"

Er grinste, und holte etwas aus seiner Hosentasche. Es war ein dickes, zusammengerolltes Bündel Papier. Er strich es halbwegs glatt. "Ich dachte mir, das kannst du wohl gut gebrauchen. Das sind alles Quittungen von diesem Vermittler. Deine beiden Jungs sind auch mit dabei. Da steht deren Name drauf, der Name der Eltern, das Geburtsdatum, die Herkunft, der Preis, dass sie unentgeltlich für ihn arbeiten müssen, er ihnen aber eine Unterkunft und Essen geben muss. Aber wie du ja gehört hast, müssen sie sich das Essen selber ernten und zubereiten. Also sind sie regelrecht Sklaven. Ich dachte mir, dass dir das als Beweis sicher gut nutzen wird. Und das hier", er zog einen gefalteten Zettel aus seiner Hose und legte ihn vor mich hin, "ist ein Lieferschein für seine Kakaobohnen an die Kooperative. Von vor fünf Tagen."

Ich stand auf, fiel ihm um den Hals, umarmte ihn. "Danke! An so etwas hatte ich gar nicht gedacht! Du bist ein Schatz."

Er fand das offenbar furchtbar überzogen, befreite sich und wechselte das Thema. "Kein Problem. Hat es dir denn gefallen hier in der Elfenbeinküste?"

"Ja, besonders im Dschungel."

"Echt jetzt?" Er schaute ganz erstaunt.

"Ja, wirklich. Auch wenn es sehr anstrengend war. Aber es war sehr interessant. Das kannte ich bisher nicht. Und es war ein wenig gefährlich."

"Weil du fast sein Frühstück geworden wärst?"

"Hab mich ganz schön erschrocken. Aber die kleinen, gefräßigen Monster waren schlimmer." Ich zeigte auf meine Pflaster.

"Was war da?"

"Da waren Würmer drin.“ War schon beim Arzt. Der hat die entfernt. Hattest du keine?"

"Die mochten wohl mein Blut nicht. Ist wie bei den Mücken. Die haben auch immer nur meine Frau gestochen."

"Deswegen haben dich wohl auch die Krokodile gemieden."

"Ich wusste, dass da keine sind. An meinem Blut lag es jedenfalls nicht. Es gibt aber einen anderen Fluss hier, wo welche leben. Willst du mal sehen?" Er zückte sein Handy und spielte einige Filme ab. Tatsächlich sah man darauf Krokodile im Fluss schwimmen. Einige andere Bilder gab es auch. Ich kam nämlich aus Versehen auf eine Taste und sein Handy sprang auf die Galerie zurück. Das letzte Foto zeigte eine Frau in Unterwäsche vor einem Fluss, von hinten. Ich erkannte sie.

"Der Hintergrund ist nicht gut", sagte ich. "Willst du bessere Fotos machen?"

"Was?" Jetzt sah er erst, warum ich das sagte. Er wurde vom Kellner gerettet, der jetzt das Essen servierte. Alle Teile der Zutaten in einem eigenen Schüsselchen. Ich grinste ihn an und wünschte ihm einen guten Appetit. Während des Essens belauerten wir uns ein klein wenig. Mein Hunger war so groß, ich aß alles auf. Er auch.

"Und, jetzt die Fotos?", fragte ich. "Ich habe aber keine besondere Unterwäsche mitgenommen. Vielleicht geht es aber ohne." Ich winkte nach dem Kellner und bezahlte dann die Rechnung. Boubacar hatte sich nicht getraut, etwas dazu zu sagen. Ich stand auf. "Kommst du?"

"Wohin?", fragte er zurück.

"Hotel!" Er schluckte. Dann kam er aber mit. Ich nahm einfach seine Hand. Jetzt sahen wir wie ein Paar aus. Für heute Abend waren wir das, und ich hoffte, dass es auch zur Paarung kommt. Während des Gehens schaute ich ihn immer wieder an, und lächelte. Etwa ab der Hälfte des kurzen Weges traute er sich dann auch zu lächeln. Es war mittlerweile dunkel geworden, aber hier gab es eine spärliche Beleuchtung von Straßenlaternen. Im Hotel ging ich schnurstracks die Treppe hinauf und er musste mir folgen. Ich schloss das Zimmer auf und ging zum Fenster, öffnete es, und schaute auf das Meer, also zumindest dorthin, wo es sein müsste. Ich wollte, dass er jetzt aktiv wird. Er schloss die Tür. "Man sieht das Meer gar nicht mehr", sagte ich. Ich spürte, wie er hinter mich trat.

"Was war das mit den Fotos?", fragte er.

"Das war nur ein Trick, um dich in mein Hotelzimmer zu locken. Aber wir können morgen wirklich welche machen. Vielleicht am Strand."

"Aber …"

Ich funkte dazwischen. "Du könntest zu Anfang deine Hände benutzen. Oder mehr." Ein kühles Lüftchen begann, ein winziges Stück der heutigen Hitze zu vertreiben. Ich hatte mich immer noch nicht so recht dran gewöhnt, aber hier im Zimmer war es zumindest besser auszuhalten als im Dschungel. Ich spürte seine Hände. Erst nur auf meiner Schulter, dann glitten diese auf meine Hüften, schoben sich wieder höher, bis sie an meinen Brüsten angekommen waren. Und drückten. Und drückten noch mehr. Mein Drücker ging an. Sein Mund küsste meinen Hals. Mein Kopf drehte sich zu ihm. Lippen näherten sich. Zeit blieb stehen. Sie fror schlicht ein und eine kleine Ewigkeit begann. Mein leises Aufstöhnen unterbrach den Stillstand der Zeit. Die Sprache war international. Ich musste es nicht ins Englische übersetzen. Und seine Hände, es war die rechte, verließen meine Brüste und bewegten sich nach unten. Seine Hand fand zielsicher die Stelle zwischen meinen Beinen. Sie war ja auch nicht zu verfehlen.

Er rieb dort ein wenig. Natürlich merkte er, dass da noch Barrieren waren. Er ging tiefer, hob den Saum meines Kleides an, kam wieder nach oben, und dann schob sich seine Hand in quälender Langsamkeit in meinen Slip. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er endlich dort angekommen war, wo ich und vermutlich auch er es haben wollte. Und dann gab es kein Halten mehr. Die Zeit flog geradezu! In Überschallgeschwindigkeit. Jeder Physiker, der behauptet, die Zeit vergehe immer gleich, hat noch nie eine solche Sache erlebt. Man könnte es glatt 'Die Relativitätstheorie der sexuellen Wollust' nennen. Schnell waren wir nackt, flogen geradezu auf das Bett. Nach der ersten Befriedigung, noch ohne Penetration, wollten wir beide mehr. "Wait", sagte ich. Warte. Ich ahnte und hoffte ja, dass es dazu kommt, und hatte schon welche im Nachtschrank platziert. "Normal oder groß?", fragte ich.

Er lachte. "Wieso denkst du das?"

"Na man sagt ja, dass …"

"Alle Afrikaner ein großes Ding haben?"

Jetzt war es an mir, zu lachen. "Du hast mich durchschaut. Ist wohl so ein europäisches Fake New."

"Also, normal wäre gut."

"Gut." Ich machte das Bettlicht an und suchte das passende Kondom heraus.

"Bist du jetzt enttäuscht?"

"Wir haben ja noch gar nicht richtig angefangen. Aber der Beginn war schon mal gut."

Nach irgendwie einer Stunde oder so lagen wir beide befriedigt auf dem Bett, und ließen unsere überhitzten Leiber abkühlen. "Hat es dir gefallen?", fragte er.

"Aber natürlich!"

"Trotz der Größe?" Ich lachte darauf nur. Es war noch nicht mal gelogen. Er hatte Leidenschaft, Feuer, Erfahrung, und Mut für Neues gehabt. Und er hatte einen ganz anderen Körpergeruch als europäische Männer. Ich würde hier trotzdem nicht einfach so auf die Jagd gehen, um andere afrikanische Männer zu fischen. Aber vielleicht könnten wir das ja wiederholen. Wir kuschelten uns aneinander und schliefen bald darauf erschöpft ein. Ich wurde wach, als die Dämmerung begann. Offenbar zeitgleich mit ihm. "Guten Morgen. Dusche, dann die Fotos, dann nochmal Sex, und dann musst du wohl zur Arbeit, oder?", fragte ich ihn.

"Du meinst das wirklich ernst, oder?"

"Aber ja. Aber nur von hinten!"

"Was, der Sex oder die Fotos?" Mit dieser Frage fing er sich einen leichten Buff ein, und ich sprang aus dem Bett für die Morgentoilette. Er folgte mir. Eine Viertelstunde später waren wir soweit. Wir zogen uns an und gingen an den nicht weit entfernten Strand. Er war zu dieser Zeit menschenleer. Ich zog mich aus, und stellte mich mit dem Gesicht Richtung Meer vor den Spülsaum in Pose. Boubacar zückte sein Handy und machte jede Menge Fotos. Später drehte ich mich sogar um, aber diese Fotos mussten ohne mein Gesicht sein. Eigentlich vertraute ich ihm, aber man weiß ja nie. Ich wollte keine solchen Fotos von mir im Internet finden. Und dann ging es zurück ins Zimmer.

Er verschwand dann nach dem Sex zu seiner Arbeit und nach dem Frühstück probierte ich es. "Sandra an Esmeralda, bitte kommen!" Es kam keine Antwort. Ich kontrollierte die Kanaleinstellung, aber es war alles korrekt. Nochmal: "Sandra an Esmeralda, bitte kommen!" Dann erinnerte ich mich endlich daran, dass ich ja die Sprechtaste drücken muss, aber das Resultat war dasselbe. Es war wohl einfach noch zu früh und sie waren noch nicht da. Ich machte mich erst einmal daran, an jeden meiner Freunde eine separate, kurze Zusammenfassung zu schreiben, an Jessica Wolf einen sehr ausführlichen Bericht. Auch die Fotos und Filme schickte ich, und Fotos der Dokumente. Schnell kam eine Antwort und wir waren dann zum Videophonat verabredet. Aber das würde erst später sein, da sie noch eine Redaktionskonferenz hatte. Ich machte mich auf den Weg und ging in den Hafen. Lange fragte ich herum, aber alle, die ein Boot oder eine Yacht hatten, winkten ab. Es war denen wohl zu heiß, was ich vorhatte.

Ich war erst enttäuscht und ging zurück, machte dann einen Spaziergang zum Strand. Da traf ich bei einer Bucht in einem kleinen, abseits gelegenen Hafenbecken auf einen Fischer, der gerade seinen Fang anlandete. Ich sprach ihn an und erklärte, was ich vorhatte, und bot ihm eine ganze Menge Geld an. Zum Glück sprach er Französisch. Ich benutzte aber den Übersetzer, da meine Sprachkenntnisse immer noch nicht gut genug für eine richtige Unterhaltung waren.

"Ich fahre jeden Tag gegen Mitternacht raus und fahre am Morgen zurück. Wenn du willst, nehme ich euch mit und dann hole ich dich wieder ab. Musst nur vorher Bescheid geben. Ich wohne dort." Er zeigte auf ein Haus.

"Vielen Dank. Das mache ich dann", antwortete ich, und war froh, jemanden gefunden zu haben. Er gab mir noch seine Handynummer. Ich ging zurück, aß zu Mittag, und unterhielt mich dann ganz lange per Videocall mit Jessica Wolf. Anschließend machte ich dann auch noch einen Call mit meinem Anwalt Andre, dem ich mitteilte, was ich alles hatte, und schickte ihm die Dateien. Er lobte mich über die Maßen und meinte, dass er ja noch nie eine derartig fleißige Mandantin gehabt hätte. Er war auch sehr zuversichtlich, dass uns das alles gut helfen würde. Aber natürlich wäre es besser, wenn ich wirklich die Kinder als Zeugen einbringen könnte. Auch er hatte schon einige Sachen in die Wege geleitet, recherchiert, einen Gutachter beauftragt, andere Zeugen benannt, und so weiter. Nun hieß es, weiter auf die Ankunft des Schiffes zu warten. Boubacar hatte mich für heute bei sich zum Abendessen eingeladen. Ich ließ mir von der Rezeption ein Taxi rufen, welches mich hinfuhr.

Von außen kannte ich das Haus ja schon. Boubacar trat aus dem Haus, deutete auf das Innere. Ich trat ein. Seine Tochter begrüßte mich. Heute hatte sie offenbar gute Laune, und ein tadelloses Benehmen, aber eine zurückhaltende Art. Auch die beiden Jungen waren natürlich da. Sie sprangen mich sogleich an und begrüßten mich überschwänglich. Klar, immerhin hatten wir ja im Dorf und im Dschungel so einiges erlebt, solche Ereignisse schweißen zusammen. Ich fragte sie , wie es ihnen hier gefällt, und beide sagten, dass es hier sehr schön ist. Boubacar entschuldigte sich, da er kochen muss, und verschwand in der separaten Küche, ließ aber die Tür offen. Seine Tochter, die Salimata hieß, fragte mich, was ich denn zu Hause so mache, und ich versuchte das erst mit meinem Französisch, merkte aber, dass ich da nicht weiterkomme, und nahm den Übersetzer zu Hilfe. Sie war sehr interessiert, und ich zeigte ihr dann ziemlich viele Fotos meiner Modeentwürfe, die ich natürlich alle in einem separaten Album gesammelt hatte. Ich fragte sie, was sie denn später machen wollte.

"Auch Modedesignerin", sagte sie.

Ich schmunzelte. "Was genau willst du denn designen?"

"So was wie du, aber im afrikanischen Stil."

"Klingt gut. Will das dein Vater auch?"

"Nein. Mein Papa möchte, dass ich Jura studiere."

"Du nicht, oder?" Sie schüttelte den Kopf. "Das kenne ich. Mir war das viel zu trocken. Ich habe mich damals gegen meine Eltern durchgesetzt." Ich zwinkerte ihr zu und hob den Daumen. Ich wendete mich an die beiden Jungen. "Und, habt ihr euch hier gut eingelebt?"

"Ja, das ist hier viel schöner als im Dorf. Boubacar ist nett. Salimata auch. Wann können wir denn nach Europa?"

"Ihr wollt da wirklich hin, ja?"

"Aber klar! Deshalb sind wir ja von da weg!"

"Ich habe ein Schiff organisiert, das ist aber noch nicht da, das bringt euch dann über das Meer dorthin."

"Gibt es denn hier in der Stadt auch Meer?"

"Ja, nicht weit von hier ist das Meer. Bei meinem Hotel in der Nähe."

"Können wir das mal sehen?"

Ich lachte. "Ihr werdet bald zu viel Meer sehen. Mehr als euch lieb ist. Über zwei Wochen lang. Es wäre aber nicht gut, uns hier zusammenzusehen. Wir wollen Aufmerksamkeit vermeiden. Aber vielleicht kann euch Boubacar ja mal an den Strand fahren. Ihr müsst ihn nur genügend nerven, dann macht er es." Ich zwinkerte ihnen zu, war mir aber sicher, dass ich selbst auch noch intervenieren würde. Das Meer an der Küste zu sehen, ist ja noch mal was ganz anderes, als nur vom Boot aus. "Ihr werdet dann nach Deutschland gebracht. Da ist es sehr schön, aber der Nachteil ist: Die Sprache ist ziemlich schwierig zu lernen. Und es gibt Jahreszeiten. Eine ist warm, eine kalt, manchmal mit Schnee, außerdem gibt es zwei Zwischenzeiten. Dort in Deutschland müsst ihr einen Asylantrag stellen, damit ihr dort bleiben könnt. Dann wird es dazu eine Anhörung von den Behörden geben. Aber mit eurer Geschichte, noch dazu mit den Verletzungen von eurer Arbeit, werdet ihr sicher erfolgreich sein. Ihr könnt dann endlich zur Schule gehen, anstatt arbeiten zu müssen. Es ist sicher eine große Umstellung, aber ihr schafft das, und habt dann eine Zukunft vor euch."

"Genau deswegen wollten wir ja von dem Bauern weg", sagte Kouassi.

"Ich natürlich auch", bekräftigte Moja. "Wenn ich zu meinen Eltern zurückkomme, müssten die mich ja wieder verkaufen."

"Ich muss in Deutschland vor ein Gericht, weil ich die Zustände hier bei euch angeprangert habe. Jemand, der aus eurer Arbeit Nutzen gezogen hat, will nicht, dass diese Informationen in der Öffentlichkeit bekannt werden, und hat mich verklagt. Es würde mir und später den anderen Kindern in den Plantagen sehr helfen, wenn ihr dort eure Aussage macht. Nur dann kann man etwas an der Situation ändern."

"Du hast ja gesehen, was der mit mir gemacht hat. Das vergesse ich nicht. Ich bin dabei", sagte Kouassi. "Du auch?", fragte er Moja.

Der nickte. "Natürlich. Auch ich musste für den schuften."

"Gut. Aber ihr könnt immer noch einen Rückzieher machen, ja?" Beide nickten.

"Was wollt ihr denn dort später machen, wenn ihr mit der Schule fertig seid?"

"Ich will Haare frisieren!", sagte Moja.

"Ach, kannst du das?"

"Das mache ich gerne. Schau mal Salimata an." Er kicherte dazu. Salimata setzte sich anders hin, drehte ihren Kopf zur anderen Seite. Jetzt erst sah man, ihre Frisur war asymmetrisch. Auf einer Seite waren die Haare lang, auf der anderen an einer Fläche ziemlich kurz rasiert, und mit einem Muster versehen, welches wohl mit einem Rasierer hineingearbeitet war. Wenn mich nicht alles täuschte, war das, was es darstellen sollte, der Kopf eines Leoparden.

"Ach, du warst das?", sprudelte es überrascht aus mir heraus. Er nickte. "WOW! Du bist ja ein Künstler!" Er war daraufhin ziemlich verlegen. Ich fragte Salimata: "Und, gab es Stress mit deinem Vater?"

Sie grinste. "Nicht sehr. Ich glaube, in Wirklichkeit mochte er es."

"Hat er gesagt, dass im Dschungel so ein Leopard mich fast verspeist hätte?" Sie nickte. "Kannst stolz auf deinen Vater sein. Er hat mich gerettet. Alle gerettet." Ich richtete meine Frage an Kouassi: "Und du? Hast du auch schon einen Plan?"

Er grinste. "Schokoladenarbeiter."

"Nicht dein Ernst, oder?"

"Nein. Weiß noch nicht. Vielleicht Busfahrer."

"Nicht schlecht. Bei mir in Hamburg gibt es auch eine U-Bahn. Die fährt zum Teil in Tunneln, und teilweise oberirdisch. Das ist gut, da kommst du nie in einen Stau."

"Was ist denn ein Stau?", fragte er zurück.

"Na, wenn die ganze Straße mit Autos verstopft ist und es weder vor noch zurückgeht. Das kennst du nicht, oder?"

"Nein. Im Dorf war nie Stau. Wie lange fahren wir denn auf diesem Schiff bis nach Deutschland?"

"Das Schiff ist lange unterwegs. Ich denke, zwei bis drei Wochen bis zur Südspitze von Europa, und dann muss ich noch die Weiterfahrt organisieren. Bis nach Hamburg in Deutschland vielleicht drei oder vier Tage. Ihr braucht dann auch noch eine Legende, welche ihr den Behörden erzählt, denn damit euer Asylantrag in Hamburg bearbeitet wird, müsst ihr auch genau dort das erste Mal bei den Behörden vorstellig werden und Asyl verlangen. Dazu lasse ich mir auch noch was einfallen. Da muss ich noch ein wenig drüber nachdenken. Ich glaube, ich habe auch schon eine Idee. Ihr behauptet, ihr habt euch hier auf ein Frachtschiff geschlichen, und … stopp, das geht nicht so einfach. Da muss ich, wenn ich zu Hause bin, erst einmal ein wenig recherchieren."

Kouassi bekam große Augen. "Ist das nicht gefährlich?", fragte er, also der Handy-Übersetzer. "Also, wenn die mich ins Wasser werfen …? Ich kann nicht richtig schwimmen."

Ich lachte. "Ihr tut das doch nicht in Wirklichkeit. Ihr behauptet doch nur, es wäre so gewesen, für die Behörden. Dass es nicht stimmt, kann man euch dann nicht nachweisen. Zumindest nicht, wenn alles glatt geht. Der mit dem Boot ist ein Freund von mir, der schmeißt euch bestimmt nicht ins Wasser."

"Dann drücken wir ihnen mal die Daumen", sagte Boubacar, der in diesem Moment mit dem Essen hereinkam. Er stellte das Essen auf den Tisch. Das kannte ich schon. Es war Kedjenou. Dazu gab es Reis. "Langt zu", sagte Boubacar. Wir setzten uns alle an den Tisch, der schon gedeckt war. Kouassi und Mojo wollten schon den Reis mit den Händen nehmen, aber Boubacar sagte ihnen in ihrer afrikanischen Sprache etwas, zeigte ihnen, wie man es machen muss, und dann versuchten beide es mit dem Löffel, was aber ganz gut klappte. Das waren die beiden natürlich nicht gewöhnt.

"Und, habt ihr euch gut unterhalten?", fragte Boubacar mich nebenbei, und zeigte mit den Augen auf seine Tochter.

"Ja, also wenn sie irgendwann mal sagt, dass sie Modedesignerin werden will, dann habe ich Schuld. Ich habe ihr Bilder meiner Kollektionen gezeigt und nun ist sie angefixt davon."

"Hab mir das schon gedacht", sagte Boubacar, dem ich ja auch schon gesagt hatte, was ich beruflich mache.

"Heißt das, ich muss kein Jura studieren?", fragte Salimata ihn, mit einem ziemlich erfreuten Gesichtsausdruck.

"Mal sehen. Wenn du weiter so schlechte Schulnoten hast, kannst du das mit dem Studium sowieso vergessen."

"Jetzt hast du ihr aber einen prima Plan geliefert", sagte ich zu ihm.

"Ich hab da sowieso nicht dran geglaubt. Außerdem ist Jura langweilig."

"Ach, du hast Jura studiert?"

"Ja. Ich hab es aber nicht zu Ende gemacht. Ich bin dann nach 4 Semestern gleich zur Hilfsorganisation. Man verdient nicht so viel, aber es ist erfüllender."

"Kann ich verstehen. Man weiß, es hilft den richtigen Personen. Und wenn es auch nur ein klein wenig ist."

Er schmunzelte. "So ist es." Wir alberten dann nach dem Essen noch ein wenig mit den Kindern herum, dann fuhr mich Boubacar zum Hotel zurück. Heute wollte er nicht mit ins Hotelzimmer kommen, aber wir knutschten zumindest noch ein wenig im Auto. Wir verabredeten uns aber für den nächsten Abend zum Essen. Am nächsten Morgen probierte ich es noch einmal mit dem Walkie-Talkie, aber immer noch nichts. Dann hatte ich die Idee, ein wenig zu recherchieren. Ich fuhr ins Hafengebiet, dorthin, wo die großen Pötte anlegen. So richtig große wie bei uns in Hamburg waren hier nicht, aber tatsächlich lagen zwei Frachter am hiesigen Kai. Der eine war ziemlich angerostet, also sah schlecht gepflegt aus, aber der andere ging so. Ich ging zu dem Schiff hin. Es stand ein Zug mit Güterwagen vor dem Frachter. Eine lange Gangway führte nach oben. Am Fuße der Gangway stand ein Mann mit Schiffsuniform und einer Mappe in der Hand neben einem Gabelstapler und dessen Fahrer.

-----------------------------------------------------------

Teil 30

Liam F-O

Ich ging zu ihm hin. "Hi Captain", sagte ich auf Englisch.

Er hatte mich schon längst erspäht und schaute mich erstaunt an. Er sagte etwas zu dem Gabelstaplerfahrer, der nun wegfuhr, und eine Palette daließ. Nach oben zum Schiff hin gab er so ein kreisendes Zeichen mit der Hand und ein Ladekran des Schiffes ließ einen Haken herunter. "Ich bin nicht der Kapitän. Ich bin der erste Offizier", sagte er jedoch, und das auf Deutsch. Ich weiß nicht, wie so viele Menschen es schaffen, aus so wenigen Worten auf Englisch und des dabei gesprochenen Akzents herauszuhören, welche Sprache man eigentlich spricht.

Auch wenn ich überrascht war, ließ ich mir das aber nicht anmerken. "Auch gut", sagte ich. "Ich habe mal ein Anliegen."

"Wir nehmen keine Passagiere mit. Haben sie ihr Kreuzfahrtschiff verpasst?"

"Ich fahre nie auf Kreuzfahrtschiffen, aber genau um Passagiere geht es."

"Ich sagte doch, wir nehmen keine mit!"

"Auch keine blinden Passagiere?" Ich sah mich genötigt, gleich etwas hinterherzuschieben. "Ich will nicht mitfahren. Ich bin Buchautorin und brauche für eine Figur, die das in dem Buch machen will, Informationen, wie so etwas gehen könnte. Also, wo kann man sich verstecken, braucht man Helfer, und so weiter? Ich hatte gehofft, sie können mir da Informationen geben. Es sollte ja glaubwürdig sein."

"Ich hab hier noch zu tun. Bis Siebzehn-Null Null. Dann habe ich ein paar Stunden frei. Vielleicht kommen sie da ja noch mal wieder."

"Ja, gerne. Ich lade sie zum Essen ein." Zum ersten Mal war ein Leuchten in seinen Augen zu sehen. Er hob den Daumen und klinkte den mittlerweile angekommenen Haken in der Schlaufe der Palette ein. Der Kran zog diese hoch, während ich mich entfernte. Mist. Dann musste ich das Essen mit Boubacar absagen. Oder verschieben. Auf heute Mittag. Ich rief ihn an, erklärte die Sache, aber er sagte mir, dass er mittags nicht kann, da er auf seiner Arbeitsstelle ist. Aber ich verabredete mich dann für den Folgetag mit ihm zum Mittagessen. Auch gut. So könnte ich gleich den Plan erläutern, wenn ich denn ausreichend Informationen darüber bekomme. Ich ging nach der Rückfahrt zum Strand, aber da es dort auf Dauer zu heiß wurde, zog ich mich ins Hotelzimmer zurück, und schrieb einige ausführliche Mails an alle meine Bekannten, wie es mir hier ergangen ist. Das mit den Kindern und den erbeuteten Dokumenten ließ ich natürlich weg. Es reichte, wenn nur Anton und Jockel das mit den Kindern wussten, und Andre das mit den Dokumenten.

Dann ließ ich mich mit einem Taxi zum Hafen fahren und wartete. Pünktlich um Siebzehn-Null Null kam mein Offizier die Gangway herunter. Ich stieg zur Begrüßung aus, und er ging schnurstracks auf das Taxi zu, blieb vor mir stehen. "Hallo, ähm …"

"Sandra", sagte ich. "Ich heiße Sandra. Und du?"

"Liam."

"Schön Liam. Dann lass dich mal vom eintönigen Schiffsalltag entführen."

"Der ist nicht eintönig!" Wir stiegen in das Taxi ein. "Wo geht's denn hin?"

"In eine Opiumhöhle." Ich grinste und sein Gesicht verzog sich. "Nein, Quatsch. Ist eine stinknormale Gaststätte. Mit eintönig meinte ich, dass du sonst immer nur unter Männern bist. Außer wenn du zum Heimaturlaub bei deiner Frau bist."

"Du hast eine echt clevere Art, den Beziehungsstatus deines Gegenübers zu erfragen."

"Fiel mir nur so spontan ein."

"Es ist eine Verlobte. Weiß nur nicht, ob das noch aktuell ist. Letztens meinte sie, dass sie erst mal Zeit für sich braucht."

"Obwohl du so lange weg bist? Klingt wie ein: 'Ich tue mal so, als ob da noch was ist, bin eigentlich aber schon weg.' Oder?"

"Genau das dachte ich auch. Na ja, war eh nicht mehr viel los. Außer Streit. Den gab es in letzter Zeit genügend."

Ich seufzte. "Manche Menschen wollen einfach nicht glücklich werden."

"Und du? Hast du auch einen Beziehungsstatus?"

"Ja. Momentan sitze ich neben einem potenziellen Tagesopfer in einem Taxi."

Er lachte auf. "Auf den Mund gefallen bist du jedenfalls nicht, Sandra. Das gefällt mir."

"Du meinst wohl, ich selbst gefalle dir?"

Er neigte seinen Kopf so ein klein wenig. Wie jemand, der erkannt hatte, dass sein Gegenüber ein ebenbürtiger Gegenspieler ist. "Vielleicht."

Ich lachte. "Du sprichst wie eine Frau."

"Wegen vielleicht? Vielleicht bin ich ja eine."

"Eine Transfrau?"

"Wäre das schlimm?"

"Nein. Nur ungewöhnlich. Exotisch."

"Leider daneben. Du musst das Essen also mit einem waschechten Mann zu dir nehmen."

"Auch gut. Ich war übrigens sehr überrascht, auf einen deutschen Offizier zu treffen. Das vereinfacht die Verständigung."

"Ich bin Ire. Aber ich bin schon als Kind in Deutschland gelandet. Meine Mutter hatte sich in einen Deutschen verliebt, nachdem sie sich von meinem Vater getrennt hatte."

"Und, ist sie das noch? Verliebt?"

"Bist gestern noch ja. Da hatten wir das letzte Mal miteinander videophoniert."

Das Taxi fuhr gerade bei der Gaststätte vor. "Wir sind da." Ich bezahlte den Fahrer, wir stiegen aus. Ich hatte die Gaststätte mit Bedacht ausgesucht. Sie war in der Nähe des Hotels, und hatte internationale Küche. Wir gingen rein und setzten uns.

"Weißt du, was verlobt bedeutet?"

"Nee. Keine Ahnung."

"Sicherstellen und weitersuchen."

Liam lachte kurz auf, aber das Lachen blieb ihm dann im Halse stecken. Er deutete auf die Stelle an meinem Finger, wo immer noch zu sehen war, dass ich bis vor kurzem dort einen Ring getragen hatte. "Ist das der Grund dafür, dass du mir so ausweichend geantwortet hast?"

"Keine Angst, er ist so an die fünftausend Kilometer Luftlinie weg und ein guter Meter Erde liegt auf ihm."

"Ach! Sitze ich hier mit einer hübschen Mörderin an einem Tisch?"

"Das war ein echt gut verpacktes Kompliment. Das mag ich. Mein Lieblingsbuch ist: 'Schöner Morden', denkst du jetzt, oder? Nein, also bis jetzt habe ich erst zwei bedingte Tote und einige Notwehr-Körperverletzung auf dem Gewissen. Du hast also gute Chancen, das Date mit mir zu überleben."

"Dann hast du also noch nicht so viele Bücher geschrieben, oder?"

"Woher nimmst du deine Vermutung?"

"Zwei Tote und Körperverletzungen. Für eine Buchautorin ist das schlicht wenig."

"Meine bisherigen Bücher sind so eine Mischung aus persönlichem Drama, Krimi, und ein wenig Erotik. Also nichts von den Sachen so richtig. Bist du jetzt enttäuscht? Aber die Toten darin sind autobiografisch."

Er würde jetzt sicher etwas erschrocken sein, ließ sich aber nichts anmerken. Trotzdem kam er darauf zurück. "Was sind denn bedingte Tote?"

Ich ließ mir Zeit mit der Antwort, was ohnehin kein Problem war, denn der Kellner kam gerade, und nahm unsere Bestellung auf. Ich nahm als Getränk einen Wein, nur ein Glas, und nahm mir fest vor, dass es das einzige bleiben würde. Erst nachdem der Kellner weg war, antwortete ich ihm. "Bedingte Tote sind welche, die ich zwar nicht ins Jenseits befördert habe, die das aber dadurch erlitten hatten, dass sie mir kurz vorher in böser Absicht begegnet waren. Der eine lief bei der Flucht vor der Polizei vor einen Bus, nachdem er mich in meinem Haus überfallen hatte, um einen Datenträger zu finden, der andere suchte seine von mir weggetretene Pistole im Gleisbett, um mich doch noch erschießen zu können, beachtete aber nicht den gerade einfahrenden Zug. Du hast also gute Chancen, das Date mit mir zu überleben. Selbst wenn du mir keine Informationen über die Fluchtmöglichkeiten gibst." Dabei grinste ich ihn megamäßig an.

Man sah, er musste schlucken. "Und dein Mann?"

"Stürzte in eine Schlucht. Er war mit seiner Geliebten auf der Flucht. Ich war aber über zweitausend Kilometer weg, und für einen Auftragsmord bin ich zu geizig", sagte ich ihm, nicht ohne eine gewisse Süffisanz in der Stimme. Was würde er jetzt tun? Aufstehen und gehen?

"Du verarschst mich, oder? Das ist ein Test!" Ich schüttelte energisch meinen Kopf. "Nein. Ich ziehe wohl das Unglück magisch an."

"Was war das für eine Sache mit dem Datenträger? Und warum wollte der andere dich umbringen?"

"Den Datenträger hatte mein Mann vor seinem Unfall bei mir im Haus versteckt, und genau dieses Teil ist der Grund, warum ich hier in Afrika bin. Es waren da sehr brisante Informationen drauf, und die Freisetzung der Informationen hatte jemandem nicht gepasst."

"Und der andere?"

"Ein krimineller Gauner, mein zweiter Stiefsohn. Er hatte aus Gründen, die ich nicht kenne, gedacht, ich hätte seinen Vater, also meinen Mann, getötet. Wegen dieses Zuges, der gegen seinen Kopf fuhr, konnte ich das nicht mehr näher mit ihm erläutern."

"Du scheinst wirklich eine gefährliche Frau zu sein!"

Ich schaute ihn eindringlich an. Dann lächelte ich. "Eben. Letzte Chance zu gehen!"

Das wirkte bei ihm. Er reagierte wie ein typischer Mann. Er musste zeigen, dass er der Gefahr trotzte. Sein Körper straffte sich, er setzte sich aufrechter hin. "Du bist die interessanteste Frau, der ich seit langem begegnet bin. Aber ist ja nicht schwer. Die Schifffahrt ist immer noch eine Männerdomäne und zu Hause erwartet mich immer dasselbe."

"Dieselbe Frau, meinst du?" Er nickte. "Jetzt wohl eher dieselbe Nicht-Frau?"

"Kann sein." Er verzog das Gesicht. "Können wir nicht über ein anderes Thema reden?"

"Klar, gerne. Kommen wir zu meinem Anliegen. Also, nehmen wir mal an, ich habe hier jemanden, der minderjährig ist. Die Chancen, ein Visum zu bekommen, sind furchtbar schlecht, eher nahe Null, aber er muss nach Europa, am besten Deutschland. Wie könnte das gehen? Ich hoffe, du hast eine Idee, wie der angehende Jugendliche auf einem Schiff dorthin gelangen könnte."

Er grinste. "Auf meinem Schiff? Wie heißt der denn?"

"Das tut nichts zur Sache. Keine Angst, er wird nicht wirklich auf deinem Schiff mitfahren. Auch nicht auf einem anderen. Er muss in meinem Buch nur eine glaubhafte Story für das Asylverfahren vorweisen können."

"Warum musst du ihn denn nach Deutschland holen?"

"Die Hauptprotagonistin in meinem Buch braucht ihn als Zeugen."

Er lachte. "Du brauchst ihn als Zeugen!"

"Na und? Ist doch egal, ob in echt oder Romanstory. Die Erfordernisse sind die gleichen!"

Er schien zu überlegen. "Ich komme in des Teufels Küche!"

"Das ist eine gute Tat, und Leute, die gute Taten machen, kommen in den Himmel." Innerlich musste ich schmunzeln. Mit dem Himmel hatte ich aus diversen Gründen längst abgeschlossen.

"Es ist ziemlich schwer. Am sichersten ist es, wenn du einen Helfer in den Reihen der Schiffsbesatzung hast. Am besten einen Offizier."

"Warum?"

"Das sind an die 8000 km. Da sind wir über zwei Wochen unterwegs. Für diese Zeit braucht man eine Menge zum Trinken, so an die 20 bis 30 Liter Wasser, auch Nahrung. Das kann eine Person ja gar nicht an Bord bringen. Nahrung ja, aber nicht das Trinken. Obwohl …"

"Ja? Hast du eine Idee? In der Vorratskammer?"

"Da würde einen irgendwann der Koch entdecken. Nein, das wäre keine gute Idee."

"Im Maschinenraum? Oder im Laderaum?"

"Im Maschinenraum ist immer jemand. Und der Laderaum ist voller Schüttgut. Beim Entladen würde man den blinden Passagier entdecken und umgehend zurückbefördern. Und bei einem Containerschiff gibt es ja auch regelmäßige Kontrollgänge zwischen den Reihen, auf den Gängen. Aber ich habe eine Idee."

"So? Was denn?"

"Im Rettungsboot."

"Schaut da keiner nach?"

"Doch. Nach Verlassen des Hafens muss jemand die Boote kontrollieren. Auf kleineren Frachtern ist oft nur eines vorhanden. Das ist meist Aufgabe des ersten Offiziers."

"Verstehe. Die dürfen also erst dort rein, wenn der nachgesehen hat. Oder der Offizier muss kooperieren. Aber du sagtest ja schon, wegen Trinken und Nahrung wäre letzteres ohnehin besser."

"Na ja, nicht unbedingt. An Bord des Rettungsbootes ist ja auch Nahrung für ein paar Tage, auch Wasser."

"Ist das nicht zu schwer, dort raufzukommen?"

"Früher mal ja. Heutzutage haben die meisten Schiffe Freifallrettungsboote. Die stehen auf einer steilen Rampe, und wenn bei einem Notfall alle drin sind, wird ein Festhaltebolzen gezogen, und das Boot rauscht ins Wasser. Ab und an übt man das auch. Die Tür ist hinten am Boot, davor wie bei uns oft eine kurze, steile Treppe."

"Wie sieht das Boot innen aus?"

"Also unseres hat mehrere Sitzreihen mit je zwei Sitzen, einen Gang in der Mitte. Und man sitzt mit dem Rücken zur Tür da hinten. Wegen des Aufpralls beim Wassern."

"Und da kann man einfach so rein, ja?"

"Klar, die Tür ist zwar verschlossen, aber nicht abgeschlossen. Bei einer Havarie muss es ja schnell gehen. Man geht da von hinten rein. An der Seite oben ist auch noch eine Tür, die man aber nur benutzt, wenn das Boot im Wasser ist und die Geretteten geborgen werden müssen."

"Okay, also die schleichen sich an Bord. Geht es einfach so?"

"Nein. Einer hält ja immer Wache. Aber der F-O kann die auch wegschicken, wenn er oben oder unten aufpasst. So war das ja bei dir auch, als du da unten warst."

"Wer ist denn der F-O?"

"First Officer, also ich. Oder so einer wie ich."

"Verstehe. Der F-O bekommt also Bescheid, schaut weg, die schleichen an Bord, gehen dann in das Rettungsboot, und bei der Kontrolle des Bootes schaut er weg. Soweit richtig?"

"Genau so. Dann müssen sie sich natürlich ruhig verhalten. Da an der Seite, wo das Boot liegt, gehen bei uns immer alle zum Rauchen hin. Ins Boot schaut normalerweise aber niemand rein."

"Okay. Und der bringt also ab und an auch was zum Trinken mit und reicht es denen irgendwie. Und wenn sie angekommen sind?"

"Dann wird es schwierig!"

"Wieso denn?"

"Hast du mal gesehen, wie hoch so eine Bordwand ist?"

"Nee."

"Bei richtig großen Pötten 35 Meter. Unseres ist aber niedriger."

"Ins Wasser springen geht also nicht?"

"Zumindest ist es nicht zu empfehlen."

"Also ein Seil. Dann muss der auch ein Seil mitnehmen. Er seilt sich ab und dann?"

"Im Idealfall sollte er ein guter Schwimmer sein. So ein Schiff läuft mit der Flut ein. Kleinere als unser Schiff ein wenig vor oder nach dem Maximum der Flut. Da gibt es noch Strömung."

"Oder derjenige nimmt dafür ein aufblasbares Schlauchboot. Oder?"

"Ja, das müsste gehen. Das, oder eine Luftmatratze. Damit muss der dann durch das Hafenbecken paddeln und an einer ruhigen Stelle eine Kaikante finden, wo man hochklettern kann. Da gibt es in jedem Hafen so einige Stellen."

"Und dann hat er es geschafft?"

"Er muss dann nur 'Asyl' zum Vertreter des Staates sagen."

"Du bist ein Genie!" Ich strahlte ihn an und als Bonbon kam jetzt unser Essen. Ich hatte schon den größten Teil meines Weines getrunken, und mit dem Wein kam die Lust. Es war nicht nur die Lust auf das Essen. Auch die andere Lust. Aber noch wusste ich nicht, ob er mitspielen würde. Die Chancen standen so etwa 9:1 für mich. "Guten Appetit."

"Dir auch guten Appetit." Wir aßen nun, zwischendurch erzählten wir nur kurze, belanglose Sätze. Meine Lust wurde immer größer, je länger das Essen dauerte. Und wir ließen uns Zeit, belauerten uns zwischendurch mit Blicken. Er wusste nichts von meinem Plan, aber erhoffen würde er es sich durchaus, dachte ich. Dann waren wir nahezu gleichzeitig fertig, wischten uns den Mund ab, ich trank den letzten Schluck meines Weines, er von seinem Wasser. "Noch ein Glas?", fragte er mit Blick auf mein geleertes Weinglas.

"Nein, ich glaube, ich nehme lieber ein Dessert." Dabei strahlte ich ihn an. Er drehte sich um, wohl um den Kellner zu bitten, uns nochmal die Karte zu bringen, die sowohl auf Französisch als auch auf Englisch war. Er war aber nicht zu sehen. "Lass mal", sagte ich. "Ich hab schon gesehen, diese Art von Dessert haben sie hier nicht. Ich habe was im Hotel. Du musst mich sowieso noch nach Hause bringen. So alleine als Frau im Dunkeln … traue ich mich nicht. Ich rufe dir dann von dort ein Taxi." Wie auf Bestellung tauchte der Kellner auf und fragte, ob wir noch einen Wunsch hätten. Ich verneinte und bezahlte. Liam bekam große Augen. So etwas kannte er wohl noch nicht.

"Machst du das immer so?", fragte er mich.

"Natürlich! Ich habe dich doch eingeladen." Ich lachte auf. "Komm!" Ich stand auf, und er musste mir nun natürlich folgen. Wie ein Gentleman und Schiffsoffizier in Uniform, der er war. Es war auch nicht weit bis zum Hotel, etwa fünf Minuten Fußmarsch. Ich griff mir einfach seine Hand, schaute ihn wie verliebt an, er war zuerst ein wenig pikiert, spielte das Spiel dann aber mit.

"Wieso machst du das?", fragte er. "Wir sind doch kein Paar!"

"Na und? Es macht Spaß, ist schön. Und romantisch."

"Ich bin aber verlobt!"

"Siehst du deine Verlobte hier irgendwo? Hab doch nicht solche Angst! Ich kenne die gar nicht. Sie wird auch nichts davon erfahren. Außerdem habt ihr doch Pause, wenn ich das richtig verstanden habe."

"Sie will Pause. Ich nicht."

"Ach komm, momentan hast du eh Zwangspause. Oder ist sie auf deinem Schiff?" Dabei schaute ich ihn spöttisch an, hoffte aber innerlich, sie wäre das wirklich nicht.

"Nein, die ist zu Hause. Bei sich, also in ihrem Elternhaus, denke ich."

"Vielleicht. Oder auf der Piste. Ist eine Großstadt, oder?"

"Ja, Hamburg."

"Au, fein, da wohne ich normalerweise auch. Momentan aber hier." Ich deutete auf das Haus. Wir waren am Hotel angekommen.

"Jetzt hab ich dich ja gebracht."

"Du hast das Dessert vergessen. Das wartet noch auf dich." Er sah abwartend, zögerlich aus. "Nun komm schon! Hast du Angst?" Er schüttelte den Kopf. Ich ging einfach voran. Er zögerte noch kurz, dann folgte er mir die Treppen hoch. Einen Fahrstuhl gab es hier nicht. Ich ging ins Zimmer rein. Er blieb in der Tür stehen. Ich griff einfach seine Hand und zog ihn hinein.

"Im Kühlschrank?", fragte er.

"Was soll da sein?"

"Na das Dessert."

Ich schüttelte den Kopf, legte mich in verführerischer Pose auf das Bett. "Ich bin das Dessert."

"Sandra, ich …"

"Mensch Liam! Mach dir nicht so einen Kopf. Ist es wegen deiner Verlobten?" Er nickte. "Weißt du, ich kenne vier, nein, fünf Leute aus meinem Bekanntenkreis, die so etwas hatten. Beziehungspause, Zeit für sich, oder wie immer sie das nannten. Weißt du, wie viele danach noch zusammen waren?" Er schüttelte den Kopf. "Null. Keiner." Es war nicht gelogen. Heidi von meiner Klasse, die damals mit Ferdinand zusammen war. Keine zwei Wochen später hatten beide einen anderen. Gregor und Silke vom Studium. Deren Partner kannte ich gar nicht, aber auch bei denen war es das Beziehungsende gewesen. Und Maja und Lilly, die beide mal in meinem Laden gearbeitet hatten. Auch bei denen ging es damit den Bach herunter. Vom vielen Nachdenken merkte ich gar nicht, dass Liam sich mittlerweile zum Bett bewegt hatte. Jetzt legte er sich neben mich. Er legte eine seiner Hände auf meine Hüfte. Man merkte, er war ein vorsichtiger Typ.

Unsere Gesichter kamen immer näher, und wir schauten uns tief in die Augen. Ein erster, noch zaghafter Kuss. Und dann brachen alle Dämme. Bei ihm und bei mir. Es wurde wild. Ungeduldig erforschten zuerst seine Hände mich, dann seine Lippen. Finger und Zungen wurden an und später auch in Körperteile geschoben. Keuchen und Lustlaute. Man merkte, er hatte Nachholbedarf. Viel mehr als ich. Etwa eine Stunde später lagen wir beide auf dem Bett, nackt, ausgepumpt, zufrieden. Meine Hand streichelte seine behaarte Brust. "Ich hatte damals auch Gewissensbisse", sagte ich. "Als ich das erste Mal meinen Mann betrogen hatte … Es war damals noch gar nicht klar, ob er nicht doch noch wiederkommt. Es war zweimal mit demselben Mann, dann noch ein anderer, und dann noch ein anderer. Und dann kam die Todesnachricht."

"Wie lange ging das?"

"Die Gewissensbisse? Nicht lang. Ich wusste dann ja, dass er mich betrogen hatte. Das machte es einfacher."

"Wie oft machst du das so?"

"Mir einen Mann angeln? Früher oft. Schlimm?"

Er schüttelte den Kopf. "Soll ich gehen?"

"Wann musst du denn auf dem Schiff sein?"

"Schon bald. Um Mitternacht."

"Dann bleib doch noch ein wenig. Wir können uns ja noch streicheln. Das ist auch schön." Das taten wir dann. Es tat Wirkung. "Magst du eigentlich Oper?", fragte ich ihn.

"Klar, gerne, wenn es mal geht. Du auch?"

"Ja. Meine Lieblingsoper ist die Zauberflöte. Das Stück scheint auch gerade zu spielen." Dabei hielt ich seine Flöte umklammert, die eine sensationelle Börsenkursentwicklung hingelegt hatte. "Dann sing mir doch mal eine Arie."

Er lachte, rutschte auf mich drauf, und gab mir noch eine Abschiedsvorstellung. "Ich muss jetzt gehen", sagte er anschließend.

"Warte", sagte ich, zog mich an, und ging mit ihm herunter zur Rezeption, und ließ ihm ein Taxi rufen. Wir gingen raus, es war ja noch warm, und warteten dort.

"Wann kommt denn nun dein Flüchtling an Bord?"

Ich schaute ihn erstaunt an. "Wie kommst du darauf?"

"Na, hast du nicht …?"

"Ach, du denkst…? Nein. Ich sagte doch, rein hypothetisch. Ich schreibe wirklich Bücher."

"Warum hast du dann mit mir geschlafen?"

"Warum schon? Ich hatte Lust!"

"Das kenne ich nicht. So ohne Gegenleistung."

"Dann nimm es mit als neue Erfahrung." Das Taxi kam gerade um die Ecke. "Machs gut, Liam F-O!"

"Man sieht sich, Sandra." Zum Abschied gab ich ihm noch einen richtig schönen Kuss, war mir auch egal, was der Taxifahrer denkt, ich reichte dem einen Geldschein für die Fahrt, und winkte Liam beim Davonfahren zu, atmete tief durch. Das war ein unerwartetes erotisches Erlebnis gewesen. Irgendwie tat mir Liam leid mit seiner Anhänglichkeit an seine Partnerschaft, die offenbar längst Geschichte war. Und ich stellte mir vor, wie er nach der Abfahrt des Schiffes ins Rettungsboot schauen würde, zwar ein wenig ängstlich, aber trotzdem bereit, den Finger zum Psst-Zeichen auf den Mund zu legen, falls doch jemand darin sein sollte.

-----------------------------------------------------------

Teil 31

Die Übergabe

Jetzt hatte ich richtig Gewissensbisse, weil das doch eigentlich eher Boubacar vorbehalten sein müsste, wo er mir doch so gut geholfen hatte. Aber morgen war ja auch noch ein Tag. Das war ich ihm schuldig. Ich ging wieder hoch in mein Zimmer, und betätigte das Walkie-Talkie. Wie erwartet nichts. Das wäre auch noch zu früh. Am anderen Tag traf ich mich mit Boubacar zum Mittagessen, bei ihm zu Hause, denn leider hatte er danach keine Zeit mehr für ein Schäferstündchen. Hier traf ich auch wieder auf die beiden Kinder und erläuterte ihnen den Plan, also die Geschichte, welche sie den Behörden erzählen sollten. Boubacar übersetzte es für sie.

"Also, ihr habt auf der Plantage Besuch von einer Reporterin bekommen, einer Französin. Ihr habt ihr eure Geschichte erzählt, sie hatte Mitleid mit euch und hat euch mit ihrem Auto in eine Stadt mitgenommen. Den Namen der Stadt kennt ihr nicht. Sie hat euch ein paar Tage in einem Waldgebiet nahe der Stadt versteckt. Dann kam sie zurück, hat euch zwei große Rucksäcke und Instruktionen gegeben. In dem einen Rucksack waren ein langes Seil, zwei Luftmatratzen, eine Pumpe dafür und jede Menge Nahrungsmittel. Im anderen Rucksack einige Wasserflaschen. Als es dunkel wurde, ist sie mit euch zu einem Frachtschiff gefahren. Dort stieg sie aus und traf sich mit einem Mann vom Schiff, jemand in so einer Uniform. Sie haben miteinander geküsst und dabei hat sie ein Handzeichen gegeben. Ihr habt euch an Bord geschlichen und seid über den von ihr beschriebenen Weg zu einem schräg aufgebockten Rettungsboot gegangen, habt die hintere Tür geöffnet, seid hineingegangen und habt euch dort versteckt. Das Rettungsboot hatte auf beiden Seiten Sitzreihen mit je zwei Sitzen. Die Sitze waren so, dass man zur hinteren Tür nach oben hinsah, wenn man dort saß. Ihr habt euch drinnen immer ganz hinten aufgehalten. Das Schiff fuhr dann bald los. Manchmal habt ihr was gehört, Stimmen. Vorher waren immer die Schritte auf dem Metallboden des Ganges hörbar, da, wo die Tür zum Inneren des Schiffes war. Dann wart immer ganz leise, habt nur geflüstert, damit man euch nicht entdeckt. Manchmal hat jemand leise an das Rettungsboot geklopft. Fünfmal schnell, fünfmal langsam. Dann habt ihr, wie mit der Frau abgesprochen, die hingestellte Trinkflasche reingeholt, die jemand dorthin gestellt hatte. Gesehen habt ihr den aber nicht. Die ganze Zeit war das Stampfen der Maschine zu hören und das Schiff hat mal mehr, mal weniger geschaukelt. Ihr habt nur wenig gegessen, das Wasser rationiert, die Fäkalien in Plastiktüten gesammelt, den Urin in den leeren Wasserflaschen, und habt das immer des Nachts über Bord geworfen, wenn es ruhig war und längere Zeit keine Schritte hörbar waren. Irgendwann wurde es anders. Das Schiff schaukelte nicht mehr. Dann ging die Maschine aus. Ihr habt geschaut. Es war draußen am Himmel dunkel, aber überall waren Lichter zu sehen, und ein Hafenbecken. Ihr habt mit der Pumpe die Luftmatratzen aufgepumpt, diese habt ihr euch auf dem Rücken befestigt, dann habt ihr das Seil, in das ihr Knoten gemacht habt, doppelt über die Reling geworfen, der erste ist daran ein Stück heruntergeklettert, die Hände dabei immer an beiden Seilen, dann folgte der andere. Ihr müsst euch absprechen, wer damit angefangen hatte. Unten angekommen, hat einer das Seil nach unten ins Wasser gezogen, dann seid ihr auf den Luftmatratzen gepaddelt, bis an einer Kaimauer Leitersprossen zu sehen waren. Dort seid ihr hochgeklettert. Draußen seid ihr dann herumgegangen und auf einmal kamt ihr bei einem Gebäude an. Ihr seid dort hineingegangen, und habt um Asyl gebeten. Dann kam die Polizei und hat euch mitgenommen. Alles klar? Ich hab euch das auch noch aufgeschrieben, heute Abend wird euch das Boubacar noch mal vorlesen."

"Das kann ich doch auch machen", sagte Salimata.

"Schon, aber mein Französisch ist zu schlecht, ich hab das in Englisch aufgeschrieben."

"Macht nichts", sagte sie. "Wozu gibt es Übersetzer? Habe das gerade mitgeschnitten", quäkte es aus dem Handyübersetzer. Ihr Handy hielt sie in der Hand, so wie ich auch meines, da es sonst mit dem Sprachkuddelmuddel zu schwierig gewesen wäre.

"Kluges Mädchen", sagte ich. Boubacar drängte zur Eile, denn er musste ja noch zur Arbeit, nahm mich aber mit und setzte mich vor dem Hotel ab. Ich ging dann noch ein wenig an den Strand und ließ mir mein Abendessen von einem Lieferdienst bringen. Das Walkie-Talkie schwieg weiter eisern. Am nächsten Tag hatte ich 'frei'. Boubacar musste tagsüber in eine andere Stadt fahren und würde erst abends zurückkommen. Am Morgen war noch Funkstille. Nach dem Abendessen probierte ich es noch einmal.

"Sandra an Esmeralda, bitte kommen!" Keine Antwort. Dann nochmal: "Sandra an Esmeralda, bitte kommen!"

Auf einmal kraspelte es im Lautsprecher, dann kam: "Jockel an Sandra. Wir sind jetzt hier. Over."

Ich bekam Herzklopfen, aber freute mich. "Ihr habt es geschafft! Wie schön. Over."

"Wie ist denn die Lage? Over."

"Ich habe zwei Kartons Schokolade erworben, Zartbitter, wie vereinbart. Beste Qualität. Wann soll ich liefern? Over."

"Am besten, so schnell wie möglich! Over."

"Fahre vorbei. Abfahrt hier zwölf PM Null Null. Ankunft etwa plus zwei Stunden. Alles Weitere später. Over."

"Fährst du mit? Over."

"Keine Zeit. Muss zurückfliegen. Werde vom Boot abgeholt morgen früh. Over."

"Verstehe, bis dann. Am Mast rot-gelb, wie abgesprochen. Over."

"Over and out."

Puh, tief durchatmen. Auch wenn hier wohl kaum jemand Deutsch sprach, der Funk war ja abhörbar und wir wollten kein unnötiges Risiko eingehen, hatten es im Vorwege so abgesprochen. Nun musste alles schnell gehen. Ich rief Boubacar auf seinem Handy an. Er ging ran. "Hallo Sandra. Bin noch am Fahren, bin aber gleich zu Hause", sagte er.

"Sie sind da!"

Kurzes Schweigen. "Es geht also los?"

"Ja, heute Nacht."

"Warte, ich komme gleich vorbei. Liegt fast auf dem Weg. Ich gebe Salimata telefonisch Bescheid."

Es dauerte keine Viertelstunde, und es klopfte an meiner Zimmertüre. Boubacar. Ich sah es ihm sofort an. "So schlimm?", fragte ich. Er nickte. "Komm rein!"

Er kam herein. Dann liefen die Tränen. Seine Tränen. Meine auch. Nur nicht so schlimm. Ich war dankbar, mochte ihn sehr, aber ich hatte mich nicht in ihn verliebt. Bei ihm war es offenbar anders. "Boubacar! Das solltest du doch nicht tun!"

"Kannst du sowas kontrollieren?"

Ich dachte an die Sache mit Dieter damals. "Nein."

"Siehst du!"

Seine Tränen waren mittlerweile versiegt, aber traurig sah er schon noch aus. "Es tut mir leid."

"Du kannst nichts dafür. Du warst die erste Frau seit damals mit den anderen beiden."

"Verstehe. Du weißt, dass es keine Zukunft hätte. Bitte sei nicht verbittert. Nimm es mit als Bestätigung, dass es noch geht, auch nach der Sache mit deiner Frau." Er nickte. "Hast du noch kurz Zeit? Kennst du den Begriff Quickie?"

Er lachte kurz auf. "Willst du mir den Abschied versüßen?"

"Wenn ich darf!"

"Darfst du." Er trat an mich heran, ein kurzes Vorspiel, ein Akt im Stehen, mit allen Klamotten auf beiden Seiten. Ich gebe zu, es war ein sehr erfüllender Akt, trotz der rekordverdächtig kurzen Zeitdauer. Jeder, der das schon mal gemacht hat, weiß, wie stark die dabei entstehenden Gefühle sein können. Kurz, aber stark. Dann noch mal ein kurzes Knutschen. Noch drei Stunden bis Mitternacht. "Ich muss los", sagte er. "Wir sehen uns nachher noch. Ich hole dich ab." Er ging aus dem Hotelzimmer.

Eine Stunde vor Mitternacht. Ich hatte schon draußen gewartet. Er fuhr vor, ich stieg hinten ein. Vorne saß Salimata, die beiden Jungs saßen hinten.

"Kann losgehen." Boubacar fuhr los. Seinem Mienenspiel war nichts zu entnehmen. Offenbar versteckte er seine Gefühle gut. Ich sprach die beiden Jungs an. "Und, seid ihr bereit? Alles klar?"

"Ein wenig Schiss haben wir schon. Aber es geht schon", antwortete Kouassi.

"Bei mir auch", sagte Moja.

"Und du, Salimata? Bestimmt bist du froh, nun dein Zuhause wieder für dich und deinen Papa alleine zu haben."

"Nö. Die beiden waren ganz okay. Ich habe viel von ihnen gelernt. Sie aber auch von mir."

"Na, das nennt man doch eine klassische Win-Win-Situation", sprach ich in meinen Handy-Übersetzer. "Ihr könnt ja in Verbindung bleiben. Durch die Videophonie geht das alles ja ganz einfach."

"Das haben wir doch schon vereinbart", sagte Salimata.

"Während der Fahrt auf dem Boot geht es aber noch nicht."

"Das weiß ich. Bin doch schon groß."

Boubacar schaute kurz schmunzelnd zu ihr hin, was man selbst im Licht der Beleuchtung im Hafen sehen konnte, wo wir mittlerweile angekommen waren. Es ging aber noch ein Stück um die Ecke zu einem dunkleren Bereich, dort, wo die Fischerboote lagen. Ich stieg mit Boubacar aus und ging mit ihm zu dem Boot, wo der Fischer bereits am Wirken war. Ich hatte ihm natürlich vorher schon Bescheid gegeben. Boubacar sprach mit ihm auf Französisch. Ich verstand immerhin, dass er ihm sagte, die Passagiere seien abfahrbereit, und der Fischer antwortete, dass es gleich losgeht. Boubacar ging zum Wagen zurück, um die Kinder zu holen. Dann kamen sie. Auch Salimata war dabei. Ich sprach zu Boubacar: "Sag ihm, das Boot liegt exakt 14 Seemeilen südlich des Hafens und am Mast hat es eine gelbe und eine rote Signalleuchte."

Er gab es weiter. "Alles klar, wir werden es schon finden, hat er gesagt." Dem Fischer gab ich wie vereinbart sechzig Prozent der Summe für die Überfahrt, den Rest würde er nach der Rückfahrt bekommen. Ich hatte auch zur Sicherheit noch das Walkie-Talkie mitgenommen. Das würde aber erst ab etwa der Hälfte der Entfernung funktionieren, wegen der Erdkrümmung. Boubacar verabschiedete die beiden Kinder, umarmte sie. Dann machte Salimata mit ihnen das Gleiche. Mittlerweile stand nun auch Boubacar vor mir. "Machs gut, Sandra Neuhaus", sagte er auf Deutsch, mit einem furchtbaren Akzent dabei. Ich musste unwillkürlich lachen.

"Prends soin de toi et merci pour tout. Je pense à toi.", sagte ich zu ihm. Das hieß: 'Machs gut, danke für alles. Ich denke an dich.' Den Satz hatte ich vorher extra noch gelernt. Antworten konnte Boubacar nicht mehr, da wohl wieder seine Tränen liefen, was man in der relativen Dunkelheit hier aber nicht sehen konnte. Salimata nahm es trotzdem wahr, ging zu ihm, schien ihn zu trösten. Er hob seine Hand zum Ohr, zum Zeichen, dass wir noch telefonieren sollten. Mittlerweile war ich mit den Kindern im Boot angekommen, wir nahmen Platz. Der Fischer löste die Leine, startete den Motor, und das Boot glitt aus seiner Liegeposition Richtung Meer. Boubacar stand erst wie eine Salzsäule erstarrt, dann winkte er aber doch, wie Salimata auch, uns zu. Auch die Kinder winkten ihnen zu. Dann kam sie doch. Nein, nicht die Küstenwache. Meine Emotionswache. Tränen. Bloß gut, dass das hier niemand sehen konnte. Das Fischerboot hatte nur ja eine winzige Positionslampe am Bug und Heck. Schweigend ließen wir die Fahrt über uns ergehen. Der Motor war eh sehr laut, aber man sah ja nicht viel, nur den Mond und einen tollen Sternenhimmel. Die See war zum Glück ruhig, und es war immer noch warm.

Nach einer Stunde benutzte ich das erste Mal das Walkie-Talkie. "Sandra an Esmeralda, bitte kommen! Over."

"Esmeralda hier. Wie sieht es aus? Seid ihr unterwegs? Over." Es klang ein wenig abgehackt, ging aber schon.

"Sind seit einer Stunde unterwegs. Können euch noch nicht sehen. Over."

"Lampen sind an. Over."

"Okay. Over and Out." Aber etwa zehn Minuten später sah man schon ab und an die Lampen auftauchen. Der Fischer hatte sie als Erste entdeckt, rief es mir zu, und korrigierte ein wenig den Kurs. Es dauerte dann trotzdem noch fast eine halbe Stunde, bis wir da waren. Der Fischer steuerte sein Boot seitwärts ans Boot, dort, wo die Leiter war, die man benutzte, wenn man nach dem Ins-Wasser-Gehen wieder an Bord klettern wollte. Mir schien, so etwas machte er nicht zum ersten Mal. Zwei Gesichter beugten sich über die Reling. Jockel und Anton. "Kommt rüber!", riefen sie. Ich schickte die Kinder hoch, sagte dem Fischer: "Merci ! À plus tard!", und ging auch an Bord. Kouassi und Mojo standen ein wenig verloren herum. Ich stellte ihnen die beiden vor, während der Fischer sein Boot vom Schiff wegfuhr. Dann umarmte ich beide nacheinander. Auf einmal räusperte sich jemand. Ich schaute mich um. Im fahlen Licht der Signalleuchten und des bald untergehenden Mondes sichtbar, stand jemand am Ruder. Samira!

Ich war total erstaunt. Sofort ging ich zu ihr hin und umarmte sie herzlich. "Samira! Was machst du denn hier?"

"Na, was schon? Einen Bootstrip."

"Einen so langen?"

"Klar. Ich hatte ja keinen Job mehr und die Meisterschule geht erst in zehn Wochen los. Du hast also zwei Mitbringsel?"

"Ja, das sind Kouassi und Moja. Ihr werdet mit den beiden eine Weile unterwegs sein." Ich winkte beide heran und stellte Samira ihnen vor. "Kouassi spricht leider nur Französisch, Moja die Landessprache, und ein wenig Französisch."

"Ach, das kriegen wir schon irgendwie hin. Ich kann auch ein wenig Französisch. Du kommst also nicht mit?"

"Nein, ich muss mich ja noch auf meinen Prozess vorbereiten. Das wird mir alles abverlangen."

"Das glaube ich. Wie kommst du hier weg?"

"Der Fischer holt mich nachher wieder ab, und dann fliege ich nach Hause."

"Lass uns runtergehen", sagte Jockel. "Samira bleibt so lange oben und hält Wache."

Ich winkte die beiden Kinder zum Innenraum rein, dann erklärte ich ihnen, soweit das mit meinen dürftigen französischen Sprachkenntnissen ging, was zu beachten ist, unter Zuhilfenahme auch der Hände. Der Handyübersetzer funktionierte hier wegen des fehlenden Empfangs nicht. Sie waren natürlich noch ein wenig verschüchtert, aber das würde sich dann schon geben. Ich zeigte ihnen ihre beiden Schlafkabinen. Jockel, Anton und Samira wollten sich mit den anderen beiden Kojen abwechseln. So langsam tauten sie auf, und ich gab ihnen das Zeichen, sich zum Schlafen hinzulegen. Flüsternd unterhielten wir uns, also Jockel, Anton und ich, noch über das, was sie für die weitere Reise organisiert hatten. Sabine und ihr Mann, sowie Maik und seine Frau würden die beiden dann jeweils in ihrem Wohnmobil, auf der Rückfahrt vom Spanienurlaub an der Südspitze von Spanien vom Boot aufnehmen und nach Deutschland, nach Hamburg bringen. Auf einmal steckte Samira ihren Kopf in den Innenraum "Da kommt etwas", sagte sie mit sorgenvoller Stimme. Wir drei anderen schauten uns an, dann hasteten wir auf das Deck.

Samira zeigte in eine Richtung, und gab Jockel das Fernglas. Anton nahm aus der Utensilienbox das andere Fernglas, und schaute auch. "Sieht nicht aus wie ein Patrouillenboot. Könnte das dein Fischer sein?" Anton reichte mir das Fernglas. Ich schaute. In der Dunkelheit schwer zu erkennen, kam tatsächlich etwas auf uns zu. Es sah aber nicht aus wie das schmale Boot des Fischers. Ich sagte zu den Dreien: "Eher nicht. Ist ein breiteres Boot. Ein Schlauchboot? Der Fischer ist ja auch nach Westen gefahren, das Boot kommt aber von Nordosten."

"Ich denke auch. Wir sollten abhauen. Wer weiß, was die wollen!", sagte Jockel.

"Aber es ist doch windstill."

"Natürlich mit Motor!" Jockel ging zum Ruder, und drückte auf einen Knopf. Der Anlasser drehte, aber der Motor sprang nicht an. Er probierte es nochmal. Dann nochmals länger. "Mist. Ich glaube, ich muss die Dieselleitung entlüften. Samira, du wartest auf mein Kommando, dann drückst du den Starterknopf. Kennst du ja", sagte Jockel, und ging unter Deck, dorthin, wo die Maschine war, im Heck. Es dauerte und dauerte, das Schiff kam schnell näher. Gleich würde es da sein. Man konnte schon deutlich sehen, es waren vier Leute drauf.

"Wir brauchen Licht", sagte Anton, griff sich aus der Utensilienkiste die Signalpistole, hielt sie nach oben, und drückte ab. Einige Sekunden später erhellte die Leuchtkugel den Himmel. Ich erschrak , als ich sah, wie nah das Boot bereits war. Die Leute darin hatten keine Uniformen an, waren also nicht von der Küstenwache. Selbst wenn, hätte die hier nichts verloren, da wir uns außerhalb des Hoheitsgebiets befanden.

"Jetzt!", rief Jockel. Das Brummen des Motors war zu hören und eine Qualmwolke kam aus dem Auspuff. Unmittelbar danach gab Samira Vollgas und das Boot setzte sich schnell in Bewegung. Das andere Boot, von dem man nun sehen konnte, dass es ein Schlauchboot war, schien haarscharf an unserem Heck vorbeizufahren. Vermutlich hatten die vorgehabt, an der Leiter anzulegen, die am Heck war. Aber sie gaben noch nicht auf. Sie versuchten, unser Boot von der Seite zu rammen. Es gab einen Ruck und ein dumpfes Geräusch. Die Leuchtkugel erlosch. Anton schoss eine neue hoch. Das Boot hatte gewendet und versuchte inzwischen, von hinten an die Leiter zu kommen. Da fuhr auf einmal ein Blitz ins Wasser, dicht vor dem Schlauchboot, und es gab einen Knall. Aha, das war wohl die dritte Leuchtkugel von Anton gewesen. Ich schaute zu ihm. Er stand am Heck und lud sogleich nach.

Das andere Boot drosselte auf einmal seinen Motor und blieb zurück. Neben mir entdeckte ich jetzt Moja. Er sah sehr ängstlich aus. Vermutlich hatte er den Ruck gespürt vom Rammen des anderen Bootes.

"Alles gut, Moja. Sie sind weg. Wir sind in Sicherheit." Sicher hatte er außer seinem Namen nichts von diesem deutschen Satz verstanden, aber es beruhigte ihn. Nun kam auch noch Kouassi dazu.

"Die Bordwände überprüfen", sagte Jockel, der nun wieder an Deck kam. Er hatte recht. Jockel feuerte eine weitere Leuchtkugel nach oben, da die andere nur noch glimmte, und wir schauten vorsichtig, ob sich noch jemand am Boot festhielt. Aber es waren alle weg. Mit dem Fernglas konnte man noch etwas sehen, dort, wo wir vorm Schlauchboot geflüchtet waren. Aber das Licht war zu schlecht, um Einzelheiten zu erkennen. War das ein Piratenüberfall gewesen?

"Und jetzt?", fragte Anton Jockel. Ich strich den beiden Kindern, die sich an mich herangeschoben hatten, über den Kopf.

Jockel betätigte einen Schalter und die Positionslichter am Boot und am Mast gingen aus. "Der Mond ist untergegangen. Die können uns jetzt nicht mehr sehen. Wir fahren eine gute Stunde nach Süden, dann eine gute Stunde nach Norden, sind dann wieder zurück, damit der Fischer dich aufnehmen kann. Dann dämmert es schon und die können uns nicht mehr überraschen. Die haben nur ein Schlauchboot. Das werden die nicht nochmal probieren. Das nächste Mal schießen wir denen mit der Signalpistole Löcher rein, das werden sie nicht riskieren. Gute Arbeit, alle!"

"Dormir", sagte ich zu den Kindern, deutete auf den Innenraum. Schlafen, hieß das. Etwas zögerlich gingen sie dann unter Deck, ich folgte, Samira auch. Ich leerte dann meinen Rucksack, den ich mitgenommen hatte. Für die Kinder hatte ich Sachen zum Anziehen besorgt, damit sie was zum Wechseln hatten. Nicht viel, aber hier an Bord konnte man ja waschen. Ich erzählte Samira ein wenig von meinen Abenteuern hier in der Elfenbeinküste. Und Samira sagte, dass sie sich in Anton verliebt hat und sie jetzt mit ihm zusammen ist. Ich freute mich für beide. Und für Anton ganz besonders, dass er nach seiner Krankenhaus- und Krebs-Odyssee wieder jemanden hatte. Als wir dann wieder bei der vorherigen Position angekommen waren, die Dämmerung war schon in vollem Gange, war von dem Angriffsboot nichts mehr zu sehen.

Weit in der Ferne sah man bereits das Boot vom Fischer. Eine halbe Stunde später war es da. Ich verabschiedete mich wehmütig von allen, auch von den Jungs, die mittlerweile wieder wach geworden waren. Die beiden waren taff, die würden das schon packen, trotz der Sprachbarrieren. Als wir im Hafen angekommen waren, erzählte ich dem Fischer mithilfe meines Übersetzers noch unser Erlebnis, und er meinte, das käme gelegentlich mal vor. Es gab hier eine Bande, welche zu diesem Zweck auf einen hohen Funkturm kletterte, Ausschau nach Booten hielt, und diese dann überfiel. Man munkelte von Entführungen für Lösegelderpressungen. Der Polizei sagte man so etwas natürlich nicht, um die Freilassung nicht zu gefährden. Da hatten wir ja Glück gehabt und denen gehörig in die Suppe gespuckt. Ich nahm mir ein Taxi zum Hotel. Neun Uhr. Ich buchte mir schnell mit dem Handy einen Flug nach Abidjan. Dort würde ich ein Hotelzimmer nehmen und für den Folgetag den Rückflug nach Hamburg buchen. Ich checkte aus, fuhr zum Flughafen, aß dort zu Mittag und war am Nachmittag in Abidjan, nahm ein Hotelzimmer.

Nach der schlaflosen Nacht war ich völlig fertig und schlief nach der Flugbuchung bis zum anderen Morgen durch. Am Abend kam ich endlich wieder in Hamburg an, und fuhr zu meinem Haus. Aus dem Zimmer von Andrea kam Musik. Ich klopfte an, und begrüßte alle. Die drei waren natürlich neugierig, unterbrachen ihre Probe, und ich musste erst einmal einen kurzen Bericht abgeben, ehe ich mich dann schlafen legte. Ich schickte aber noch eine SMS an Boubacar, verabredete mich zum Videophonat für den morgigen Abend mit ihm. Ich wollte ihm ja noch mitteilen, wie alles gelaufen war, und mich nochmals bei ihm bedanken. Da ich wusste, dass er sicher einiges an Unkosten hatte, habe ich ihm zum Abschied am Fischerboot was zugesteckt, was hoffentlich ausreichte. 'Für deine Auslagen', hatte ich auf den Umschlag geschrieben.

Dann schlief ich schnell ein, weil ich vom langen Flug so fertig war. Am anderen Morgen begrüßte mich typisches Hamburger Wetter, sollte man meinen. Ein plätschernder Regen. Aber in Wirklichkeit kam das gar nicht so oft vor. Es war mir klar, dass ich zuallererst in meinen Laden musste. Ich kam an, alle meine Mitarbeiterinnen brannten natürlich darauf, meine Erlebnisse zu erfahren, sodass ich in der ersten Stunde nicht zum Arbeiten kam. Die Sache mit meinen lebenden Zeugen ließ ich natürlich weg. Das durfte kein anderer wissen. Alles, was mit meiner Unterschrift abgezeichnet werden musste, erledigte ich im Büro. Und dann schaute ich in den Laden, um zu sehen, was bestellt werden musste. Ich merkte gleich, es war etwas anders als vorher. Der Laden war viel voller als sonst üblich. Ich sah dann auch, wieso: Es waren vor allem junge Leute, Laufkundschaft, welche die spezielle Ecke sehen wollten, welche Stine neu gestaltet hatte. Nun, die meisten schauten tatsächlich nur, aber trotzdem war der Umsatz gestiegen. So etwa zehn Prozent. Nicht viel, aber immerhin. Ich sprach dann auch mit Stine darüber, und lobte sie, was sie sehr erfreute.

Am Nachmittag rief ich dann Andre an. Wir machten einen Termin für den Folgetag. Das Gespräch mit Boubacar verlief angenehmer als befürchtet. Er hatte sich wieder gefangen und hatte wohl akzeptiert, dass es mit uns nichts werden konnte. Ich erläuterte ihm in dem stundenlangen Gespräch auch noch ausführlich die Gründe, die in meiner Vergangenheit lagen. Ich versprach, ihn auf dem Laufenden zu halten. Anderntags schlug ich bei Andre auf. Ich zeigte ihm das Material, welches ich gesammelt hatte. Er meinte, das wäre ganz brauchbar. Und natürlich sagte ich ihm auch, dass Zeugen unterwegs waren. Unmittelbare Zeugen. Wenn das klappte, wäre zumindest der eine Punkt eindeutig bewiesen, nämlich, dass in der Lieferkette der Kakaobohnenfabrik von Mattsinvests Kinderarbeit gang und gäbe war. Bei der anderen Sache sah es nicht ganz so rosig aus. Die Gegenseite würde wohl versuchen, die Echtheit der Dokumente anzuzweifeln. Aber noch war ich ja mit der Analyse des Inhalts vom Stick aus dem Tresor meines Gegenspielers bei weitem nicht durch. Aber das, was wir hatten, bereitete Andre schon mal für den Prozess vor. Er müsste ja jedes Beweisstück einreichen und die Zeugen benennen. Ich deutete aber an, dass unser Hauptzeuge, also Piere, vermutlich lügen würde. Ich hatte noch keine Idee, wie wir ihn knacken könnten.

------------------------------

Teil 32

Der Schatz wird gehoben

Einige Zeit lang untersuchte ich nun weiter in nahezu jeder freien Minute den Inhalt des Sticks. Kein Fitnesskurs mehr, keine Wanderungen, und auch kein Selbstverteidigungskurs. Aber Fehlanzeige. Das, was dort darauf war, war mehr oder weniger interessant, für meine Zwecke aber eher banal. Nichts, was auf irgendwelche illegale oder auch nur versteckte Aktivitäten schließen könnte. War ja auch klar: Die Sachen, die da drauf waren, hatte Bremer ja sicher nicht selbst gescannt. Das hatte ein Angestellter gemacht, und dem würde man sicher nichts verfängliches geben. Die Zeit rann mir davon. Da hatte ich eine Idee. Ich rief bei Nico an. Seine Frau Bettina ging an den Apparat. "Hallo Sandra! Bist du zurück von deinem Ausflug?"

"Ja, ich bin jetzt eine Afrikanerin." Ich hatte den beiden Bescheid gegeben, dass ich dorthin fliegen müsste, auch Andeutungen darüber, worum es geht.

"Mit Schuhcreme, oder was?", frozzelte sie.

"Nee, aber ich bin jetzt Kakaoexpertin. Zumindest Expertin für Kakaobohnen. Sag mal, ist Nico da? Ich brauche mal wieder einen Rat."

"Ich schick ihn rüber. Aber lass die Finger von ihm!"

"Versprochen." Nachdem ich ihr mal von meiner Vorliebe erzählt hatte, wurde das so ein geflügelter Satz zwischen uns. Natürlich würde ich Nico nicht anrühren. Nur seinen reichlichen Erfahrungsschatz in Nerd-Angelegenheiten. Fünf Minuten später klingelte es. Ich öffnete. Nico stand vor der Tür. "Na, habt ihr noch schnell einen Quickie gemacht?", fragte ich ihn.

"Klar. Bettina musste mich doch immunisieren. Hast du dir in Afrika was eingefangen?"

"Nee, den Stick hab ich schon länger. Aber ich komme da nicht weiter. Ich habe eine 1:1 Kopie gemacht. Du sagtest mir doch mal, dass man auch gelöschte Dateien wiederherstellen kann."

"Ach sowas meinst du. Ja, man kann auf jeden Fall die Dateinamen gelöschter Dateien wiederherstellen. Manchmal dann die Dateien, oder auch nur Fragmente. Was genau suchst du denn?"

"Das ist ja das Problem. Ich weiß es nicht."

"Wenn du mir den Stick gibst, kann ich da was drüberlaufen lassen. Das Teil ist echt gut und findet selbst kleinste Reste." Ich zögerte. "Ich passe gut darauf auf und schaue auch nicht rein."

"Gut Nico. Wie lange wird das dauern?"

"Beim üblichen 32-Gigabyte-Stick zwei, drei Tage."

"So lange?"

"Na ja, das Teil ist halt gründlich. Es sucht nahezu alles und versucht selbst die losen Fragmente zuzuordnen, versieht die dann mit einem passenden Header, damit man das öffnen oder abspielen kann."

"Was ist denn ein Header?"

"Der Kopfteil einer Datei, der angibt, was es für ein Typ ist und wie man damit umgehen muss."

"Gut Nico, ich zähle auf dich."

"Das macht doch Jesus."

"Du kennst ja komische Leute."

"So heißt mein Rechner für so etwas."

"Und dein eigener Rechner?"

"Der heißt God."

"Oh Nico, wie bescheiden. Aber der Gott der Daten bist du wirklich."

Er grinste. "Tschüss Sandra."

"Bis dann, Nico." Er ging dann rüber zu sich. Ich kümmerte mich nun drei Tage lang um meinen Laden, der das dringend nötig hatte, um meine Fitness, die das auch nötig hatte, und um meine Selbstverteidigung, der es nicht anders ging. Nur nicht die juristische Sache. Das machte ja Andre. Aber bevor wir den vereinbarten Termin für die nächste Lagebesprechung hatten, kam Nico vorbei, der mir den Stick wiedergab, zusammen mit einem anderen, auf dem eine Liste der gesamten gelöschten Dateinamen, die wiederhergestellten Dateien, und die losen Fragmente waren. Er erklärte mir, wie man damit umgehen muss, und ich machte mich ans Werk. Es waren ein Haufen Office-Dokumente. Die meisten waren von der automatischen Zwischenspeicherung. Einige Bilder, aber nur wenige. Und einige Filme und jede Menge Filmfragmente. Die meisten der Filme waren keine sinnvollen. Alles so ein heruntergeladener YouTube-Krams. Aber bei einem der Fragmente kam ein Aha-Erlebnis. Es zeigte nur eine halbe Sekunde etwas, aber das hatte ich schon mal gesehen. Und zwar beim Film von Piere. Es war die Nahaufnahme von Evelyn, als sie an die Person, welche filmte, heran war, kurz vor Abbruch des Filmschnipsels, den Piere mir damals gezeigt und dann verpixelt geschickt hatte.

Ich war wie elektrisiert. Stundenlang verbrachte ich damit, alle Fragmente zu sichten. Es waren wirklich sehr viele. Nicht alle gehörten natürlich zu diesem Film. Eine der gelöschten Dateien, auch nur ein Fragment, zeigte offenbar den Anfang des Filmes. Man sah nur ein Kellergemäuer. Beim ersten Durchsehen der gelöschten Dateien hatte ich das nicht zuordnen können. Weitere Stunden verbrachte ich damit, die Fragmente zuzuordnen, also in die richtige Reihenfolge zu bringen. Natürlich fehlten wichtige Teile. Aber zumindest konnte man zweierlei sehen, eher dreierlei. Erstens: Drei der Personen unverpixelt und groß genug, nämlich Evelyn, der tote Sören, und ein wohlbekannter Mann. Er ähnelte stark dem Typen auf dem Pass in Bremers Tresor mit Namen Manuel Herrera. Zweitens: Man sah, dass Evelyn genau von diesem Typen vergewaltigt worden war. Und drittens: Man konnte sehen, dass sie den Mord nicht begangen hatte.

Leider zeigte das Fragment nicht den Mord an sich. Aber ein kleines Stück kurz danach, also zu einem Zeitpunkt, an dem der Ermordete fiel, und diesen Manuel Herrera, der vor dem Getöteten stand, mit dem Rücken zum Filmenden, den Arm noch erhoben. Evelyn lag da im Hintergrund dieses Filmstücks auf dem Boden. Man sah auch, dass der mir von Piere geschickte, verpixelte Filmschnipsel nicht vollständig war, der Film also noch weiterging, Evelyn nämlich noch weiter auf den Filmenden draufgekommen war, wo sie einen Schlag von jemandem ins Gesicht bekommen hatte, der hinter dem Filmenden stand. Man sah bedauerlicherweise nur den Arm von dem. Die Person, die filmte, konnte das nicht gewesen sein. Der Schläger musste also zu diesem Zeitpunkt hinter der filmenden Person gestanden haben. Auch dieser Manuel? In den letzten Filmschnipseln war er nämlich nicht mehr zu sehen gewesen.

Was sollte ich damit machen? Die Filmstücke Evelyn zeigen? Nein, den Trumpf wollte ich noch nicht aus der Hand geben. Aber ich druckte ein Bild des Gesichtes des Typen aus, der sie vergewaltigt hatte, was auch gleichzeitig, zumindest der Kleidung nach, der sein müsste, der zugestochen hatte. Der Typ, der gefilmt hatte, war leider nirgends zu sehen. Aber war ja klar, der filmte die Szene. Ich steckte das Bild ein und fuhr in die Innenstadt. Ich wusste, in welchem Laden Evelyn arbeitete, und hoffte, sie würde noch da sein. Da war sie auch, bediente eine Kundin. Ich wartete, bis sie mit der fertig war, und ging zu ihr hin. Evelyn schaute mich erstaunt an. "Hallo Evelyn. Hast du mal ein paar Minuten? Ich will dir mal was zeigen."

"Klar doch. Hab eh gleich Feierabend. Warte mal." Sie ging in einen Raum, wohl das Büro, und kam nach zwei Minuten wieder heraus. "So, was willst du mir denn zeigen?"

"Nicht hier", sagte ich. "Am besten in meinem Auto. Steht hier im Parkhaus."

Wir gingen die Treppe herunter. "Du machst es aber spannend", sagte Evelyn.

"Das hat seinen Grund. Muss ja nicht jeder mitkriegen. Du wirst gleich sehen, wieso."

Evelyn war ziemlich ahnungslos, arglos. Ich hätte jetzt wer-weiß-was mit ihr machen können, aber das war ja nicht mein Plan. Ich schloss auf, ging mit ihr in den Wagen, auf die Rücksitzbank. Dort machte ich mit der Lampe meines Handys Licht und zog das ausgedruckte Bild heraus. "Schon mal gesehen? Kommt der dir bekannt vor?"

Evelyn bekam große Augen. Dann fing sie an zu zittern, schluchzte, weinte, bekam fast eine Panikattacke mit Luftnot. Ich versuchte, sie zu beruhigen, mit Atemkommandos, was eine ganze Weile dauerte. Dann holte sie noch x-mal tief Luft und hatte sich endlich wieder unter Kontrolle, wenn man von dem immer noch vorhandenen Zittern absah. Stoßweise, immer noch außer Atem oder geschockt vom Gesehenen, stieß sie heraus: "Das ist der Typ! Der von der Disco. Dieser … warte mal. Jetzt fällt es mir wieder ein: Manuel. Er hieß Manuel! Aber der andere … keine Ahnung. Filmt der da? Oh Gott, das hat mich jetzt total geflasht. Wo hast du das her?"

"Das wurde mir anonym zugespielt", log ich. "Weißt du noch mehr von dem? Kennst du seinen Nachnamen?"

"Nein. Als ich den kennengelernt hatte, da war ich schon ziemlich betrunken. Oh Gott, wie soll ich denn jetzt nach Hause kommen? Das hat alles wieder hochgespült. Ich kann gar nicht mehr fahren."

"Nimm den Öffi. Gleich hier an der Stadthausbrücke in die S-Bahn bis Poppenbüttel und dann mit dem Bus 276 nach Duvenstedt. Der kommt direkt bei euch vorbei. Vergiss nicht, eine Fahrkarte zu kaufen."

"Gut Sandra, das mache ich dann. Du meldest dich, wenn du mehr weißt, ja?"

"Mache ich." Evelyn stieg aus, und schlich zum Ausgang des Parkhauses. Es hörte sich so an, als hätte sie noch nie den Öffi benutzt, aber das würde sie wohl packen. Klar hätte ich sie mitnehmen können, aber ich wollte unnötige weitere Fragen vermeiden.

Ich rief Jens an. "Hallo Frau Neuhaus. Was gibt's denn?"

"Wie geht's dir denn?"

"Na wie schon, viel zu tun natürlich, wie immer."

"Ich meine seelisch."

"Na ja, geht so. Aber deshalb rufst du nicht an, oder?"

"Doch, auch, aber ich wollte auch fragen, ob du was herausbekommen hast. Wegen diesem Sören aus Schweden."

"Ja, das haben wir in der Tat. Ein Typ mit diesem Namen, der aus einer schwedischen Kleinstadt kommt und in Lund studiert hat, wird seitdem vermisst. Er flog nach Mallorca, kam dort an, flog aber nie zurück. Seine Verwandten haben ihn dann als vermisst gemeldet. Seine letzte Spur verliert sich in der Diskothek La Ola, zu der er hinwollte."

"Gehört die Disco zum Ballermann?"

"Stimmt genau. Das ist eine Disco für die besser betuchten Leute. Seine Familie ist so eine. Und wann bekomme ich die Resultate? Du weißt mehr!"

"Beim Prozess. Aber ich muss noch was recherchieren."

"So-so. Zufällig wegen diesem Typen?"

"Nein, wegen Evelyn. Der Frau, die so lange im Wachkoma lag."

"Du verheimlichst mir was."

"Du erfährst alles, wenn mein Prozess ist. Ich hab dir doch erklärt, wieso. Wenn ich zu früh auspacke, haut der Drahtzieher ab oder wirft mir weitere Knüppel zwischen die Beine. Deal?"

"Ungern. Aber Deal. Da ist noch was."

"Du hast Sehnsucht!"

"Ja, das auch. Aber zur etwa gleichen Zeit verschwanden noch zwei andere Leute auf Mallorca. Ein Einheimischer mit Namen Sebastian Garcia, damals 25, und eine deutsche Frau, Corinna Fiedler, 20 Jahre alt und blond. Wenn du also etwas von denen erfährst …"

"Hast du Bilder?"

Er seufzte. "Ja." Es folgte Stille.

Ich hakte nach. "Kommt da noch was?"

"Komm vorbei. In einer halben Stunde auf dem Parkplatz vor unserem Gebäude. Geht das?"

"Ich freue mich."

"Leider nicht viel Zeit", sagte Jens, und legte auf. Ich fuhr dorthin, und wartete die fünf Minuten bis zur angegebenen Zeit. Er schlenderte über den Parkplatz, ging an meinem Auto vorbei, sah mich, kehrte um, und setzte sich auf den Beifahrersitz. Dann blickte er sich unauffällig um, holte etwas aus seinem Jackett heraus, und reichte es mir zu. Schnell ließ ich es in der Ablage der Fahrertür verschwinden. "Die hast du aber nicht von mir", flüsterte er. "Also, wenn du …"

"Werde ich dir die Ergebnisse zukommen lassen", fiel ich ihm ins Wort.

"Was willst du damit machen?"

"Ich fliege nach Mallorca und werde mich da mal umhorchen."

"Mallorca?" Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Nicht bald danach würde ich erfahren, wieso. Er seufzte. "Na dann … stürze ich mich mal wieder in meine Arbeit."

Es klang ein wenig traurig. Jens brauchte Aufmunterung. Aber jetzt hatte ich erst einmal etwas zu tun. Bald würde der Prozess sein. Dafür brauchte ich auch von dieser Spur Ergebnisse. "Jens, bis bald. Nach dem Prozess habe ich mehr Zeit für dich, okay?"

"Bis dann, Sandra."

Ich hielt ihn am Jackett fest, zog ihn ein klein wenig zu mir herüber, küsste ihn, machte einen kleinen Schlenker in Richtung Knutschen, was sich fantastisch gut anfühlte, dann löste sich Jens von mir. "Muss leider weiterarbeiten. Bis dann, Sandra." Er stieg aus und ging von dannen. Der Gang ein wenig schleichend. Irgendwas war jetzt zwischen uns passiert. Aber ich dachte erst nicht mehr groß darüber nach, sondern buchte mir noch einen Flug für heute nach Malle. Wenn ich mich beeilte, müsste ich es schaffen. Ich schmiss einfach nur ein paar Klamotten, ausreichend für zwei Tage, in meine kleine Reisetasche und machte mich auf den Weg.

-----------------------------------------------------------

Teil 33

Mordermittlungen

Es wurde ein wenig knapp, da aber um diese Zeit nicht mehr so viel am Flughafen los war, schaffte ich es und saß im Flieger. Er startete. Wieder ein Flug in eine ungewisse Zukunft. Was würde mich wohl dort erwarten? Aber es gab noch ein Problem. Über Süddeutschland lagen Gewitterzellen. Wir gerieten in Turbulenzen. Mehrmals sackte der Flieger durch Abwinde ziemlich ab. War das ein böses Omen für mein Vorhaben? Ich hoffte nicht. Aber dann nach den Alpen wurde es schlagartig besser und wir landeten weich auf dem dortigen Flughafen. Noch im Flughafen Hamburg hatte ich ein Hotel mit Late-Check-in gebucht. Ich nahm mir ein Taxi, checkte im Hotel ein und schlief schnell ein. Morgen wollte ich fit sein.

Gleich nach dem Frühstück brach ich auf. Natürlich hatte die Disco noch zu. Aber es waren dort Reinigungskräfte zu Gange, das konnte man durch die Scheiben sehen. Ich wartete eine ganze Weile vor dem Gebäude, bis eine Frau von denen herauskam. Die war noch recht jung, und Ukrainerin, wie ich erfuhr. Ich sprach sie an, aber Spanisch sprach sie kaum. Da zeigte sie auf eine andere Frau, ihre Kollegin, die gerade dort herauskam. Bei ihr hatte ich mehr Glück. Nun kam mir natürlich meine Muttersprache zugute. Hier sprach man zwar eine Variante davon, nämlich Mallorquin, aber Spanisch verstanden sie hier natürlich trotzdem alle. "Hey, du", sprach ich sie an. "Wann macht die denn auf?" Ich zeigte auf die Disco.

"Ach, erst viel später. 18 Uhr. Dann ist aber noch nicht so viel los." Ich bedankte mich. Genau das wollte ich ja. Mich in Ruhe mit jemandem unterhalten. Ich trödelte also ein wenig umher, also stöberte in Läden, vor allem Modeläden, um Anregungen zu sammeln, aß zu Mittag und trank einen späten Kaffee zum Kuchen. Dann ging ich erneut zur Diskothek, ging hinein. An der Bar stand eine schwarzhaarige und sehr schlanke Schönheit, welche gelangweilt Gläser putzte. Es war die bisher einzige Anwesende außer mir. Sie kaute Kaugummi, und war offenbar über die erste Phase der Unbekümmertheit schon lange darüber weg, hatte also vermutlich schon einige gescheiterte Lieben hinter sich. Zumindest entnahm ich das ihrem Gesichtsausdruck. Es lief leise Musik vom Band. Später würden hier sicher die typischen Ballermann-Hits wummern.

"Na, was soll's sein", sprach sie mich an.

"Einen alkoholfreien Sex on the Beach", sagte ich, und schob einen 20-Euro-Schein rüber. "Stimmt so." Damit wollte ich keine falschen Annahmen über meine Spendierlust aufkommen lassen, denn ich wusste, an alkoholhaltigen Getränken verdienten die hier meistens mehr, da man ja auch mehr davon kauft.

"Bist trocken?", fragte sie.

"Nee, aber muss klaren Kopf bewahren."

"Verstehe. Bist von der Polizei. Festland, oder?"

"Nein. Ich bin privat hier. Von unserem größeren Landesteil Deutschland." Dazu grinste ich diebisch. Immerhin wurde Mallorca ja gerne mal scherzhaft als 19. Bundesland von Deutschland bezeichnet.

Sie verstand es und prustete los. "Und man sagt immer, Deutsche hätten keinen Humor."

"Dann bin ich eben eine untypische Deutsche. Meine Mutter kam aus Spanien."

Sie machte meinen Drink fertig, stellte ihn mir hin. "Viel Spaß beim Betrinken."

"Ich will in Informationen ertrinken."

"Bist'n Schnüffler?"

"Wie gesagt, rein privat. Ich stecke in Schwierigkeiten."

Sie grinste mich an. "Dafür war das aber ein echt billiger Cocktail." Ich seufzte, zog noch einen Hunderter aus meinem Täschchen, und legte ihn auf den Tresen. Dann zog ich die Bilder heraus. "Schon mal hier gesehen?"

Sie schaute auf das Bild. Es zeigte Evelyn. Sie schüttelte den Kopf. "Glaube nicht. Aber solche laufen doch hier ständig herum. Die wollen alle blond sein. Selbst die von hier."

"Und den?"

"Auch nicht." Es war das Bild von Sebastian.

"Und die?" Das Bild zeigte diese Corinna.

"Nee, nie gesehen. Bisschen unmodisch gekleidet", sagte sie.

"Das Bild ist auch schon ein wenig älter. Und den?"

Das Bild zeigte den verschwundenen Sören. Auch ein wenig unmodisch, fand ich. "Wie lange ist das denn her?"

"Etwa acht Jahre."

"Ach, da hab ich ja fast noch mit Puppen gespielt."

Jetzt zog ich das letzte Bild heraus. Es war relativ schlecht, und zeigte diesen Manuel von dem Video, mit KI verbessert. Man sah auf den ersten Blick, dass dieses Bild nicht zu den anderen drei Fotos gehörte, welche ich hatte. Eines, das von Evelyn, stammte von Uwes Handy, die anderen beiden waren die von der Polizei. Trotzdem pfiff sie durch die Zähne. Sie deutete mit dem Blick nach irgendwo hinter ihr. "Dieser Typ hängt an der Pinnwand für die Typen, die hier Hausverbot haben."

"Ach! Ist was vorgefallen?"

"Klar, aber ich weiß nicht was. Aber Catalina … ach, da kommt sie ja gerade!"

Eine etwas ältere Frau, vom Leben deutlich mehr gezeichnet als meine Bardame, kam gerade herein, und ging schnurstracks auf uns zu. "Hola Mina", sagte sie. Dann warf sie einen Blick auf die Bilder. Dann blickte sie mich erstaunt an. "Für Polizei bist du zu alleine unterwegs. Was ist denn mit dem? Hat der wieder was ausgefressen?"

"Vermutlich ja, aber die Sache, der ich auf der Spur bin, die ist schon länger her. Du kennst ihn also?" Sie schien einen Moment zu überlegen. "Ich bin privat hier", beeilte ich mich daher zu sagen.

"Ja, da war mal was. Einer unserer Barkeeper hatte beobachtet, dass er einer Touristin was in den Drink geschüttet hatte. Vermutlich KO-Tropfen. Der Typ heißt Manuel Gomez. Der Chef ist dann mit dem ins Kabuff. Dann kamen später so eine verknöcherte Alte und so ein Rechtsverdreher. Und dann sind die später wieder raus. Wir haben dann eine neue Bar bekommen, aber der Typ bekam lebenslanges Hausverbot."

"Diese Familie ist bekannt dafür, ihre Rechtsverletzungen mit Geld zu lösen."

"Ist das bei dir auch so etwas?"

"Im Prinzip ja. Auch da sind Rechtsverdreher im Spiel, die mich aussaugen wollen."

"Verstehe."

"Kennst du die anderen?"

Sie schaute noch mal auf die Bilder. "Die eine Blondine da nicht. Aber wegen der anderen drei war schon mal die Polizei da. Hier hat sie aber keiner gesehen."

"Hm. Hast du eine Ahnung, wo der Manuel momentan rumhängt?"

"Nicht genau. Mika hat gesagt, er hat ihn mal im Teutonilla gesehen. Das ist so eine Großraumdisco. Gleich zwei Häuser weiter." Sie warf einen Blick auf meinen Drink. "Ist das der erste?"

"Ja, wieso?"

"Für den Typen bist du aber nicht betrunken genug."

"Danke für den Tipp", sagte ich.

"Viel Glück", sagte sie. Mina lächelte nur. Ich kannte so ein Lächeln. Sie stand auf Frauen. Aber dafür hatte ich heute keinen Nerv. Ich verließ den Laden. Die andere Disco war noch geschlossen. Ich stromerte daher noch eine geraume Weile herum, ehe ich zur Disco ging. Jetzt war sie offen. Hier war Ballermann pur. Grölende Touristen, die sich so verhielten, dass man sich fremdschämen müsste. Selbst die Frauen. Die waren vielleicht sogar am schlimmsten. Damen waren das nicht, aber sie waren dämlich. Tatsächlich war hier eine recht hohe Blondinendichte. Ich trank mir zuerst ein wenig Mut an, dann seufzte ich, und warf mich aufs Parkett, und tanzte mit. Obwohl, bei diesen Titeln war es mehr Hüpfen als Tanzen. Immer wieder spähte ich umher. Es war kurz vor Mitternacht, da tauchte er auf einmal auf, tanzte, pardon, hüpfte zu einem Song herum, dann begab er sich zur Bar. Die war noch nicht so voll. Ich ergriff meine Chance, steuerte dorthin, genau neben ihn.

Ich schaute ihn an. Er war es wirklich. Dieser Manuel Gomez, von dem ein Pass unter dem Namen Manuel Herrera in Bremers Tresor lag. "Hi! Lust auf ein Gläschen? Ich gebe aus. Ich bin Sandra." Dabei versuchte ich mein bestes Lächeln. Ich hatte ihn auf Deutsch angesprochen. Er sollte mich für eine deutsche Touristin halten. War ich ja auch wirklich. Ich winkte nach dem Barkeeper. "Two doubles", sagte ich zu ihm. Er nickte. Dann sagte der Barkeeper zu Manuel auf Spanisch: "Respekt! So ein schnelles Betthäschen hattest du noch nie!", und grinste dabei.

"Mal sehen", antwortete Manuel, und zwinkerte ihm zu. "Kommen gleich", sagte der Barkeeper zu mir. "Ich bin Manuel", sagte der Typ. Wir plauderten so das Übliche, was man an so einer Bar halt plaudert, also: Wer bist du, wo kommst du her, was machst du, hast du Urlaub, wie gefällt es dir hier auf Malle, alles so was. Zwischendurch gab es den einen oder anderen Schnaps und auch die Tanzfläche ließen wir nicht aus. Irgendwann kam dann aber beim Tanzen so ein blondiertes Schminkmonster, die umarmte Manuel, und dann war ich abgemeldet. Er verzog sich mit ihr zu einem Sitzbereich. Erst stritten sie, sicherlich meinetwegen, aber dann vertrugen sie sich wohl wieder, er knutschte mit ihr, dann fummelten die beiden sogar ein klein wenig miteinander. Ich war sauer. Außerdem war ich schon ziemlich angeschickert. Ich ging zur Bar und bestellte mir einen O-Saft.

"Mach dir nichts draus", sagte dann der Barkeeper zu mir. "Er steht halt auf Blondinen. Aber wenn du willst … ich hab um zwei Feierabend." Danach zwinkerte er mir zu. Ich bezahlte meinen O-Saft.

"Mit oder ohne?", fragte ich den Barkeeper.

"Womit?" kam erstaunt zurück.

"Mit meinem Ehemann." Das letzte sagte ich auf Spanisch. Mit diesen Worten verließ ich die Bar, und ging auch zum Sitzbereich. So schnell wollte ich nicht aufgeben. Aber kaum saß ich, machte sich Manuel mit der Blondine auf den Weg Richtung Ausgang. Ich saß ein wenig ungünstig und musste mich erst aus den Massen herauskämpfen. Ich sah noch, wie ein Taxi losfuhr. Es standen noch mehrere Taxis hier, von denen das erste gerade nachrückte. Ich setzte mich hinten rein. "Folgen Sie bitte dem Taxi!"

"Jaja, mach ja schon", sagte der Fahrer ein wenig brummig, und setzte sich in Bewegung. Zum Glück hatten wir das andere Taxi schnell eingeholt. "Ist dein Freund, oder?"

"Der kann was erleben! Da brennt der mit so einer Teutonen-Blondine durch!"

"Ich kann die auch nicht leiden", sagte er. Die Fahrt ging etwa zehn Minuten, dann hielt das Taxi vor uns vor einem Haus.

"Stopp! Hier reicht es", sagte ich. Ich wartete noch hinten im Fond, bis die beiden im Taxi vor uns ausgestiegen waren, und ich sehen konnte, in welches Haus die hineingingen. Er war das Haus auf der rechten Seite. Ich bezahlte den Taxifahrer und bedankte mich, wartete, bis er weg war. Ich sah mir alles an. Das Haus waren eigentlich zwei. Eines lag direkt vorne, dann kam eine recht hohe Mauer daneben, welche das Grundstück von der Straße abgrenzte, und im hinteren Teil gab es noch ein weiteres Haus, seitlich versetzt und zurückgesetzt. Davor lag wahrscheinlich ein Hof oder Garten. In einem Zimmer in diesem hinteren Haus ging jetzt ein Licht an. Das Fenster war offen. Mehr sah man aber nicht. Ich suchte mir eine dunkle Stelle und wartete erstmal längere Zeit. Dann versuchte ich, dort hineinzukommen. Aber die Tür des vorderen Hauses war zugeschlossen und einen weiteren Eingang gab es nicht. Nur das Tor einer Garage, das natürlich auch verschlossen war.

Ich schaute mir die Mauer an. Da war kein Hereinkommen oder Hochkommen. Oder doch? Etwa in der Mitte war so ein Fenster ohne Glas. Hinten im Fenster Gitterstäbe. Könnte man nicht? Ich sprang hoch, und schaffte es nach einigen Versuchen auch, das Gitter zu greifen, aber man kam nicht weiter. Die Füße hatten nirgendwo Halt und der obere Teil der Mauer war noch außer Reichweite. Ich wollte schon aufgeben, da sah ich am Ende der Mauer etwas. Ein oben runder Betonsockel lehnte an der Mauer. Das müsste ich probieren! Man hatte aber an der Mauer keinen Halt. Da hatte ich eine Idee! Mit Schwung! Ich nahm Anlauf und drückte mich ab. Unglaublich, aber beim irgendwie 20. Versuch schaffte ich es, mich oben an der Mauer festzuhalten. Mühsam kämpfte ich mich hoch.

Es war ziemlich dunkel drinnen, aber man konnte sehen, dass nah an der Mauer ein Baum stand. Günstig für den Rückweg. Ich lauschte. Vielleicht hatte mich ja jemand aus den anderen Häusern gesehen? Aber es war kein Fahrzeug mit Sondersignal zu hören. Ich sprang herunter, kam unsanft auf. Es tat kurz weh, aber ich blieb intakt. Das vordere Haus könnte ich wohl ignorieren. Wenn, dann waren die beiden im hinteren Haus. Ich schlich hin. Zum Glück schien es keinen Hund zu geben. Ich prüfte vorsichtig die Tür. Verschlossen. Mist. Ich schaute mir das Haus genauer an. Neben dem Fenster lief ein Fallrohr nach oben. Von dort aus könnte ich sogar einen Blick ins Zimmer werfen, hoffte ich. Ich begann daher, dort hochzuklettern. Aber das Fallrohr war wohl relativ neu, und glitschig. Nach etwa zwei Metern rutschte ich jedes Mal wieder herunter. Oder lag es am Alkohol? Wie auch immer, ich würde hier nicht hineinkommen. Mit einem Mal jaulte es neben mir. Eine Katze.

Schnell versteckte ich mich hinter der anderen Flanke des Hauses. Gerade noch rechtzeitig. Im Lichtkegel des Zimmerlichts konnte man sehen, dass jemand hinausschaute. Ich wartete bestimmt fünf Minuten, musste aus dem Grundstück wieder raus, konnte hier nichts mehr erreichen. Ich kletterte auf den Baum, und erreichte die Mauer, sprang herunter. Auch das war ganz schön tief, ging aber glatt. Ich war ein wenig verzweifelt, hatte nichts erreicht, außer ein paar Informationen über ihn zu bekommen. Und ich hatte ein wenig mit ihm gequatscht. Ich ging zu Fuß Richtung Hotel, also abwärts. Es dauerte eine Dreiviertelstunde. Der Alkohol baute sich langsam ab und ich wurde ein wenig klarer im Kopf. Ich würde versuchen, ihn noch mal zu treffen. Am Strand fiel mir in der aufziehenden Morgendämmerung ein Jugendlicher auf. Er hatte etwas in der Hand und schaute zum Himmel, Richtung Meer. Da vorne kreiste so eine Drohne.

Ich sprach ihn an. "Sag mal, bist du nicht ein wenig zu alt zum Spielen?"

"Spielen? Von wegen!" Er zeigte mir sein Handydisplay. Dort war gestochen scharf der Strand und dahinter die Häuserreihe zu sehen.

Mir kam eine Idee. "Sag mal, kann ich mir die mal ausleihen?"

"Ausleihen? Und dann verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen?"

"Na dann halt kaufen. Ist das schwer zu lernen?"

"Nee, ganz einfach. Mit diesem Controller hier, und wenn Sie das mit Ihrem Smartphone koppeln, können Sie das Videobild oder auch Bilder herüberziehen und aufzeichnen."

"Ach, damit kann man auch Fotos machen?"

"Aber klar doch. Einfach den Knopf Picture drücken."

"Das können sie doch an mein Smartphone koppeln, oder?"

"Klar, das kann ich Ihnen einrichten. Wieviel wollen sie denn dafür geben?"

"Vierhundert Euro?"

"Abgemacht." Die Schnelligkeit seiner Zusage sagte mir, dass mein Preisvorschlag zu hoch war, aber das war mir egal. Das Ding eröffnete mir einen Weg, doch noch in das Zimmer sehen zu können.

"Dann ja." Ich seufzte, zückte meinen Geldstapel, und holte vier Hunnis raus. Viel mehr Bargeld war nicht mehr über. Er landete die Drohne neben sich. Obwohl man ein leichtes Surren hörte, war sie eigentlich ziemlich leise.

"Geben Sie mir mal ihr Smartphone. Ich muss die App installieren und es koppeln." Ich gab es ihm hin und in weniger als fünf Minuten hatte ich eine funktionsfähige Drohne. Er zeigte mir noch kurz die Navigation, die kinderleicht war. "Akku reicht noch für gut achtzehn Minuten Flugzeit", sagte er. "Viel Spaß. Laden können sie das Ding über USB-C."

"Danke." Ich schnappte mir das Teil und ging auf die Suche nach einem Taxi. Schnell fand ich eines. Ich ließ mich zu einer kleinen Straße etwas höher fahren, von dort aus konnte man sowieso besser sehen. Hier waren wir schon in den Ausläufern von Palma, im Stadtteil Vileta, dort, wo bereits die Hügel des umliegenden Berglandes beginnen. Hier konnte ich mich schön in der Deckung zwischen einer Mauer und der davorliegenden Hecke verstecken und warten. Das Fenster war noch offen, jetzt aber dunkel. Ich wollte mich mit der Drohne innen in seinem Zimmer umschauen, aber so würde das nicht gehen. Das würden die ja hören.

Zumindest machte ich schon mal einige Flugübungen und lenkte die Drohne bis auf das Dach der Garage hinter der Mauer des Grundstücks und parkte diese dort. Die Navigation war wirklich kinderleicht. Erst zwei Stunden später kam die passende Gelegenheit. Das Licht im Zimmer ging wieder an. Kurz danach öffnete sich die Tür des ersten Hauses. Das war wohl auch der Eingang für das hintere Haus. Dieser Manuel erschien, in Boxershorts, hinter ihm seine Freundin für diese Nacht, voll angezogen. Es sah nach Verabschiedung aus. Ich startete die Drohne, flog sie in die Richtung des hinteren Hauses. Kurz vor dem Fenster musste ich dann das Controllerdisplay zu Hilfe nehmen, da man von so weit weg die Entfernung und Höhe nicht richtig abschätzen konnte.

Noch konnte man da drin nicht viel sehen. Dann flog ich die Drohne hinein, mit ein wenig Herzklopfen. Auf dem Handydisplay erschien ein Raum. Ich flog die Drohne weiter hinein und hoffte, dass keiner mehr drin war. Ich drehte sie einmal um ihre Achse, sah eine Tür, Schränke, ein Aquarium, ein zerwühltes Bett. In der Mitte stand ein runder Tisch. Ich landete die Drohne dort. Dann machte ich Bilder. Immer weiter mit einem kleinen Drohnenhüpfer und einer Drehung. Aber ich konnte auf die Schnelle nichts von Interesse entdecken in diesem Zimmer. Kein USB-Stick, keine KO-Tropfen. Solche Sachen wären ja auch zu klein, um sie auf dem Controllerdisplay zu entdecken. Die beiden hatten mittlerweile ihre Abschiedsvorstellung beendet, die Tür schloss sich wieder, und die Blondine ging fort. Ich war erneut enttäuscht, aber was sollte ich machen?

Ich musste abbrechen, startete also die Drohne erneut und flog sie aus dem Zimmer heraus. Leider verfing sie sich dann beim Rückflug im Baum, den ich zum Hinausklettern benutzt hatte, und sie stürzte ab. Da war nichts mehr zu machen. Sie lag da, vermutlich wie ein Insekt auf dem Rücken, und war für mich unrettbar verloren. Sie reagierte nicht mehr auf Steuerungsbefehle und die Kamera zeigte stur Richtung Himmel. Fein! Nochmals hinüberklettern und sie holen wollte ich nicht, das ging bei der Helligkeit der Morgendämmerung nicht. Vierhundert Euro in den Sand gesetzt. Für nichts! Sandra! Ich machte mich auf den Weg Richtung Strand/Hotel. Aber schon nach kurzer Wegstrecke stoppte ich. Wie kommunizierte dieses Ding eigentlich? Könnte man, wenn man es entdeckte, bis zu meinem Handy zurückverfolgen? Ich startete die App. Sie hatte noch Kontakt. Ich ging ins Menü und ging auf 'Auf Werkseinstellungen zurücksetzen.' Nach der obligatorischen Bestätigung riss der Kontakt ab. Am Strand zurückgekehrt, zertrat ich auf der gepflasterten Promenade den Controller und warf ihn in einen Müllsammelbehälter. Ins Hotel zurückgekehrt, überspielte ich zuerst die Bilder vom Handy auf meinen mitgenommenen Laptop.

Ich schaute alle Bilder gründlich durch, und versuchte auch die kleinsten Einzelheiten zu erkunden. Ich suchte vor allem einen herumliegenden USB‑Stick. Aber manchmal waren diese Sticks ja auch als anderer Gegenstand getarnt. In einem Regal standen viele Bücher. Zum Teil waren es deutsche Bücher, zum Teil spanische. Ob da vielleicht ein verstecktes Fach drin war? Dazu hätte ich im Zimmer drin sein müssen, und ungestört. Sonst sah ich nicht viel. Umherliegende Klamotten von ihm auf dem Boden. Eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug auf dem Schreibtisch. Darauf ein Laptop. Eine angeschlossene Maus. Ein paar Unterlagen. Ein Handy. Eine Taschenlampe. Einige Duftkerzen. Ein Ablagekorb. Dieser Manuel war, was ich so gar nicht erwartet hatte, ein ordentlicher Mensch. Zumindest hielt er seine Wohnung aufgeräumt. Seine Seele eher weniger. Mist. Nichts erreicht. Ich müsste es kommende Nacht nochmal versuchen, müsste unbedingt dort rein.

Ich schmiss mich aufs Hotelbett. Ohne es zu wollen, kamen mir die Tränen. Aber dann hatte ich eine Idee. Die Worte des Barmannes kamen mir in den Sinn. 'Er steht halt auf Blondinen.' Das war es! Ich würde zu einem Friseur gehen und mir wieder die Haare blondieren lassen! Dann könnte es doch noch klappen? Aber noch war es zu früh dafür. Die hatten alle noch zu. Ich legte mich also erst mal hin und schlief die Reste meines Alkoholrausches und meiner Müdigkeit aus. Gegen zwei Uhr nachmittags wachte ich auf, und machte mich zurecht. Ich war schon kurz davor, herauszugehen, da hatte ich auf einmal so ein merkwürdiges Gefühl. So, als ob ich irgendwas Wichtiges übersehen hätte. Ich setzte mich daher erneut an den Laptop und schaute mir alle Bilder nochmals durch. Auf einmal sah ich auf einem Bild etwas. Wie konnte ich das übersehen? Das war doch so offensichtlich! Es war das Bild, welches das Aquarium erfasst hatte.

Dort drin waren nicht nur eine Korallenlandschaft und einige mehr oder weniger große Fische, sondern es lagen da drin auch einige Dekosachen herum. Und zwar Teile einer Ritterrüstung. Ein Helm, ein Brustpanzer, ein Schwert, so ein Morgenstern, ein Beil, und ein Dolch. Der Dolch! Er sah genauso aus wie der von dem Film! Der, welcher dieser Manuel dem blonden damaligen Freund von Evelyn in den Hals gerammt hatte. Könnte das wirklich sein? War jemand so blöd, das aufzuheben? Trotzdem, es könnte doch sein? Der Griff sah ganz genauso aus und auf dem damaligen Film konnte man auch genau erkennen, dass er auch leicht gekrümmt war wie dieser im Aquarium. Ich machte ein paar Screenshots vom Film und setzte die Bilder nebeneinander. Exakt gleich. Am besten konnte man es am Griff erkennen, kurz bevor Evelyn ihn aus dem Hals ihres toten Freundes gezogen hatte.

Ich wunderte mich, dass die Sachen nicht verrostet oder angerostet waren. Leider würde man wohl nach so langer Zeit im Wasser keine Fingerabdrücke oder DNA‑Spuren mehr daran finden, oder? Aber trotzdem! Endlich ein Hinweis, dass ich auf der richtigen Spur war. Ein Rätsel blieb aber. Wie könnte dieser Manuel Evelyn später mit Piere in Verbindung gebracht haben, um ihn damit über seinen Onkel erpressen zu können? War es ein Zufall? Aber das in Erfahrung zu bringen, lag außerhalb meiner Möglichkeiten. Ich beschloss angesichts der Lage, mich nicht mehr in weitere Gefahr zu bringen, checkte aus, und flog nach Hamburg zurück.

-----------------------------------------------------------

Teil 34

Frachtübernahme der Schattenflotte

Zurück in Hamburg angekommen, besprach ich mich anderentags mit Andre, der meinte, das besser nicht direkt in meinem Prozess zu verwenden, da die Sache dafür noch zu vage war, aber zumindest dann zum richtigen Zeitpunkt, also parallel, der Staatsanwaltschaft zu melden. Auch Ellen, die ja als Strafverteidigerin mehr Erfahrung auf diesem Gebiet hatte, war derselben Meinung, als Andre sie hinzuzog. Aber besonders die auf Bremers Stick gefundenen Filmschnipsel würden mir eine große Hilfe sein. Damit könnte ich Piere knacken!

Kaum zu Hause angekommen, trudelte eine Nachricht ein. Sie kam von Jochen. 'Ruf mich an!' Ich suchte den Kontakt heraus und klingelte ihn an.

"Jockel hier!"

"Und hier ist Sandra! Ist was passiert?"

"Nein, alles gut. Wir sind in der Nähe von Cádiz angekommen und haben die beiden an Sabine und Maik übergeben. Beide sind mit ihrem WOMO und den Ehepartnern da. Einer bringt die immer zu Fuß über die Grenzen, wegen der Kontrollen. Sie meinen, dass sie in drei Tagen ankommen müssten. Ich habe den beiden deine Nummer gegeben. Ein paar Stunden, bevor sie in Hamburg sind, rufen sie dich an. Dann kannst du sie übernehmen. Wir werden uns noch eine Weile im Mittelmeer herumtreiben, bis es in Deutschland warm genug ist."

"Super gemacht! Wie war denn die Fahrt über das Meer? Gab es noch mehr Vorkommnisse?"

"Das nicht. Aber es war schwierig. Anfangs mussten wir gegen den Wind kreuzen. Dann war relativ schwacher Wind. Aber danach sind wir doch noch gut vorangekommen. Kurz vor Cádiz mussten wir aber eine andere Yacht an die Leine nehmen, deren Ruder von eine Truppe Orcas demoliert worden ist."

"Oh je! Von so etwas habe ich schon gehört."

"Macht nichts. Wir hatten Glück und uns haben die verschont. Das ist ja noch zu schaffen, oder?"

"Ja. Es dauert noch etwas, bis der Prozess beginnt."

"Die haben also nicht aufgegeben?"

"Nein, leider."

"Die dürfen nicht gewinnen. Die beiden haben uns so einiges erzählt."

"Ach! Kannst du französisch?"

"Nein. Aber Samira. Sie hat uns immer übersetzt. Sie war ja früher mal Au-Pair in Frankreich. Ihr Französisch war ein wenig eingerostet, aber nach und nach wurde es besser."

"Ah, wusste ich gar nicht. Gut, dass ihr sie dabei habt. Und danke, dass ihr das alles auf euch genommen habt."

"Es war uns eine Ehre!"

"Bis dann! Und nochmal vielen Dank, auch an die anderen, und grüße alle, ja?"

"Mache ich. Wir segeln jetzt weiter. Mach's gut." Jockel legte auf. Ich rief Jessica Wolf an und beriet mich mit ihr, wie wir da vorgehen. Sie hatte auch relativ schnell einen Plan und rief dann zurück. Am Abend des dritten Tages war es dann soweit. Es war auch genau der richtige Tag für die Legende der beiden, so müssten wir sie auch nicht zwischenparken. Mit der Flut um 18 Uhr würden nämlich gleich zwei Frachter einlaufen, einer kommend von der Elfenbeinküste, und ein anderer von Burkino Faso, der aber dort in San Pedro noch weitere Fracht aufgenommen hatte. Das würde passen.

Sabine rief mich dann an. "Hallo Sandra! Wir haben noch 200 km vor uns, müssten also in etwa drei Stunden da sein. Hast du alles vorbereitet?"

"Ja, es ist alles geplant. Ich muss nur noch die anderen informieren."

"Wo treffen wir uns?"

"An der Raststätte Stillhorn, vorne am Rastplatz. Ich werde da warten. Ich gebe mit der Taschenlampe das Zeichen dreimal kurz, dass alles in Ordnung ist. Wenn nicht, fünfmal lang."

"Prima, Sandra. So machen wir das." Sie legte auf. Jetzt bekam ich doch Herzklopfen. Es war kurz vor 18 Uhr, und ich rief Jessica Wolf an, welche die anderen informieren würde. Ich holte die besorgten Luftmatratzen aus dem Keller und die Pumpe, verstaute alles im Kofferraum, aß schnell noch was und dann fuhr ich los. Ich stellte mich da hin und wartete. Kurz nach mir kam Angelika mit ihrem Auto vorgefahren. Ich hatte sie als Hilfsperson ausgewählt, da sie als einzige meines Freundeskreises recht gut französisch konnte, jedenfalls viel besser als ich. Keine Begrüßung, wir nickten uns nur zu, falls uns jemand beobachtet, wollten wir keinen Verdacht erregen. Es dauerte etwa eine Stunde, dann kam langsam ein Wohnmobil angefahren. Ich tippte wie vereinbart dreimal die Lampe an, und das Wohnmobil stellte sich neben mich. Es stiegen zwei Leute aus. Sabine und ein Mann. Das war wohl ihr Mann. Ich umarmte und begrüßte Sabine, die mir dann ihren Mann vorstellte. Dieser öffnete die Tür zum Wohnraum und es kam mir Moja entgegen. Ich begrüßte ihn herzlich, gab ihm dann aber das Zeichen, in mein Auto zu verschwinden.

"Wo sind denn die anderen?"

"Die sollten gleich kommen. Wir hatten einen Abstand gelassen. Falls man uns erwischt, sollte man uns nicht in Verbindung bringen können. Wenn man nur einen Flüchtling transportiert und kein Geld oder sonstiges nimmt, ist Fluchthilfe nicht strafbar."

"Ich weiß. War es schwer?"

"Nein. Ein bisschen Nervenkitzel an den Grenzen. Sonst war alles easy."

"Ihr seid echt tolle Freunde."

Sabines Mann zeigte auf Moja in meinem Auto. "Er hat es doch verdient, in Freiheit und unbeschwert leben zu können."

"Das hat er. Aber leicht wird es für ihn nicht."

Sabines Handy piepte. "Sie sind gleich da. Wir fahren dann mal, ja?"

"Ja, danke, und macht es gut! Ich melde mich bei Jockel, wenn alles gelaufen ist, ja?"

Die beiden stiegen in ihr Wohnmobil und fuhren von dannen. Keine zwei Minuten später kam ein weiteres Wohnmobil. Das gleiche Spiel. Nur dass ich Kouassi in das Auto von Angelika schickte. Kurz danach waren wir mit unserer wertvollen Fracht unterwegs. Wir hatten uns eine schöne Stelle ausgesucht. Logistisch gut gelegen, schlüssig für die Story, und ungefährlich für die beiden. Ich fuhr zur Kaikante vor, kurz danach kam auch Angelika vorgefahren. Wir hatten einen kleinen Abstand zwischen uns gelassen. Dann pumpten wir die Luftmatratzen auf und schmissen sie einfach ins Wasser. Die beiden kletterten die angerosteten Leitersprossen kurz nach unten und machten ihre Kleidung ein wenig nass. Dann begleiteten wir sie bis kurz vor das Gebäude. Es war eine Hafenkantine. Sie drehten sich noch zu uns um, als sie kurz davor waren. Dann gingen sie hinein. Ich wusste natürlich nicht genau, was da drin passiert war, aber Jessica erzählte es mir dann. Eine eingeweihte Kollegin von ihr war ebenfalls dort mit ihrem Kameramann, angeblich, um eine Reportage zu drehen. Es ging darin um diese kleine Gaststätte. Das war allerdings nur ein Vorwand. Die beiden Kinder gingen hinein und sagten 'Asyl'.

Kurze Zeit später kam dann ein Polizeiwagen vorbei. Die Polizisten gingen hinein, hörten sich das an und meinten, man müsse das Schiff von denen suchen, damit sie wieder zurückgeschickt werden. Der Menschenrechtsanwalt, der nicht ganz zufällig dort war, ging sofort dazwischen und wies die beiden darauf hin, dass das Asylverfahren in Gang gesetzt werden muss. Die Reporterin und auch der filmende Kameramann stiegen in den Disput mit ein, und so kam es, dass die beiden erst mal zusammen mit dem Anwalt auf ein Polizeirevier gebracht wurden, die Polizei organisierte einen Dolmetscher, und leitete dann ein Asylverfahren ein. Irgendwann nach Mitternacht gelangten die beiden dann in eine Aufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das war schon mal geglückt. Der Anwalt vermittelte uns dann wenige Tage später einen Besuch dort, wo wir die beiden zusammen mit einem Dolmetscher und einer Betreuerin von der Einrichtung interviewen konnten.

Ich brauchte ja schließlich eine Legende, die mich nicht mit der von mir organisierten Flucht der beiden in Verbindung bringt. Die Legende war mein Prozess und die Suche nach einem minderjährigen Jungen, der aus Burkina Faso kommt und in der Elfenbeinküste arbeiten musste. Da konnte sich der Anwalt, den ich wegen Menschenrechtsfragen in diesem Zusammenhang kontaktiert hatte, an die kürzlich von ihm vertretenen Jungen erinnern. Mit den beiden war das natürlich im Vorwege durchgesprochen und sie spielten ihre Rolle richtig gut, und schilderten ihre Geschichte so, als ob sie die mir zum ersten Mal erzählten. Ich sprach dann mit der Betreuerin, dass ich die beiden als Zeugen laden würde. Sie war erst ziemlich skeptisch, aber ich versprach, dass sie eine Zeugenbegleitung bekommen würden, und natürlich bei der Zeugenaussage auch der gesetzliche Vormund dabei sein würde, der sich um die Rechte der beiden kümmern würde.

-----------------------------------------------------------

Teil 35

Paragraf xy-z, Absatz BV: Beweisvernichtungs-Verhinderungsgebot

Dann hatte ich endlich ein wenig Zeit, um mich um meinen Laden zu kümmern, und bevor der Prozess begann, sprachen wir, also Andre und ich, noch mehrmals alles durch, auch die Strategie. Auch Ellen hatten wir mit ins Boot geholt. Sie war für einen anderen Teil der Sache zuständig. Aktiv würde sie erst werden können, wenn es losging. Sonst würden unsere Gegenspieler den Braten riechen und Vorkehrungen treffen, also Beweise verschwinden lassen.

Die knapp zwei Wochen bis zum Prozess vergingen schnell. Zu schnell. Ich ließ mir alles noch hundertmal durch den Kopf gehen. Auch die Dokumente auf dem Stick schaute ich weiter durch, aber ohne dass ich noch weitere merkwürdige Sachen entdeckte. Unterbrochen wurde die Wartezeit auf den Prozess nur durch einen geselligen Abend. Da ich aber den Kopf nicht freihatte, gab es keine Verlängerung. Ich hätte mich in der Situation nicht ausreichend fallen lassen können, um so etwas wie Lust zu empfinden. Seine Enttäuschung war ihm schon sichtlich anzumerken, aber ich hoffte, Jens nahm mir das nicht übel. Allerdings hatte ich sein Ansinnen wirklich nett abgewiesen. 'Prozess-Migräne', hatte ich vorgeschoben. Nach dem Prozess würde es schon noch was werden.

Blieb nur noch Bremer. Ich musste unbedingt verhindern, dass er die Beweise aus seinem Tresor zur Seite schaffen konnte, falls er einen Beobachter zum Prozess schickt, der ihn warnt. Aber wie? Da fiel mir die Schlüsselmatrize ein, die ich mir in weiser Voraussicht angefertigt hatte, als Bremers Haushälterin mal abgelenkt und er nicht im Haus gewesen war. Ich ging damit zu Nico rüber. Er musste nur einen kurzen Blick draufwerfen, dann wusste er, worum es ging. "Na, willst du mal wieder Einbrecherin spielen? Pass auf die Hausdetektive auf!"

"Der hat keinen", antwortete ich. "Kriegst du das hin?"

"Klar. Halbe Stunde. Hab einen 3-D-Scanner und einen 3-D-Drucker. Du musst aber vorsichtig damit sein. Der ist dann nur aus einem Plastikmaterial, hält also nicht viel aus."

"Ich versuch's", sagte ich.

"Ich bringe ihn dir dann rüber", sagte Nico. Er hatte mittlerweile schon wieder so viel für mich getan, da müsste ich mich mal wieder revanchieren. Nur momentan hatte ich keinen Kopf frei, um mir was auszudenken. Eine halbe Stunde später klingelte er wirklich und brachte mir den Schlüssel. Ich hatte auch gleich eine Idee für dessen Einsatz. Dienstag wäre Bremer beim Golf und Erina kaufte da normalerweise ein. Es war also der Tag vor dem Prozess. Ich stellte das Auto ein Stück entfernt ab, bei ihm konnte man ja sowieso nicht parken, und stand herum, so, als ob ich irgendwas auf dem Handy machen würde. Vorher war ich einkaufen gewesen und hatte mir einen Hoodie besorgt. Das erste Mal, dass ich so etwas trug. Leider tat sich erst nichts. Dann doch. Eine halbe Stunde danach ging das Tor auf, und Bremer fuhr mit seinem Luxusschlitten raus. Kurze Zeit später auch Erina, zu Fuß. Sie musste an mir vorbei, aber ich drehte mich um. Das, was ich tat, war völlig normal für so einen Kapuzenshirtträger. Fast alle handhabten das so. Ich wartete noch kurz, dann schlenderte ich zum Haus hin. Ich klingelte vorsichtshalber. Es war alles ruhig, auch keine Maria da. Ich fischte den Schlüssel heraus und schloss auf, ging rein.

Ich atmete tief durch. Dann ging ich zum Tresor hin, und zog mir im Gehen die Handschuhe an. Ich brachte die mir bekannte Kombination zum Einsatz. Der Tresor ging auf. Ich warf nur einen kurzen Blick hinein. Die Handys lagen noch da, der Stick, und die Pistole. Auch die Dokumentenmappen, die echten und falschen Pässe, und das Geld. Nochmal nach den ganzen Vertragsunterlagen zu schauen, verkniff ich mir. Sicher würden die auch noch da sein. Ich hatte mir vorher angesehen, was ich machen müsste. Da war der kleine Hebel. Ich legte ihn um. Dann programmierte ich den neuen Code ein. Nur noch den Hebel zurückstellen und schließen. Ich probierte meinen neuen Code. Ging. Ich probierte den alten Code. Ging nicht. Tschakka! Nun war nur noch der Code an einer versteckten Stelle zu platzieren. Dazu musste ich mich auf den Rücken legen.

Ich war hier fertig, spähte kurz hinaus, ging aus der Tür. Nun musste ich noch meine Spuren verwischen, also die Haustür wieder zuschließen. Leider gab es ein Problem. Die Tür klemmte etwas und auf einmal brach der Schlüssel ab, und ich hatte nur noch den hinteren Teil in der Hand. Mist! Worst Case! Bremer würde natürlich den Braten riechen! Besonders, wenn der Tresor nicht aufginge. Was jetzt? Ich schaute mir das Schloss an. Eine Ecke vom Plastikschlüssel schaute noch raus. Zu wenig zum Greifen. Ich hatte auch kein Werkzeug mit für so etwas. Was könnte ich tun? Da fiel mir etwas ein. Baumarkt! Oder ein Eisenwarenladen! Ich bemühte die Suchmaschine und entschied mich für den Eisenwarenladen in der Nähe, der ein Schüsseldienst, aber auch ein Shop für Schlösser und Ledersachen war.

Ich ging los. Nach einer Viertelstunde war ich da. Ich wollte nicht auffallen und wartete brav, bis der Kunde vor mir bedient war. Meine Kapuze hatte ich natürlich auch abgesetzt. Wenige Minuten später war ich glückliche Besitzerin einer kleinen Zange und einer kräftigen Pinzette. Ich hastete zurück. Mein Puls trieb in ungeahnte Höhen. Ich wusste ja nicht, ob Erina schon zurück ist. Mir fiel eine Legende ein. Ich würde fragen, ob Maria da ist. Aber der Schlüsselrest stak noch und keiner stand vor der Tür. Mein Puls beruhigte sich wieder leicht. Vor der Tür stehend, setzte ich die kleine Zange an, um den Rest zu greifen und herauszuziehen. Es gelang! Ich hatte den kläglichen Rest in der Hand. Nichts wie weg! Auf einmal sah ich vom Weg her Erina kommen. Keine zwanzig Meter entfernt! Was nun? Ich huschte in den Vorgarten und versteckte mich hinter einem Rhododendronbusch.

Erina kam herein. Ich sah sie nicht, hörte sie aber. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete. "Nanu!", sagte sie. Mir war klar, sie würde jetzt glauben, dass sie vergessen hatte, zuzuschließen. Kommt ja mal vor, dass man schusselig ist. Tatsächlich ging sie dann hinein. Sicher würde Erina zuerst in die Küche gehen. Von da aus könnte sie mich sehen, aber bis dort waren es auch noch einige Meter durch den Flur. Ich kam flugs aus dem Gebüsch heraus und verschwand. Ich war gerettet! Bremer würde sie davon nichts erzählen. In ihrem eigenen Interesse. Ziemlich erleichtert fuhr ich nach Hause.

-----------------------------------------------------------

Teil 36

Die Zeugenbeeinflussung

Es war alles bereit. Trotzdem war mir natürlich in den letzten Tagen ein wenig mulmig zumute gewesen. Jeder Tag ein wenig mehr. Und dann noch mehr. Der Kloß im Magen türmte sich auf die Größe eines Medizinballes auf, war aber leider keine Medizin, sondern das Gegenteil. Der Prozess würde morgen beginnen. Es kam der Vorabend des Prozesses. Vorher hatte ich nach meiner Tresor-Aktion, die ich ihm nicht erzählte, mit Andre noch eine letzte Lagebesprechung gemacht, und war im Laden gewesen, um mich abzulenken. Da klingelte es an der Haustür. Nanu! Wer könnte das sein? Ich erwartete niemanden. Ich spähte durch den Spion. Tessa! Meine platonische Kurzzeitbekanntschaft von der damaligen Spaghettiparty. Wir hatten uns seitdem nicht mehr getroffen, nur zweimal miteinander telefoniert. Sie sah nicht fröhlich aus. Ich öffnete. "Tessa!" Sie kam gar nicht dazu, etwas zu sagen. Sofort strömten ihre Tränen. Von ihrem Gerede verstand ich anfangs kaum ein Wort. Andrea steckte den Kopf aus seiner Tür und zog sich gleich wieder zurück, als er das Unheil sah. Erst nach einiger Zeit wurde ihre Sprache verständlicher, und ich bekam ein Bild.

Tessa hatte sich also auf einen verheirateten Mann eingelassen, sich in ihn verliebt, und der hatte sie nun wieder verlassen und war zu Frau und Kind zurückgekehrt. Eigentlich wollte ich einen klaren Kopf behalten, aber hier war jemand in Not. Ich holte also eine Flasche Wein aus dem Keller, und nach dem ersten Glas wurde es dann langsam besser, und Tessa konnte strukturierter erzählen. Erst nach irgendwie zwei Stunden oder so fragte sie zum ersten Mal, wie es mir ergangen ist. Ich erzählte ihr von meinen Erkenntnissen und den Schwierigkeiten, in welche ich mich gebracht hatte. Danach wollte sie gleich wieder gehen, aber ich redete es ihr aus, und fragte sie, ob sie hier übernachten wolle. Wir redeten noch eine gute Stunde und dann gingen wir ins Bett. Jeder auf seiner eigenen Seite. Dieses Mal behielt Tessa ihre Unterwäsche an. Hatte sie Angst, dass sonst was passiert? Erstmal war ich nicht in Stimmung, und außerdem würde ich ganz sicher nicht die emotionale Schieflage ausnutzen, in der sie momentan war.

Ich wurde wie üblich um sechs wach. Tessa schlief noch. Ich ging duschen, und bereitete das Frühstück vor. Da klingelte es. Wer könnte das sein? Ich spähte durch den Spion. Einmal, zweimal, konnte es nicht glauben. Vor der Tür stand Evelyn! Sie hatte Justus an der Hand und sah genauso wie Tessa am Vorabend nicht gerade glücklich aus. Was zum Teufel! Trotzdem öffnete ich. "Evelyn! Hast du dich in der Tür geirrt?" Was Besseres fiel mir nicht ein.

"Können wir hereinkommen? Ich … wir haben ein Riesenproblem!"

"Du weißt aber schon, dass ich nachher den Prozess habe, den du und Piere mir eingebrockt habt?"

Evelyn seufzte. "Darum geht es ja!"

"Es ist jetzt aber ein wenig zu spät, sich dafür zu entschuldigen. Aber kommt erst mal rein." Ich bat die beiden zur Couch. Man sah, dass beide ganz verstört waren. Nicht nur Evelyn, auch Justus. Er nur anders als sie. Er verstand nicht, was hier passierte. Evelyn schon. Sie schien entschlossen und im Bilde zu sein. "Was ist denn passiert?"

Jetzt fing Evelyn zu flennen an, hörte aber relativ schnell damit auf. "Wir sind in Gefahr. Vielleicht ich, vor allem aber Justus."

"Erzähl!"

"Piere war die ganzen Tage schon total angespannt."

"Wäre ich an seiner Stelle auch. Er muss ja als Zeuge aussagen. Und zwar die Wahrheit!" Evelyn würde ich natürlich nicht erzählen, dass Andre nachher vorhatte, Piere regelrecht zu 'grillen'. Der Schock, der ihn dann ereilen wird, war Teil unseres Plans, daher durfte ich ihr nichts sagen.

Wieder fing Evelyn mit Flennen an. Nach einer Minute war es vorbei. "Er ist total zerrissen, innerlich. Wir hatten gestern gestritten wegen seiner Aussage. Ich will, dass das jetzt alles endet. Er nicht. Ich war … Ich habe heute Frühstück vorbereitet, Piere war wie immer raus, um die Zeitung reinzuholen. Aber irgendwas war anders. Er ist mit der Zeitung woanders hingegangen. Ich glaube, er hatte mit der Zeitung etwas versteckt. Danach war er ganz verstört und hat gesagt, er müsse weg. Dann ist er gegangen, ohne Frühstück. Dann habe ich mir die Aufnahmen der Türkamera angesehen. Gegen Mitternacht kam ein dunkel gekleideter Mann und hat etwas auf der Fußmatte abgelegt, ist wieder verschwunden. Ich habe dann gesucht und im Kleiderschrank lag das hier." Sie zog aus ihrer mitgebrachten Tasche eine Plastiktüte mit einem Teddy. Ich sah ihn mir an. Er sah aus wie ein normaler Teddy, aber dessen Mund war zugenäht. Seine Arme waren auf den Rücken gedreht, dort zusammengebunden, und in dessen Händen steckte eine Patrone. Das war eindeutig!

"Hast du den angefasst?"

"Musste ich ja."

"Es ist dir doch klar, dass ich die Sache nicht mehr stoppen kann! Aber ihr müsst hier weg, euch in Sicherheit bringen, alle beide!" In diesem Moment kam Tessa, die wohl durch die Stimmen wach geworden war, herunter, zum Glück vollständig angezogen, aber vermutlich ungeduscht, und erfasste die Situation ganz instinktiv.

"Hey! Wie heißt du denn?", fragte sie Justus.

"Ich bin Justus."

"Soll ich dir mal was zeigen?", fragte Tessa ihn. "Komm mit!" Justus warf noch einen Blick auf seine Mutter Evelyn, die ihm zunickte, dann nahm er die angebotene Hand von Tessa und ging mit ihr mit, in mein Schlafzimmer.

"Ich kann doch Piere nicht alleine lassen, in dieser Situation! Ich wollte doch beim Prozess dabei sein. Ihn unterstützen!"

"Ihr seid schon komische Menschen. Alle beide. Erst betrügst du ihn mit Uwe, Piere lässt sich deinetwegen erpressen und hält dann trotz deiner Betrügereien weiter an dir fest, dann pflegt er dich auch noch jahrelang, und nun willst du ihn unterstützen, obwohl er dich mit mir betrogen hat. Und das nicht nur einmal."

"Er liebt mich halt, und ich ihn auch. Trotz allem. Und dann noch Justus. Ihm darf nichts passieren!"

"Wie willst du Piere denn unterstützen?"

"Na, im Gerichtssaal. Als Zuschauer."

"Das bringt doch nichts! Du bist in Gefahr! Das galt doch auch dir, oder?"

"Ich weiß es nicht."

"Und warum hat Piere dir nichts gesagt? Verschwindet einfach kommentarlos und versteckt das Objekt, welches die Gefahr beinhaltet!"

"Vielleicht wollte er sich ja um Justus kümmern. Ihn aus der Schusslinie bringen."

"Und jetzt bist du nicht mehr dort. Und Justus auch nicht."

"Scheiße. Daran hab ich nicht gedacht."

"Willst du zurückfahren? Wo ist denn dein Handy? Ruf ihn an!"

"Geht nicht. Das hab ich dagelassen. Man sollte mich nicht orten können."

"Hat er immer noch die alte Nummer?"

"Ja, er ist ja noch bei Mattsinvest. Aber momentan freigestellt."

Ich schnappte mit mein Handy und rief ihn an. Es kam diese Unerreichbarkeitsansage. "Ist leider ausgeschaltet. Was nun?"

Tessa kam jetzt wieder herunter, mit Justus an der Hand. "Braucht ihr noch Zeit? Justus wird langsam ungeduldig und fragt, was los ist."

"Wir müssen ihn in Sicherheit bringen, haben aber keine Idee."

"Das kann ich doch tun!"

"Aber du hast doch mit dir selber zu tun!"

"Dann hab ich wenigstens eine Aufgabe, das lenkt mich ab! Ich nehme ihn mit zu mir."

"Musst du nicht arbeiten?"

"Nein, ich habe Urlaub."

"Bist du mit dem Auto da?"

"Ja. Steht hier vor dem Haus."

"Ist es weit bis zu dir?"

"Etwa eine Dreiviertelstunde. Billstedt."

"Okay, dann machen wir das so: Du fährst mit Justus zu dir und betreust ihn da. Evelyn: Du fährst ihr ein paar Minuten hinterher, nicht länger, schirmst sie ab und passt auf, dass ihr oder dir niemand folgt. Falls ja, Lichthupe und abbiegen, und dann müsst ihr beide gegebenenfalls Passanten um Hilfe rufen. Evelyn: Ansonsten fährst du nach Hause, und schaust, ob Piere da ist. Du informierst ihn, dass Justus in Sicherheit ist, und fährst dann mit Piere zum Landgericht. Tessa: Hier ist die Nummer meiner Anwaltskanzlei. Frag dort nach Ellen, die weiß Bescheid. Darüber können wir dann das Weitere durchsprechen. Alles klar?"

Tessa nickte. Evelyn brauchte ein wenig länger bis zur Reaktion, dann nickte auch sie. "Komm", sagte Tessa zu Justus. "Deine Mutti hat ein wenig zu tun. Wir spielen bei mir zu Hause was. Ich bin Kindergärtnerin."

"Sind da auch andere Kinder?"

"Heute nicht. Aber wir können ja auf einen Spielplatz gehen. Da sind eigentlich immer Kinder. Oder wir gehen in Hagenbecks Tierpark. Warst du da schon mal?"

"Nein. Und was ist mit Mutti?"

"Deine Mutti siehst du heute Abend wieder."

Evelyn verabschiedete sich noch unter Tränen von Justus, nickte Tessa zu, und alle drei gingen aus dem Haus. Irgendwie hatte Justus wohl begriffen, dass es um etwas Ernstes ging, denn er protestierte nicht. Wenig später hörte ich die beiden Autos losfahren. Andrea kam herunter. Heute hatte Lena hier nicht übernachtet. "Was war los? Ich habe Stimmen gehört."

"Ja, hier ist eine Riesenschweinerei los."

"Ich weiß! Dein Prozess ist ja heute."

"Der auch. Kannst du mir einen Gefallen tun? Wenn du heute zur Uni fährst, kannst du bitte einen kleinen Umweg fahren und das hier bei meiner Anwaltskanzlei abgeben? Ich informiere die dann noch rechtzeitig, was damit zu tun ist."

Andrea warf einen Blick auf den Teddy in der Plastiktüte. "Sandra! Das sind ja Mafia-Methoden!"

"Nein. Ich glaube, da versucht wohl einer nur, es wie Mafia aussehen zu lassen. Trotzdem nehmen wir das ernst. So, komm, wir frühstücken schnell, und dann muss ich los und du auch. Ihr habt doch heute Probe für das Abschlusskonzert, oder?"

Er seufzte. "Leider, da muss ich dabei sein. Ich bin ja Stimmführer. Sonst wäre ich schon zum Prozess hingekommen."

"Macht nichts. Sind ja genug meiner Freunde da." Wir aßen in aller Schnelle was, dann machte sich Andrea fertig. Ich brauchte immer ein wenig länger als er. Mit halbleerem Magen konnte man mit mir nichts anfangen. Dann kam er wieder herunter.

"Meinst du, dass du das gewinnst?"

"Ich bin guter Dinge."

"Ich drücke dir die Daumen. Halt die Ohren steif! Bis dann!"

"Viel Spaß." Ich drückte ihm noch die Tüte in die Hand, dann zog er los. Ich machte mich zurecht. Dann wollte ich schon los, hatte aber noch eine Idee. Wer weiß, ob Evelyn es noch schaffte, Piere zu informieren. Ich wechselte also mein Oberteil und präparierte es. Unter dem Blazer war das nicht zu sehen. Dann fuhr ich los. Ich hatte mich mit Andre und Ellen am Landgericht verabredet. Die beiden standen schon da, dort ein wenig an der Seite. Vor dem Haupteingang stand schon eine Menschentraube. Ich erkannte einige Leute darin. Angelika und Markus, zwei meiner Mitarbeiterinnen, Peter Müller und neben ihm offenbar seine Freundin, die ich noch gar nicht kannte, Meike und Jakob, außerdem etliche Menschen mit Wurzeln in Afrika, vermutlich auch einige Journalisten, ich wusste ja von Jessica, dass sie da die Werbetrommel gerührt hatte. Sie war natürlich auch da. Adam war nicht dabei, würde aber später als Zeuge aussagen.

Es waren noch zwanzig Minuten Zeit.

"Aufgeregt?", fragte Ellen.

"Klar, was denkst du?"

"Hab keine Angst. Notfalls gibt es ja noch Revision oder Berufung."

"Das sagt sich so leicht!"

In diesem Moment klingelte das Handy von Andre. Er sprach, dann hörte er zu, und seine Miene wurde immer erstaunter. Dann sprach er zu mir. "Weißt du was von einem Teddy?"

"Ja. Der muss zusammen mit den anderen Sachen zur Staatsanwaltschaft, wenn die Zeit ran ist. Ich erkläre es dir gleich."

"Okay, sagte er." Dann ins Handy: "Ich rufe zurück." Ich berichtete also den beiden, was sich heute früh zugetragen hatte, dann rief Ellen dort an, und gab alles durch, nun natürlich verziert mit allerhand juristischen Fachausdrücken, sie war ja eher als Andre die Spezialistin für kriminelle Sachen, und dann bewegten wir uns in das Gebäude, gingen die eindrucksvolle Treppe hoch. Ellen konnte leider nicht mit, da sie nachher selbst noch eine Verhandlung hatte. Wir mussten durch eine Schleuse, und dann ging es in den Saal. Die Gegenseite war schon da. Zwei in Robe und einer im Anzug. Sicher der Vertreter von Mattsinvest. Bitterböse Miene bei allen dreien. Auch das Publikum kam jetzt in den Saal. Sehr gemischt, fand ich. Ein wenig Jungvolk, die meisten waren wohl Jurastudenten. Einige, die eher so aussahen wie Hausmütterchen. Dann meine Freunde. Die Journalisten. Ich wusste es nicht, glaubte aber zu sehen, wer es von denen war. Selbst zwei Frauen mit so einem Kopftuch waren dabei, setzten sich aber weit voneinander entfernt in den hinteren Bereich. Außerdem einige Frauen aus der afrikanischen Community. Auch Evelyn kam in den Zuschauerraum. Ich suchte ihren Blick. Evelyn schüttelte den Kopf, zuckte mit den Schultern. Somit hatte sie sich wohl nicht mehr mit Piere updaten können.

Beklemmung befiel mich.

-----------------------------------------------------------

Teil 37

Der Prozess

Dann ging es los, die Richter und der Saaldiener kamen herein, wir mussten allesamt aufstehen, und dann durften wir uns wieder setzen. Anders als bei einem Strafprozess gab es keine Fotografen. Die Vorsitzende Richterin, es war dieselbe wie beim Gütetermin, eröffnete die Verhandlung. Erst gab es das übliche Prozedere, also es wurde die Anwesenheit der Prozessgegner und Bevollmächtigten festgestellt, dann wurden die Zeugen für heute Vormittag hineingeholt und belehrt, sodann las die vorsitzende Richterin den Gegenstand der Verhandlung vor, mit Bezugnahme auf die gescheiterte Güteverhandlung. Und dann ging es auch schon los: Die Anwälte der Klägerseite begannen mit ihrem Vortrag, und erhoben ihre altbekannten Anschuldigungen gegen mich. Dabei schmissen sie wie beim Gütetermin mit ihren Zertifikaten um sich. Der Anwalt war ein scharfer Hund und jeder seiner Sätze klang wie ein Gewehrschuss. Man sah der vorsitzenden Richterin an, dass sie das nicht gut fand. Sie verzog das Gesicht. Nur ganz leicht, aber ich sah es.

Dann war Andre an der Reihe. Er trug unsere Argumente vor, beginnend damit, dass ich unter der bekannten Ausgangslage davon ausgehen musste, dass der veröffentlichte Sachverhalt wahr ist, dass ich daran festhalte, und dass wir beweisen können, dass jede der beiden Hauptanschuldigungen gegen Mattsinvest wahr ist, ich also zur Veröffentlichung berechtigt war, auch wenn ich aus Rücksichtnahme bis zur Klärung die Dateien temporär und bis heute aus dem Netz genommen habe, was aber kein Eingeständnis einer Fehlerhaftigkeit war. Er stellte den Antrag, die Klage abzuweisen und der Gegenseite die Kosten aufzubürden. Als Nächstes fragte die Richterin den Vertreter von Mattsinvest, ob sie mittlerweile belegen können, dass der Schaden die von ihnen behauptete Höhe hat, was er verneinte, da sie als B2B‑Firma nur wenig bis gar nicht mit Endkundengeschäften zu tun haben. Er gab aber Reputationsverluste an. Die Richterin vertagte diese Sache erst mal und wollte zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückkommen. Und dann ging es los.

Die vorsitzende Richterin sprach mich an. "Frau Neuhaus, bitte schildern Sie dem Gericht, wieso Sie glauben, dass die behaupteten Sachverhalte wahr sind!"

"Das hat mit der Vorgeschichte zu tun. Man hat ja alles unternommen, um den Datenträger mit den brisanten Informationen, den ich erst viel später gefunden habe, aus dem Weg zu schaffen. Es war ein sehr gut versteckter USB-Stick, und ich habe ihn erst gefunden, als eine Reporterin, welche mein verstorbener Mann damals kontaktiert hat, mich Jahre später nach dem Stand der Dinge gefragt hat. Es gab vorher schon einige Merkwürdigkeiten. Die bedeutendste war der damalige Vorfall in meinem Haus, wo ich einen Einbrecher überrascht hatte, der nach ebendiesem Stick gesucht und mich mit dem Tode bedroht hatte, wenn ich ihn nicht herausgebe. So etwas hätte er ja nicht tun müssen, wenn auf dem Stick nur Falschinfos darauf gewesen wären."

Andre schaltete sich ein: "Frau Vorsitzende, bitte werfen Sie einen Blick in das Beweisstück B1. Es handelt sich um die Zusammenfassung des Ermittlungsverfahrens gegen den Einbrecher, der auf der Flucht kurz nach der Tat infolge eines Verkehrsunfalls verstorben ist. Es liegt die Vermutung nahe, dass der Einbruch von jemandem beauftragt wurde. Der konnte aber nicht ermittelt werden. Die Beklagte wurde damals bei ihrer selbst durchgeführten Befreiung verletzt."

Die Richterin schaute sich die Unterlagen durch. "So-so, ein Streifschuss also, ja?"

"Ich war ein wenig unvorsichtig. Aber ich musste ja was tun, wusste ja nicht, ob der nur geblufft hatte oder mich wirklich umbringen will."

"Verstehe. Ja, in der Tat … das legt ja schon mal eine gewisse Glaubwürdigkeit der Sache nahe. Die Dokumente, welche auf dem Stick waren, haben sie ja schon im Gütetermin vorgelegt. In der Analyse stehen im Wesentlichen Recherchen, Gedanken und Vermutungen drin. Wie wollen sie denn belegen, dass dort wirklich Kinderarbeit stattfindet?"

Andre schaltete sich ein. "Frau Vorsitzende, es gab da auch noch einen weiteren Zwischenfall. Kurz nachdem Frau Neuhaus die Dokumente veröffentlicht hatte, wurde sie von einer Detektei beschattet. Wir würden das aber gerne auf später verschieben, der Zeuge ist auch erst für den Nachmittag geladen. Aber es gibt da ja noch die Tonaufzeichnung."

"Okay, aber von der Aufzeichnung wissen wir ja auch nicht, ob die echt ist. Die Klägerseite hat das ja schon beim Gütetermin bestritten."

"Da haben Sie recht, noch, aber wir können wirklich beweisen, dass dort Kinderarbeit in dem Gebiet stattfindet, von dem die von Mattsinvest betriebene Tochterfirma Kakaobohnen bezieht. Das andere klären wir anschließend."

"Na dann legen Sie mal los!"

"Frau Vorsitzende, wir würden besser erstmal klären, dass Mattsinvest tatsächlich die Kakaobohnen von dort bezieht. Bitte schauen Sie in die Beweistücke B2 und B3. B3 ist ein Vertrag der Fabrik mit der Kooperative. B2 ist ein Lieferschein eines Bauern aus einem Dorf mit der gleichen Kooperative und enthält auch eine Reihe von Dokumenten, die besagen, dass ein Vermittler ihm Arbeiter zur Verfügung stellt. Die sind allesamt minderjährig und entsprechen somit der Definition von Kinderarbeit. Es sind dort auch die Dokumente von den aufgebotenen Zeugen Kouassi Touré und Moja Koffi dabei. Die Dokumente sind in französischer Sprache abgefasst und müssen daher vom Dolmetscher übersetzt werden."

"Warum bekomme ich die erst jetzt?"

"Die haben wir erst seit kurzem. Beim Gütetermin lagen die noch nicht vor."

Die Richterin ließ die Übersetzerin kommen. Es dauerte eine Weile, bis sie alles übersetzt, vorgelesen, und erklärt hatte. Dann reichte sie die Dokumente an die Klägerseite zur Prüfung weiter. Die Übersetzerin erklärte ihnen die einzelnen Abschnitte. Die Richterin wartete, bis sie fertig war. Die Dolmetscherin ging dann wieder hinaus.

"Frau Neuhaus, wie sind Sie denn an diese Dokumente gekommen?", fragte sie mich.

"Mein Begleiter hatte die besorgt. Keine Ahnung wie. Wir waren ja nicht ständig zusammen. Es war jemand von einer NGO."

"Hier in Deutschland? Wie kamen die hierher?"

"Nicht hier. Ich war mit dem Begleiter in der Elfenbeinküste unterwegs und habe mir selbst ein Bild von der Lage gemacht. Der Begleiter, ein Einheimischer von der NGO, war mit dabei."

"Hat der auch einen Namen?"

"Er wollte mit Bobby angeredet werden. Für mich war sein richtiger Name zu schwierig auszusprechen, daher habe ich mir den auch nicht gemerkt."

"Aha. Und wie ist die Lage da?"

"Kinderarbeit überall. Erwachsene Personen fungieren dort nur als Aufpasser. Die arbeiten dort nicht selber."

"Wie genau kann ich mir das vorstellen?"

"Na, die springen da in der Plantage herum, holen mit langen Stangen die reifen Kakaofrüchte von der Pflanze, dann hacken sie mit Macheten die Früchte auf und holen die Bohnen dort heraus, sammeln sie. Es geht dabei nicht immer alles glatt und manchmal verletzen die Kinder sich auch dabei. Das habe ich bei einigen Kindern gesehen. Aber die müssen auch andere Arbeiten verrichten. Baumpflege, Insektizide oder Fungizide verspritzen, zum Teil sogar ungeschützt."

"Haben sie da Material drüber?"

"Aber klar. Eigenes, aber auch welches, was mir Zeugen zur Verfügung gestellt haben, die noch auf die Vernehmung warten." Die Seite der Kläger begann jetzt, eine deutliche Unruhe zu ergreifen. Mit so etwas hatten sie wohl nicht gerechnet.

Andre schaltete sich ein. "Wir bitten um die Inaugenscheinnahme von Beweisstück Video B6 bis B14, und den Bildern B15 bis B84."

"Gerichtsdiener!" Der zog eine Projektionsfläche herunter und spielte die Filme ab, dann die Bilder. Es war ein leichtes Murmeln im Saal hörbar. Noch griff die Richterin aber nicht ein. Auf einigen der Bilder und einem Video war ich als Selfie im Dschungel zu sehen, mitsamt der Kinder, die mit Macheten bewaffnet waren. Ich hatte aber aufgepasst, dass ich nicht die Filme von meinen Zeugen zeige. Die sollten ja nicht wissen, dass ich die selbst hierher nach Deutschland geschleust hatte.

Im Anschluss schaltete ich mich zu. "Frau Vorsitzende, ich hatte auch einige von den Kindern interviewt, aber ein anderes Team hat noch viel mehr davon."

"Und sie waren selbst dort gewesen?"

"Ja, das sehen Sie doch. Vor mir war aber schon ein anderes Team dort. Ein Reporter mit Kameramann."

"Frau Vorsitzende, dazu kann jemand anders mehr sagen. Wir bitten um die Einvernahme des Zeugen Adam Rückert!", sagte Andre.

"Bitte holen Sie den Zeugen Adam Rückert herein", sagte die Richterin zum Gerichtsdiener. Der ging aus dem Saal, und holte ihn hinein. Er musste seinen Namen, seine Adresse, und seinen Beruf nennen. Dann ging es los. Andre befragte ihn.

"Herr Rückert, was können Sie uns zur Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste sagen?"

"Oh, viel. Wir, also ein Team meiner Redaktion, haben vor etwa acht Monaten dort vor Ort recherchiert und gedreht. Es geht um eine Dokumentation, welche in Kürze erscheinen wird. Dort ist Kinderarbeit weit verbreitet. Praktischerweise kann man sagen: Wir haben keine einzige Plantage gefunden, wo Erwachsene die Ernte und Pflege der Plantagen machen. Wir haben sieben verschiedene Bauern von dortigen Plantagen besucht, welche drei Kooperativen belieferten. Dort geht man ganz offen mit dem Thema um. Die Bauern haben Verträge mit den Kooperativen und müssen zu einem Festpreis liefern. Die Verträge sind so gestaltet, dass sie normale Arbeiter gar nicht bezahlen könnten, geben sie übereinstimmend an. Wir haben auch viele der Kinder befragen können. Von den sieben Plantagen gaben sechs der Kindergruppen an, dass sie gar kein Geld bekommen, und bei einer waren das nur Almosen. Weniger als einen Euro die Woche. Also eigentlich nichts. Selbst das Essen für sich mussten die Kinder selbst anbauen, ernten und kochen. Moderne Sklaverei sozusagen. Wir haben von einigen Bauern Verträge und Rechnungen gesehen, auch von den Vermittlern, welche diese Kinder an die Bauern sozusagen verkaufen. Da steht, dass die Kinder für sie arbeiten müssen. Rechte haben die keine. Der Bauer muss nur die Unterkunft stellen. Wir haben da einige Filme gedreht. Die müssten ihnen vorliegen."

"Wir bitten um Inaugenscheinnahme von den Videos B85 bis B102", sagte Andre. "Zudem benötigen wir den Französisch-Dolmetscher."

"Bitte holen Sie die Übersetzerin Frau Giulliome wieder herein." Sie erschien im Saal. "Frau Giullome, bitte übersetzen Sie, was dort gesprochen wird, vom Französischen ins Deutsche."

"Kann losgehen", sagte sie. Die Filme starteten und die Übersetzerin übersetzte jeweils die Fragen und Antworten der Kinder und der Bauern. Die Richterin machte sich dabei Notizen. Dann waren die Filme fertig.

"Und sie waren dort selbst vor Ort?", befragte sie jetzt Adam.

"Das haben sie doch in den Videos gesehen. Ich, ein Kameramann, der Tontechniker, ein Fahrer, und jemand von einer NGO, die gegen Kinderarbeit kämpft."

"Haben Sie noch Fragen", fragte die Richterin mich und Andre.

"Keine Fragen."

"Die Klägerseite?"

"Herr Rückert: Können Sie anhand Ihrer Recherchen eine Verbindung zu Mattsinvest herstellen?"

"Nein, Mattsinvest taucht dort nirgendwo auf. Nur die Kooperativen und die Fabrik Xocomining Company."

Der Klägervertreter zuckte bei Nennung des Namens zusammen und tuschelte mit seinem Anwalt. "Keine weiteren Fragen."

"Gut, dann sind Sie als Zeuge entlassen, Herr Rückert."

Er ging aus dem Saal, sichtlich erleichtert. Ich konnte es ihm nachempfinden. "Brauchen wir die Dolmetscherin noch?", fragte die Richterin.

"Ja, meine Mandantin hat ja auch einige Befragungen vor Ort durchgeführt."

Andre ließ nun auch meine Videos mit den Interviews abspielen, welche die Übersetzerin übersetzte. Wir hatten nur welche genommen, bei denen Kouassi und Moja nicht darauf waren.

"War das dieselbe Plantage wie beim Filmteam?", fragte mich die Richterin.

"Unser Guide meinte ja, er hätte auch die anderen geführt. Aber die anderen haben meines Wissens mehr Plantagen besucht als ich. Ich war ja nur eine Privatperson und hatte keinen Stab."

Die Richterin wandte sich an die Gegenseite. "Fragen?"

"Nein!"

"Gut, sie können dann …", wandte sie sich an die Übersetzerin.

"Wir brauchen Frau Guillome aber noch für die nächsten beiden Zeugen, Frau Vorsitzende", sagte Andre.

"Gut. Wer ist dran?"

"Wir möchten gerne den Zeugen Kouassi Touré befragen", sagte Andre. Die Richterin ließ ihn holen. Er kam zusammen mit seiner gesetzlichen Vertreterin in den Saal.

Er nahm auf dem Zeugenstuhl Platz. "Sie sind die gesetzliche Vertreterin?", fragte sie die Frau.

"Ja, ich bin Elisabeth Richter. Kouassi Touré ist noch minderjährig und kam als unbegleiteter Asylbewerber nach Deutschland."

"Ist ihr Schützling mit einer öffentlichen Vernehmung einverstanden?", fragte die Richterin.

"Ja, ist er, das habe ich ihn schon gefragt."

"Na dann. Kouassi, bitte nenne uns deinen Namen und deinen Wohnsitz. Auf den Beruf müssen wir ja wohl verzichten."

Die Übersetzerin übersetzte, Kouassi antwortete und die Dolmetscherin übersetzte für uns. "Ich bin Kouassi Touré, wohne in der Feuerbergstraße und bin … war von Beruf Kakaobohnenarbeiter." Das Publikum reagierte gemischt. Einige lachten kurz auf, das meiste war aber Gemurmel, vermutlich aus Erstaunen.

Die Richterin fuhr fort: "Und du hast also dort in der Elfenbeinküste auf einer Kakaoplantage gearbeitet?"

"Ja, zusammen mit anderen. Wir mussten dort die Bäume pflegen, die Bohnen ernten, ausbrechen, und sammeln, Säcke schleppen, Unkraut jäten, und Schädlingsbekämpfung machen."

"Jeden Tag?"

"Fast jeden Tag. Bis auf sonntags. Da hatten wir frei."

"Hast du dafür Geld bekommen?"

"Nein. Kein Geld. Wir mussten immer arbeiten."

"Das heißt, ihr wart mehrere Kinder?"

"Ja, wir haben mit unserer Gruppe zu dritt in einer Hütte im Dorf gewohnt. Auf der Plantage haben aber insgesamt noch mehr Kinder gearbeitet. Insgesamt waren wir zwölf. Es war eine große Plantage, sagte man uns. Die anderen Bauern haben meist nur drei bis vier Kinder, die für sie arbeiten."

"Seit wann bist du dort?"

"Seit ich zwölf war."

"War die Arbeit schwer?"

"Ja, sehr schwer. Vor allem die Säcke."

"Und wie kamst du hierher nach Deutschland?"

"Vor vielen Wochen hat uns eine Frau besucht. Eine weiße Frau. Sie hatte einen großen Rucksack. Sie hat uns gefragt, was wir hier machen. Uns drei von meiner Gruppe. Und dann hat sie gefragt, ob wir nicht von hier weg wollen."

"War das diese Frau da?" Die Richterin hatte wohl eine Idee, und zeigte auf mich.

"Nein, die nicht. Diese Frau und den Mann neben ihr haben wir erst in der Flüchtlingsunterkunft kennengelernt. Da haben sie uns besucht und ausgefragt. Die Frau, die uns in Afrika aufgesucht hat, hatte helle Haare, so wie viele andere Frauen hier, und war viel schlanker."

"Und da hast du der Frau zugesagt?"

"Ich, und Moja."

"Wer ist Moja?"

"Der andere Zeuge, Frau Vorsitzende", sagte Andre in sein Mikrofon.

"Und was passierte dann?"

"Sie hat uns auf einem Lastwagen versteckt, in dem sie auch mitgefahren ist. Wir sind dann in einer großen Stadt angekommen. Wir waren dann in einer Hütte im Wald untergebracht, viele Tage lang. Die Frau gab uns Essen und Trinken, dann irgendwann Rucksäcke mit einigen Sachen, Essen und Trinken drin. Sie hat uns eines Tages, als es dunkel wurde, zu einem Schiff gebracht. Da stand sie mit jemandem in so einem komischen blauen Anzug. Wir sollten uns auf das Schiff schleichen und im Rettungsboot verstecken. Das Schiff fuhr dann los, ganz lange. Manchmal klopfte es und dann stand neben dem Rettungsboot Wasser und was zu essen. Irgendwann wurde es ruhig, kein Motor mehr. Wir haben gesehen, dass wir an Land lagen. Es war dunkel, ganz viele Lichter drumherum. Da haben wir die Matratzen gepumpt und uns mit dem Seil abgeseilt, sind zu einer Kante mit Eisensprossen gepaddelt, und hochgestiegen. Dann kamen die Polizisten."

"Also hat euch da jemand vom Schiff geholfen?"

"Kann sein. Wir wussten es nicht. Wir sollten nur immer leise sein und die Sachen gleich wegnehmen, wenn jemand klopft."

"Da habt ihr ja Glück gehabt mit eurer Flucht."

"Nein, nicht immer."

"Hat man euch doch erwischt?"

"Uns nicht. Aber mich. Früher."

"Ach, du hast es früher schon mal probiert?"

"Ja, früher. Man hat mich wieder eingefangen. Der Bauer, und der Aufpasser."

"Und dann musstest du wieder arbeiten?"

"Ja, nachdem die Wunden verheilt waren."

"Du wurdest dabei verletzt?"

Kouassi zögerte. "Ich wurde zur Strafe ausgepeitscht." Großes Gemurmel im Saal.

"Ruhe im Gerichtssaal!"

"Ausgepeitscht? Wirklich?"

Die Betreuerin, Elisabeth Richter, grätschte dazwischen. "Frau Vorsitzende, das ist alles dokumentiert. Wir haben da ja auch was gesehen, und die Kinder zeitnah von der Rechtsmedizin begutachten lassen. Da gab es noch mehr sichtbare Verletzungen. Bei beiden. Dazu darf ich aber nichts zu sagen, das unterliegt ja dem Persönlichkeitsschutz."

Die Übersetzerin hatte weiter fleißig das Gesagte an Kouassi übersetzt. Er hob jetzt sein T-Shirt an. Die Striemen auf dem Rücken waren deutlich zu sehen. Gemurmel im Gerichtssaal.

"Ohh."

"Einspruch, Frau Vorsitzende", sagte der Anwalt der Gegenseite. "Wie ist denn die Beklagtenseite an die Zeugen gekommen? Diese vermeintlichen Zeugen können doch von überall hergekommen sein. Dürfen wir den Zeugen befragen?"

"Nein, dürfen sie nicht. Bei minderjährigen Zeugen hat die Klägerseite kein Fragerecht, das wissen Sie doch. Aber vielleicht kann die Verteidigung die Frage beantworten."

Andre sagte: "Ich habe im Bekanntenkreis nachgeforscht, ob jemand von so einer Sache weiß, und ein Kollege, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat, war vor kurzem Zeuge der Ankunft der beiden im Hafengebiet, und hat mir den Kontakt zu ihnen vermittelt."

"Frau Vorsitzende, die können uns ja sonst was erzählen. Das kann ja niemand nachprüfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Hänfling, verzeihen Sie den Ausdruck, so schwere Arbeit machen kann."

"Wir bitten um erneute Inaugenscheinnahme von Video B86", sagte Andre.

"Wozu soll das gut sein?", fragte die Richterin.

"Das Video stammt vom Reportageteam mit dem Zeugen Adam Rückert und zeigt die Zeugen Kouassi Touré und Moja Koffi bei der Arbeit."

"Spielen Sie ab", sagte die Richterin zum Gerichtsdiener. Der startete den Film. Als die Kamera erst Moja, und dann Kouassi bei der Arbeit zeigte, sagte Andre: "Da … und da!"

"Ja, habe ich gesehen. Der Zeuge sind also echt. Die Frage der Klägerseite sollte somit beantwortet sein."

"Frau Vorsitzende, das kann nicht sein! Unsere Zertifikate sagen eindeutig, dass dort alle Normen eingehalten werden und keine Kinderarbeit stattfindet. Wir bitten um Inaugenscheinnahme der Beweisstücke K1 bis K12. Alles ordnungsgemäß."

"Gerichtsdiener, bitte!"

Er brachte ihr die Teile. Die Vorsitzende las einige Passagen daraus vor. Dann kommentierte sie. "Ja, das steht hier alles. Aber das ist ja nur Papier. Offenbar alles falsch. Vorbildlich geregelt, ohne Frage, aber falsch. Das müsste die Klägerseite doch auch gesehen haben, dass es dort vor Ort offensichtlich nicht korrekt zugeht."

"Nun ja, das lässt sich ja nicht bestreiten. Trotzdem, das kann nicht sein!"

"Willkommen in der Wirklichkeit, meine Herren", sagte die Richterin. Sie vermied dabei eine Süffisanz in der Stimme. Aber jeder im Saal spürte den versteckten Vorwurf trotzdem. "Haben Sie noch Fragen an den Zeugen?", fragte sie uns.

Andre legte los. "Ja, haben wir. Kouassi, kannst du uns sagen, wieso und auf welche Weise du auf diese Plantage gekommen bist?"

"Ich lebte in Burkina Faso. Dann starben meine Eltern. Ich war zehn. Dann hatte ich niemanden mehr. Ich lebte auf der Straße, und versuchte, mich durchzuschlagen. Dann kamen eines Tages drei Männer, die mich gefangen haben. Und dann wurde ich zusammen mit anderen Kindern zur Plantage gefahren und musste da arbeiten."

"Wie alt warst du da?"

"Ich war gerade zwölf geworden."

"Und du konntest also nicht von dort weg oder die Arbeit verweigern?"

"Nein. Wenn wir es versucht haben, wurden wir geschlagen. Es war ja immer ein Aufpasser dabei. Jemand vom Bauern."

"Verstehe. Danke für deine Aussage, Kouassi. Viel Glück für dein weiteres Leben hier in Deutschland."

Die Übersetzerin übersetzte und gab es wieder. Kouassi nickte. "Der Zeuge ist entlassen", sagte die Richterin. Der Gerichtsdiener führte Kouassi und seine Betreuerin aus dem Saal.

"Frau Vorsitzende, wir bitten um Anhörung des Zeugen Moja Koffi", sagte Andre.

"Holen Sie bitte den Zeugen herein." Kurze Zeit später kam auch Moja in den Saal. Anders als Kouassi, der mehr Selbstvertrauen hatte, wirkte Moja ziemlich eingeschüchtert. Aber als er mich sah, atmete er auf. Auch er hatte Frau Richter als Betreuerin. Nun, auch er sagte ganz ähnlich aus wie Kouassi. Die Gegenseite hatte sich wohl mit der Situation abgefunden und verzichtete auf weiteres Störfeuer. "Haben Sie noch Fragen an den Zeugen?", schloss die Richterin ihre Befragung ab.

Andre übernahm. "Haben wir. Moja, kannst du uns sagen, wieso du auf die Kakaoplantage kamst?"

"Meine Eltern haben mich weggegeben."

"Wieso denn?"

"Sie konnten mich nicht mehr ernähren, haben sie gesagt. Unser Feld ist sehr klein und ich habe acht Geschwister. Wir mussten immer mehr hungern. Da kam dann irgendwann ein Mann und nahm mich mit. Meine Eltern sagten mir, das muss so sein, und ich muss jetzt für meine Geschwister arbeiten."

"Liebten dich denn deine Eltern nicht?"

"Doch, das haben sie immer gesagt. Aber wir wären sonst alle an Hunger gestorben. Ich habe geweint, aber ich bin dann mitgegangen."

"Und du? Willst du denn deine Eltern und Geschwister nicht wiedersehen?"

"Doch, will ich. Aber dann schicken die mich doch wieder weg, zur Plantage. Die haben doch zu wenig zu essen."

"Wie lange muss man denn auf der Plantage arbeiten? Weißt du das?"

"Bis man achtzehn ist. Jemand aus der Nachbarplantage konnte gehen. Wir haben ihm alle hinterher gewunken."

"Vielen Dank für deine Aussage, Moja. Lebe dich hier gut ein, und wir hoffen, dass du irgendwann deine Familie wieder besuchen kannst."

"Der Zeuge ist entlassen", sagte die Richterin. Moja schaute erst ganz verstört, dass es schon vorbei war, aber dann schien er erleichtert und ging an der Seite der Betreuerin aus dem Saal. Ich wusste, dass die Zeugenbetreuerin, welche auch mich damals unterstützt hatte, vor dem Gerichtssaal bei ihnen war.

Die Gegenseite startete einen Entlastungsversuch. "Frau Vorsitzende, wir sind natürlich erschüttert, zu erfahren, dass vor Ort Kinderarbeit stattfindet. Aber was hat denn Mattsinvest damit zu tun? Wie wir schon darlegten, beziehen wir, beziehungsweise unsere Tochterfirma in der Elfenbeinküste, unsere Kakaobohnen ausschließlich aus sauberen Quellen."

"Frau Vorsitzende, wir bitten um Inaugenscheinnahme von Beweisstück B4. Es handelt sich um ein mehrseitiges Dokument in Englisch, und beinhaltet die Aufgaben und Befugnisse der Tochterfirma von Mattsinvest, Xocomining."

"Bitte bringen Sie mir die Dokumente!" Der Gerichtsdiener suchte die Sachen heraus und brachte sie ihr.

Andre redete: "Das Beweisstück ist eine Kopie des Vertrages von Mattsinvest mit der Fabrik, welche die Tochterfirma von Mattsinvest in Afrika ist. Wie Sie sehen, ist Mattsinvest der alleinige Anteilseigner und Abnehmer. Die Steuerung der zu verkaufenden Waren liegt ausschließlich bei Mattsinvest. Der Fabrik obliegt ausschließlich die Weiterverarbeitung der Kakaobohnen bis zum verschiffbaren Zustand und die Organisation des Transports bis zum Hafen. Somit ist Mattsinvest durch die Tochterfirma für alles verantwortlich, was in Afrika passiert. Somit auch dafür, dass die Gesetze und die Menschenrechte im Land eingehalten werden, auch für die Waren, die sie durch die Tochterfirma ankaufen und weiterverarbeiten. Auch in der Elfenbeinküste ist Kinderarbeit verboten."

Die Richterin las sich die Verträge eine Weile durch, las auch Teile des Inhalts vor. Dann blickte sie auf, und schaute mich erstaunt an. "Woher haben Sie diese Kopie, Frau Neuhaus? Das ist doch nicht üblich, dass Privatpersonen solche Verträge bekommen!"

Andre antwortete an meiner Stelle. "Meine Mandantin bekam dieses Dokument zugeschickt. Zusammen mit der Information, wo sich die Quelle dieser Kopie befindet, welche selbst eine Kopie des Originalvertrages ist. Allerdings müsste der originale Vertrag bei Mattsinvest liegen oder von dieser einer Notar- oder Anwaltskanzlei zur Aufbewahrung übergeben worden sein."

Die Richterin schaute zur Klägerseite. "Meine Herren?"

Die Anwälte schauten sich ratlos an und dann zum Vertreter von Mattsinvest. Der antwortete. "Frau Vorsitzende, das entzieht sich meiner Kenntnis. Das müsste ich erst mal in Erfahrung bringen. Ich habe den Posten des Geschäftsführers ja erst vor einigen Wochen übernommen und noch nicht ausreichend Zeit gehabt, mich in die gesamte Materie einzuarbeiten."

"Aber sie müssen da doch jemanden haben, der darüber Bescheid weiß."

"Vermutlich weiß das unsere Rechtsabteilung, aber da müsste ich erst …"

"Ja, tun sie das. Es wäre nett, wenn sie es bis vor Verhandlungsende schaffen könnten, das Original aufzutreiben, damit wir es mit dem Beweisstück B4 abgleichen können. Das müsste ja möglich sein. Sonst müssten wir annehmen, dass die von der Beklagtenseite vorgelegte Kopie echt ist."

Die Richterin wandte sich an uns. "Weitere Anträge?"

Andre schaltete sich ein. "Wir würden gern den Gutachter Stephan Meisner zur Echtheit des Tonmitschnitts anhören."

"Gerichtsdiener, bitte holen Sie den Gutachter Herrn Meisner herein." Der kam herein und nahm Platz, musste seine Daten angeben. "Herr Meisner, Sie sind vereidigter Sachverständiger?"

"Das ist korrekt."

"Sie wurden von der Beklagtenseite beauftragt, den Tonmitschnitt auf Echtheit zu prüfen. Was können sie uns dazu sagen?"

"Also, ich habe dazu verschiedene Prüfungen durchgeführt. Spektrum, Lautstärke, Störgeräusche, Stimmenanalyse. Aus meiner Sicht ist der Tonmitschnitt echt."

"Können sie das begründen?"

"Aber klar. Es ist auffällig, dass bei einigen Stimmen ein Abfall der hohen Frequenzen feststellbar ist. Außerdem sind sie leiser. Es ist ein fast durchgehendes, leises Störgeräusch vorhanden. Dazu komme ich gleich noch. Man hört einmal das Fallen eines Gegenstandes, wohl eines Kugelschreibers, zweimal hüstelt jemand, einmal kratzt sich jemand am Kopf, jemand tippt wie nervös mehrmals den Schuh auf den Boden, was auch relativ laut ist. Die Stimmen klingen echt und zeigen Emotionen. All das sind Hinweise darauf, dass erstens derjenige das Aufnahmegerät in seiner Hosentasche hatte, daher kommt das durchgehende Störgeräusch, und deshalb tritt auch der Spektrums- und Lautstärkeabfall auf, denn das Gerät befand sich dabei vermutlich unterhalb einer Tischplatte. Die offenbar neben der Person sitzenden Personen hört man normal. Das alles deutet darauf hin, dass die Aufnahme echt ist. Mit KI erstellte Fake-Aufnahmen können das noch nicht generieren. Keine echt klingenden Störgeräusche, keine Abfälle bei den Stimmen, und die Stimmen klingen bei KI immer noch ein wenig eintönig und emotionslos. Also, das ist ein echter Tonmitschnitt."

"Danke Herr Meisner. Hat die Beklagtenseite Fragen?" Andre verneinte.

"Die Klägerseite?"

"Herr Meisner, ist Ihnen denn nicht aufgefallen, dass die Aufnahme ein wenig zu dumpf klingt? So, als ob es eine KI-generierte Aufnahme ist, wo die Generierung der Einfachheit halber abgeriegelt hat."

"Natürlich ist mir das aufgefallen. Die Aufnahme erfolgte laut der Beklagten mit einem Samsung Galaxy S10 Plus. Das ist ein bekannter Makel des Gerätes. Töne ab 14 Kilohertz fallen bei dem Gerätetyp stark ab. Passt also exakt zu meiner Analyse als echte Tonaufnahme." Die Klägerseite machte jetzt lange Gesichter.

"Weitere Fragen?" Alle schüttelten den Kopf. "Dann sind Sie entlassen, Herr Meisner. Weitere Anträge?"

Die Klägerseite meldete sich. "Wir würden gerne unseren beauftragten Gutachter Steffen Swetik zum Tonmitschnitt hören."

"Bitte holen Sie Herrn Swetik rein!"

Der kam herein, nahm Platz. "Herr Swetik, Sie sind vereidigter Sachverständiger?"

"Der bin ich."

"Was können sie uns zum Tonmittschnitt sagen?"

"Ich habe verschiedene Analysen durchgeführt. Auffällig ist so eine Art Pumpgeräusch bei sehr tiefen und sehr hohen Frequenzen. Es gibt mehrere Störgeräusche, auch vor und nach denen tritt jeweils ein kurzes Pumpen auf. Also ich tendiere zu folgender Aussage: Da hat jemand eine Reihe Stimmen generiert, und dann die dann zusammengeschnitten. An den Übergängen wurde nicht sauber gearbeitet und da tritt dann jeweils dieses Pumpen auf. Auch bei den Störgeräuschen. Sie klingen auch einfach zu spitz, im Gegensatz zu den Stimmen. Die Stimmen haben auch viel zu viel Emotion, so, als wollte man den üblichen Rahmen noch erhöhen, um sie echt wirken zu lassen. Völlig gestellt. Also aus meiner Sicht eine klare Fälschung."

"Danke Herr Svetik. Hat die Beklagtenseite Fragen?"

Andre legte los: "Ja klar. Wie viel Erfahrung haben sie in ihrem Fachgebiet?"

"Ich mache diese Analysen seit etwa zwei Jahren."

"Und wie viele künstlich hergestellte und echte Tonaufnahmen haben sie schon verglichen?"

"So einige."

"Das ist mir jetzt aber zu unbestimmt. Geht das nicht genauer? Waren es eher 10, eher 100 oder 1000?"

"So genau weiß ich das nicht. Ich denke, es waren etwa 20. Eher 15."

"Viel Erfahrung ist das aber nicht. Haben sie die Eigenheiten des Gerätes berücksichtigt, mit dem die Aufnahme angeblich gemacht wurde?"

"Was meinen sie?"

"Der Mitschnitt soll ja mit einem Samsung Galaxy S10 Plus erfolgt sein. Vielleicht kommt ja dieses Pumpen von der Software des Gerätes. Eine automatische Lautstärkeregelung neigt doch zu so etwas, oder irre ich mich?"

"Ja, das tritt durchaus auf."

"Also?"

"Ach so, nein, so ein Gerät hatte ich nicht zur Verfügung."

"Danke, Herr Swetik."

"Die Klägerseite?"

"Keine Fragen."

"Dann ist der Gutachter Herr Swetik jetzt entlassen. Wir unterbrechen die Verhandlung jetzt erst mal zur Mittagspause." Dann richtete sie die Stimme an alle: "Die Verhandlung ist zur Mittagspause unterbrochen, und zwar bis 14 Uhr." Alle erhoben sich, wir nun auch, und vor allem im Zuschauerbereich war jetzt ein anschwellendes Gemurmel zu hören. Meine dort sitzenden Freunde winkten mir zu und gingen zusammen mit den anderen aus dem Saal. Auch Evelyn saß dort, war ganz blass im Gesicht. Ihrem Gesicht war nichts zu entnehmen und meinem Blick wich sie jetzt aus. Die Klägerseite hatte es sehr eilig. Gleich vor dem Gerichtssaal hatten zwei von denen ein Handy in der Hand, und gaben im Befehlston irgendwas durch. Man sah deutlich, ihr Plan war den Bach heruntergegangen. Da war nichts mehr zu reparieren. Aber dafür würden sie sich jetzt vehement auf den zweiten Teil einschießen, die Vorgänge bei Mattsinvest.

-----------------------------------------------------------

Teil 38

Ein unerwartetes Wiedersehen

"Wollen wir auch was essen gehen?", fragte mich Andre.

"Klar, aber ich glaube, ich kriege keinen Bissen herunter."

"Kann ich verstehen", sagte Andre. "Zumindest einen Schluck trinken", sagte er. Er führte uns hinter das Gerichtsgebäude. Dicht daneben, in einer Seitenstraße, war ein ganz kleines indisches Restaurant. Wir gingen rein. Als mir der Duft des Essens der anderen Gäste in die Nase kam, bekam ich doch Hunger. Wir setzten uns und bestellten uns was. Natürlich nur nichtalkoholische Getränke. Jetzt knurrte mein Magen sogar.

"Lief doch gut für uns, oder?"

"In der Tat. Aber wir sollten die nicht unterschätzen. Alles kommt auf den ersten Zeugen an. Er scheint für die Gegenseite am stärksten zu sein, aber wir kennen seine schwache Stelle. Wenn er fällt, erhöht das die Chance, dass die anderen nicht lügen."

"Und was war das mit den Gutachtern?"

Andre seufzte. "Wir sagen dazu oft schon Gutachterunwesen. Man kann heutzutage alles kaufen. Selbst Gefälligkeitsgutachten. Aber da ich wusste, dass die einen aufbieten würden, habe ich auch einen beauftragt. Kann ja nicht schaden."

"Boah, ich bin so froh, wenn das alles vorbei ist. Wie hältst du das nur immer aus?", fragte ich Andre.

"Na, ganz einfach, das ist ja mein Job. Den mache ich einfach so gut wie möglich für meinen Mandanten, dann habe ich mir nichts vorzuwerfen. Letztlich hängt ja alles an den Richtern. In die kann man nicht hineinblicken."

"Mir schien unsere ganz aufgeschlossen zu sein."

"Stimmt. Da gibt es ganz andere. Oft bei Männern. Aber die Unwägbarkeiten sollte man nicht unterschätzen. Aber ich habe ein gutes Gefühl. Schon einen Plan für danach?"

"Meinst du heute, oder generell?"

"Beides."

"Heute vermutlich ausruhen, danach mich bei meinen Freunden bedanken. Eine kleine Party vielleicht." Ich sah seinen Blick. "Du wirst natürlich auch eingeladen."

"Oh, wie gnädig. Egal, wie es ausgeht?"

"Wir werden gewinnen!"

"Das ist die richtige Einstellung!" Unsere Getränke kamen und Andre fragte mich ein wenig über Evelyn aus, die unser Konzept für heute ja so ein wenig aus der Bahn geschmissen hatte, wenngleich nicht unbedingt zu unseren Ungunsten. Ich erzählte ihm also ein wenig von den ersten Anfängen bis zu ihrem Unfall mit Uwe, dann kam schon unser Essen. Zwischendurch klingelte das Handy von Andre und er sprach kurz mit jemandem und kritzelte etwas auf einen Zettel. Auf dem Rückweg zum Gerichtsgebäude erzählte ich ihm den Rest. Ein wenig lachen musste er, als ich ihm meine Begegnung mit ihr in der Rehaklinik ausbreitete. Ich rief dann auch noch kurz Tessa an, die mir erzählte, was sie alles mit Justus gemacht hatte, und dass es ihm gut ging, und er momentan Mittagsschlaf hielt. Dann war es auch schon fast soweit. Meine innere Anspannung stieg wieder.

Ich wagte einen Blick zur Zeugenbank für die Nachmittagszeugen. Da saßen drei Herren und zwei Damen. Die eine Frau hatte ich schon mal gesehen. Einer der Herren war jemand vom Vorstand, er war bei der Beerdigung von Uwe dabei gewesen. Daneben saß Piere. Er bot ein Bild des Jammers. Marco von der Xanadu GmbH warf mir einen recht feindseligen Blick zu. Eine von den Frauen mit dem Kopftuch ging gerade an mir vorbei, und schaute mich scheu an. Die Augen! Ich hatte das Gefühl, diese Augen schon mal gesehen zu haben. Aber mir fiel beim besten Willen nicht ein, wer von meinem Bekanntenkreis so eine Knollennase hatte.

Wir nahmen Platz und der Zuschauerraum füllte sich, die Richter kamen herein, wieder das Erheben, und dann ging es weiter. Zunächst kam die Zeugenbelehrung. Als die Zeugen den Saal verlassen hatten, setzte die Richterin die Verhandlung fort. Sie fragte die Klägerseite. "Konnten sie das Original des Vertrages ausfindig machen? Das würde ich gerne vergleichen."

"Die Dokumente sind auf dem Weg. Wir erwarten sie in einer guten Stunde."

"Dann ist jetzt die Verteidigung an der Reihe."

Andre aktivierte sein Mikrofon. "Frau Vorsitzende, wir würden jetzt gerne den Zeugen Piere Weißgerber befragen", sagte Andre.

"Holen Sie bitte den Zeugen Weißgerber herein", sagte sie zum Gerichtsdiener. Ich wagte einen kurzen Blick zu Evelyn. Sie war nun richtig kreidebleich geworden.

Piere erschien, und nahm im Zeugenstuhl Platz. Die Richterin bat ihn, seine Daten mitzuteilen.

"Ich heiße Piere Weißgerber, wohnhaft in Hamburg, Kuhredder Nummer 15f, und bin im Moment arbeitslos. Also freigestellt."

"Freigestellt von welcher Firma?"

Piere blickte zur Klägerseite. "Von Mattsinvest."

"Welche Position hatten sie dort inne?"

"Ich war bis vor kurzem der Geschäftsführer."

"Verstehe." Sie blickte zu Andre. "Legen sie los!"

"Herr Weißgerber, Sie waren ja der Geschäftsführer, und damals und bis vor kurzem mit allen Vorgängen vertraut, welche mit der hier verhandelten Sache zu tun haben. Wurden sie in dieser Sache jemals irgendwann unter Druck gesetzt?"

"Wie meinen sie das?"

"Also, hatte jemand ihnen oder einer ihnen nahestehenden Person gedroht, um etwas zu erreichen, was sie eigentlich nicht wollten? Oder hat sie irgendjemand beeinflusst in Bezug auf ihre heutige Zeugenaussage?"

"Nein, sicher nicht."

"Wirklich nicht? Herr Weißgerber, Sie sind als Zeuge verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Wenn sie falsch aussagen, kann das eine Geld- oder Gefängnisstrafe zur Folge haben. Ist ihnen das bewusst?"

"Ja, das weiß ich."

"Dann will ich ihnen eine letzte Brücke bauen: Kennen sie diesen Gegenstand?" Andre hielt das Bild hoch, welches ich heute früh noch vom Teddy gemacht und ausgedruckt hatte, bevor das originale Beweisstück Richtung Staatsanwaltschaft gegangen war. Ich warf einen kurzen Blick zu Evelyn hin, die darüber wohl sehr erstaunt war, und wie zur Säule erstarrt schien.

Auch Piere war ganz erstaunt, sogar erschrocken, und die Richterin war auch sehr erstaunt. Nun intervenierte die Gegenseite. "Frau Vorsitzende, wir protestieren, dass die Gegenseite hier irgendwelche angeblichen Beweise aus dem Hut zaubert, welche den Zeugen verunsichern sollen. Das ist nicht …"

Die Richterin grätschte dazwischen. "Sie kennen doch die ZPO. Hier ist kein Strafgericht. Jede Partei kann auch mitgebrachte Beweismittel in den Prozess einführen, wenn diese der Wahrheitsfindung dienen. Die Verteidigung wird sicher gleich erklären, welche Rolle dieses Bild spielt."

"Das können wir", sagte Andre. "Der Gegenstand, den dieses Bild zeigt, wurde heute Morgen auf der Fußmatte des Hauses abgelegt, in dem der Zeuge Herr Weißgerber wohnt. Der Gegenstand selbst ist in diesen Minuten auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft. Es handelt sich um einen Teddy, dessen Mund zugenäht ist, dessen Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden und darin befand sich eine Patrone. Die KTU wird klären, ob es sich um eine echte Patrone handelt. Wir wissen alle, was das bedeutet. Der Zeuge sollte den Mund halten, sonst …! Also, nochmal die Frage an den Zeugen: Wurden Sie, eventuell in Zusammenhang mit diesem Gegenstand, beeinflusst für ihre heutige Zeugenaussage?"

Piere war mittlerweile ganz blass geworden. "Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe da ein Zeugnisverweigerungsrecht", stammelte er, fast schon stotternd.

Ich öffnete nun meinen Blazer und stand auf. "Mensch Piere, sag endlich die Wahrheit!" rief ich zu ihm, ohne mein Mikro zu aktivieren.

"Frau Neuhaus, bitte mäßigen Sie sich", sagte die Richterin mit scharfer Stimme zu mir. Piere blickte auf. Dann sah er, was auf meinem Oberteil in aller Schnelle, und mit der Hand geschrieben stand. Dort stand: 'Evelyn didn't kill him! And Justus ist save!' Ich setzte mich wieder hin. Piere drehte sich um und schien Evelyn im Zuschauerraum zu suchen. Sie nickte ihm zu, hatte dabei aber Tränen in den Augen. Auch Piere bekam jetzt Tränen und fing sogar an zu weinen. Die Richterin ließ ihn gewähren. Im Saal war es ansonsten mucksmäuschenstill.

"Mein Sohn …", sagte er dann mit tränenerstickter Stimme.

"Ihr Sohn Justus ist in Sicherheit", sagte Andre in sein Mikrofon.

Dann begann Piere. "Dieser Teddy lag heute früh auf meiner Fußmatte, als ich die Zeitung reingeholt habe."

"Können Sie beschreiben, was das für ein Teddy war?", fragte die Richterin.

"Sein Mund war zugenäht. Seine Arme waren auf den Rücken gebunden und darin befand sich eine Patrone."

"Jemand wollte also damit ihre Zeugenaussage beeinflussen, richtig?"

"Ja, ich denke schon. Ich hab diesen Teddy versteckt, aber meine Frau muss ihn wohl gefunden haben." Piere drehte sich erneut zu Evelyn um.

"Ich denke, ihre Frau hat das richtig gemacht", sagte die Richterin. Piere schüttelte den Kopf. "Nein, nein …"

Andre schaltete sich ein. "Frau Vorsitzende, wir bitten darum, dem Zeugen das Beweisvideo B103 vorzuspielen."

"Spielen Sie bitte das Video ab", sagte die Richterin zum Gerichtsdiener. Der Film startete. Es war der mit Evelyn, dieser verpixelte, von Piere verschickte Film. Piere bekam große Augen, fiel regelrecht in sich zusammen, schüttelte den Kopf. Ein kurzer Seitenblick zu Evelyn zeigte mir, dass sie sehr erschrocken war. Damit hatten wohl beide nicht gerechnet, dass wir so weit gehen würden.

Andre setzte nach. "Ich kann ihnen das leider nicht ersparen, aber können sie dem Gericht sagen, was wir hier sehen?"

"Nein! Nein! Ich kann … brauche nicht gegen nahe Angehörige aussagen."

"Was ist das für ein Video? Woher kommt das? Zeigt das ein Tötungsdelikt?", fragte die Richterin.

Andre antwortete an seiner Stelle. "Das Video stammt vom Zeugen selbst, und er hat es der Beklagten geschickt. Im Original hat es auch richtigen Ton. Er müsste davon auch die unverpixelte Variante besitzen. Es zeigt vermutlich ein Tötungsdelikt. Aber wie wir mittlerweile wissen, wurde das Video geschnitten, und zwar derart, dass der Zeuge geglaubt hatte oder glauben sollte, eine nahe Angehörige hätte dieses Delikt begangen. Ziel war es, ihn damit unter Druck zu setzen."

"Stimmt das?", fragte die Richterin Piere.

"Ja", antwortete Piere. Murmeln im Gerichtssaal.

"Der Zeuge weiß aber nicht, dass es in Wirklichkeit ganz anders war. Wir bitten um das Abspielen von Video B104", sagte Andre.

"Bitte spielen Sie das Video ab", sagte die Richterin wieder zum Gerichtsdiener.

Das Video startete. Piere schaute wie entgeistert drauf. Die ersten Szenen mit der Vergewaltigung von Evelyn hatten wir bei dieser Version natürlich herausgeschnitten, und auch die Schnipsel, auf denen sie nackt war, waren verpixelt, aber das Geschehen war auch so ausreichend erkennbar. Gemurmel im Gerichtssaal begann, was sich dann aber wieder legte.

"Frau Vorsitzende, das ist ein bearbeitetes Video. Wir haben einige Sachen herausgeschnitten, welche für die Öffentlichkeit nicht geeignet sind.", sagte Andre.

"Wieso sind da so viele Lücken drinnen? Und warum sind sie damit nicht zur Staatsanwaltschaft gegangen?"

"Meine Kollegin ist momentan gerade dort und erstattet damit und mit weiteren Beweismitteln Anzeige wegen Erpressung und weiteren Delikten gegen eine bestimmte Person, und wegen Totschlags gegen eine andere Person. Wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr des Drahtziehers können wir momentan nicht viel mehr dazu sagen. Sagen können wir aber, dass der Zeuge damit massiv beeinflusst wurde. Er musste ja anhand des geschnittenen Films von einem ganz anderen Sachverhalt ausgehen. Die Filmfragmente befanden sich im Ordner namens 'wiederhergestellte Dateien und Fragmente' auf einem USB-Stick, offenbar aus einem wiederhergestellten Datenträger, der Frau Neuhaus anonym zugeschickt wurde. Da der auf dem originalen Datenträger irgendwann befindliche Ursprungsfilm wohl später gelöscht wurde, sind Teile der Datei von anderen Dateien überschrieben worden. Daher sind vom gesamten Film nur Fragmente übergeblieben, die wir zusammengesetzt haben. Aber sie zeigen ausreichend, dass die nahe Angehörige, damals die Freundin des Zeugen und heute seine Ehefrau, die zu sehende Tat nicht begangen hat. Wir hoffen, dass der Zeuge aufgrund der neuen Erkenntnisse nun die Wahrheit sagt."

Ich beobachtete bei Andres' Ausführungen Evelyn. Von ihr schien nun eine Riesenlast abzufallen. Piere drehte sich auch prompt um, und Evelyn nickte.

Andre fuhr fort: "Herr Weißgerber, können Sie sich erklären, wieso jemand wissen konnte, dass man Sie mit diesem Video erpressen konnte?"

"Nein, wirklich nicht. Dann hätte ja eine Person, die bei dieser Tat dabei gewesen war, meine Frau und mich in Zusammenhang bringen müssen. Und die Verbindung mit der Firma …? Dann hätte der ja auch wissen müssen, dass meine Freundin und die Frau damals von der Tat ein und dieselbe Person sind. Aber es könnte sein … nein, das kann nicht sein!"

"Was denn?", fragte Andre.

"Ein Großaktionär hat einmal einige andere Mitaktionäre mitgebracht. Mitglieder seiner Familie. Aber genau … weiß ich es natürlich nicht. Allerdings hatte mich meine Freundin Evelyn damals auch oft in der Firma besucht. Kann also sein, dass einer von denen Evelyn dort gesehen hat."

Er drehte sich zu Evelyn um, die mit den Schultern zuckte.

Andre setzte nach: "Dann kommen wir wieder zu den Ereignissen zurück. Beginnen Sie bei den erstmals auftretenden Unstimmigkeiten oder Problemen."

Piere fing an. "Es war so etwa im Frühjahr 2019, als sich erstmals abzeichnete, dass unsere Firma auf eine gefährliche Schieflage zusteuerte. Dann unterbreitete uns dieser Großaktionär einen Plan. Er hatte zusammen mit seiner Familie die Sperrminorität und somit erheblichen Einfluss. Wir ließen den Plan prüfen. Es war zwar durchaus eine Möglichkeit, die Firma zu retten, aber unter diesen Voraussetzungen … wir hatten uns zunächst dagegen entschieden. Aber dann bekam ich dieses Video zugeschickt, zusammen mit Anweisungen. Es kam wegen meiner Intervention, die ich dann ja machen musste, zu dieser denkwürdigen Sitzung mit Abstimmung, und die Frau Neuhaus …"

Der Anwalt der Klägerseite schaltete sich ein: "Einspruch, Frau Vorsitzende! Der Zeuge ist unglaubwürdig! Wie wir erfahren haben, unterhält Herr Weißgerber eine Affäre mit der Beklagten Frau Neuhaus."

"Stimmt das, Frau Neuhaus?", fragte mich die Richterin.

"Nein, das stimmt so nicht. Ich hatte da mal was mit ihm. Aber eine Affäre würde ich das nicht nennen, die macht man ja heimlich. Es war eher eine lose Beziehung, und begann in etwa nach dem Tod meines Mannes. Sie endete, als ich im Jahre 2023 meinen schweren Verkehrsunfall hatte. Und heutzutage haben wir ein … ich würde sagen, sehr angespanntes Verhältnis. Eher gar keines."

"Er sagt die Wahrheit. Ich war auch bei der Sitzung dabei", kam es auf einmal aus Richtung Zuschauerraum. Die Stimme kannte ich. Ich schaute hin. Die Frau mit dem Kopftuch, die, bei der ich die Augen scheinbar erkannt hatte. Die riss sich jetzt das Kopftuch herunter. Im selben Moment realisierte ich, woher ich die Stimme kenne. Es war die Stimme von Uwe! Von Uwe!!!! Aber wie kann diese Frau denn wie Uwe sprechen? Mein Puls stieg in ungeahnte Höhen. Immer weiter entblätterte sich die Frau, riss sich eine aufgeklebte Nase, eine Perücke, und Teile ihrer Kleidung herunter, und zum Vorschein kam – Uwe. Leibhaftig Uwe!!!! Er ging während seiner Teilentkleidung weiter auf den Bereich mit uns Prozessbeteiligten zu. Nein, das kann doch nicht sein!!!

-----------------------------------------------------------

Teil 39

Der Auftritt des lebenden Toten

Aber es war unverkennbar. Vor mir, keine drei Meter entfernt, stand tatsächlich Uwe, wie ein lebendig gewordener Geist. Keine Zweifel möglich. In mir ging eine Heizung an. Millionen Grad, wie in einem Fusionsreaktor. Gleichzeitig rann mir ein eiskalter Schauer den Rücken herunter. Ich stand voll unter Dampf und fühlte mich wie unter einer Glocke, nahm meine Umgebung gar nicht mehr wahr. Stattdessen verschwamm alles. Ich bekam einen Tunnelblick. Ich sah nur noch Uwe, wie er da so im vorderen Zuschauerbereich stand. Außerdem fingen meine Ohren an zu dröhnen. Sehr schnell wurde das Dröhnen ohrenbetäubend und ich realisierte, dass ich kurz vor einer Ohnmacht stehen müsste. Es gab nur noch mich, und meinen toten Mann Uwe, der in einigen Metern Entfernung vor mir stand. Ich hielt das nicht länger aus, stand auf, ging wie fremdgesteuert zu Uwe hin, schaute ihn einige Sekunden wie hasserfüllt an, verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, und ging wieder zurück. Erst dort realisierte ich, was ich gemacht hatte. Es war triebgesteuert gewesen, ohne Nachdenken.

"Frau Neuhaus, was machen Sie denn da? Bitte setzen Sie sich wieder hin! Noch so eine Störung, und ich werde sie von der Verhandlung ausschließen!"

"Bitte machen Sie das nicht! Ich hab's verdient", sagte Uwe zu ihr.

"Hat Frau Neuhaus sie verletzt? Möchten Sie Anzeige erstatten?"

"Nein, ich möchte aussagen!"

"Wer sind sie denn?"

"Ich bin Uwe Neuhaus. Der Ehemann der Beklagten." Gemurmel im Saal.

"Ruhe!", rief die Richterin. "Ich verstehe nicht. Frau Neuhaus hat angegeben, verwitwet zu sein!"

"Sie wusste nicht, dass ich noch lebe. Ich war untergetaucht."

"Können Sie sich ausweisen?"

"Ich habe nur einen uralten, abgelaufenen Ausweis. Aber einen Führerschein mit Bild. Ich habe ja unter falscher Identität gelebt. Es gab da so einige rechtlich sehr bedenkliche Vorfälle …"

Aus Richtung des Publikums kam: "Frau Vorsitzende, ich muss hier an dieser Stelle intervenieren. Alicia Schulte, Rechtsanwältin. Ich denke, es ist dringend angeraten, den Zeugen vor seiner Aussage juristisch zu beraten. Hier scheint es sich ja in Richtung Strafrecht zu bewegen. Ich würde den Zeugen beraten und vertreten, sein Einverständnis vorausgesetzt. Sonst könnte seine Aussage einem späteren Beweisverwertungsverbot unterliegen." Eine Frau mit blonden, kurzen Haaren und einer dünnen, modischen Hornbrille war aufgestanden und schaute die Richterin an.

"Ja, Frau Schulte, machen Sie das."

Sie sprach ihn an. "Herr … Neuhaus!"

Uwe wandte sich ihr zu, und die beiden gingen aus dem Saal.

Ich ging auch, nämlich mein Ich. Ich spürte, dass ich immer noch kurz vor einer Ohnmacht war. Mir war schwindelig, alles drehte sich. Und ich merkte, dass ich dabei war, zu hyperventilieren, bekam Schnappatmung. Ist doch kein Wunder bei der Sache, oder? Es wurde immer schlimmer, Andre sah es wohl, sprach: "Frau Vorsitzende, meiner Mandantin geht es angesichts des unerwarteten Auftauchens ihres vermeintlich verstorbenen Gatten nicht gut. Wir bitten um eine kurze Unterbrechung."

"Stattgegeben. Wir unterbrechen die Sitzung für zehn Minuten."

"Kommen Sie, wir gehen mal kurz raus", sagte Andre. Ich war innerlich kaum noch anwesend, schaffte es aber, aufzustehen, und ging mit ihm mit. Er hatte mich untergehakt, und ich ging wie eine Greisin. Andre schloss die Tür des Gerichtssaales hinter uns. Er führte mich einige Schritte zur Seite, lehnte mich an die Wand, fasste mich an den Schultern, und redete auf mich ein, ruhiger zu atmen. Es wirkte und ich versuchte, zur Besinnung zu kommen. Hinten in der Ecke sah ich diese Verteidigerin auf Uwe einreden. Ab und an warfen beide einen Blick zu mir hin, wohl um zu schauen, ob ich mich wieder erholt hatte. "Tief durchatmen", sagte Andre. "Ich kann gut nachfühlen, wie sie sich jetzt fühlen."

"Aber das kann doch nicht sein! Wieso macht der das? Der gehört ins Grab!" Diese Worte stieß ich einzeln während meines Schnappatmung-Anfalles heraus.

"Was immer da passiert ist, wir werden das erfahren oder herausfinden. Reißen Sie sich zusammen. Bitte!" Ich schwieg eine ganze Weile, und merkte, wie wieder etwas Blut in meinen Körper strömte. Ich fühlte diesen wieder. Andre schaute mir weiter mitfühlend ins Gesicht. Die Anwältin von Uwe hatte mittlerweile ein Handy gezückt und telefonierte mit irgendwem. Nach einer Weile fragte Andre: "Geht's wieder?"

"Ich glaube ja."

"Dann kommen sie." Wir gingen wieder hinein, und ich bekam noch mit, dass diese Anwältin und hinter ihr Uwe ebenfalls wieder den Gerichtssaal betraten. Ich blickte mich um. Die anderen saßen alle noch da. Wir nahmen wieder unseren Platz ein. Uwe trat wieder vor, seine Anwältin an seiner Seite.

"Wir führen die Verhandlung weiter. Frau Neuhaus, ist das ihr Mann?"

Ich stand immer noch unter Schock. "Nein, ich bin Witwe. Witwe!" Dann gab ich mir einen Ruck. "Ja, er sieht aus wie mein toter Mann und spricht auch so."

"Ich bin nicht verstorben", sagte Uwe.

"Das ist wirklich Uwe Neuhaus", sagte Piere, der immer noch in seinem Zeugenstuhl saß, und auch ein wenig geschockt wirkte, wenngleich nicht so stark wie ich.

"Das Muttermal hinter dem rechten Ohr", sagte ich. "Uwe hat dort ein Muttermal, so ähnlich aussehend wie die Landmasse von Kanada."

"Können Sie das zeigen?", fragte die Richterin. Uwe trat zur Richterin hin und verdrehte sein Ohr. Es stimmte, er hatte dort so ein ovales Teil mit Einbuchtung.

"Kann ich denn jetzt aussagen?", fragte Uwe.

Die Gegenseite schaltete sich ein. "Einspruch, Frau Vorsitzende! Die Beklagte kann doch nicht einfach einen Zeugen einbringen und mitbringen! Das ist ja …"

"Hier gilt das Gleiche wie bei Beweisstücken. Im Zivilprozess kann auch jeder Beklagte einen Zeugen mitbringen. Wir sind hier nicht im Strafprozess. Und wie mir scheint, hat dieser unerwartete Zeuge doch so einiges an Erkenntnissen beizutragen. Eine weitere positiv bescheinigte Prozedur bezüglich des Wiederauftauchens natürlich vorausgesetzt."

"Kann ich jetzt aussagen?", fragte Uwe.

"Ja, aber wir würden erst gerne den Zeugen Weißgerber zu Ende hören. Bitte nehmen Sie draußen auf der Zeugenbank Platz. Gerichtsdiener!"

Er führte Uwe nach draußen. Seine Anwältin ging mit. Auch jemand anderes vom Zuschauerraum stand auf und verließ den Saal.

In mir drin war der Plattenspieler kaputt. Oder die Platte. Sie spielte immer wieder dieselbe Rille ab. 'Uwe lebt! Uwe lebt! Uwe lebt!' Piere fuhr fort zu erzählen, aber ich nahm es gar nicht mehr wahr. Nur noch 'Uwe lebt!' Ich war voll im falschen Film.

Irgendwann drang ein "Frau Neuhaus?" an meine Ohren, und Andre stieß mich an.

"Alles okay?", flüsterte er.

"Sorry, Frau Vorsitzende. Können Sie die Frage noch mal wiederholen?"

"Ob es stimmt, dass sie die gestohlenen Firmengelder an die Firma Mattsinvest zurückgegeben haben."

Verdammt! Da musste ich ja so einiges von Pieres Ausführungen verpasst haben. "Natürlich, ich wusste ja damals noch nichts davon, dass das Geld dazu benutzt werden sollte, um damit Menschenrechtsverletzungen zu finanzieren. Ich musste zu diesem Zeitpunkt ja davon ausgehen, dass mein durchgebrannter Mann das für sich selbst verwenden wollte."

"Herr Weißgerber, hat ihre Firma den Vorgang an die Polizei gemeldet?"

"Nein, wir hatten ja das Geld wiederbekommen, somit konnte die Umstrukturierung weitergehen. Sonst wäre es zur Insolvenz gekommen. Wir wollten das nicht an die große Glocke hängen, wegen unserer Reputation."

"Und der Geldverlust hätte dem Großaktionär einen empfindlichen Verlust beschert?"

"Aber ja, sicher doch. Es waren mehrere Aktionäre aus dieser Familie. Aber federführend war tatsächlich Herr Bremer. Er tritt nur selten in den Vordergrund, und man kann es ihm wohl nicht nachweisen, aber es war offensichtlich, dass er hinter dem Video stand. Aber ich hatte damals keine Wahl. Ich musste das Projekt weiterführen. Trotz meiner … unserer Bedenken."

"Das bedeutet aber, dass Frau Neuhaus recht hatte? Also der von ihr gepostete Audiomitschnitt war echt, ja?"

"Meiner Erinnerung nach war es genauso gewesen. Ihr Mann Uwe war dagegen, Larissa Möhring auch, und die anderen haben dann dem Plan zugestimmt, sicher auch wegen des in einer Firma üblichen Konfirmationsdrucks. Es war so grauenhaft, aber ich musste das tun!"

Der Anwalt der Klägerseite meldete sich. "Frau Vorsitzende, wir möchten der Beklagten gerne ein Angebot unterbreiten. Wir würden die Klage zurückziehen, ihr Einverständnis vorausgesetzt."

"Frau Neuhaus, klären Sie das doch bitte mit Ihrem Verteidiger", sagte die Richterin.

"Sollen wir das machen?", fragte ich Andre.

"Auf keinen Fall! Wir haben doch praktisch schon fast gewonnen", flüsterte Andre. "Das würden die doch sonst nicht machen! Wenn wir uns darauf einlassen würden, könnte die Gegenseite sie irgendwann wieder verklagen. Dann hätten wir ein Damoklesschwert über uns hängen."

"Dann nicht."

"Die Beklagte stimmt der Zurückziehung nicht zu!", sagte Andre.

"Fahren Sie fort", sagte die Richterin. Auf der Seite der Kläger gab es mittlerweile seeeehr lange Gesichter. So sahen Verlierer aus.

"Was denken Sie denn, Herr Weißgerber, wer hat den Mittschnitt gemacht?"

"Ich denke, es war Uwe gewesen. Uwe Neuhaus. Er war am vehementesten gegen diesen Plan. Selbst dann noch, als alles schon beschlossen war, das Geld wieder verfügbar und die Firmenumstrukturierung begonnen hatte."

"Wie kann ich mir das vorstellen? Wie hätte er das machen können? Er hatte dann doch keine Hebel mehr."

"Wir, also der Vorstand und einige von der Geschäftsführung, bekamen eine Mail. Sie war anonym, aber anhand der darin stehenden Interna war klar, sie konnte nur von Uwe stammen und wurde auch mit seinem Namen unterzeichnet. Darin hat er uns mitgeteilt, dass er Kontakt mit der Presse aufgenommen hat, und vorhat, zusammen mit denen die ganze Schweinerei öffentlich zu machen."

"Und was haben sie daraufhin gemacht?"

"Wir haben beraten. Die Geschäftsführung, der Vorstand, und per Videokonferenz war auch unser Großaktionär Herr Bremer zugeschaltet. Und der sagte, wir sollen erst mal die Füße stillhalten, und er würde sich darum kümmern."

"Und das war es dann?"

"Ja, wir haben nichts in dieser Richtung gemacht, nur weiter die Umstrukturierung vorangetrieben. Da war ja wirklich viel zu tun, alles war im Umbruch."

"Hat der Herr Bremer denn gesagt, wie er das machen will?"

"Nein, nichts, noch nicht mal die kleinste Andeutung. Dann kam es ja später zum Unfall mit Herrn Neuhaus und meiner … damaligen Freundin, und ich war sehr erschrocken, dass er so weit gegangen ist. Ich habe hin und her überlegt, damit zur Polizei zu gehen, aber die kam dann zu mir. Und zwar nicht deswegen, sondern wegen irgendwelcher Drogen. Ich habe dann erst mal gemauert, und die Sache hat sich dann verlaufen, das ging dann mehr in Richtung privates Fluchtdrama. Ich war total geschockt: Meine Freundin lag im Koma, dann ihre Schwangerschaft. Ich konnte kaum noch schlafen, habe mir immer wieder Vorwürfe gemacht."

"Aber sie hatten doch mit dem Unfall nichts zu tun! Oder?"

"Nein, das nicht. Aber als ich damals das Video bekam, hatte ich meine Freundin auf Uwe Neuhaus angesetzt. Sie sollte nur versuchen, ihn auszuhorchen, um herauszukriegen, was er vorhat. Aber dann begannen die beiden ein Verhältnis und türmten, dann der Diebstahl der Projektgelder und eine Lawine begann, die ich nicht mehr stoppen konnte." Piere fing jetzt wieder an zu weinen, aber nur kurz, dann fing er sich wieder. "Wir haben versucht, alles unter der Decke zu halten. Wir haben die Beerdigung für den Mann von Frau Neuhaus ausgerichtet. Wir wussten ja nicht, dass er doch überlebt hatte." Er richtete jetzt eine Frage an mich: "Wer liegt denn da jetzt im Grab?"

"Herr Weißgerber, Sie haben kein Fragerecht an die Beklagte, außer Sie haben eine direkte Frage von ihr nicht verstanden!" Ich zuckte mit den Schultern. "Fahren Sie bitte fort."

"Dann verlief die Sache im Sande. Ich lernte Sandra – also Frau Neuhaus – näher kennen, und die Sache ging so lange, bis meine Freundin aus dem Wachkoma erwachte. Danach waren wir dann nur noch befreundet. Und eines Tages, nichts deutete vorher darauf hin, konfrontierte mich Frau Neuhaus mit den entdeckten Sachen. Das beendete unsere Freundschaft."

"Was haben sie dann unternommen?"

"Erst mal nichts. Ich hoffte, sie würde die Sache auf sich beruhen lassen. Aber dann tauchten die von ihr gewonnenen Erkenntnisse auf einmal auf ihrem Blog auf, die Sache zog immer größere Kreise."

"Die sie jetzt mit ihrer Klage noch größer gemacht haben", merkte die Richterin an.

"Das war nicht meine Idee. Natürlich bekam Herr Bremer Wind von der Sache, und er machte dann Andeutungen über ein Video, und ich wüsste schon, was ich zu machen habe."

"Meinte er damit, Frau Neuhaus zu beseitigen?"

"Nein, er sagte schon ganz konkret Rechtsmittel."

"Können Sie den genauen Wortlaut wiedergeben?"

"Ich versuche es. Er sagte: Piere, ich habe da von einem Problem gehört, und das heißt Sandra Neuhaus. Ich sagte: Ich weiß. Aber was sollen wir tun? Wir haben doch hier Meinungsfreiheit. Und er: Die steht nur auf dem Papier! Wozu gibt es Rechtsanwälte? Ich sagte: Das können wir doch nicht tun! Und er: Du musst. Ich habe gehört, es soll da so ein belastendes Video geben. Ich zähle auf dich. Und dann hat er aufgelegt."

"Mehr hat er nicht gesagt?"

"Es war nicht seine Sache, Dinge lang und breit auszuführen. Ich sagte ja schon, er hält sich gerne im Hintergrund. Man munkelt, dass er für bestimmte Sachen seine Leute hat."

"Und wie war das mit ihrer heutigen Zeugenaussage? Hat sie da der Herr Bremer auch instruiert?"

Piere schwieg kurz, überlegte wohl, ob er es sagen könnte. "Ja, er hatte mich gestern Abend angerufen und gesagt, ich wüsste schon, was ich auszusagen habe. Dann hatte er einfach aufgelegt. So etwas war typisch für ihn."

"Und dann gab es also heute früh diesen Teddy?"

"Ja, aber das kann ich natürlich nicht beweisen, dass er dahinterstand. In der Aufzeichnung der Türkamera war nur eine dunkel gekleidete Person zu erkennen."

"So-so. Können Sie mir erklären, wie das mit der Umstrukturierung war?"

"Ja klar. Es ging vor allem um unseren Gebäudebestand und die Gebäudebeteiligungen. Wir waren einfach überdehnt und konnten kurzfristige Verbindlichkeiten kaum noch bedienen. Wir haben also einen Teil des Bestandes, vor allem aber diejenigen, die nicht so rentabel waren, aber noch einen guten Verkaufspreis erzielten, auf den Markt geworfen. Das ging aber nur, weil wir noch nicht insolvent waren. Sonst hätte sie der Insolvenzverwalter mit einem erheblichen Nachlass verkaufen müssen. Dann hätte der Großaktionär, also die Familie von dem, so einiges verloren. Deshalb war der ja so hinterher, das neue Projekt in Afrika zu forcieren. Und Uwe, also Uwe Neuhaus, war ja bestens im Bilde, und wusste genau, an welchen Punkten man ansetzen musste, um die Firma in die Insolvenz zu treiben. Das hat er dann ja fast geschafft."

"Und das Afrika-Projekt war dann die Lösung?"

"Genau. Wissen Sie, so etwas lässt sich dort viel schneller verwirklichen. Die Fabrik stand innerhalb weniger Monate. In Deutschland hätte das Jahre gebraucht. Und es versprach eine schnelle und hohe Rendite. Die kam dann ja auch."

"Und davon profitierte dann der Herr oder die Familie Bremer?"

"Ja, erstmal natürlich die Dividende, und dann hat er noch einen weiteren Vorteil. Durch die neue Konkurrenz konnte er seine Kakaobohnen viel billiger beziehen. Er bezieht ja nicht nur welche von unserer Fabrik, sondern auch von anderen. Das neue Überangebot setzte natürlich die Preise unter Druck."

"Und das konnte er alles mit seinem Aktienanteil bewerkstelligen?"

"Das geht. Er hatte damit ja einen wirksamen Hebel, um weit höhere Vermögensbeträge zu steuern, als wenn er die Fabrik selbst komplett finanziert hätte. Seinen Aktienanteil hatte er ja relativ billig erhalten. Unsere Aktie stand damals sehr niedrig, fast schon auf Ramschniveau. Heute ist der Aktienwert mehr als 10-mal so hoch. Wir haben dann ja noch etliche andere Beteiligungen und Gebäude verkauft, vor allem Gewerbeimmobilien. Stattdessen haben wir in Mieterimmobilien investiert. Es war der richtige Zeitpunkt. Es kam dann ja Corona und Bürogebäude waren auf einmal nicht mehr so gefragt."

"Und diese Dinge, die da passiert sind, waren alle nicht meldepflichtig?"

"Nein. Also diese Erpressung hätte ich natürlich der Polizei melden müssen, aber dann hätte ich meine Freundin gefährdet. Die anderen Sachen nicht. Noch waren wir ja nicht zahlungsunfähig. Dann hätten wir eine Börsenmeldung abgeben müssen. Und von diesen Sachen in Afrika wussten wir ja nicht, ob es tatsächlich so war. Die Erkundigungen im Vorfeld gingen ja nur von einer Möglichkeit aus. Damals gab es für uns ja noch nicht das Lieferkettengesetz. Wir bekamen dann nur Besuch von der Börsenaufsicht, wegen Verdacht auf Insiderhandel."

"Was beinhaltete das?"

"Jemand hat auf den Kursanstieg unserer Aktie gewettet."

"Das war so eine Derivatwette, oder?"

"Genau. Ein sogenannter CFD. Das verlief aber im Sande. Es war jetzt auch kein Riesenbetrag. Man kann ja nur so viel wetten, wie man einsetzt, und jemand anders bereit ist, um diese Summe dagegenzuwetten. Es war ein Gewinn von unter 200.000 Euro entstanden und die Person konnte mit niemandem aus der Führungsebene von Mattsinvest in Verbindung gebracht werden. Laut SEC war das eine einzelne Person aus Mittelamerika, die da gewettet hatte." Ich merkte auf. Es war also nicht Uwe, der da gewettet hatte. Oder? Aber wer dann? Kannte Uwe den? Ein Strohmann?

"Also wohl Zufall?"

"Vermutlich, ja."

"Hat die Verteidigung noch Fragen an den Zeugen?"

Andre fragte: "Ja. Herr Weißgerber, solche Sitzungen, die wesentliche Änderungen der Firmenstruktur zur Folge haben, werden doch normalerweise protokolliert?"

"Ja, natürlich."

"Ist das auch in diesem Fall passiert?"

"Hinterher wurde ein Protokoll angefertigt, und dann archiviert."

"Also ein Schriftstück, oder?"

"Eine elektronische Akte."

"Als die Veröffentlichung von Frau Neuhaus passierte, wurde der Inhalt denn nicht mit der veröffentlichten Aufzeichnung abgeglichen?"

"Das wurde versucht, aber die Akte war nicht mehr auffindbar."

"Wie? Nur diese?"

"Nein, alle Akten zwischen Anfang März und Mitte August 2019."

"Wurden die gelöscht?"

"Nicht aktiv von uns. Es gab einen Hackerangriff."

"Wurde der untersucht?"

"Er kam aus der Türkei. Mehr war aber nicht herauszukriegen."

"Und wann war der Angriff?"

"Kurz nach der Veröffentlichung von Frau Neuhaus."

"Haben sie den Hackerangriff veranlasst?"

"Nein!"

"Nein? Trotzdem praktisch, oder?"

"Ist das jetzt eine Frage nach meiner Meinung dazu?"

"Bitte stellen Sie dem Zeugen keine Fragen über ihre Schlussfolgerungen!", mischte sich die Richterin ein.

"Was passierte danach?"

"Danach gab es eine Vorstandssitzung und ich wurde von meiner Aufgabe entbunden."

"Ging es um diesen Hackerangriff? Den Verlust der Daten?"

"Nein. Irgendwer hatte dem Vorstand etwas von meinem früheren Verhältnis mit Frau Neuhaus gesteckt."

Andre schaute mich an. Ich schüttelte den Kopf. "Keine weiteren Fragen, Frau Vorsitzende." Vermutlich hätten wir, oder auch ich, Piere noch weiter in die Mangel nehmen können, eigentlich wollte ich das sogar, aber das Auftauchen von Uwe hatte mein ganzes Konzept durcheinandergebracht. Außerdem tat mir Piere jetzt sogar ein wenig leid, weil er nicht nur Täter, sondern auch Opfer gewesen war.

"Die Klägerseite?"

"Herr Weißgerber, warum haben Sie uns das alles denn nicht gesagt?"

"Haben sie denn das Erpresservideo nicht gesehen? Das schwebte doch wie ein Damoklesschwert über mir. Und dann der Druck von diesem Bremer."

"Das können wir nachvollziehen, aber das hätte uns jetzt diese peinliche Vorstellung erspart. Wieso also zumindest nicht uns intern ins Bild gesetzt? Wir waren auf diese Entwicklung nicht vorbereitet, und sind von einem gesetzestreuen Vorgehen unsererseits ausgegangen."

"Ach so, ich verstehe! Sie, schuldlos? Ich bin doch kein Waschmittelverkäufer!"

"Herr Weißgerber, würden Sie die Frage der Klägerseite bitte vernünftig beantworten!"

Piere antwortete ihnen. "Das hätte nichts geändert. Sie haben mich ja ohnehin abberufen, weil sie mir das Vertrauen entzogen haben. Offenbar zu Recht. Ich bin als Zeuge nicht verpflichtet, irgendwelche Spekulationen zu tätigen. Nur Gesehenes, Gehörtes, Erlebtes, und eigene Taten wiedergeben. Maximal noch die Gefühle, die ich dabei hatte."

"Und wie waren ihre Gefühle?"

"Mies! Ich habe mich mies gefühlt. Sind sie jetzt zufrieden?"

Die Richterin schaltete sich ein. "Ich sehe jetzt auch nicht, inwiefern ihre Fragen dem Prozessgegenstand dienen sollen. Hier geht es um die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen ihrer Tochterfirma, und darum, ob und inwiefern ihre Firma davon wusste, also darum, ob Frau Neuhaus ihre Aussagen tätigen durfte."

"Wir haben ja bereits angeboten, die Klage zurückzuziehen."

"Und sie wurde verneint. Noch weitere sachdienliche Fragen an den Zeugen Herr Weißgerber?"

"Nein, keine."

"Herr Weißgerber, dann sind Sie als Zeuge entlassen."

"Darf ich denn am weiteren Prozess teilnehmen?"

"Wenn sie noch einen Platz im Zuschauerraum finden, gerne."

Piere stand auf, sichtlich erleichtert, und ging dorthin. Er gab der Person neben Evelyn, die ganz vorne saß, ein Zeichen, und die Person setzte sich woanders hin, dort, wo vorhin noch der verkleidete Uwe gesessen hatte. Ein netter Schachzug vom Zuschauer. Piere ergriff auch sogleich die Hand von Evelyn und die beiden schauten sich mehrere Sekunden lang an.

Die Richterin riss mich aus meinen Beobachtungen. "Will die Verteidigung noch weitere Zeugen aufrufen?"

"Wir möchten jetzt gerne den Zeugen Uwe Neuhaus befragen!", sagte Andre. Ich spürte regelrecht, wie ich mich versteifte.

"Bitte holen Sie den Zeugen Uwe Neuhaus herein." Der Gerichtsdiener brachte ihn, vorneweg ging seine neue Anwältin. Die Richterin belehrte ihn, da sie das ja nicht wie bei den anderen Zeugen im Vorwege machen konnte. Uwe zeigte seine beiden Ausweise vor. Die Richterin glich dann wohl die Bilder mit seinem Gesicht ab. Dann ging es los. Die Richterin fing an: "Herr Neuhaus, wir spielen Ihnen jetzt einen Mitschnitt vor. Bitte hören Sie genau zu." Sie gab dem Gerichtsdiener ein Zeichen und der spielte das Audio vor. "Kennen Sie diesen Mitschnitt?"

"Ja, klar kenne ich den. Ich habe den Mitschnitt selbst angefertigt."

"Warum?"

"Weil ich damals vermutet hatte, dass ich den bald benötigen würde. Man versucht gerne, solche Sachen unter der Decke zu halten, damit es nicht öffentlich bekannt wird. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich keinen Erfolg haben würde."

"Womit keinen Erfolg?"

"Mit dem Versuch, dieses unmenschliche Projekt zu stoppen. Es gab ja noch weitere, andere Pläne für die Gesundung der Firma. Welche, die weniger starke Veränderungen gebracht hätten. Ich war dafür, Piere, also Herr Weißgerber, der Geschäftsführer, anfangs auch, aber dann hat es sich gedreht. Es hätte bei den Alternativplänen länger gebraucht, auch weniger Rendite gebracht, aber nicht solche entsetzlichen Folgen gehabt. Man hat sich letzten Endes für die Rendite entschieden."

"Sie erwähnten bei der Sitzung ein Protokoll. Haben sie überprüft, ob das Protokoll die verhandelten Sachen korrekt beinhaltete?"

"Ich war gleich nach der Sitzung gebeten worden, ein Projekt in Kopenhagen zu betreuen. Aber von unterwegs hatte ich es kontrolliert, es stand alles korrekt drin. Dennoch war ich froh, die Aufzeichnung angefertigt zu haben. Als Beweis."

"Wollten sie ihre Firma mit dem Mittschnitt erpressen?"

"Sie müssen auf diese Frage nicht antworten", sagte seine Anwältin.

"Nein, aber ich wollte es an die Presse geben. Aber zuerst habe ich etwas anderes versucht."

"Was war das?"

"Sie müssen sich nicht selbst belasten", sagte seine Anwältin.

"Ich habe Geld von zwei Projekten abgezogen, von denen ich wusste, dass sie die Insolvenz der Firma auslösen würden. Dann hätte der Insolvenzverwalter diesen Irrsinn stoppen können."

"Sie meinen konkret Diebstahl?"

"Nein, temporäre Aneignung zur Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen. Das hat dann aber meine Frau verhindert. Unwissentlich, hoffe ich." Er blickte mich dabei nicht an, aber ich wusste, dieser Nachsatz galt mir. "Ich hatte der Firma dann, als das Geld wieder bei denen war, mitgeteilt, dass ich die Sache öffentlich machen werde, und danach mit der Presse verhandelt. Ich war damals in einem Hotel in Italien, als auf einmal einige Tage später dieser Bulldog am Tresen des Hotels stand, in dem ich mich unter falschem Namen aufgehalten hatte. Man hat mich also trotz Tarnung aufgespürt. Zumindest meinen Aufenthaltsort. Ich versuchte dann erstmal, meine Spuren zu verwischen …"

"Moment! Welcher Bulldog?", fragte die Richterin.

"Na, der Mann für alle Fälle von diesem Aktionär, diesem Bremer. Er hat ihn einmal bei den Vorgesprächen dabeigehabt. Sehr respektseinflößend. Ich glaube, genau aus diesem Grund hatte er ihn auch mitgebracht. Um die anderen einzuschüchtern."

"Hat der auch einen Namen?"

"Ich kenne nur seinen Rufnamen. Pjotr."

Andre schaltete sein Mikro ein. "Frau Vorsitzende, vermutlich handelt es sich um Pjotr Sikowski. Dem damaligen Einbrecher im Haus von Frau Neuhaus."

Es war das erste Mal, dass Uwe mich während seiner Aussage ansah. "Fahren Sie fort", sagte die Richterin zu ihm.

Uwe löste seinen Blick wieder von mir. "Ich versuchte also, meine Spuren weiter zu verwischen, die Verfolger auf eine falsche Fährte zu locken, da kam dann aber ein privates Problem dazwischen, es gab einen Unfall."

"Können Sie das näher erläutern?"

Die Anwältin mischte sich ein. "Frau Vorsitzende, das kann mein Mandant momentan nicht. Wir haben für morgen schon einen Termin beim Staatsanwalt und streben eine Verständigung anhand eines umfassenden Geständnisses an."

"Was können sie sonst noch sagen?", fragte die Richterin.

"Ich wurde beim Unfall ziemlich schwer verletzt, dann riss mein Kontakt zur Presse ab, alles ging den Bach herunter. Ich habe verfolgt, dass ich für tot erklärt wurde. Trotzdem habe ich es noch mal versucht, als ich wieder halbwegs genesen war. Mit einem Handy habe ich mit verstellter Stimme einen anonymen Anruf bei Bremer getätigt, mich als Pressevertreter ausgegeben, und mit der Veröffentlichung des Materials gedroht, wenn sie das Projekt nicht stoppen."

"Und dieser Herr Bremer hat sich also nicht darauf eingelassen, oder?", fragte die Richterin.

"Nein, hat er nicht. Also, er hat versucht, mich hinzuhalten. Ich sollte ihm erst mein Material zeigen. Mir war klar, das würde eine Falle sein. Erst müsste ich mir also was überlegen. Und dann habe ich einen Fehler gemacht. Dass ich natürlich nicht so dumm bin, das Material mit mir zu führen, sagte ich. Es wäre sicher bei jemanden verwahrt. Deshalb gab es dann später wohl diesen Einbruch im Haus meiner Frau. Dann habe ich das Gespräch beendet. Während ich noch überlegte, wie ich die weitere Sache gefahrlos bewerkstelligen könnte, passierte wieder etwas. Am Tage darauf wollte ich in mein Hotel gehen, da sah ich ihn. Diesen Pjotr. Auch er sah mich, zog sofort eine Pistole, und verfolgte mich, als ich flüchtete. Die hatten mich also trotz des anonymen Anrufs aufspüren können, obwohl ich in einem ganz anderen Hotel und in einer anderen Stadt in Italien residierte."

Sofort kam mir die Ungeheuerlichkeit seiner Aussage in den Sinn. Zumindest Bremer wusste dann also, dass Uwe noch am Leben war. Hatte er es Piere etwa auch gesagt? Aber die Richterin riss mich sogleich wieder aus meinen Gedanken.

"Sie konnten also entkommen?"

"Ich konnte in einen Bus springen, der gerade abfuhr. Später hatte ich einen Hotelangestellten beauftragt, meine Sachen zu holen, und habe mich dann im asiatischen Ausland versteckt, mehrere Jahre. Ich wusste, dass ich da jetzt nichts mehr ändern konnte. Ich wäre nur erneut zur Zielscheibe geworden."

"Und wieso sind sie jetzt doch hierher zum Prozess gekommen?"

Uwe schaute mich kurz an. "Ich stand tief in der Schuld meiner Frau. Ich wollte ihr helfen, wenigstens einen kleinen Teil des Kummers abtragen, den sie meinetwegen gehabt hatte. Ich dachte, ich wäre der einzige, der sie jetzt noch vor diesen geldgierigen Haien retten könnte. Als die da versucht haben, die Glaubwürdigkeit von Piere, also Herrn Weißgerber zu untergraben, musste ich eingreifen." Ich setzte bereits an, 'Exfrau' zu sagen, aber Andre legte mir in weiser Voraussicht seine Hand auf den Arm und ich ließ es sein.

"Wen meinen Sie mit Haien?"

"Na die Typen von meiner ehemaligen Firma. Und allen voran dieser Großaktionär Bremer."

"Und wieso diese Maskerade hier im Gerichtssaal?"

"Ich hatte Befürchtungen, man würde verhindern, dass ich hier vor Gericht aussage."

"Ist das nicht ein wenig übertrieben?" Uwe zuckte die Schultern. "Bitte sprechen Sie in das Mikrofon!"

"Ich denke nein. Sie haben ja gehört, wie man mich gejagt hat."

"Gab es denn eine weitere Drohung gegen sie?"

"Nein, ich war ja mit falschem Namen untergetaucht. Ich hatte versucht, keine Spuren zu hinterlassen."

Seine Anwältin schaltete sich ein. "Frau Vorsitzende, ich denke, mein Mandant hat jetzt genügend dazu beigetragen, dass diese Sache erhellt wird. Ich werde ihm raten, keine weiteren Aussagen mehr zu tätigen, um sich nicht selbst zu belasten. Mein Mandant hat mir bereits einen groben Abriss gegeben. Der Rest ist eher privater Natur und nicht dazu geeignet, den hier verhandelten Sachverhalt weiter aufzuklären."

"Gut, dann ist der Zeuge Uwe Neuhaus entlassen. Bitte verlassen Sie auch den Saal." Uwe erhob sich und ging hinaus. Das war nicht mehr der Uwe, den ich gekannt hatte. Er ging wie ein gebrochener Mann. Ich wagte einen Blick auf Evelyn. Sie schaute ihn gar nicht an. Wohl aber Piere. Mit einem besorgten Gesichtsausdruck.

"Möchten Sie weitere Zeugen hören?", fragte die Richterin.

"Ja, das möchten wir. Wir würden gerne die Zeugin Larissa Möhring befragen."

"Bitte holen Sie die Zeugin Larissa Möhring herein", sagte die Richterin zum Gerichtsdiener. Der kam mit einer etwa 60 Jahre alten Frau herein, dunkelblond, Businesskostüm. Die musste ihren Spruch aufsagen.

Dann fing Andre an. "Frau Möhring, Sie haben bis Ende Juni 2019 in der Firma Mattsinvest gearbeitet, ist das richtig?"

"Das ist korrekt."

"Welche Position hatten sie dort inne?"

"Ich war für Human Resources zuständig."

"Bitte auf Deutsch für die Zuschauer."

"Personalplanung und Personalführung, könnte man sagen."

"Frau Möhring, wir spielen Ihnen jetzt eine Tonaufnahme vor. Bitte sagen Sie uns, ob der Mitschnitt, den wir gleich hören, zu einer Vorstandssitzung gehört, bei der Sie anwesend waren. Frau Vorsitzende, können wir bitte die von der Klägerseite beanstandete Tonaufnahme abspielen?"

Sie gab einen Wink zum Gerichtsdiener und der startete die bereits allseits bekannte Tonaufnahme. Wir alle hörten zu, bis der Mitschnitt zu Ende war.

"Ja, das war die Sitzung, an die ich mich noch gut erinnere. Das war der Anfang vom Ende der Firma Mattsinvest. Jedenfalls der Firma, wie sie mal war."

"Das heißt, sie waren auch mit dieser Umstrukturierung nicht einverstanden?"

"Nein, ganz und gar nicht, das haben Sie ja gehört. Deswegen habe ich auch gekündigt. Mir war klar, dass die das Ding durchziehen würden. Das Weitere hat mich dann nicht mehr interessiert. Ich habe dann nur die Todesanzeige von Herrn Neuhaus gesehen, und frage mich, wieso er da jetzt im Zeugenbereich saß."

"Danke, Frau Möhring. Keine weiteren Fragen."

Die Richterin fragte jetzt: "Frau Möhring, hat man Sie im Vorwege kontaktiert, um Ihre Zeugenaussage zu beeinflussen?"

"Nein! Wie auch? Ich wohne und arbeite ja jetzt in Hannover für eine andere Firma."

"Danke Frau Möhring. Hat die Klägerseite Fragen?"

"Haben wir nicht, danke."

"Die Zeugin Frau Möhring ist entlassen. Sie können gehen."

Schnellen Schrittes ging sie aus dem Saal.

Andre fuhr fort. "Wir möchten jetzt die Zeugin Lisa Hermann befragen."

"Bitte holen Sie die Zeugin Lisa Hermann herein."

Der Gerichtsdiener holte sie herein, hatte nun aber auch eine Mappe mit Papieren dabei.

"Nehmen Sie Platz, Frau Hermann."

Der Gerichtsdiener brachte die Mappe zur Richterin, flüsterte etwas. Sie sagte zur Klägerseite: "Ihr Bote hat die Vertragsunterlagen gebracht. Ich prüfe sie später." Sie legte die erstmal beiseite.

"Legen Sie los!", sagte sie zu uns.

Andre fing an: "Frau Hermann, Sie sind bei der Firma Mattsinvest tätig?"

"Ja, das bin ich."

"In welcher Position?"

"Ich bin für die IT-Systeme zuständig."

"Hat man sie im Vorwege gebrieft für ihre heutige Aussage?"

"Nein. Ich habe der restlichen Geschäftsführung und dem Vorstand nichts von meiner Vorladung erzählt."

"Verstehe. Wir spielen ihnen jetzt einen Tonmitschnitt vor. Können sie uns sagen, ob die diesen kennen?"

Andre gab dem Gerichtsdiener einen Wink und der spielte die Tonaufnahme ab. "Ja klar. Das war … glaube ich, Anfang Juni 2019. Der leitete den Beginn des großen Umbruchs ein. Ich war ja eigentlich auch dagegen, aber Sie wissen ja, wie das ist. Genau wie Larissa, und Uwe … Wie kann der denn da auf der Zeugenbank gesessen haben? Uns wurde gesagt, der wäre gestorben! Ich war sogar auf der Trauerfeier. Ist das ein Doppelgänger?"

"Bitte beantworten Sie einfach nur die Fragen", sagte die Richterin.

"Also, hat es sich alles so abgespielt, wie wir es hier gehört haben, ja?", fragte Andre nochmal.

"Ganz genauso ist es gewesen."

"Wir haben gehört, es gab einen Hackerangriff, bei dem Daten gelöscht wurden?"

"Ja, den gab es. Der war aber erst vor kurzem."

"Waren sie da im Dienst?"

"Ich habe fast immer Bereitschaft. Der Angriff war nachts. Es gibt Systeme, die so einen Angriff erkennen sollen. Die haben auch gegriffen. Also, die bestehenden VPN's wurden abgeworfen und für eine Weile gesperrt. Nur zwei von meiner Abteilung und ich können uns dann noch einwählen. Wir haben uns das näher angesehen und Maßnahmen getroffen, die weitere Datenlöschungen verhindern sollen. Die Untersuchung ergab, dass ein alter, verwaister Account dafür benutzt wurde. Nachdem wir den gelöscht hatten, gab es keinen weiteren Angriffsversuch mehr."

"Was war das denn für ein Account? Etwa der von Herrn Uwe Neuhaus?"

"Nein. Das war ein Testaccount, der mal von der IT angelegt worden war. Den kannten mehrere, auch Mitarbeiter, die nicht mehr bei uns tätig sind. Man kann den keiner Person zuordnen."

"Und was ist mit dem Backup? Sie machen doch hoffentlich Backups?"

"Ja, dafür haben wir sogar zwei Backup-Server. Einer war aber zu dem Zeitpunkt kaputt, und als er wiederhergestellt war, bemerkten wir, dass die Datenplatten alle abgeraucht waren. Sorry, also defekt waren."

"Sie haben nur ein Backupsystem?"

"Nein, natürlich nicht, wir haben noch ein zweites Backupsystem, das immer mit dem anderen abwechselnd in einem festen Rhythmus bespielt und an einem anderen Ort als der erste betrieben wird. Als wir den zur Datenrettung benutzen wollten, war dessen Dateisystem defekt, und der Versuch der Datenrettung ging auch schief."

"Das heißt, die fehlenden Daten waren nicht wiederherzustellen?"

"Nein, nichts. Jedenfalls nichts von diesem Zeitraum."

"Danke, Frau Hermann. Keine weiteren Fragen."

"Hat die Klägerseite noch Fragen?"

"Frau Hermann, wieso haben Sie dem Projekt denn zugestimmt, wenn das für Sie so untragbar war?" Der neue CEO von Mattsinvest hakte nach.

"Nun, ich wäre sonst unter Bedrängnis geraten, hätte meine Position und auch meinen Job verloren. Der Druck war enorm!"

"Wer hat denn damals Druck auf sie ausgeübt, wegen der Zustimmung zum Firmenumbau?"

"Na unser Geschäftsführer, Herr Weißgerber, Herr Kalesi vom Vorstand, Bente Hauser von Foreign Affairs. Gleichzeitig war ich mit Uwe, also Herrn Neuhaus, im Gespräch, der mich bedrängte, nicht zuzustimmen. Er hatte ja recht, aber letzten Endes ging es einfach nicht. Sie müssten doch wissen, wie so etwas läuft. Als Chef, meine ich. In so einer Firma läuft es auch wie in der Politik. Immer alles von oben nach unten. Auf solche Sachen oder auf Beschäftigte wird keine Rücksicht genommen. Heute war mir das aber egal. Die Wahrheit musste endlich raus." Sie warf einen Blick zu mir. Ein Blick, welcher eine Entschuldigung andeuten sollte.

"Gut, also nicht gut. Danke, Frau Hermann."

Ihre Erwähnung von Uwe verstärkte die immerwährenden Gedanken, die in regelmäßigen Abständen in meinem Gehirn auftauchten. 'Uwe lebt, Uwe lebt, was soll ich denn nur tun?'

"Ich habe auch keine Fragen. Die Zeugin ist entlassen."

Erleichtert, aber trotzdem zögerlich verließ Frau Hermann den Gerichtssaal. Die Richterin setzte sich mit ihren Beisitzern zusammen, und schaute die Dokumente durch. "Sie stimmen überein", sagte sie ins Mikrofon. "Bitte prüfen Sie nach!", ließ sie diese erst an die Kläger, dann an uns weitergeben, nachdem diese bestätigt hatten. "Sind identisch", sagte Andre.

"Wer ist als nächstes dran?"

"Wir würden gerne den Zeugen Hamzi Kalesi befragen."

"Bitte holen Sie den Zeugen Kalesi herein." Der Gerichtsdiener ging heraus und kam mit dem Mann wieder. Beeindruckender Bauchumfang. Man sah, es ging ihm gut. Zumindest hatte er ausreichend Nahrung zur Verfügung.

Er musste Platz nehmen, nannte seinen Namen und seine Position (strategische Entwicklung), und Andre fing an: "Herr Kalesi, unseren Informationen nach waren Sie bei der Sitzung anwesend, um deren Mitschnitt es hier geht. Bitte hören Sie sich den Mitschnitt an."

Die Richterin gab dem Gerichtsdiener einen Wink und der spielte nun zum wiederholten Male die Aufzeichnung ab. "Können Sie uns sagen, ob das, was wir hier gehört haben, dem tatsächlichen Verlauf entsprach?"

"Also ich kann mich nicht erinnern. Ich nehme ja an vielen Sitzungen teil und …"

Die Richterin grätschte dazwischen. "Herr Kalesi, das ist jetzt nicht so ganz glaubwürdig. Das war ja nicht irgendeine Sitzung, sondern hier ging es um den Start eines radikalen Umbaus ihrer Firma. So etwas vergisst man doch nicht!"

"Also es könnte sein, aber so genau … können Sie es bitte noch einmal vorspielen?" Dem Typ stand jetzt sichtlich der Schweiß auf der Stirn. Es war klar, der wollte Zeit schinden, um überlegen zu können. Die Richterin ließ aber trotzdem noch mal den Mitschnitt abspielen.

"Nun? Also die anderen Teilnehmer konnten sich sehr gut an diese Sitzung erinnern. Sie sind ja im besten Alter und Demenz sollte bei Ihnen noch kein Thema sein."

"Also, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ja, ich glaube, genau so war es."

"Glauben Sie nur, oder wissen sie es?"

"Es war genau so", kam es jetzt kleinlaut aus seinem Mund.

Die Richterin schaute zu Andre. "Danke. Keine weiteren Fragen."

Die Richterin schaute zur Klägerseite, welche aber auch den Kopf schüttelte, und "Keine Fragen" sagte.

"Der Zeuge Kalesi ist entlassen." Trotz seiner Leibesfülle verschwand der Mann blitzschnell aus dem Saal.

"Weitere Anträge?", fragte die Richterin.

Ich beriet mich mit Andre. Das Auftauchen von Uwe hatte ja unser Konzept ein wenig durcheinandergebracht. "Ich denke, wir nehmen uns den von Xanadu vor?", flüsterte Andre fragend. Ich nickte.

"Wir möchten jetzt gerne den Zeugen Marco Wiesener befragen."

"Bitte holen Sie den Zeugen Herrn Wiesener herein", sagte sie zum Gerichtsdiener. Der kam mit ihm zurück. Er sagte seinen Namen, Wohnort, Tätigkeit.

Die Richterin nickte Andre zu und der begann. "Herr Wiesener, bitte teilen Sie uns mit, warum Sie beauftragt haben, die Beklagte Frau Neuhaus zu observieren, und zwar mindestens vom 15. Oktober 2024 bis zum 12. Dezember 2024. Laut Frau Neuhaus gab es keinerlei Schnittpunkte zu ihnen oder ihrer Firma." Leichtes Gemurmel im Gerichtssaal, welches aber schnell abflaute.

"Dazu werde ich nichts sagen. Da ein Ermittlungsverfahren gegen mich läuft, nehme ich auf Anraten meines Rechtsanwalts mein Recht nach Paragraf 136 StPO wahr, die Aussage zu verweigern."

Die Richterin fragte mich: "Frau Neuhaus, haben Sie diese Anzeige gemacht?"

"Ja klar, diese Observation war völlig überzogen und durch nichts gerechtfertigt."

"Gut, Herr Wiesener, dann sind Sie als Zeuge entlassen." Marco ging nun wieder hinaus, aber nicht, ohne mich mit einem giftigen Blick zu bedenken. Wenn ich nachtragend wäre, würde ich demnächst seiner Frau berichten, was ich über ihn weiß. Aber das war ich ja nicht.

Die Richterin fragte: "Was spielte dieser Zeuge denn für eine Rolle?"

Andre antwortete: "Das ist der Auftraggeber für die Beschattung der Beklagten über mehrere Wochen hinweg. Frau Neuhaus hat daraufhin Anzeige erstattet und dann gab es ein Ermittlungsverfahren gegen den Geschäftsführer der Detektei und gegen den Firmeninhaber und Zeugen Herrn Wiesener, da dieser kein berechtigtes Interesse für ein solches Vorgehen vorweisen konnte."

"Und was hat das mit dem hier verhandelten Fall zu tun?"

"Der bereits mehrfach erwähnte Großaktionär Herr Bremer soll Dokumente besitzen, mit denen er diesen Zeugen erpressen konnte. Es liegt nahe, dass dieser ihn beauftragt hat, um zu schauen, welche Schritte meine Mandantin tätigen würde, also mit wem sie sich trifft, und so weiter. Das ist ein Teil des anonym an Frau Neuhaus zugespielten Schreibens. Das ist Teil der Anzeige, die meine Kollegin in diesen Stunden bei der Staatsanwaltschaft tätigt. Auch diese Aktion legt also nahe, dass die Informationen von Frau Neuhaus der Wahrheit entsprechen."

"Gibt es davon eine Akte?"

"Die Zusammenfassung ist das Beweisstück B6."

"Gerichtsdiener!" Der brachte es zur Richterin, die daraufhin daraus vorlas, und reichte es zur Klägerseite weiter, die aber nur einen kurzen Blick darauf warfen.

"Was sagt die Klägerseite dazu?"

Der Anwalt schaute in die Runde, die drei zuckten nur mit den Schultern, dann sprach er in sein Mikro. "Kennen wir nicht! Wir möchten nochmal klarstellen, dass wir mit solchen illegalen Aktionen nichts zu tun haben. Wir sind von einem gesetzesgetreuen Verhalten unsererseits ausgegangen und wollten nur die Verbreitung falscher Informationen stoppen."

"Die ja offenbar gar nicht so falsch waren, wie es den Anschein hat", sagte die Richterin.

Die Richterin schaute in die Runde. Zu mir und Andre. "Weitere Anträge?"

"Nein." Wir hatten das besprochen. Wir hatten da zwar noch die Sache mit dem Mord, aber da war Ellen schon dran, und es hätte uns nichts gebracht, das hier vorzutragen. Dann wären Bremer und sein Neffe nur gewarnt gewesen. Das könnten wir im Falle einer Revision immer noch angehen. Genauso wie die Vorladung von Bremer. Aber der würde eh lügen und hätte seine Möglichkeiten, der Sache zu entgehen oder weitere Manipulationen zu bewerkstelligen. Auch Regina hatten wir ins Auge gefasst, aber die war gerade für ein Sabbatical in Sri Lanka und von da wollten wir sie nicht wegholen.

"Die Klägerseite?"

"Wir möchten gerne den Sachverständigen Lutz Winter anhören", sagte Anwalt Nummer zwei.

"Holen Sie bitte den Sachverständigen Lutz Winter herein."

Der stellte sich vor. Vereidigter Sachverständiger in Sachen internationales Recht mit Schwerpunkt auf Westafrika.

Die Richterin fing an: "Herr Winter, was haben Sie uns zu sagen?"

"Ich wurde vonseiten der Firma Mattsinvest beauftragt, ein Rechtsgutachten zu erstellen. Hierzu habe ich einiges an Material geprüft und eine Zusammenfassung erstellt. Ich beginne …"

Der Typ hielt einen fast halbstündigen und langatmigen Vortrag über die aktuelle Lage in der Elfenbeinküste und deren Beziehungen im internationalen Recht, und sprang dabei von einem Bereich in den nächsten. Es war schwer, ihm zu folgen, selbst für Andre. Dann schloss er mit den Worten, also so ungefähr wiedergegeben, dass man da ja auf einem guten Weg sei, die Lage zwar schwierig bleibe, aber größere gravierende Probleme in diesem Land nicht mehr vorkämen. Es war ganz offensichtlich der Versuch der Firma, sich noch irgendwie reinzuwaschen.

"Hat die Seite der Beklagten Fragen?"

Andre schaute mich auffordernd an und nickte mir zu. Ich sollte übernehmen. "Herr Winter, danke für ihre Ausführungen, die ein relativ rosagefärbtes Bild der Elfenbeinküste zeigen. Waren sie denn schon mal dort? Ich meine, in den Gebieten, wo wirklich gearbeitet wird?"

"Nein, ich war noch nie in Afrika. Ich habe Studien ausgewertet."

"Dann sind Sie also der Karl May der Experten?"

"Ich verstehe nicht …"

"Karl May hat die Länder, in denen seine Fantasiegeschichten spielten, ja auch nicht selbst bereist."

Die Richterin schaltete sich ein: "Bitte stellen Sie dem Zeugen konkrete Fragen!"

"Sie geben also zu, außer den von ihnen studierten Schriftsätzen, also Dokumenten und Internetartikeln, nichts über die tatsächlichen Verhältnisse in der Elfenbeinküste aus eigenem Sehen und Erleben zu wissen?"

"Das ist zwar korrekt, aber trotzdem dachte ich, einen guten und stimmigen Überblick über das Geschehen gehabt zu haben."

"Danke für Ihre Aussage, Herr Winter", sagte Andre. Er blickte mich anerkennend an. Das hatte wohl gesessen. Wir hatten besprochen, dass ich wegen meiner Afrika-Erfahrung die Befragung mache, denn dass dieser Sachverständige nie selbst in Afrika gewesen war, ging aus seinem Profil im Internet hervor.

"Die Klägerseite?", fragte die Richterin.

"Keine Fragen."

"Gibt es noch weitere Zeugen? Dokumente?"

Sowohl wir als auch die Gegenseite verneinten.

"Dann möchte ich zur rechtlichen und sachlichen Bewertung kommen. Auf der einen Seite haben wir die Vorträge der Klägerseite, beginnend mit …" Und dann setzte sie zu einem Exkurs an und ging auf jedes einzelne Detail und dessen rechtliche Einordnung ein. Das hörte sich total nüchtern an und es war schwer für mich, da zu einer Einschätzung zu kommen, was sie genau meinte. Aber der Tenor klang für mich doch ziemlich positiv. Dann war sie fertig und schloss ihren Vortrag ab. "Weitere Anträge?"

Dann war die Gegenseite dran. Es machte der erste Anwalt, der andere war wohl nur sein Gehilfe oder Unterstützung. Er benutzte salbungsvolle und abwiegelnde Worte, redete um den heißen Brei drumherum, benutzte wie die Richterin eine Menge juristischer Begriffe und Verweise, und schaffte es, dass am Schluss niemand, also vor allem niemand, der juristisch nicht geschult war, wusste, was er überhaupt darlegte. Auf der Stirn von Andre bildeten sich tiefe Falten. Und der Vortrag ermöglichte es mir, zu sehen, wer im Publikum juristische Erfahrungen oder Vorbildung hatte. Zumindest bildete ich mir das ein. Sie bekamen alle entweder ein fragendes Gesicht, schüttelten den Kopf, oder waren amüsiert. Der Vortrag klang irgendwie so, als wollten die sich aus der Affäre ziehen. Aber immerhin, trotzdem Hut ab! Der Anwalt musste sich ja seine Ausführungen in der kurzen Zeit hier überlegt haben.

Die Richterin war wieder dran. "Weitere Anträge?"

Andre meldete sich. "Ich möchte aus Sicht der Seite der Beklagten ebenfalls eine Zusammenfassung und rechtliche Bewertung der geprüften Dokumente und der gehörten Zeugen darlegen."

"Beginnen sie!"

Andre fing an. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange es ging. Für mich als Nichtjuristen war es ebenfalls schwer, seinem Vortrag zu folgen, da er immer wieder juristische Fachbegriffe einflocht, aber aus dem Gesagten ging eindeutig hervor, dass er fest davon überzeugt war und es als bewiesen hielt, dass alle von mir angegebenen und veröffentlichten Sachverhalte stimmig waren, und meine Veröffentlichung daher nicht rechtswidrig war. Er schloss dann mit der Wiederholung des Antrags vom Beginn, die Klage abzuweisen und die Kläger zur Übernahme der Kosten zu verurteilen.

Dann fragte die Richterin, ob eine Partei noch etwas vortragen möchte, weitere Beweise einbringen wolle, oder noch Zeugen anhören möchte. Auch ich hätte noch etwas sagen dürfen, der neue CEO vom Mattsinvest auch, aber wir beide verzichteten. Ich hatte mit Andre eigentlich was vorbereitet, einen Stichpunktzettel, nämlich so eine Art Entschuldigung, die mit dem Satz: 'Bitte im Zweifel für die Schwachen, die in gutem Glauben gehandelt haben, urteilen' endete. Aber der erfolgreiche Verlauf der Verhandlung machte das nicht nötig, und das Auftauchen von Uwe hatte mich emotional so mitgenommen, dass es wohl eh nichts gebracht hätte, das selbst vorzutragen.

Dann schloss die Richterin die Verhandlung und das Gericht zog sich zur Beratung zurück. Und dann begann ein quälender Warteprozess. Im Saal entstand eine Tuschelei. Nicht nur im Zuschauerbereich, auch bei der Klägerseite.

"Lief gut?", flüsterte ich die Frage zu Andre.

"Sogar besser als erwartet", flüsterte er zurück.

"Na dann beten wir, oder?"

"Wir sind im Gericht, nicht in der Kirche. Wie geht es ihnen? Ich meine, wegen ihrem Mann?"

"Geht wieder. Aber ich glaube, das habe ich noch gar nicht verarbeitet."

"Kann ich verstehen." Ich schaute dann noch in den Zuschauerraum, und versuchte, in den dortigen Gesichtern zu lesen. Die meisten, zumindest die, welche meinen Blick auffingen, nickten mir leicht zu, hoben die Daumen, wie Angelika und Markus, oder schauten mich einfach nur wohlwollend an. Dann, nach ewig langer Zeit, gingen die Türen auf, die Richter kamen wieder herein. Mein Herz klopfte wie wild, fast bekam ich schon Panik. Die Richter gingen auf ihre Plätze.

"Bitte erheben Sie sich zur Urteilsverkündung!" Alle standen auf.

-----------------------------------------------------------

Teil 40

Das Urteil & wichtige Nebenschauplätze

"Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Klage wird abgewiesen. Die Klägerpartei trägt die Kosten des Rechtsstreits." Mir fielen sofort alle Steine vom Herzen. Ach was, keine Steine, es war ein ganzes Gebirge! "Bitte setzen Sie sich!"

Alle setzten sich wieder hin. "Zur Begründung:" Dann folgte ein ellenlanger Schwall, von dem mir nur einige Bruchstücke im Gedächtnis geblieben sind, da in mir immer wieder dieses: 'Wir haben gewonnen!' kreiste. Ich verstand die Worte 'überzeugende Beweislast', 'rechtsmissbräuchliche Klage', 'Unterdrückung zulässiger Meinungsäußerung', 'laut übereinstimmenden Zeugenaussagen', 'unterlassene eigene Nachprüfungen', 'Streitwert mutwillig aufgebläht', 'Grundsatz der Kostenminimierung', gespickt mit allerhand juristischen Begriffen und einigen Paragrafen. Dann folgte: "Gegen dieses Urteil kann innerhalb von einem Monat nach der Urteilszustellung Berufung eingelegt werden. Die Verhandlung ist geschlossen."

Nochmals fiel ein Sack Steine von mir. Die Anwesenden erhoben sich. Ich nahm wahr, dass ich immer noch stocksteif dasaß. "Kommen Sie", sagte Andre zu mir. Ich stand auf, und Andre gratulierte mir. Die Zuschauer verließen langsam den Saal. Meine Freunde hoben den Daumen oder winkten mir zu. Andere eilten hinaus. Das galt auch für die Klägerseite. Sie verschwanden wie verprügelte Hunde. "Kommen Sie, wir gehen raus." Andre riss mich aus meinen Beobachtungen. Vor dem Gerichtssaal trafen wir auf die drei Richter, zwei Frauen und einen Mann, die sich unterhielten. Allesamt sahen sie irgendwie fertig aus. War ja auch ein anstrengender Tag gewesen. Ich ging zu ihnen hin.

"Frau Vorsitzende, ich möchte mich für mein unbeherrschtes Auftreten vorhin entschuldigen. Ich wollte ihre Autorität nicht infrage stellen."

"Frau Neuhaus, da waren Sie wohl ziemlich durch den Wind, oder?" Sie zwinkerte mir zu. "Bitte versuchen Sie irgendwie, nicht wieder vor meiner Richterbank zu landen. Ich hatte noch nie so eine aufregende, chaotische Verhandlung."

Ich antwortete nicht, grinste nur, und dann ging ich an der Seite von Andre über die lange, geschwungene Treppe nach unten. Dort stand Evelyn. Sie war alleine, sprach mich an. "Weißt du, wo Justus jetzt ist?"

"Nein, nicht genau, ruf Tessa an."

Andre sagte: "Meine Kollegin hat mir ihre Nummer durchgegeben. Die soll ich ihnen geben. Hier!" Er holte aus seiner Mappe einen Zettel und gab ihr den.

"Danke", sagte Evelyn zu ihm, und entschwand durch die Tür.

Andre sprach mich noch mal an: "War schlimm, oder? Unter normalen Umständen würde ich jetzt fragen, ob wir den Sieg feiern wollen, aber sie haben vermutlich andere Sorgen. Ihr Mann oder Exmann, oder?"

Ich nickte, und sagte: "Gut beobachtet. Werden die denn Berufung einlegen?"

"Kann ich mir nicht vorstellen. Bei dieser eindeutigen Sache! Die werden sich wegducken und hoffen, dass nach dem Rummel von heute das Medieninteresse nachlässt, und versuchen, das leidige Thema still und heimlich zu beerdigen. Außerdem hat der Drahtzieher nun vermutlich ganz andere Sorgen."

Ich wollte schon Richtung Hauptausgang gehen, aber Andre zupfte mich am Ärmel, und sagte: "Besser hier entlang." Ich folgte ihm und wir kamen durch einen Nebeneingang aus dem Gebäude. Hier war alles leer. Vorne sah ich meine Freunde stehen, die auf mich warteten, aber es waren offenbar auch einige Presseleute dabei, auch Jessica Wolf und Adam Rückert, und eine ganze Meute Sympathisanten. Andre fragte: "Sollen wir sie mitnehmen? Frau Buck wollte hinter dem Gebäude warten."

Da war auf einmal ein Herr, der vorher wie gelangweilt am Gemäuer gelehnt hatte, an uns herangetreten. Ich erinnerte mich, ihn vorher im Zuschauerbereich gesehen zu haben. Er hielt ein Mikrofon vor mich. "Hanko, Magazin Wirtschaftsflüstern. Frau Neuhaus, Sie haben zwar gewonnen, aber glauben Sie nicht, dass Sie mit dieser Aktion der deutschen Wirtschaft geschadet haben?"

"Sollte ich mich etwa wie ein Vieh zur Schlachtbank führen lassen?"

"Aber denken Sie doch an die nun nötigen, umfangreichen Prüfpflichten. Die Wirtschaft hat jetzt schon Probleme, Nullwachstum droht."

"Die Wirtschaft wächst, und zwar wegen des Krebses, der sie befallen hat. Er hat auch einen Namen: Gier."

"Wie meinen sie das?"

"Das Motto von Krebszellen ist ja auch: Wachstum um jeden Preis. Selbst um den Preis des Zugrundegehens."

"Aber denken Sie doch auch an die Arbeitsplätze!"

"Herr Hanko, ich kann kaum glauben, dass Ihnen diese Kinderarbeit in Afrika so egal ist. Ich wünschte, ihre Seele würde an ihrem Zynismus ersticken, aber sie haben ja offensichtlich keine." Dann wandte ich mich zum Gehen, aber es war zu spät. Die anderen hatten uns mittlerweile auch entdeckt und waren schon da, umringten uns. Meine Freunde, die Meute, die Presseleute. Alle drückten mich oder hielten mir ein Mikrofon vor die Nase. "Frau Neuhaus, wie fühlen Sie sich nach diesem Sieg?"

"Erleichtert, voller Genugtuung, aber auch erschöpft."

"Frau Neuhaus, werden Sie jetzt für die Rechte der afrikanischen Kinder weiterkämpfen?"

"Dafür sind andere Stellen zuständig. Ich habe nicht darum gebeten, verklagt zu werden, und habe mich nur verteidigt."

"Frau Neuhaus, was sagen Sie zum überraschenden Auftauchen Ihres totgeglaubten Mannes? Droht ihm ein Strafprozess? Wie werden sie mit ihm umgehen? War das nicht ein Schock für sie?"

"Welche Frage soll ich zuerst beantworten?"

"Werden sie heute Abend noch feiern?"

"Was ist das für eine Erpressungssache?"

"Können Sie uns ein Exklusivinterview geben?"

"Glauben Sie ernsthaft, der Hauptaktionär steht hinter all dem?"

Weitere dieser Fragen prasselten wie ein Stakkato auf mich ein. Diese Pressemeute war äußerst distanzlos, rücksichtslos, und völlig ohne Empathie. Zwei Leute, der eine war Markus, der andere Andre, drängten sich an meine Seite und schirmten mich dann nach vorne und seitlich ab. Andre übernahm: "Das ist ein Sieg auf ganzer Linie. Es freut mich sehr, dass sich das Gericht von den durchsichtigen Argumenten der Gegenseite nicht hat blenden lassen und uneingeschränkt unserer Argumentation gefolgt ist. Die Wahrheit kam ans Licht und ließ die ganze verlogene Konstruktion, die nur der Einschüchterung dienen sollte, zusammenbrechen. Meine Mandantin hat tapfer gekämpft und …" Da zupfte mich auf einmal jemand am Ärmel, es war Ellen, die hinter mir stand. "Schnell", sagte sie. Im Laufschritt entfernten wir uns. Die Meute bekam es einige Sekunden lang nicht mit und wir hatten ausreichend Vorsprung, hasteten in das Auto von Ellen, die verriegelte die Tür, und sie fuhr los. "Puh! Das war knapp. Soll ich dich nach Hause fahren?"

"Ich glaube, ich muss erst mal den Kopf freikriegen. Bitte setze mich an der nächsten U-Bahn Station ab."

"Hab's schon gehört. Dein goldiger Ex-Mann."

"Ex-Mann? Ist er das?"

"Ich kläre das noch. Aber soweit ich weiß, endet mit der amtlichen Feststellung des Todes eines der Partner die Ehe. Und du hast morgen früh um zehn einen Termin bei der Staatsanwaltschaft. Ich darf dich abholen?"

"Wegen des Erpresservideos, nehme ich an?" Ellen nickte, und achtete weiter auf den Verkehr. "Ja, komm vorbei."

"Acht dreißig, dann können wir noch alles durchsprechen", sagte Ellen. Sie hielt an der Station Hallerstraße, und ich stieg in die gerade ankommende U-Bahn, setzte mich hinein, sinnierte. Ich wusste, warum ich jetzt alleine sein wollte. Die Sache mit Uwe beschäftigte mich tatsächlich sehr, jetzt, nachdem die Aufregung wegen der Klage von mir abgefallen war. Würde er ins Gefängnis müssen? Müsste ich vor Gericht irgendwas aussagen? War ich noch verheiratet? Wie ginge es weiter mit uns? Und vor allem: Wer lag da im Grab? Zwischendurch nahm ich ab und an die Gesichter der anderen Passagiere wahr. Kaum jemand schaute mich an, aber ich bildete mir ein, man müsste mir ansehen, dass ich gerade einen Prozess gewonnen hatte. Hoffentlich schwappte das Medieninteresse nicht zu stark auf mich über. Ich müsste mit meinen Pressekontakten reden. Gleich morgen. Bericht erstatten, mein Material übergeben, das weitere Vorgehen besprechen. Wie ferngesteuert absolvierte ich die Umstiege und kam dann, immer noch ziemlich gedankenversunken, an der Endstation S-Bahn Poppenbüttel an. Den Rest würde ich wie üblich zu Fuß nach Hause gehen. Ich kam am Haus an. Andrea und Lena würden nicht da sein, hatten noch Probe. Sie wollten, soviel ich wusste, heute auch bei ihr übernachten, da es spät werden würde. Alles sah normal aus, ich schloss auf und ging hinein.

-----------------------

Der Flieger startete. Obwohl er schon so oft geflogen war, war es immer wieder ein erhebendes Gefühl, die Kraft der Triebwerke beim Beschleunigen zu spüren. Nur heute konnte Manuel es nicht so recht genießen. Zu überraschend kam das alles. Sie würden ihm nichts nachweisen können. Keiner kannte die Stelle, wo er die Leichen verscharrt hatte, nur er. Trotzdem wäre es besser, erst mal zu verschwinden, da hatte sein Onkel recht. Ohne nochmal nach Hause zu gehen, hatte er das erstbeste Taxi zum Flughafen genommen und mit Glück noch diesen Flieger erreicht. Da fiel ihm siedend heiß ein: der Stick! Aber den könnte er ganz einfach im Flughafen verschwinden lassen, wenn er ankam. Da gab es genug Müllbehälter. Und von dort einfach ein Taxi zum Hafen nehmen. Auf die Idee mit den Utensilien im Aquarium würden sie nicht kommen. Oder? Das sah ja ganz normal nach Deko aus. Trotzdem war es idiotisch gewesen, das nicht zu vernichten. Mann! Immer wieder kam sein Stolz durch, der den Verstand besiegte.

Was damals wie der ultimative Zufall zu Gunsten der eigenen Familie aussah, nämlich die Vergewaltigung dieser Frau, die aus dem Ruder gelaufene Verteidigung gegen ihren Freund, Sebastians Film davon, und das spätere Wiedererkennen der Frau kurz vor der Sitzung bei Mattsinvest, erwies sich nun als Fallstrick. Immerhin hatte er sicherheitshalber noch Magdalena beauftragt, die Sachen zu entfernen. Auch seinen Laptop, den er nicht mehr hatte mitnehmen können. Sie war zuverlässig und dumm genug, sich auf nahezu alles einzulassen, was er ihr antrug. Da könnte sie lange warten, dass er zurückkommt. Wenn überhaupt, dann erst nach Jahren! So wie sie beim Abschied am Telefon wirkte, hatte sie seine Lüge gefressen. Hinter sich sah er seine Langzeitheimat und sein Jagdrevier Mallorca langsam im Dunst verschwinden.

-----------------------

Yilmaz hatte ihn angerufen, seine Arbeit gemacht. Zuverlässig wie immer, trotz der Improvisation, welche zwangsläufig erforderlich war. Schlösser und Alarmanlagen waren das Metier von Yilmaz. Es war ein schöner Schreck gewesen, als der Anruf kam. Ein Desaster auf ganzer Linie. Und das trotz aller Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen. Er hatte gleich so eine Ahnung gehabt. Er hätte auf sein Bauchgefühl hören sollen. Es gab einfach zu viele Alarmzeichen. Der Name Sandra. Die Enttarnung der von ihm initiierten Überwachung. Die fehlende Lohnsteuerkarte. Ihre Nummer, die auf einmal nicht mehr erreichbar war. Er hatte gedacht, deshalb, weil sie im Ausland ist. Diese merkwürdige Reaktion von Sue. Die hatte er jetzt natürlich nicht befragen können. Sue kannte ihn und hätte seine Absicht schneller entdeckt, als ihm lieb gewesen wäre. Er hatte alles aus Maria herausgeholt. Offenbar waren sie nur sehr lose befreundet und sie wusste nur sehr wenig über diese Sandra. Ihren Nachnamen kannte Maria jedenfalls nicht. Aber tatsächlich war diese Sandra sehr überzeugend gewesen. Fast wie eine Geheimagentin.

Natürlich würde die Polizei vorbeikommen. Üblicherweise dauerte es Tage, aber er wollte kein Risiko eingehen. In den Tresor würden sie nicht kommen. Sein Exemplar war ein Mark 22 Extra Plus. 25 Jahre alt. Damals das neueste Modell. Akustisch konnte man die Kombination nicht ermitteln, selbst der beste Tresorknacker hatte es damals nicht geschafft, meinte der Chef der Herstellerfirma, mit dem er damals bis zu dessen Tod befreundet war. Wenn man versuchte, mit einem Schweißgerät oder einem Bohrer durchzubrechen, verletzte man eine Folie mit einem chemischen Stoff, der daraufhin nach unten fließt, und durch eine Kettenreaktion wird dann innen eine Flasche mit Brennmaterial versprüht und eine Oxydatorquelle geöffnet. Alles wird in Sekundenschnelle verbrennen, ehe der Tresor offen ist. Das weiß niemand, da das Ding nie in Serie ging. Es gibt davon nur zwei Stück. Trotzdem war es ein Jammer, da dort auch einige unersetzliche originale Unterlagen, Geld, die Diamanten, und Dokumente waren.

Auch die Pistole lag dort. Nie benutzt, aber er durfte so etwas nicht besitzen. Gut, er war eine gefährdete, reiche Person, das würde als Ausrede wohl reichen. Und er war nicht vorbestraft. Alles andere würden die Anwälte schon verdrehen, wenn es hart auf hart kommen sollte. Trotzdem, er müsste die Kombination unbedingt bekommen! Sie musste die geändert haben! Wer sollte es sonst gewesen sein? Aber wie war sie in sein Haus gekommen? Nie und nimmer hätte er gedacht, dass jemand seine Machenschaften so enttarnen würde. Er war sonst immer sehr vorsichtig. Für illegale Aktivitäten benutzte er Bedienstete und Strohmänner, die er mit einem seiner Handys orchestrierte. Aber an die kam er nun auch nicht mehr heran. Heute hatte er sie mit seinem normalen Handy anrufen müssen. Und eine größere Summe Bargeld abzuheben, so wie heute, hinterließ immer eine Spur, und das alles von heute konnte man ohne Probleme mit dem aktuellen Ereignis dieser für ihn desaströsen Gerichtsverhandlung in Verbindung bringen. Aber es gab keine Alternative!

Es war sein Plan B. Wenn nicht, bliebe immer noch Plan C: die Flucht. Seine Yacht, registriert auf den Namen eines Strohmannes, wartete bereits einsatzbereit im Hafen. Man könnte diese genauso wenig mit ihm in Verbindung bringen wie sein aktuell benutztes Auto. Ein unauffälliger, tiefdunkelgrauer Mittelklassewagen. Sah harmlos aus, aber unter der Haube war nicht der serienmäßige Motor, sondern ein 560-PS-Ungeheuer, und das Fahrwerk konnte man auf Knopfdruck auf sportlich trimmen. Er fuhr immer noch selbst. Jetzt hielt er vor dem Haus. Hinter der Säule der Einfahrt kam Yilmaz hervor, dunkel gekleidet wie immer. Neben ihm Igor, sein aktueller Mann für das Grobe. Yilmaz zeigte auf die Haustür, hob den Daumen, und Igor verschwand im Haus. Er stieg aus, ging auf die Tür zu und hinein …

-----------------------

Magdalenas Hand krampfte sich um den Schlüssel. Sie spürte eine große Leere in sich. Sie spürte, ihr bisheriges Leben würde ihr entgleiten. Nein, es kam nicht plötzlich. Es hatte sich lange angedeutet. Sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen. Manuel, ihre große Liebe, hatte sie mehr oder weniger immer nur benutzt. Für schnellen, unkomplizierten Sex. Als Begleitung für Partys, bei denen er nicht selten mit anderen Frauen flirtete. Einmal hatte sie ihn auch beim Knutschen mit so einer ertappt. Gut, einige Male war er auch mit ihr im Kino oder zum Essen gewesen, aber das war selten. Eigentlich hatte er immer nur an sich gedacht. Ihr Herz verkrampfte sich. Wenn es doch nur nicht so schmerzhaft wäre! Das Telefonat war eine Offenbarung gewesen! Immer ging es nur um ihn! Sofort sollte sie sich darum kümmern! Und ihr Studium? Sie musste heute noch so viel lernen für die morgige Klausur! Irgendwas war da faul! Das könnte doch seine Mutter machen, die alte Schreckschraube. Die konnte sie noch nie leiden.

Nichts hatte sie Manuel beim Telefonat geglaubt. Gar nichts! Angelogen hatte er sie. Gesagt, dass er dringend für mehrere Tage nach Cala d’Or musste, dabei hatte man im Hintergrund genau gehört, dass er im Flughafen war. War also an den Gerüchten doch etwas wahr, dass er ein reicher Schnösel ist, der sich nur um sich selbst kümmerte und ständig irgendwelche linken Dinger am Laufen hat. Trotzdem war sie zu diesem Restaurant hingegangen. Der Schlüssel lag tatsächlich da, oben, auf der Holzabtrennung der linken Toilettenkabine. Natürlich der für die Herren. Zum Glück war niemand drin gewesen. Das wäre peinlich geworden!

Jemand sprach sie an. "Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen?" Eine Frau, so an die 30 Jahre alt, offenbar Mallorcinerin, schlank und klein wie sie selbst, schaute sie wachsam, und ein wenig ängstlich an. Jetzt erst wurde sie gewahr, dass sie verkrampft und stocksteif dastand, und das wohl schon seit mehreren Minuten. "Nein, danke, ich war nur in Gedanken." Magdalena setzte sich in Bewegung, ließ die Frau stehen, die ihr verwundert hinterhersah. Ihr Ziel war ihr nahes Zuhause. Ihr Entschluss stand fest! Sie würde ein neues Leben beginnen. Eines ohne Manuel. Keine Partys mehr, aber auch keine Tage mit verkatertem Körper und Geist. Mit einem wütenden Schwung warf sie den Schlüssel in den Park neben sich hinein, der Schlüssel landete irgendwo im Gebüsch. Es war ein symbolisches Abstreifen ihres alten Daseins. Ihre neue Zukunft würde kommen! -----------------------------------------------------------

Teil 41

Sandra's Überraschung

Mein Plan war Badewanne, dann schlafen. Nach Feiern war mir trotz des grandiosen Sieges auf ganzer Linie nicht zumute. Es war alles zu aufregend gewesen. Am schlimmsten war das Auftauchen von Uwe gewesen. Obwohl ich mich hätte freuen müssen, dass er noch am Leben ist, tat ich es nicht. Vielmehr waren meine Gedanken gerade darauf gerichtet, wer da im Grab lag. Hatte Uwe den umgebracht? Den Unfall absichtlich verursacht? Ich vermutete schon, die ganze Nacht vor Grübeln darüber nicht schlafen zu können. Als ich ins Haus kam, stellte ich meine Schuhe ab. Alles war ruhig. Klar, war ja keiner da. Allerdings war die Alarmanlage offenbar deaktiviert, die Anzeige oberhalb des Panikknopfes leuchtete nicht. Ich war mir sicher, die heute früh aktiviert zu haben, aber vor Aufregung mit dem ganzen Teddy-Brimborium hatte ich es wohl doch vergessen. Oder? Ich wollte schon die Klinke drücken. Auf einmal hatte ich ein ganz merkwürdiges Gefühl. Es war wie damals, als der Einbrecher im Zimmer war.

Ganz vorsichtig öffnete ich die Tür des Wohnzimmers, nachdem ich mir den Panikknopf vom Flur gegriffen hatte. Alles war dunkel. Man hörte kein Geräusch. Ich atmete auf und machte das Licht an. Da sah ich etwas. Jemand saß in einem meiner Sessel, in dem, welcher zur anderen Seite hin gedreht war. Es war Olaf Bremer. "Guten Abend, Frau Koosen. Oder sollte ich sagen: Frau Neuhaus." Er stand jetzt auf und setzte sich in einen anderen Sessel hinein. Ein Sessel, der mir zugewandt war. "Ich habe sie unterschätzt, Frau Neuhaus." Ich hatte schon wie wild meinen Panikknopf gedrückt, aber nichts passierte. Eigentlich müsste jetzt ein ohrenbetäubender Alarm losgehen. "Lassen Sie den Knopf ganz", sagte er. "Da passiert nichts." Er schaute zur Seite. Jetzt sah ich es auch. Das Bild war weggeklappt, die dahinter befindliche Alarmanlage inaktiv. Ich war noch geistesgegenwärtig genug, richtig darauf zu reagieren. "Wie haben sie das geschafft? Was machen sie hier? Raus aus meinem Haus!", schrie ich. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass der Minutenzeiger der Wanduhr, die alt aussah, aber ein digitales Uhrwerk hatte, eine Minute zurück und dann wieder nach vorne sprang.

"Aber wer wird denn so unhöflich sein", sagte er. "Ich habe für so was natürlich meine Leute." Ich wurde wütend, wollte ihn angreifen, machte den ersten Schritt auf ihn zu. Auf einmal fuhr ein schmerzhafter Blitz in mich. Er war so schmerzhaft, dass ich ohnmächtig wurde. Ich war schon weg, ehe ich auf dem Boden des Wohnzimmers aufschlug. Ich wurde wieder wach. Mein Mund war total trocken und mein Hals tat hinten furchtbar weh. Was war das gewesen? War das so ein Elektroschocker? Er saß immer noch im selben Sessel. Ich war mit Kabelbindern an einen Stuhl gefesselt, einen, der sonst am Esstisch stand, und saß ihm gegenüber. "Entschuldigen Sie, aber das musste sein. Wer weiß, was sie sonst angerichtet hätten."

"Was wollen sie?" Ich schaute ihn giftig und wütend an.

"Na was schon? Die Kombination. Das waren sie doch! Da sind leider einige Sachen im Tresor, welche ich gerne noch mitnehmen möchte. Zumindest die, für welche ich keine Kopie habe. Besser wären natürlich die Originale. Also …?"

"Sie haben mich nicht unterschätzt. Sie haben sich überschätzt. Wie alle von ihrer selbstgerechten, skrupellosen, scheinbar überlegenen, elitären und machtversessenen Bagage! Sie werden ihre Strafe bekommen. Es war ja klar, dass solche arroganten Typen wie sie sich nicht selbst mit so einer Sache befassen, sondern nach unten delegieren. Vermutlich haben sie sich noch nicht mal ein Foto ihrer Gegnerin angeschaut. Es war so einfach, sich in ihre Organisation zu schleichen! Außerdem haben sie Fehler gemacht. So wie bei dem Schachspiel damals. Fehler über Fehler! Der größte Fehler war ihre blödsinnige Idee mit der Observation. Ohne den wäre ich ihnen doch nie auf die Spur gekommen. Sie sind ein Versager!"

Sein wie überlegen aussehendes Grinsen verschwand. Eine seiner Augenbrauen zuckte und sein Gesicht verzog sich leicht. Ich hatte seinen wunden Punkt getroffen. Aber schnell hatte er sich und seine Mimik wieder im Griff. "Aber, aber, Frau Neuhaus. Sie verkennen ihre Situation!"

"Fick dich!", sagte ich.

"Nana! Also von einer Dame wie Ihnen hätte ich das nicht erwartet."

"FICK DICH!", schrie ich jetzt. "Hältst du dich etwa für einen Gentleman? Du tust nur so! In Wirklichkeit bist du ein widerwärtiger Menschenfeind, der jetzt seine hässliche Fratze zeigt!"

Er stand auf, ging die zwei Schritte zu mir, und schlug mir ins Gesicht. "Schluss mit den Mätzchen", sagte er. "Die Kombination!"

"Die Polizei wird den Tresor eh öffnen. Ob mit oder ohne Kombi."

"Wird sie vielleicht. Aber dann wird sie eine Überraschung erleben."

"Schön für dich, aber den Code kriegst du trotzdem nicht."

Wieder schlug er zu. Meine Lippe platzte auf, ich spürte, wie das Blut herunterlief, und es tat weh.

"Du kommst nicht weit!"

Er schlug noch einmal zu, noch härter, dieses Mal traf es meine Augenbraue. Ich spürte das Blut herunterlaufen und schloss das rechte Auge, damit es nicht hineinlief. "Den Code!"

"Vergiss es. Gleich ist die Polizei da. Man wird dich fassen und verurteilen. Dich und deinen kriminellen Neffen."

"Man muss nicht nur einen Plan A haben, sondern auch einen Plan B. Die kriegen uns nicht!", sagte er in einem arroganten Tonfall.

"Ich hoffe, du hast auch einen Plan C", sagte ich.

"Aber sicher. Den habe ich auch. Selbst einen Plan D." Er ging jetzt in die Küche und kam mit einem meiner Messer wieder. Es war ein langes Messer. Er hielt es mir an die Kehle. Ich spürte die Klinge. "Letzte Chance!" Ein bedrohlicher Unterton.

"Was willst du damit? Meinst du, ich habe davor Angst? Im Totenreich war ich schon mal. Ist gar nicht mal schlecht dort. Bisschen windig manchmal. Und neblig. Aber schön warm. Also eigentlich nicht schlecht." Ich versuchte, den Eindruck zu erwecken, dass es mir wirklich nichts ausmachen würde. In Wahrheit klopfte mir das Herz natürlich bis zum Hals, an dem immer noch die Messerspitze ansetzte. Er war sprachlos über so viel Todesmut, war unschlüssig, und seine Hand mit dem Messer begann leicht zu zittern.

Auf einmal schnarrte so ein Funkgerät, welches er am Gürtel seiner Hose trug. Eine Stimme kam daraus: "Passen Sie auf. Irgendwie ist auf dem Revier jetzt hektische Betriebsamkeit."

Er schaute mich erstaunt an. "Waren sie das?" Erstaunlicherweise blieb er permanent beim 'Sie'.

"Auch ich habe Überraschungen!"

"Das wird ihnen noch leid tun!"

"Du kannst mich umbringen, aber egal was du machst, man wird dich kriegen und du wirst in der Hölle schmoren. Ich habe dieselbe Haarfarbe wie deine Tochter Mariana. Die hast du doch auch ins Jenseits befördert!"

"Das habe ich nicht! Ich benutze keine Waffen gegen meine Töchter!" Seine Stimme überschlug sich.

"Emotionale Kälte ist auch eine Waffe. War es so? Hast du sie damit umgebracht?"

Er verlor seine kurz Beherrschung. "DAS WAR ICH NICHT!" Und nach einer kurzen Pause, nun etwas ruhiger: "Woher weißt du überhaupt von Mariana? Hat Sue ihnen das gesagt?"

"Wieso Sue? Ich habe recherchiert. War ja nicht schwer zu finden gewesen."

Das Funkgerät schnarrte wieder. Eine andere Stimme tönte daraus: "Chef, sie sollten schleunigst verschwinden. Die kommen offenbar hierher!"

Auf einmal hatte er es sehr eilig. "Leben Sie wohl, Frau Neuhaus. Mein tropisches Paradies wartet."

"Die Hölle wartet auf dich!", schrie ich ihm noch hinterher. Wenige Sekunden später war er verschwunden und ich immer noch am Leben. Zwei Minuten später klingelte jemand Sturm, dann wurde gegen die Tür gehämmert und jemand rief: "Aufmachen, Polizei!" Kurz danach sah ich aus dem Augenwinkel, wie zwei Polizisten mit einer Taschenlampe von der Terrasse aus in mein Wohnzimmer leuchteten. Jetzt hatte der Lichtkegel der Lampe mich erfasst. Sie versuchten, die Terrassentür zu öffnen, aber sie war verschlossen. Kurz danach klirrte es und es kamen mehrere Polizisten in mein jetzt ziemlich unwohnliches Wohnzimmer und befreiten mich.

Was der liebe Herr Bremer nicht wusste: Es gab noch ein zweites, von der ersten Alarmanlage unabhängiges System. Eine akustische Wohnraumüberwachung. Das Stichwort war 'Fick dich.' Es war auf meine Stimme trainiert. Man musste es nur noch einmal mit dem gleichen Satz bestätigen, dann ging eine in der Wohnung nicht hörbare, automatische Benachrichtigung an meine Polizeistation. Zwei Minuten mit dem Auto von mir entfernt. Ich rief: "Stopp Kamera!" Das andere Codewort. Die Minikamera im Wohnzimmer stoppte das Schreiben des Live-Videos. Die war in der Wanduhr versteckt und hörte auf den Satz: 'Was machen Sie/machst Du hier?', und: 'Raus aus meinem Haus!' Trotzdem, die Kamera hatte zwar alles aufgezeichnet, er war aber leider verschwunden. Er musste dort irgendwie einen Helfer gehabt haben. Ich war wütend!

Die Polizisten begannen mich zu befragen …

----------------------- Nikola freute sich. Nur die letzte Tour, dann hatte er Feierabend, wäre bei seiner Familie. Er bog gerade von der B5 auf die Wandsbeker Chaussee ein und beschleunigte. Nur noch etwa zwei Kilometer, und er würde bei seinem Ziel sein, einer Schokoladenfabrik. Geladen hatte er wie immer Kakaobohnen, niedrige Qualität aus Afrika. 14,56 Tonnen hatte die Waage gezeigt. Die Strecke kannte er im Schlaf. Die vierspurige Straße war gut ausgebaut. Wie im Hamburger Verkehr üblich, floss er mit dem Verkehr mit, so etwa 70 km/h. Was sollte schon schiefgehen? Die Blitzer sah er von seiner erhöhten Position schon von weitem.

Ein Stück vor ihm fuhr Manfred Mayer mit seinem Motorroller. Er hatte gerade Stress mit seiner Freundin gehabt, die ihn als arbeitslosen Faulpelz und Herumtreiber bezeichnet hatte. Da sie recht hatte, musste er sich anschließend betrinken. Nun ja, zumindest angetrunken war er. Er bog in die Straße ab, in der er wohnte. Er traf die Kurve nicht gut, touchierte fast die Bordsteinkante. Dabei konnte er den Roller aber noch abfangen. Das Manöver führte aber dazu, dass so ein Wurfeisen, auch bekannt als Krähenfuß, welches von der gestrigen Jugendgang-Auseinandersetzung noch dort lag, auf die Fahrbahn geschleudert wurde.

Das linke Vorderrad vom Lastwagen verfehlte das Teil noch. Nikola sah es kurz, aber zum Reagieren blieb keine Zeit mehr. Das Wurfeisen traf die vordere linke Hinterachse genau zwischen den beiden Zwillingsreifen. In Bruchteilen einer Sekunde platzten beide Reifen fast gleichzeitig und verloren schlagartig ihre Luft. Auch der äußere Reifen der zweiten Achse wurde getroffen und teilte das gleiche Schicksal. Klar, dass der letzte verbliebene Reifen der linken Achse, vorher monatelang mit zu wenig Luftdruck betrieben und daher vorgeschädigt, nicht das ganze Gewicht der Ladung seiner Seite plus die Zusatzbelastung aufgrund des plötzlichen Absackens tragen konnte. Auch er platzte und sein Gummi schleuderte mit einem lauten Knall von seiner Felge. Der Lastwagen von Nikola brach nach links aus, der linke Vorderreifen geriet auf das letzte Stück einer Verkehrsinsel, Sekundenbruchteile später auch die Felgen der Hinterreifen. Der Lastwagen wurde einseitig ein wenig in die Luft geschleudert, die Vorderseite stieg an, träge und mit Verzögerung auch der hintere Teil mit der Ladung.

Nikola trat nach dem Knallplatzer des letzten Reifens voll in die Bremse, aber bei diesen sich unkontrolliert bewegenden Massen konnte er damit nichts mehr ausrichten. Von seiner Logenposition sah er noch wie in Zeitlupe, wie sich sein LKW auf einen Wagen schob. Er konnte die vor Angst weit aufgerissenen Augen des Insassen hinter dem Lenkrad, eines Mannes, sehen. Er bildete sich sogar ein, seinen Angstschweiß riechen zu können. Vermutlich war es aber nur sein eigener Schweiß. Ein äußerst lauter Knall, Knirschen von berstendem und ineinandergeschobenem Metall folgte. Sein LKW legte sich auf die Seite. Ein infernalisches Kreischen begleitete das Schlittern des LKW-Wracks über den Asphalt, bis etwa drei Sekunden später der Lastwagen zum Stehen kam.

Für einen Moment war es fast still. Nur irgendwas zischte. Vermutlich Kühlwasser. Dann begann erst ein Hupkonzert, dann kam Schreien. Immer mehr Rufer, die etwas schrien. Nikola hörte sie, aber konnte ihren Sinn nicht mehr erfassen. Vor sich sah er nur die geborstene Frontscheibe seines Lastwagens und durch die Seitenscheibe den Himmel. Dort tauchte jetzt ein Gesicht auf. Ein Mann. Er rief etwas. Nikola war wie benommen. Er hatte eine Ahnung, dass sich sein Leben von nun an in ein Davor und ein Danach aufteilen würde. Die Bilder der letzten Sekunden würde er wohl für den Rest seines Lebens nicht vergessen. Er hoffte, dass der Mann im erfassten Wagen überlebt hatte. Aber innerlich wusste er, dass der Mann nicht die geringste Chance gehabt hatte. Er hing wie gelähmt in seinem Gurt, war traumatisiert, zu keiner sinnvollen Bewegung fähig. Es dauerte nicht lange, und wild blinkendes Blaulicht erhellte die Frontscheibe. In den Scheiben der dort stehenden Autos auf der Gegenseite, wo er sich nach dem Unfall befand, sah er die Spiegelung eines lodernden Feuers, und er fürchtete sich jetzt davor, geborgen zu werden. Er betete zu Gott, dass er deswegen nicht in die Hölle kam …

-----------------------------------------------------------

Teil 42

Nach dem Überfall

Nachdem der Abend nun völlig anders verlief als geplant, hatte ich mich noch für ein paar Stunden schlafen gelegt. Ich hatte das Gefühl, kein Auge zugemacht zu haben, aber dann bimmelte der Handywecker, den ich mir vorsichtshalber gestellt hatte. Ich fühlte mich wie gerädert. Ellen hatte ich noch per SMS informiert. Gleich nach dem Frühstück kam sie vorbei, situationsbedingt nicht wie geplant bei meiner Wohnung, sondern im Hotel, und ich ließ sie hinein. "Wow, das sieht ja schlimm aus", war ihr Kommentar.

"Ach, das geht noch. Der Streifschuss damals war schlimmer."

"Warst du schon bei der Rechtsmedizin?"

Ich schüttelte den Kopf. "Ich hatte gestern echt die Nase voll. Erst der anstrengende Prozess, dann mein Exmann oder Mann, und dann noch der Überfall, und die Befragung in der Polizeistation und am Schluss noch die Ausquartierung."

Sie seufzte. "Ich versuche mal, den Termin zu verschieben." Sie zückte ihr Handy und telefonierte einige Minuten mit jemandem, offenbar dem Staatsanwalt. Dann beendete sie das Gespräch. "So, der neue Termin ist 14 Uhr. "

"Dann fahren wir jetzt dahin. Sind die Spurensicherer schon fertig?"

"Das erfahre ich wohl erst nachher im Präsidium."

"Das war also wirklich dieser Bremer?"

"Klar! Dieser Mistkerl!"

"Das Gleiche hast du damals über deinen Mann gesagt. Dem Bremer wird ganz schön was blühen. Andre hat gestern richtig Leuchten in den Augen gehabt. Ein richtig aufregender Prozess und ein gewonnenes Fernduell mit einem Hamburger Pfeffersack."

"Leider konnte er aber fliehen. Wie war es denn gestern beim Staatsanwalt?"

"Erst wollte er mir ja nicht glauben. Aber als ich ihm dann vom gerade laufenden Prozess erzählt habe …" Ellen erzählte jetzt lang und breit die einzelnen Schritte und Wortgefechte, die sie mit ihm ausgefochten hatte. Sie musste ihm sogar erst mit Anzeige wegen Strafvereitelung im Amt durch Unterlassen drohen, ehe er anfing, sich auf die Sache einzulassen. Ich konnte es ihm sogar irgendwie nachempfinden. Irgendwie war das alles fast unglaublich, aber trotzdem war es so geschehen. Hier, mitten in Deutschland, und nicht in irgendeiner Bananenrepublik. Nach der Begutachtung in der Rechtsmedizin und dem Unterschreiben des Protokolls ging es zum Staatsanwalt.

Der hatte mittlerweile auch Feuer gefangen, weil er wohl dachte, dass Ermittlungen gegen ein so hohes Tier bei dieser Beweislast seiner Karriere einen Schub geben könnten. Aber er war auch vorsichtig und fragte mehrmals wegen des Umschlags und der Umstände des Auffindens nach. Aber Ellen hatte das gut vorbereitet. Wir hatten auch darauf geachtet, dass ein stinknormaler, unregistrierter Schwarz-Weiß-Laserdrucker benutzt wird, den ich anschließend auch von Nico auseinandernehmen und entsorgen ließ. Es ist ja weitgehend unbekannt, dass in Farblaserdruckern mit der gelben Farbe für das bloße Auge normalerweise unsichtbare Markierungen gedruckt werden, die der Polizei die Identifizierung der Seriennummer ermöglichen. Darum sind die ja auch immer so hinterher, die Personalien des Käufers zu bekommen. Ellen wusste das natürlich, da so etwas einen Klienten von ihr in den Knast gebracht hatte. Auch Fingerabdrücke und DNA-Spuren vermieden wir sorgfältig. Die Story war auch sonst recht schlüssig. Solche Leute wie Bremer hatten immer Feinde, die ihn liebend gerne ans Messer liefern würden.

Dann waren wir eine Stunde später aus seinem Büro raus. Die andere Sache sollte erstmal die Kriminalpolizei aufnehmen. Die würden es an sein Büro weiterreichen. Auf einer Bank ein wenig abseits saßen Piere und Evelyn. Beide sahen wie begossene Pudel, und müde aus. Furchtbar müde. Ich konnte es ihnen nachempfinden. Sowohl Piere als auch Evelyn. Der ständige Druck, die Ereignisse kurz vorher, und dann noch der Zusammenbruch ihres Konstruktes im Prozess. Sie waren beide eben nicht nur Täter gewesen, sondern mehr noch Opfer. Wer weiß, vielleicht hätte ich es in der Situation auch so gemacht. Bis auf Evelyns Affäre mit Uwe. Das war völlig unnötig gewesen. Wir gingen an ihnen vorbei. "Sandra?"

Es war die Stimme von Evelyn. Ich drehte mich um. "Danke." Ich war verwundert, drehte mich aber weg und setzte meinen Weg fort, ohne zu antworten. Tessa, die an einer anderen Ecke des Ganges mit Justus spielte und ihn beschäftigte, fragte ich: "Musst du Überstunden machen?"

"Macht nichts. Das lenkt mich wenigstens ab."

"Danke für alles, Tessa. Kommst du nachher noch vorbei?"

Jetzt erst sah sie mein lädiertes Gesicht. Sie erschrak. "Was ist dir denn passiert?"

"Erzähle ich dir dann. Ruf mich vorher auf dem Handy an, ja?"

Tessa nickte, und Ellen und ich setzten unseren Weg fort. Als wir vor dem Gebäude standen, atmeten wir tief durch. Ellen auch, irgendwie. Immerhin war diese ganze Sache ja auch für sie riskant gewesen.

"Und nun?", fragte sie.

"Polizeipräsidium", antwortete ich.

"Brauchst du mich da?"

"Eher nicht. Notfalls verweigere ich die Aussage und rufe dich."

"Na dann. Willst du denn nachher feiern?"

"Eigentlich ist mir momentan noch nicht nach Feiern zumute. Aber meine Freunde erwarten das sicher. Also, peile schon mal als Termin den kommenden Samstag an. Ich hoffe, das schaffe ich." Ellen umarmte mich noch und ging dann ihrer Wege. Sicher würde ich zur Feier auch Julian einladen, meinen früheren Liebhaber und inzwischen Ellens Freund. Er hatte uns ja geholfen, die Zeugen auf der Tonaufnahme zu identifizieren. Ich stieg in die U-Bahn und machte mich auf den Weg ins Präsidium.

Als ich das Polizeirevier betrat, hatte ich Herzklopfen. Es war wie damals, als sie mich in der Mangel hatten und ich nichtsahnend dort hineingeriet. Was würde mich wohl heute erwarten? Ich meldete mich am Empfang. Wer würde wohl kommen? Es war Paula. Sie hatte heute ein ziemlich ernstes Gesicht. War es meinetwegen? "Komm mit", sagte sie nur, ging zum Treppenhaus.

"Ist der Fahrstuhl kaputt?", fragte ich.

"Nein. Treppenhaus ist mein Fitnessprogramm. Ich dachte, du schaffst das auch. Jens hatte da sowas angedeutet."

"Was ist denn mit ihm? Warum kommt er denn nicht?"

"Frag nicht." Hm, kurz angebunden heute. Irgendwas war da im Busche. Mein Herz hatte sich zwar zunächst wieder beruhigt, aber jetzt begann es wieder zu klopfen. Wir kamen auf dem mir bereits bekannten Flur an und Paula zeigte auf den Raum V1. "Nach ihnen", sagte sie.

Hm, warum so förmlich? Meinen fragenden Blick deutete sie wohl richtig. "Keine Angst, nur eine Zeugenbefragung. Hier haben wir unsere Ruhe. Da drin ist es heute ein bisschen hektisch."

Sie schloss die Tür, schaltete die Aufnahme ein, rasselte wie üblich den Vorspann herunter, und sagte: "Dann legen Sie mal los. Am besten gleich mit der Vorgeschichte."

"Die begann schon vor fünf Jahren." Ich kannte das ja schon, bei solchen offiziellen Befragungen konnte sie mich nicht duzen.

"Egal." Ich begann also alles zu schildern: Uwes Flucht, den Anruf, alles, was zum Thema wichtig war. Dann den Besuch der Bloggerin, der alles ins Rollen gebracht hatte, den Fund des Datenträgers, und die kürzlichen Ereignisse, bis zum Prozess. "Gut", sagte sie dann. "Und was war dann gestern?"

"Nachdem ich beim Prozess die Hintergründe aufgedeckt hatte, war der Typ natürlich in Bedrängnis."

"Dieser Olaf Hieronymus Bremer?"

"Der, und sein Neffe auch. Haben sie den?"

"Das ist ein laufendes Verfahren. Darüber kann ich keine Auskunft geben."

"Gut. Also, ich kam rein, hatte gleich so ein komisches Gefühl. Ich griff mir den Panikknopf vom Flur, und ging in mein Wohnzimmer. Alles schien ruhig zu sein. Ich machte also Licht, und da saß er vor mir im Sessel. Ich drückte den Panikknopf, aber nichts passierte. Da sah ich, die Alarmanlage war offen, und deaktiviert. Ich wollte auf den losgehen, um ihn aus meinem Haus zu befördern, auf einmal fuhr ein Blitz in mich und ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder wach wurde, da war ich mit Kabelbindern an einen Stuhl gefesselt. Die Kamera hatte ich per Sprachsteuerung aktiviert, sieht man das alles denn nicht? Ich hab den Film doch den Beamten gegeben."

"Doch, das sieht man alles. Aber der Typ mit dem Schocker war vermummt, den kann man nicht erkennen. Die Kabelbinder haben wir sichergestellt, den Schocker aber nicht."

"Den hat der andere wohl mitgenommen. Aber am Hals hab ich doch …"

"Ja, den Bericht der Rechtsmedizin haben wir gerade bekommen. Es war definitiv ein Elektroschocker. Wo hätte der Typ sich da denn verstecken können?"

"Dort geht das nur im Hauswirtschaftsraum."

"Und der war offen?"

"Ja. Der hat einen Schlüssel, der aber immer innen steckt."

"Okay. Also, wie gings weiter?"

"Dann hat er mich bedroht. Erst höflich, dann weniger höflich, und dann hat er mir auch ins Gesicht geschlagen. Dann kam die Sache mit dem Messer."

"Ja, das sieht man auf dem Video. Aber es hat ja keinen Ton. Was hatte er damit vor? War er wütend?"

"Er verbarg es erst hinter einer aufgesetzten Höflichkeit. Aber dann fiel die Fassade."

"Und was wollte er?"

"Er dachte, ich habe den Code für seinen Tresor."

"Komisch. Müsste er den nicht selber kennen?"

"Eigentlich ja. Aber das ist ein älterer Mann. Vielleicht ist er schon manchmal vergesslich. Vor allem wenn man unter Druck steht, kann das schon mal passieren. Ich stand auch schon mal vor dem Automaten und wusste meine EC-Karten-PIN nicht mehr."

"Könnte sein. Und, haben sie den Code?"

"Nein! Woher sollte ich den haben? Ich wusste ja nur vom anonymen Schreiben, dass es einen Tresor geben soll. Also ich würde mich an ihrer Stelle mal umschauen. Das Passwort für meinen PC und ein paar andere Passwörter habe ich zum Beispiel immer auf einem Zettel, den ich unter meine Schreibtischunterlage geklebt habe. Vielleicht hat der ja auch so etwas."

"Vielleicht. Komisch ist ja, dass sich noch eine weitere Person bei der Polizei gemeldet hat. Die behauptete, sie wurde von diesem Herrn Bremer bedroht, weil er dachte, sie hätte den Code seines Tresors geändert. Sie sagte aus, dass sie ihm eine Lüge aufgetischt hat, dass eine frühere Mitarbeiterin von ihm das gemacht haben könnte. Sie sagte aber auch aus, dass die schon länger nicht mehr angestellt war, und dieser Herr Bremer hatte den Tresor erst vor ein paar Tagen geöffnet, da war also alles noch alles okay."

"Und wer soll das sein?"

"Sie kannte von der nur den Vornamen. Sandra."

"Ach, komisch. Ziemlich seltener Name in Deutschland."

"Könnte es sein, dass es sich dabei um sie gehandelt hat?"

"Blödsinn! Ich habe einen Laden, um den ich mich kümmern muss. Für einen Zweitjob habe ich keine Zeit. Außerdem müsste es dann ja Unterlagen geben. Anstellungsvertrag, Lohnsteuerkarte, Kontobewegungen von der Überweisung des Lohns. Haben sie das geprüft?"

"Soweit sind wir noch nicht. Sie sagte aber auch: Das war eine Blondine. Mit Brille."

"Sehen Sie! Beides passt nicht. Wer weiß, wer das war. Bestimmt war auch der Name falsch."

"Na gut. Da ging ja gestern über ihre Anwältin eine Anzeige ein, in dem Tresor sollen Beweise für illegale Geschäfte liegen. Tenor: Im Tresor von Olaf H. Bremer sollen Handys liegen, die für kriminelle Aktivitäten benutzt wurden. Eine Pistole und Munition. Dokumente, falsche Pässe, und ein Stick mit Fragmenten gelöschter Dateien von einem früher darauf befindlichen Video, das für eine Erpressung benutzt wurde und das einen Mord zeigen soll. Woher wussten sie denn davon?"

"Meine Anwältin hat das doch schon ausgeführt. Ich bekam einen Umschlag zugeschickt, in dem all diese Informationen standen. Liegt alles bei der Staatsanwaltschaft. Auch ein USB-Stick mit Dateien. Vom früheren CEO der Firma meines Mannes, Piere Weißgerber, erfuhr ich schon vorher, dass es ein Erpresservideo geben soll, welches ich von ihm in einer verpixelten Version bekam. Aber auf dem mir zugeschickten Stick waren unverpixelte Fragmente des Ursprungsfilms, und darauf konnte man die tatsächliche Tat andeutungsweise erkennen. Das Gesicht des Täters habe ich ausgedruckt und der Frau von Herrn Weißgerber gezeigt, welche diejenige Frau ist, die damals vergewaltigt wurde und der man diese Tat durch cleveren Zusammenschnitt angedichtet hat. Sie hat darin den Täter und Vergewaltiger erkannt und wusste auch dessen Vornamen."

"Woher wussten sie denn, dass es der Neffe von diesem Olaf H. Bremer ist?"

"Das war ja im Schreiben auch erwähnt. Er saß ja auch bis vor kurzem wegen einer versuchten Vergewaltigung eine Haftstrafe ab. Das war auf Mallorca gewesen. Da habe ich eins und eins zusammengezählt. Dann bin ich nach Mallorca gereist, und habe mich dort umgehört, in einer Diskothek."

"Wie hieß die Diskothek denn?"

"La Ola. Da ist der Typ übrigens auch schon bekannt. Hat da Hausverbot. Gab mal so ein KO-Tropfen-Vorkommnis. Nicht vollendet, soviel ich weiß."

"Woher wussten sie denn von dieser Diskothek?"

"Den hat mir ein Insider genannt. Ein Reporter. Ich habe da ja Kontakte in das Milieu. Seinen Namen hat er mir nicht genannt. Der Reporter hatte früher aufgrund von einer verschwundenen Person dort vor Ort recherchiert. Eine Corinna Fiedler."

"Und da in dieser Diskothek haben sie ihn getroffen?"

"Nein, da habe ich Informationen über ihn bekommen, also darüber, wo er sich normalerweise herumtreibt. Getroffen habe ich ihn in einer anderen Diskothek. Die heißt Teutonilla. Ich habe in ihm den Täter erkannt."

"Aha. Und das alles soll ich ihnen glauben?"

"Das müssen sie sogar, da es die Wahrheit ist. Ich habe nichts Kriminelles gemacht."

"So-so. Na gut. Ist denn sonst noch irgendwas?"

"Ja. Dieser Olaf Bremer hatte mir gesagt: Wenn sie den Tresor ohne den Code versuchen zu öffnen, also mit Gewalt, werden sie, also die Polizei, eine Überraschung erleben."

"Na dann wollen wir doch mal versuchen, einen irgendwo aufgeschriebenen Tresorcode zu finden, falls es ihn überhaupt gibt." Den letzten Satz trug Paula mit einer reichlichen Portion Süffisanz vor. "Wollte er denn sonst noch irgendwas anderes?"

"Keine Ahnung. Der musste dann ja überstürzt fliehen, da er von meiner Backup-Alarmanlage nichts gewusst hat und die somit auch nicht deaktivieren konnte. Genauso wenig wie meine versteckte Kamera. Er hatte aber, wie ich schon auf dem Polizeirevier angegeben hatte, mindestens einen Helfer, vermutlich aber sogar zwei. Einer in der Nähe des Hauses, und einer im Polizeirevier. Jemand gab ihm ja durch, dass da auf einmal was auf der Polizeistation los war."

"Wer könnte das denn sein? Etwa ein Polizist?"

"Keine Ahnung. Persönlich kenne ich da keinen näher. Hatte nur einige kurze Begegnungen mit Beamten von dort, aufgrund von zwei früheren Überfällen auf mich."

"Und wer könnte ihrer Meinung nach der Informant gewesen sein, der ihnen den Umschlag geschickt hat?"

"Sicher jemand aus seiner Organisation. Wer sonst könnte wissen, was sich im Tresor befindet? Da wird er ja sicher nicht jedem Zugang gegeben haben. Vielleicht war es ja diese ominöse Blondine."

"Ja, das macht natürlich Sinn. Dann werden wir mal weiter ermitteln." Paula sprach dann in das Gerät das Ende der Zeugenvernehmung, und schaltete es aus. "Tut mir leid, aber ich musste zumindest so tun, als nehme ich dich in die Mangel."

"Schon gut. Bin ja mittlerweile gewieft."

"Was meinst du denn, wo sollten wir denn den Code zuerst suchen?", fragte sie grienend.

"Aus Kindersicht sieht die Welt ganz anders aus", sagte ich. "Aus Babysicht erst recht. Ich hab dir jetzt einen Hinweis gegeben, nun solltest du dich revanchieren. Kannst du mir ein Treffen mit Uwe arrangieren? Wie du dir denken kannst, habe ich eine Menge Fragen an ihn."

"Er hat schon sehr viel ausgesagt, kooperiert. In einer halben Stunde ist Haftprüfungstermin. Er sitzt eine Tür weiter." Ich bekam große Augen. Und riesige Herzklopfen. Ich war total unvorbereitet darauf. Trotzdem, ich musste es tun. Und zwar jetzt!

Paula erhob sich. "Du musst mir aber versprechen, dass du ihn nicht attackierst!"

"Verbal ist okay?"

"Verbal geht in Ordnung. Aber bitte nicht zu laut schreien!"

Auch ich erhob mich. Wir gingen aus dem Verhörraum, und eine Tür weiter. Paula öffnete sie, ging hinein. Dort saß Uwe auf einem Stuhl, wie ein Häufchen Elend. Er sah mich noch gar nicht, da ich hinter Paula stand, er blickte nur kurz auf. Seine Hände waren in Handschellen. Ein uniformierter Polizist stand in der Ecke und machte nichts, außer zu schauen. "Kannst Pause machen. Ich übernehme", sagte Paula. Der Polizist ging aus dem Raum.

"Hallo Uwe", sagte ich, und setzte mich ihm gegenüber. Uwe sah mich und bekam große Augen.

-----------------------------------------------------------

Teil 43

Die Befragung

"Mist, habe was vergessen. Komme gleich wieder", sagte Paula, und ging auch aus dem Raum, dabei mit einem Augenzwinkern zu mir.

"Sandra. Ich hätte nicht gedacht, dass du noch mal mit mir sprechen willst, nach all dem."

"Du hast mir ja gestern geholfen. Damit hast du vielleicht nullkommafünf Prozent des Schadens wieder gutgemacht."

"So wenig?"

"Das ist natürlich subjektiv. Ein anderer würde vielleicht sagen zehn Prozent, oder fünfundzwanzig Prozent."

"Verstehe. Du meinst, den Schaden an und in dir, oder?"

"Du hast nichts von deinem Scharfsinn verloren", sagte ich. "Also! Was ist passiert?"

Er schaute mich erst mehrere Sekunden an, musste sich vermutlich sammeln. "Meine dunkle Seite kam wieder hervor."

"Du meinst die Sache mit Evelyn?"

Er seufzte. "Ich hatte mich blitzschnell in sie verliebt. Schon vor der Party bei Piere. Sie war einfach anders wie du. Total offen, und schnell zu begeistern."

"Es muss heißen: Als du. Sie ist aber auch schnell genervt."

"Ja, das habe ich dann auch gemerkt."

"Du hattest übrigens Glück. Zu der Zeit war sie schon von Piere schwanger. Sonst hätte es passieren können, dass du noch mal Kinder in die Welt gesetzt hättest."

Uwe schaute mich überaus erstaunt an. Aber trotz seiner Intelligenz brauchte er einige Sekunden, um alles zu begreifen. "Seit wann weißt du es?"

Ich beschloss, ihn maximal zu schockieren. "Nach dem Unfalltod von Lorena und kurz vor seinem eigenen Tod wegen Bauchspeicheldrüsenkrebs kam Antonio zu meinem Haus, damit Andrea hier zu Ende studieren kann. Ich habe ihn bei mir aufgenommen."

Uwe bekam vor Schreck geweitete Augen, dann fing er an zu weinen. Aber erstaunlich schnell hatte er sich wieder im Griff. "Du weißt von Lorena?" Ich nickte. "Hast du sie etwa …?"

"Was, Lorena? Quatsch. Es war schlimm, es zu erfahren, aber ich hätte sie niemals umgebracht. Außerdem kann ich keinen LKW fahren. Es war so ein Stau-Ende-Unfall, sagte mir Antonio. Ich wusste vor seinem Besuch bei mir von nichts. Von gar nichts!" Am Schluss des Satzes war ich laut geworden.

"Ich weiß, ich bin ein Scheusal. Es war nicht so, dass ich keine Gewissensbisse hatte. Aber immer, wenn ich etwas sagen wollte, hatte mich etwas zurückgehalten."

"Hast du mich jemals richtig geliebt?"

"Natürlich! Ich habe euch beide geliebt! Und mein Kind auch!"

"Kinder, wolltest du wohl sagen."

Er verlor weitere Energie, fiel noch mehr in sich zusammen. "Von Mario weißt du also auch. Deshalb das Erwähnen von Kindern. Ich war mir nicht so sicher."

"Sonst hättest du es verschwiegen? Sei ehrlich!"

"Ja", kam es kleinlaut aus dem Mund von Uwe.

"Was ist passiert?"

"Das hast du doch mitbekommen! Die Firma wollte in diese afrikanische Schokoladenfabrik investieren! Dieser Bremer hatte uns ausgetrickst. Zusammen mit seiner Schwester hatte er auf einmal die Aktienhoheit, und hat uns dann manipuliert. Du hast doch den Stick im Prozess erwähnt!"

"Ja, aber dann! Ich habe mir etliches zusammengereimt. Aber einige Sachen sind noch im Dunkeln."

"Ich wollte die Sache verhindern, nachdem Piere umgeknickt ist. Ich habe mich mit Evelyn abgesprochen. Wir haben den Finanzverwalter K. O. geschickt, mit der PIN das Geld vom Projekt überwiesen, später noch ein anderes Projekt."

"Und meines!"

"Deines auch. Ich wollte ja eine Kurswette machen, das hätte ich dir dann wieder zurück gezahlt."

"Wer's glaubt!"

"Doch, wirklich!"

Ich seufzte. "Ich will von dir keine Lügen mehr hören."

"Ich schwöre!"

"Ja, so wie die Treue." Ich merkte, ich wurde wieder emotional. Das war nicht gut. "Erzähl weiter."

"Völlig überraschend bist du dann in Wien aufgetaucht."

"Evelyn war unvorsichtig. Es war nur ein winziger Hinweis, aber es hatte gereicht."

"Mir scheint, sie hatte keinen guten Einfluss auf mich. Wir sind dann nach Zürich. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, aber das Geld war dann weg, kurz vor dem Deal."

"Ich war auch in Zürich. Ich hab dein Handy verwanzen lassen und ein paar Tage später hatte mein Helfer eine Idee."

"Ach, das waren die beiden in dem Café, oder?" Ich nickte. "Und dann dieser merkwürdige Bankanruf. Ich hatte gleich so ein blödes Gefühl."

"Auch intelligente Personen kann man hereinlegen."

"Das war kein Lob, oder?" Ich schüttelte den Kopf. "Ich hatte dann eine Idee, einen Plan B. Ich habe mein Aktiendepot aufgelöst und investiert."

"In ein Derivat."

"Woher weißt du das?"

"Ich bin nicht blöd! Du solltest dich schämen! Die Fabrik wolltest du verhindern, aber privat trotzdem davon profitieren! Hast du einen Strohmann gekauft?"

"Wie kommst du darauf?"

"Hast du nicht auf den Kursgewinn von Mattsinvest gewettet?"

"Was? Nein! Ich habe auf den Kursanstieg einer Kryptowährung gewettet. Die Welt ist voller Nerds, es war klar, dass das erst mal ein Hype wird. Es war längst nicht so viel Geld wie das von der Firma und dir, aber später, nach einem ersten Kursrutsch, habe ich auch Aktien davon gekauft und zum richtigen Zeitpunkt wieder verkauft. Dann hatte ich wirklich genug."

"Wie viel ist genug?"

"Mehrere Millionen."

"Das war nötig, ja?"

"Nein. Das war möglich. Uns es half dabei, unterzutauchen."

"Und warum musstest du untertauchen?"

"Das hab ich doch schon beim Prozess ausgesagt! Nachdem ich Kontakt zur Zeitung aufgenommen hatte und der Firma gedroht hatte, dass ich ihre Machenschaften öffentlich mache, stand auf einmal Bremers Müllputzer im Hotel. Obwohl ich dort unter falschem Namen eingecheckt war. Zum Glück hatte er mich nicht gesehen."

"Dieser Pjotr Sikowski? Mit dem hatte ich auch schon unliebsame Bekanntschaft gemacht. Und dann bist du zu mir ins Haus, oder?"

"Genau."

"Wie konntest du denn fliegen?"

"Unter falschem Namen."

"Und welcher Name?"

"Mattheo Rossi. Ich hatte etwa einen guten Monat vorher in Mailand einen Typen gesehen, der mir sehr ähnlich sah. Nur mit Bart. Er war seid kurzem obdachlos, lebte auf der Straße. Dann hatte ich eine Idee. Mir war klar, dass die Firma mich jagen würde. Ich durfte also nicht mehr ich sein, sondern nur noch der andere. Meine Spur müsste sich verlieren. Ich habe also einen Pass beantragt. Neuerdings kann man dazu Fingerabdrücke nehmen und eintragen lassen. Das ging ganz einfach. Ich habe, als er völlig betrunken war, Abdrücke von ihm genommen, und daraus welche für meine Finger gebastelt, die ich mir bei der Beantragung übergezogen hatte. Zum Flug nach Hamburg nahm ich seinen Ausweis und er bekam den meinen. Der Plan war, er sollte dann später nach Sizilien fliegen, dort in ein Hotel einchecken. Aus dem sollte er dann abhauen. Dann hätte ich ihn mit der Fähre von da wieder abgeholt. Ich hatte ihm einen Job und eine Wohnung besorgt in Meran. Er hat zum Glück einen Ausweis und einen Pass gehabt. Und ich wollte mit seinem Pass Europa verlassen. Solange keiner von uns Blödsinn macht, wäre es nicht aufgefallen. Ich hatte mir dann ja auch einen Bart wachsen lassen. Nur Mario kam dann dazwischen und verzögerte die Sache."

"Auf dem Handy von Evelyn hast du dann aber auch was entdeckt."

"Stimmt, vorher war sie aber schon komisch. So, als ob sie nur hinter dem Geld her wäre. In einem scheinbar unbeobachteten Moment hatte sie diesen Film geöffnet, und ich habe dabei über ihre Schulter schauen können. Ich war geschockt!"

"Sie wurde mit dem Film erpresst, glaube ich. Davon weiß sie jetzt aber nichts mehr. Wegen des Unfalls."

"Mir war das damals aber noch nicht klar. Nach dem Unfall dachte ich ja erst, sie wäre tot. Ich sah sie da liegen, aber es waren schon zwei Leute bei ihr. Was ist mit Mattheo passiert?"

"Er war sofort tot. Er liegt jetzt auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Auf dem Grabstein steht dein Name. Die Firma hat das alles bezahlt."

"Oh. Scheiße. Die hatten wohl ein schlechtes Gewissen."

"Ja, scheiße. Für ihn. Für dich jetzt aber auch. Das war doch geplant, dass du ihn umbringst!"

"Was? Quatsch! Es war ein Unfall! Nachdem ich meinem zweiten Sohn Mario seine Scheiß-Drogen abgenommen hatte, sind wir getürmt. Er, also Mattheo, saß am Steuer. Ich und Evelyn waren hinten. Dann hatte ich mit ihr gestritten. Richtig böse. Dann war sie sauer geworden, und hat herumgeschrien. Mattheo ist auf einen Parkplatz gefahren und Evelyn ist nach vorne. Dann hat sie mit dem herumgemacht. Ich hab ihr gesagt, sie soll das lassen, aber sie hat nur höhnisch gelacht, hat ihr Handy herausgeholt, um die Sache sogar zu filmen. Sie hat erst an seine Hose gefasst, dann hat sie sein Ding herausgeholt, und dann hat sie sich sogar abgeschnallt, um ihn mit dem Mund …"

"Also doch!", entfuhr es mir.

"Dazu kam es aber nicht mehr. Er war durch die ganze Sache unaufmerksam. Alle waren wir abgelenkt. Auf einmal waren wir auf der linken Seite, ein LKW kam uns von hinter der Kurve entgegen. Evelyn hat geschrien, ich auch. Mattheo riss das Lenkrad herum. Ich habe dann ihr Handy gegriffen und aus ihrer Hand gezerrt. Als es klar war, es würde zum Unfall kommen, hatte ich mich blitzschnell abgeschnallt und die Tür geöffnet, ließ mich herausfallen. Hier, schau mal am Arm. Musst das Hemd hochstreifen." Ich ging um den Tisch herum, und tat das. Am Arm waren Narben zu sehen. Darunter auch eine lange Narbe, die der an meinem Bein ähnelte, welche jetzt aber schon längst wieder besser aussah. Ich ging wieder zum Tisch zurück. "Ich konnte gerade noch rechtzeitig stoppen, sonst wäre ich in die Schlucht gestürzt. Ich humpelte zur Straße, unterhalb der Mauer, und kauerte mich hin. Niemand hat mich gesehen. Ich blutete wie ein Schwein. Im Dunkeln bin ich per Anhalter in eine Stadt gefahren und habe mich im Krankenhaus behandeln lassen."

"Und das hat dir die Polizei geglaubt?"

"Evelyns Handy hat die Sekunden vorher doch aufgezeichnet!"

"Wie bist du denn da rangekommen?"

"Ich habe sie später im Krankenhaus besucht. Per Fingerabdruck entsperrt und dann darauf meine eigene Sperre eingerichtet. Mir hatte ich aber später auch ein eigenes Handy besorgt. Aber auf ihrem Handy habe ich dann entdeckt, was wirklich passiert ist. Man hatte ihr diesen Film geschickt, und damit gedroht, ihn an die Polizei zu schicken, wenn sie das Geld nicht wieder besorgt. Anonym natürlich, aber es war klar, dass Bremer das beauftragt hat. Wer sonst? Selbst Piere traue ich das nicht zu. Das erklärt dann, warum sie auf einmal mir gegenüber so verändert war. Sie stand gewaltig unter Druck."

"Klingt logisch. Du wusstest also, dass sie überlebt hat?"

"Ja. Wie ich sehe, ist sie wieder auf dem Damm."

"Nicht ganz. Sie lag jahrelang im Wachkoma. Und sie kann sich immer noch nicht an die meisten Sachen erinnern. Wie hast du das denn eigentlich mit dem Stick gemacht? Ich habe ihn erst viel später gefunden. Selbst die Polizei hatte es nicht geschafft."

"Was hattest du denn mit der Polizei zu tun?"

"Hausdurchsuchung. Die dachten, ich hätte was mit den Drogen zu tun. Und dann haben die sich sogar zu der Behauptung versteigert, ich hätte dich umgebracht. Die hatten den ja für dich gehalten."

"Schwache Leistung der Polizei. Warum haben die keinen DNA-Test gemacht?"

"Einer der Polizisten sagte mir, dass sie Kosten sparen, wenn die Sache eindeutig ist."

"Ach so. Also, um auf die Sache zurückzukommen: Ich hatte den Kellerstaubsauger genommen, auf 'Blasen' umgebaut, und damit eine schöne Staubschicht erzeugt."

"Ach so! Die Polizei hat deshalb nicht nachgesehen und ich zuerst auch nicht."

"Ich hab es dir ja vorher, beim letzten Telefonat, schon versucht, alles zu sagen, aber du hast mich ja abgewürgt."

"Stimmt. Ich bin eben auch nicht perfekt."

"Wie hast du das denn alles herausgekriegt?"

"Ich habe wohl eine detektivische Ader. Und einen Polizisten als Freund."

"Ich dachte mir schon, dass du nicht alleine bleiben wirst. Dein Aussehen, deine Figur …"

"Ach, du glaubst echt, ich hatte nur einen? Ich kann sie schon gar nicht mehr zählen." Dieser Satz war voller Ironie. "Wo warst du überhaupt die ganze Zeit?"

"Ich hatte mich einige Wochen in Italien versteckt, bis meine Wunden verheilt waren. Und dann bin ich mit Mattheos Pass auf die Philippinen geflogen. Und seit einem Jahr bin ich wieder in Italien. Als ich zurück war, versuchte ich, Lorena zu finden. Aber da war niemand mehr in der Wohnung und die Nachbarn wussten nichts."

"Da war sie ja schon tot. Und wo warst du da in Italien? Auf Ischia?"

"Wie kommst du darauf?"

"Caroline hatte dich da mal gesehen, meinte sie."

"Stimmt, ich erinnere mich. Hatte aber so getan, als sei ich nicht Uwe. Da war ich nur einmal auf Reisen. Zum Wandern. Nein, ich war sonst in Neapel. Da kann man sich prima verstecken. Im Sommer war ich einmal in die Dolomiten gefahren."

"Da war ich auch."

"Was hast du da gemacht?"

"Bergwandern."

"Du und Bergwandern!"

"Stimmt aber."

"So-so."

"Glaub es, oder nicht. Und du bist jetzt also zum Prozess gekommen. Wie hast du überhaupt davon erfahren?"

"Ich hatte immer wieder mal deinen Namen im Internet gesucht, und dann poppte auf einmal die von dir aufgesetzte Geschichte auf. Als die Sachen wieder weg waren, war mir klar, dass die dich verklagen. Und dann stand dort, wann der Prozess ist. Da dachte ich mir, es ist an der Zeit, dir zu helfen. Und mit Mattsinvest und diesem Schokokönig hatte ich auch noch eine Rechnung offen."

"Ich habe mich ja schon bedankt. Vielleicht hätte ich auch so gewonnen, aber man weiß es nicht. Ohne meine Beweiskanonen wäre es eng geworden. Ich dachte ja, die hätten gute und zähe Anwälte."

"Und was passiert nun?"

"Soviel ich weiß, hast du gleich Haftprüfungstermin."

"Nein, ich meine mit dir?"

"Weiß nicht. Bestimmt lasse ich mich scheiden. Falls ich das muss. Witwe bin ich ja schon."

"Wohnt Mario jetzt auch bei dir?"

In diesem Moment steckte Paula ihren Kopf durch die Tür. "Sie kommen gleich. Noch eine Minute."

"Das nicht. Aber er ist in der Nähe." Ich überlegte, wie ich jetzt die maximale Wirkung erzielen könnte, und entschloss mich dazu, einfach eine wirkungsvolle Pause einzulegen. "Sein Grab ist gleich neben deinem Grab. Wenn du mal Freigang hast, kann ich dich da ja hinführen."

"Was?" Uwe bekam jetzt richtig Tränen in die Augen. Er war völlig fassungslos. Ich erhob mich und ging hinaus. Das hatte gesessen! Das hatte der Kerl voll verdient, obwohl er mir jetzt ein wenig leidtat. Ich öffnete daher noch mal die Tür und sagte hinein, ohne ihn anzublicken: "Es tut mir leid, dass du das so erfahren musst, Uwe!" Paula stand im Gang und wartete. Jetzt ging sie hinein. Ich blieb im Gang, nur ein wenig weiter hinten. Da kamen drei Leute. Eine Frau, zwei Männer. Die Frau war Uwes neue Anwältin von gestern. Der andere war der Staatsanwalt. Jens hatte ihn mir mal gezeigt. Der dritte war ein Polizist in Uniform. Die würden ihn jetzt wohl ins Gerichtsgebäude mitnehmen. Oder? Ich hab keine Ahnung, wie so etwas abläuft.

Als sie im Verhörraum waren, ging ich ins Büro von Jens. Er saß an seinem Schreibtisch und wie üblich waren noch einige seiner Kollegen im selben, großen Raum. Eine gutaussehende Kollegin von ihm, die bis eben noch neben ihm gestanden hatte, ging von ihm weg. Ich spürte regelrecht, wie mir das missfiel. War das etwa Eifersucht? Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, und ging zu ihm hin.

"Hallo Jens." Er reagierte kaum, blickte nur kurz auf.

Jetzt kam auch Paula wieder, ging zu ihrem Platz, kam von dort zu mir mit dem Schlüssel, und gab ihn mir mit den Worten "Sie sind fertig!", setzte sich dann an ihren Schreibtisch, ganz in der Nähe.

-----------------------------------------------------------

Teil 44

Eine unerwartete Reaktion

"Bist du im Stress?", fragte ich Jens.

"Sozusagen ja. Und daran bist du nicht so ganz unschuldig."

"Ach komm! Ich wurde verklagt, musste mich doch wehren!"

"Du hast von mir Informationen bekommen. Wichtige Informationen. Aber mir hast du keine gegeben. Na ja, kaum welche."

"Hätte ich die dir verraten, dann wärst du tätig geworden, und hättest alles zunichte gemacht. Die wären gewarnt gewesen."

"Vielleicht. Aber trotzdem."

"Wieso bist du denn heute so schlecht gelaunt?"

"Ich zeige dir mal was. Dann kannst du dir das ja selber ausmalen!" Er schubste an seinem PC etwas an, lehnte sich zurück, verschränkte seine Arme vor der Brust, dann startete ein Film. Er sah ein wenig komisch aus, war schwarz-weiß, eine Nachtaufnahme, ein wenig verrauscht. Und er zeigte ein Gebäude, welches ich kannte. Eher zwei Gebäude, eines vorne an der Straße mit einem Eingang für Personen, eines hinter dem Hof, und eine hohe Mauer vor dem Hof mit einem Garagentor. Eine Frau schlenderte heran, schaute sich sichernd nach allen Seiten um, dann versuchte sie, in das Gebäude zu kommen. Sie versuchte, die Tür und das Tor zu öffnen, kam nicht rein, dann probierte sie es an der Mauer, wo so ein kleines Fenster mit Gitterstäben war. Sie gab sich alle Mühe, aber die Gitterstäbe waren so weit hinten in der Mauer, da gab es keine Chance. Die Frau suchte eine andere Stelle. Schließlich entdeckte sie an der Ecke so einen oben runden, hohen Sockel am Ende der Mauer, direkt vor dem Nebenhaus. Die Frau nahm Anlauf, probierte es einige Male, beim siebten oder achten Mal schaffte sie es, hoch genug zu kommen, sich festzuhalten, und sich über die Mauer zu schwingen. "Kommt dir die Frau bekannt vor?", fragte Jens.

"Also sie sieht mir zumindest ziemlich ähnlich." Der Film ging weiter. Das mit den Türen und Fenstern sah man nicht, wegen der Mauer, aber dann sah man, wie die Frau versuchte, an einem Fallrohr hochzuklettern. Sie stellte sich gar nicht mal so ungeschickt an, aber trotzdem rutschte sie ab einem bestimmten Punkt immer wieder herunter, da es keine Stelle zum Drauftreten gab und das Fallrohr so glatt war. Nach einiger Zeit tauchte die Frau wieder auf und schwang sich wieder von der Mauer, verschwand dann.

"Du hast mich da ganz schön in Bedrängnis gebracht. Das hat bei der Fallkonferenz gestern der Typ aus Mallorca irgendwie geahnt, dass ich die Frau, also dich, kenne."

"Ich wusste ja nicht mal, dass du da dran warst!"

"Ich war die hiesige Kontaktperson, da der Typ ja ein Deutscher ist, der auf Mallorca wohnt. Es gab den Verdacht, dass er einige Frauen, die er von den Discos abgeschleppt hat, mit KO-Tropfen lahmgelegt und missbraucht hat. Meist deutsche Touristinnen. Außerdem hatte man ihn in Verdacht, etwas mit dem Verschwinden seines früheren Freundes zu tun zu haben. Wegen der Sache mit den KO-Tropfen wurde er seit einigen Wochen von der Guardia Civil beobachtet. Immer nur ein paar Stunden nachts."

"Habt ihr da was rausgekriegt?"

"Netter Versuch. Ich konnte mich gerade noch so herauswinden. Wäre aber trotzdem nett, so was nicht nochmal zu machen."

"Gut, ich gebe mir Mühe." Meine Entzugserscheinungen drängten sich wieder in meine südlichen Gefilde. "Übrigens hatte Ludmilla nach dir gefragt. Sie hat wohl Sehnsucht." Ich kicherte. Leider reagierte Jens nicht wie erhofft.

"Geht momentan nicht. Keine Zeit."

Hm, was war denn mit dem los? Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht so recht deuten. Ich versuchte es anders. "Sandra hat auch Sehnsucht."

"Ach ja? Kein Spielkamerad verfügbar?" Das war jetzt richtig ironisch. Bedauerlicherweise machte Jens weitere Versuche zunichte. "Weißt du, was ich mich frage? Woher wusstest du denn, dass da ein Messer im Aquarium lag, wenn du gar nicht dort hineingekommen bist?"

"Bin ich ja auch gar nicht. Aber jemand anderes wusste es wohl."

"Aha", sagte er dazu nur, reichlich brummig. "Kann ich jetzt glauben, oder nicht."

"Mensch, das weißt du doch! Solche Leute haben immer Feinde. Da war jemand, der hat nur auf die Situation gewartet, bis der richtige Zeitpunkt heran war, um denen eins auszuwischen."

"Wann ist eigentlich Weihnachten?" So langsam wurde Jens unerträglich.

"Also, was ist denn nun mit einer Verabredung? Ludmilla oder Sandra?"

"Du musst jetzt gehen. Ich muss weiterarbeiten."

Hm, so kannte ich Jens gar nicht. Ich hatte ihn noch nie so abweisend erlebt. War es wirklich wegen meiner unorthodoxen Ermittlungsmethoden? Wie auch immer, hier würde ich nichts mehr erreichen. Jens hatte sich wieder seiner Tastatur zugewandt und schrieb wohl so ein Protokoll, beachtete mich gar nicht weiter. Trotzdem bemerke ich, dass er mich wohl aus dem Augenwinkel musterte. Ich seufzte, und sagte: "Na dann, bis die Tage." Jens machte noch mit der Hand so einen halbherzigen Abschiedsgruß, und ich verließ sein Büro, ziemlich durcheinander, eher sogar unwirsch. Nein, das war der falsche Begriff: Es war wie Trennungsschmerz. Eine schlimme Abweisung. Es ist nicht so, dass ich so etwas noch nie erlebt hätte. Sowas kam schon etliche Male vor. Aber noch nie von jemandem, den ich liebe. Nein, das kann nicht sein! Ich liebte Jens doch nicht! Tränen kamen in meine Augen.

Ich ging in den Fahrstuhl, der sich direkt gegenüber befand und gerade jemanden ausspie, drückte Erdgeschoss. Ich atmete tief durch, drückte mich an die Wand der Fahrstuhlkabine, schrie meine Wut heraus. Was war denn hier gerade passiert? Jens wirkte fast ein wenig … feindselig. Abweisend oder feindselig. Hatte er eine andere? Unten angekommen, ging ich schnellen Schrittes Richtung Ausgang zu. Eine Gruppe von drei Polizisten, die offenbar gerade einen Verdächtigen abführte, hielt mich kurz auf. Ich hatte den Türgriff schon in der Hand, da hörte ich noch: "Sandra! Warte mal!" Es war Paula. Sie ging zu mir hin, war außer Atem. War sie durch das Treppenhaus nach unten gehastet? "Hast du mal noch kurz Zeit?" Ich nickte. "Lass uns dort hingehen!" Sie zeigte auf die Cafeteria. Wir setzten uns in eine Ecke, ohne etwas zu bestellen. Es war um diese Zeit eh kaum was los.

"Was war denn mit dem los? Hat der meinetwegen wirklich Ärger bekommen?", fragte ich sie.

"Ein wenig schon, aber das war nicht der Grund für seine Reaktion."

"Was dann?"

"Kannst du dir das nicht denken?" Ich schüttelte den Kopf. Paula machte eine Pause, musste wohl erst überlegen, ob sie mir das so direkt sagen konnte. "Na, er ist in dich verliebt. Eher … er liebt dich! Das musst du doch gemerkt haben! Und dir war er auch nicht gleichgültig. Immer wenn ihr euch getroffen habt, sprangen die Funken. Denk mal an letztens, im Klabautermännchen!"

"Ja, stimmt, aber dann muss er sich doch nicht so verhalten!"

"Wirklich nicht? Er hat mir zwar nichts direkt gesagt, aber aus seinen spärlichen Andeutungen konnte ich schon was herauslesen."

"So? Was denn?"

"Er kommt nicht damit klar, dass er nur einer von vielen ist. Sicher ist das schön für dich, aber für ihn nicht. Er als Mann kann keine Frauen sammeln. Jedenfalls nicht so wie du Männer."

"Also hat er doch was gesagt!"

"Nein, nicht direkt. Nur, dass es bei dir so ist. Aber man konnte es aus seinem Mienenspiel herauslesen, wie es wirklich in ihm aussieht."

"Und wie ist es da drin?"

"Na, er ist verzweifelt, desillusioniert, ratlos, traurig."

"Meinetwegen?"

"Ja, deinetwegen. Wenn die Rede auf andere Leute kommt, wirkt er ganz normal. Nur manchmal ein wenig abwesend. Es beschäftigt ihn also sehr."

"Aber …"

"Sandra, ich sage es dir jetzt als Freundin, oder so etwas wie eine Freundin: Überleg dir, ob du so weitermachen willst. Das ist doch nichts auf Dauer. Wie lange soll das denn noch weitergehen?"

"Aber mein Mann Uwe damals! Er hatte mich betrogen!"

"Uwe ist Uwe und Jens ist Jens. Also, ganz ehrlich, wenn ich nicht gebunden wäre, dann würde ich ihn nehmen. Trotz des Altersunterschieds." Ich wollte schon was sagen, aber Paula setzte nach. "Auch die andere Richtung ist das doch heutzutage kein Problem mehr. Finde heraus, was du wirklich willst, gehe in dich. Irgendwann ist es zu spät, das Ruder noch herumzureißen!"

Ich spürte, wie ich bei ihren Sätzen immer blasser wurde. Sie hatte ja irgendwie recht. "Danke Paula. Ja, das muss ich wohl. Mache ich."

"Gut, Sandra. Weißt du, als du da im Krankenhaus lagst, da habe ich ihn mal erwischt."

"Wobei erwischt?"

"Na, vor dem Krankenhaus. Nach Dienstschluss lag er da auf der Lauer. Natürlich nicht die ganze Zeit, er musste ja auch mal schlafen, aber er hat schon versucht, dich vor diesem Mario zu beschützen. Bin da mehrmals aufgekreuzt und bis auf einmal war er immer da gewesen."

"Wieso warst du denn da?"

"Ich musste das Opfer eines versuchten Femizids befragen."

"Verstehe. Sag mal … wie lief das denn mit dem Typen aus Mallorca? Jens wollte mir nichts erzählen."

"Ich darf auch nichts erzählen. Nichts davon, dass wir ihn verhaftet haben, nachdem sein Flieger in Hamburg gelandet ist. Auch nicht, dass die spanische Polizei drei Leichen im Garten eines Grundstücks gefunden hat, welches mit ihm lose in Verbindung steht und zu dem er Zugang hat. Nichts davon, dass der Keller dieses Hauses auf dem Grundstück der Tatort war. Und nichts davon, dass zwei der Utensilien im Aquarium offenbar Mordwaffen waren. Zumindest haben wir daran Blutspuren gefunden. Wie die dritte Person ums Leben gekommen ist, wissen wir noch nicht. Es war eine Frau. Das darf ich dir aber auch nicht sagen. Und auch nichts vom USB-Stick, den wir gefunden haben. Mit dem kompletten Film von dieser Blondine und dem Mord. Hat er im Flughafen in den Müll geworfen." Paula griente. "Darf ich dir alles nicht sagen. Aber erfahren wirst du es sowieso irgendwann."

"War das Messer denn nicht zu stark verrostet?"

"Nein, hinter der rückwärtigen Scheibe war noch ein Anbau, in den ein weiterer Hintergrund hineingebaut wurde. Da lagen die Sachen. Also nicht im Wasser."

"Na, der war ja doof! Und was ist mit dem Herrn Bremer?"

"Der ist untergetaucht, verschollen."

"Dann hat wohl sein Plan C leider doch funktioniert. Danke, Paula. Ich gehe dann mal. Und ich werde deinen Rat befolgen."

"Mach das, Sandra." Ich wandte mich zum Gehen. Auf der Rückfahrt war ich gar nicht richtig anwesend in mir. Die Gedanken kreisten ständig um die Sache zwischen Jens und mir. Ich versuchte, in mich hineinzuhorchen. Liebte ich ihn wirklich? Oder mochte ich ihn nur? Oder war ich, was viel schlimmer wäre, nur irgendwie manchmal scharf auf ihn? Nein, das war es nicht, da war mehr. Aber was? Zumindest resümierte ich, dass ich in letzter Zeit tatsächlich ziemlich oft an ihn gedacht hatte. Nicht so oft, wie es bei jemandem sein sollte, den man innig liebt, aber das könnte auch an dem Druck gelegen haben, unter dem ich wegen des Prozesses und seines ungewissen Ausgangs stand. Da war kein Platz mehr gewesen für weiteres. Nur an diesem einen Abend im Klabautermännchen hatte ich mir die Freiheit genommen, und mal für einige Stunden ausgespannt. Ja, an diesem Abend war ich wirklich gelöst gewesen, und wir alle hatten ein wenig herumgealbert. Paula, ihr Freund Albin, Jens und ich. Und Paula hatte es initiiert. War das der Versuch gewesen, uns zu verkuppeln? Mehr aus Jens und mir zu machen? Dann war es wohl ein schlechtes Timing gewesen.

Und was war bei mir? Könnte ich meine Vielmännerei wirklich aufgeben? Es war eigentlich immer recht schön gewesen. Aber in letzter Zeit eher so wie … wie etwas, was man immer macht. So wie seine tägliche Joggingrunde. Oder sein Toast mit Marmelade. Den Kick, den es vorher in mir ausgelöst hatte, den gab es schon lange nicht mehr. Das Intensive einer richtigen Beziehung, das wäre tatsächlich etwas Neues. Zwar etwas altbekanntes Neues, aber immerhin. Könnte ich es schaffen, wieder Vertrauen zu haben? Bei Jens vielleicht am ehesten. Er wusste, was Fremdgehen für Tragödien auslösen kann. Trotzdem! Alles in mir sträubte sich! Man war dann so hilflos! Abhängig vom anderen. Von dessen Treue. Aber gab es überhaupt eine Alternative? Eine sinnvolle? Paula hatte recht. Irgendwann würde ich uninteressant werden für diese Art von Freizeitvergnügen. Noch himmelten mich die Männer an! Aber wann war es vorbei? Diese und weitere Gedanken kreisten in mir, bis ich zu Hause angekommen war. Ergebnislos.

Für diese Sache hatte ich eh keine Zeit. Ich fuhr nach Hause, und musste erst mal Andrea alles berichten, der gestern bei Lena übernachtet hatte und gerade nach Hause kam. Er war geschockt gewesen von Uwes Auftauchen. Das wusste er aber schon von meiner kurzen SMS, die ich gestern, in der S-Bahn sitzend, noch an ihn wegen des Ausgangs des Prozesses an ihn geschrieben hatte, und von einigen Nachrichtenseiten, da dies dort ein Thema gewesen war. Aber schon nach meinem wirklich sehr langen Bericht über den Prozess und dem unerwarteten Nachspiel fragte er mich schon, ob er ihn denn besuchen kann. Aber das wusste ich natürlich nicht. Ich erzählte ihm, dass ich für Samstag eine Party plane, und er sagte spontan zu, mir dabei zu helfen, und später auch Lena. Und dann hatte ich viel zu tun, alle möglichen E-Mails, WhatsApp-Nachrichten und SMS auf die Reise zu schicken. Und dann kam Tessa kurz vorbei, der ich auch alles brühwarm berichtete. Mittlerweile hatte sie sich wieder gefangen. Da hatte wohl die Erkenntnis, bei der Aufklärung eines Verbrechens geholfen zu haben, ihr einen Schub gegeben.

Jessica Wolf und Adam Rückert lud ich auch zur Party ein, sonst aber nur meine Freunde. In die Redaktion würde ich in der folgenden Woche gehen, um alles auszuwerten und eine Nachbesprechung zu machen. Am anderen Tag fuhr ich in meinen Laden, machte aber schon mittags Schluss. Es war einfach zu Hause zu viel zu tun. Aber viele Hände machen schnell ein Ende, schon Samstagmittag war alles fast fertig, nur noch einige Kleinigkeiten waren zu machen. Da klingelte es. Wer könnte das sein?

Ich öffnete die Tür. Davor stand Uwe. "Kann ich reinkommen?", fragte er.

Kurz zögerte ich, sagte dann aber: "Passt zwar gerade nicht, aber natürlich. Lass die Schuhe an."

Er trat ins Wohnzimmer. Da steckte Lena den Kopf aus der Küche. Anhand der Art, wie wir so unschlüssig und wie verstört im Wohnzimmer standen, zog sie wohl die richtigen Schlüsse. "Oh, Sie sind Uwe, oder?"

"Uwe, darf ich vorstellen: das ist die Freundin von Andrea."

Lena kam auf ihn zu, streckte ihm ihre mehlbestäubte Hand hin. "Hi, ich bin Lena." Überschwängliche Freude war nicht in ihrem Gesicht zu sehen. Es sah eher emotionslos, nein, ratlos aus.

"Angenehm. Uwe."

"Ich wusste gar nicht, dass sie auch zu der Party …", sagte Lena.

In diesem Moment kam auch Andrea aus der Küche. "Oh, du!"

"Ich habe nicht erwartet, dass du dich freust, mich zu sehen. Ich wollte auch nicht groß stören. Ich wollte fragen, ob ich sein Grab sehen kann. Aber ich glaube, ich komme besser ein anderes Mal wieder."

Mit diesen Worten drehte er sich um und war im Begriff zu gehen. "Warte, Uwe!"

Ich fragte Andrea und Lena. "Kommt ihr mit dem Rest klar? Dann fahre ich ihn schnell zum Friedhof!"

"Ja, kannst du machen, Sandra", antwortete Andrea, reichlich überrascht und überfordert von der ganzen Situation.

"Komm mit", sagte ich zu Uwe, griff nach dem Autoschlüssel, und ging zum Wagen. Andrea und Lena schauten mir noch verwundert hinterher. "Bin bald wieder da", sagte ich.

Wir setzten uns rein und ich fuhr los. "Gib ihm Zeit", sagte ich. "Viel Zeit. Da kannst du nichts forcieren!"

"Das dachte ich mir schon. Er hat damals schon fast feindselig auf mich reagiert."

"Aber nun ist es eine andere Situation. Es ist viel Zeit vergangen, seine Mutter und sein Adoptivater sind tot, sein Bruder auch, er hat eine Freundin, steht mitten im Leben, ist ein sehr guter Musiker. Er mag mich und du hast mir geholfen. Sind doch schon mal Pluspunkte." Ich warf einen Blick zu ihm herüber, vermied es aber, dabei zu lächeln. "Ich dachte, du bist im Knast."

"War ich ja auch. In U-Haft, aber nur ganz kurz. Bin wieder draußen, mit Meldeauflagen. Es wird einen Deal mit der Staatsanwaltschaft geben. Meine neue Anwältin hat ein Feuerwerk abgefackelt. Die hatten nämlich nicht viel in der Hand. Der Identitätsbetrug, klar. Beim Diebstahl der Firmengelder haben sie überlegt. Das kann ja auch von Amts wegen verfolgt werden. Der Typ in Marseille hatte sich damals selbst belastet. Es wäre schwer gewesen, mir Vorsatz zu unterstellen, denn die eigentliche Sache hat ja Evelyn gemacht. Die Aneignung der Drogen, klar. Man hätte mir sonst nichts nachweisen können. Nirgendwo waren meine Fingerabdrücke, stattdessen aber von Mario und von Mattheo. Und es gab ja diesen Anruf mit Ankündigung unserer Ankunft bei Giovanni. Dem Betreiber der Müllverbrennungsanlage nahe Neapel. Er konnte das der Polizei bestätigen. Wir haben dem natürlich nicht gesagt, dass es Drogen sind. Pulver von chemischen Experimenten meines Sohnes, habe ich behauptet."

"Woher kanntest du den?"

"Ich nicht, aber Mattheo. Er hat ihn mit Evelyns Handy angerufen."

"Und welche Strafe wirst du bekommen?"

"Vermutlich irgendwas auf Bewährung. Zudem eine hohe Geldstrafe."

"Da hast du ja Glück gehabt. Andere haben lebenslänglich bekommen."

"So? Wer denn?"

Nochmals schaute ich kurz rüber. "Natürlich ich. So etwas bekommt man nicht mehr aus dem Kopf. Und nicht zu vergessen Mario."

"Wie ist er denn ums Leben gekommen?"

"Er wurde von einer U-Bahn überfahren."

"Er war hier in Hamburg?!"

Ich hielt an, da wir gerade bei dieser Stelle vorbeikamen, zeigte darauf. "Hier hatte ich meinen schweren Unfall!"

"Was für ein Unfall?"

"Bei der Verfolgung von Mario. Bin mit dem Auto gegen einen Transporter gekracht, war im Koma. Heute sieht man nur noch ein paar Narben. Aber die hier drin sind schlimmer!" Ich zeigte auf mein Herz. Uwe kommentierte das nicht. Was hätte er auch sagen können!

"Das kann ich verstehen", sagte er erst geraume Zeit später, als wir gerade am Ziel ankamen.

"Hier ist es", sagte ich, fuhr rechts ran, stieg aus, und Uwe auch. Es waren nur noch etwa 50 Meter zu gehen, dann stoppte ich, zeigte auf die Stelle. Da stand sein Grabstein, davor und darum ein wenig Grünpflanzen. Gut zu pflegen, machte weniger Arbeit als Blumen. Gleich daneben der Grabstein von Mario. Er war ein wenig anders als der von Uwe, Andrea hatte ihn ausgesucht.

"Vermutlich warst du nicht oft hier, oder?", fragte Uwe.

"Doch. Anfangs sogar ziemlich oft. Dort habe ich gesessen und immer mit dir geredet. Mit deinem vermeintlichen Ich." Ich zeigte auf die Bank.

"Verstehe. Die vielen Fragen und keine Antworten."

"Einige Antworten bekam ich schon durch eigene Ermittlungen. Genau bei dieser Bank traf ich Mario zum ersten Mal. Wenig später griff er mich an, wollte mich umbringen. Dann kam der Unfall. Mein Unfall."

"Ach, dann war sein Tod ohne deine Beteiligung?"

"Nicht ganz. Der war beim zweiten Mordversuch von ihm an mir. Ohne meine aktive Beteiligung. Ich hoffe, du kümmerst dich noch um die Umbettung oder den korrekten Grabstein für diesen Mattheo."

"Mache ich natürlich. Sag mal, was ist das denn für eine Sache zwischen dir und diesem Polizisten? Ist das was ernstes?"

Ich seufzte. "Mir wäre wohler, wenn ich das wüsste. Ich muss jetzt wieder. Meine Party wartet."

Ich ließ Uwe einfach stehen und fuhr nach Hause. Merkwürdig. Dachte Uwe etwa, dass er nochmal bei mir landen könnte? Never ever! Die Party war dann trotz meiner Erschöpfung doch ganz nett. Fast alle waren gekommen. Mit Jockel, Anton, und Samira, die gerade mit dem Boot in Málaga lagen, machten wir eine Videokonferenz. Am Schluss war ich ganz heiser vom vielen Erzählen. Und alle fanden das Wiederauftauchen von Uwe das Krasseste, was man je erleben konnte, so wie ich es auch empfunden hatte. Den nachfolgenden Sonntag hatte ich endlich ganz für mich. Selbst Andrea und Lena, die mir beide sehr geholfen hatten, verschwanden und machten ihr eigenes Ding. In der Folgewoche war viel Arbeit in meinem Laden und zur Redaktion musste ich auch mehrmals, dann kehrte so langsam Ruhe in mein Leben ein. Uwe ließ sich nicht mehr blicken. Aber ich hatte keine Ruhe. Ich hatte nämlich noch eine Aufgabe: Sue. Eigentlich waren es sogar zwei. Aber die eine Sache verschob ich erstmal. Nein, ich verdrängte sie.

-----------------------------------------------------------

Teil 45

Die Suche nach der Mutter von Sue

Sue hatte sicherlich viel unter all den Aufdeckungen gelitten, auch wenn sie vorher schon kein gutes Verhältnis mit ihm gehabt hatte. Dafür war seine Gier nach Reichtum, Macht, Unangreifbarkeit einfach zu groß. Die Arroganz der Oberen. Außerdem hatte sie ja noch dabei geholfen, seine kriminellen und zweifelhaften Aktivitäten aufzudecken, wenngleich auch unabsichtlich, und passiv. Einfach dadurch, dass sie mich nicht verpetzt hatte. Natürlich rief sie mich am Tag nach dem Prozess an, da die Polizei bei ihr gewesen war. Sie war sehr traurig und erschüttert gewesen und fragte mich, ob das wirklich wahr wäre. Aber ich konnte sie mit nichts trösten, da ich ja wusste, dass alles wahr war. Und den Film von seinen Aktionen in meinem Haus wollte ich ihr nicht zumuten. Noch nicht.

Vielleicht könnte ich ihr Leid lindern, indem ich ihre Mutter fände. Bisher hatte ich meine Aufmerksamkeit beim Sichten der Dokumente ja eher auf die jüngere Vergangenheit gerichtet, aber nun schaute ich alles noch einmal durch. Irgendwo musste doch ein verdammter Hinweis zu finden sein! Es brauchte aber immerhin zwei Wochenenden, bei denen ich den größten Teil meiner Freizeit dafür opferte, bis ich auf einen möglichen Hinweis stieß. Es waren Überweisungen auf Kontoauszügen. Diese begannen vor etwa 20 Jahren und gingen 14 Monate lang, bis sie dann aufhörten, aber vorher floss noch eine gigantisch hohe Summe auf das gleiche Konto. Als ich die Kontoauszüge sah, schlug ich mir vor den Kopf. Das waren doch genau die Kontoauszüge, die extra im Tresor lagen, und bei denen ich gerätselt hatte, warum.

Wäre das die passende Spur? Die Summen beliefen sich auf 1800 Euro. Die Einmalzahlung betrug 380 000 Euro. Stutzig machte mich diese runde Summe. Im Geschäftsumfeld wäre ja eher eine Summe mit etwas hinter dem Komma üblich. Ich dachte sofort an eine Erpressung. Oder Ruhigstellung. Aber warum dann die Einmalsumme? Nach Durchsicht auch der restlichen Kontoauszüge wusste ich: Etwas Ähnliches gab es danach nicht mehr. Da kamen fast alles irgendwelche Einmalzahlungen oder regelmäßige Zahlungen an Firmen für Wasser, Strom, Gebäudeversicherung, Steuer, und so weiter. Als Empfänger auf dem Kontoauszug war eine Michelle Boulanger angegeben. Ich recherchierte mit einer Personensuche, kam aber nicht wirklich weiter. Der Name war leider recht häufig. Ich schaute mir die Bank an. Es war eine Bank in Lyon. Von denen würde ich offiziell aber nichts erfahren, aus Datenschutzgründen. Ich müsste es anders versuchen.

Obwohl, was wäre, wenn die heute verheiratet ist und einen anderen Namen hat? Trotzdem, ich müsste es versuchen. Wieder mal tätigte ich alle Vorbereitungen und buchte mir einen Flug in zwei Tagen, und einen Leihwagen. Kaum angekommen, steuerte ich das Detektivbüro an, welches ich mir im Vorwege herausgesucht hatte. Ich zeigte dem Detektiv die Kontoauszüge und erzählte ihm von den Hintergründen. Dabei blieb ich bei der Wahrheit. Er sagte mir gleich, dass er wegen des Datenschutzes wohl nicht viel erreichen könnte, wollte es aber probieren. Mein Französisch war immer noch sehr schlecht, aber mit dem Online-Übersetzer ging es einigermaßen. Ich verzog mich in mein Hotel.

Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf. Er bat mich zu kommen. Es war schon später Nachmittag. Ich fuhr hin, da das mit dem Übersetzer am Telefon nicht gut funktionierte. Er sagte mir, er hätte herausbekommen, welche Bankfiliale damals das Konto führte, und jemanden von dort aufgetrieben, der schon in Rente war, und sich mit uns treffen wollte. Es war in einer Gaststätte. Ich machte mich schön zurecht, allerdings nicht in sexy, da ich seriös wirken wollte. Ich ging mit meinem Detektiv, der äußerlich nicht viel hermachte, aber zumindest gepflegt aussah, dorthin. Da stand auch schon ein Mann, schmales Gesicht, Alter zeitlos, aber vermutlich an die 60 bis 70, der mit dem Detektiv, der wie mein Anwalt Andre hieß, ein paar Worte wechselte, und mich dann mit Handkuss begrüßte.

"Charles. Madame Neuhaus, très contente. Venez!"

"Angenehm. Danke." Ich lächelte wegen der in Deutschland eher unüblichen Begrüßung mit Handkuss.

Er ging voran, ich folgte ihm. Er war Gentleman durch und durch, und schob mir den Stuhl zurecht, auf den ich mich setzte. Ich zückte gleich mein Handy für die Übersetzung. Es entfuhr ihm ein Lächeln. "Sie kommen also aus das schöne Deutschland", sagte er auf Deutsch mit dem üblichen und typischen Akzent für Franzosen.

"Oh, sie können deutsch sprechen?"

"Meine Mutter hatte damals im Krieg versteckt einen deutschen Deserteur, den sie dann hat geheiratet. Er wurde mein Vater. Daher meine Deutsch."

"Verstehe. Herr Lavouz hat Sie schon informiert, worum es geht?"

"In Ansätzen. Sie suchen eine Michelle Boulanger, richtig?"

"Ja, genauer gesagt suche ich eine Michelle Boulanger, wie sie damals hieß, die bei ihrer Bank ein Konto gehabt hat. Ich weiß nicht, was sonst auf ihrem Konto los war, aber vor etwa 20 Jahren hatte sie 14 Monate lang monatlich eine Summe von genau 1800 Euro auf ihr Konto bekommen, was dann mit einem Schlag aufhörte, als sie 380.000 Euro auf einmal bekam. Ich vermute, es war gezahlter Unterhalt. Ich kenne den Einzahler, einen gewissen Olaf Hieronymus Bremer und seine Tochter Sue, die ihre Mutter sucht, und ich glaube, dass deren Mutter genau diese Michelle Boulanger ist. Können sie sich an sie erinnern?"

Er schwieg lange, überlegte. "Ich weiß nicht, ob ich es kann sagen, aber ich kenne diese Frau. Genauer, ich kann mich erinnern an sie, kennen ist zuviel. Eine sehr schöne, zarte Frau, die aber damals Probleme hatte. Lief immer herum ein wenig zu … aufgereizt. Wenn sie fragen mich, die hatte auch in präzisen Verhältnissen gelebt."

"Sie meinen prekäre Verhältnisse? Am Rande des Existenzminimums."

Er seufzte. "Ja, so. Es gab Gerüchte, früher. Von eine Kollegen von mir. Er glaubte zu wissen, sie ging manchmal anschaffen. Zu gute zahlende Kunden. Ihre Mutter war wohl krank und sie brauchte das Geld für sie. Der Kollege hat aber nicht gesagt, er hatte die Information woher. Aber ich glaube, es kann stimmen."

"Mochten sie sie?"

"Sehr sogar. Wenn sie kam, war es immer wie ein wenig Sonnenschein, wissen Sie. Man hat nichts gemerkt von die Sachen."

Ich schaute ihm ins Gesicht. Seine Mimik hatte einen schwärmerischen Ausdruck angenommen. "Sie haben sie geliebt, oder?"

Er schüttelte den Kopf. "Nein, geliebt nicht. Ich war verliebt, vielleicht ein kleines bisschen. Dann war sie aber weg, und später kam meine Frau von heute."

"Wissen Sie, wo sie hin ist? Haben sie Michelle noch mal wiedergesehen?"

"Das weiß ich nicht genau, aber ich dachte, ich habe sie noch mal gesehen. In Avignon war das. Auf einem Volksfest. Da war sie mit einem Mann. Viel Gedränge. Als sie mich hat gesehen, wird sie sich weg gedreht und ist in andere Richtung verschwunden. Es war zu voll, konnte nicht hin da. Auf dem Parkplatz beim Auto habe ich sie noch mal gesehen. Ich habe gerufen Michelle, aber sie ist in Auto gestiegen mit ihrem Mann. Großes Auto. Ich habe sie nicht nochmal gesehen. Aber den Mann habe ich später in die Zeitung gesehen. Mit eine Bild. Der hat dort ein Weingut. Er heißt Louis Dubois. Vielleicht versuchen sie dort ihr Glück."

Andre fragte mich was, und Charles übersetzte: "Soll ich dahin mitkommen? Ich hörte Avignon?"

"Danke, aber ich werde versuchen , erst mal alleine dort zurechtzukommen. Sie haben schon viel erreicht. Machen Sie die Abrechnung, ich komme morgen früh vorbei." Charles übersetzte, und Andre ging dann.

Es hatte lange gedauert, aber jetzt kam der Kellner und nahm die Bestellung auf. Ich lud ein. Ich nahm eine Ratatouille, und Charles eine Quiche Lorraine. Außerdem orderte ich ein Glas Wein für uns beide. Es wurde ein unterhaltsamer Abend: Er erzählte mir seine Lebensgeschichte, und ich brachte ihn zum Staunen, als ich Teile meiner Geschichte zum Besten gab. Am Schluss wurde es dann ziemlich spät und mehr Wein als geplant, aber ich wurde müde, und musste ins Bett. Ich bezahlte, natürlich unter seinem Protest, und dann trennten wir uns. Das Bett drehte sich ganz schön, bis ich endlich, etwa 150 Runden später, einschlief. Ich vertrug den Alkohol wohl nicht mehr so gut wie früher. Zum Glück hatte ich keine Kopfschmerzen, als ich gegen zehn meinem Detektiv seinen verdienten Lohn gab. Einen Vorschuss hatte er ja gleich zu Anfang bekommen. Dann fuhr ich los.

In Avignon angekommen, fragte ich mich nach dem Weingut durch. Es ging aus der Stadt heraus, und ein kleines Stück weiter dann zu einem kleinen Hügel hoch. Ich überlegte schon, wie ich die Sache ansprechen sollte, da kam ein Auto aus einem Tor und fuhr von dort weg. Einem inneren Impuls folgend wendete ich und folgte dem Wagen. Es hatte eine Frau drin gesessen, etwa im passenden Alter. Sie fuhr nach Avignon rein und dort zu einem kleinen Parkplatz. Ehe ich auch geparkt hatte, war sie meinen Blicken entschwunden. Ich beschloss zu warten. Etwa eine Stunde später erschien sie wieder, mit einer Einkaufstüte aus Papier behangen. Sie war tatsächlich zart und schlank, könnte also wirklich diese Michelle sein. Ich fasste mir ein Herz und ging auf sie zu. "Parlez-vous allemand ?"

"Oui. Oh, leider, ich habe schon so lange nicht mehr gesprochen die Deutsch."

Ich lächelte zum Zeichen, dass ich ihr wohlgesonnen war, denn das, was ich ihr gleich sagen würde, könnte in ihr Ablehnung oder Auflehnung auslösen. "Michelle, ich heiße Sandra. Es geht um ihre Tochter Sue. Sie braucht ihre Hilfe."

Ihr Gesichtsausdruck versteinerte sich. "Woher kennen sie meine Namen? Verschwinden sie! Lassen sie in Ruhe mich!" Sie stieg in ihren Wagen ein.

"Sie können ihre Tochter nicht einfach abschütteln wie ein lästiges Insekt!" Das schien zu wirken. Sie startete zum Glück nicht ihren Wagen, sondern saß weiter drin mit versteinerter Miene. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, sie begann zu schluchzen, und dann hemmungslos zu weinen. Ich stieg ebenfalls ein, wartete geduldig ab, bis ihr Weinkrampf vorbei war, und sprach sie erst an, als sie mich wieder anschaute, verkrampft, fast verzweifelt. "Keine Angst. Ich will ihnen keinesfalls schaden. Wollen sie davon erzählen?"

Sie wischte sich ihre Tränen aus dem Gesicht. Ich reichte ihr ein Papiertaschentuch rüber, da sie auf die Schnelle keines fand. "Danke. Wie haben sie gefunden mich? Wer schickt sie?"

"Niemand schickt mich. Ich bin auf eigener Mission unterwegs. Und gefunden habe ich sie über die Überweisungen des Vaters des Kindes."

"Von Olaf? Aber das ist doch schon her so lange! Wie geht das?"

"Ich hatte Glück, es noch herauszufinden. Aber nun bin ich da. Was ist damals passiert? Sie mussten ihr Kind weggeben, richtig? Keine Angst, ich mache ihnen keinen Vorwurf."

"Ja. Es ging anders nicht. Es hat mir zerrissen die Herz, aber ich hatte keine Wahl."

"Hat er sie erpresst?"

"Er hat mich gestellt vor die Wahl. Sagt Jugendamt, was tue ich, dann Kind weg. Oder er nimmt Kind, und ich bekommen Geld. Viel Geld. Meine Mutter war krank, ich brauchte die Nebenjob."

"Dieser Bremer ist ein Scheusal!"

"Kennen sie ihn?"

"Oh ja! Er hatte auch mich mit einer Klage vor Gericht bedroht, aber ich habe gewonnen. Hat ihnen damals zumindest das Geld geholfen?"

"Oh ja, hat geholfen. Konnte später kaufen kleines Haus, dann gute Arbeit, konnte viel sparen, konnte machen ganz andere Sachen, Kultur, sagt man das so in die Deutschland?"

"Das sagt man. Sie hatten damals als Prostituierte gearbeitet, oder?"

"Nicht auf Straße. Nur manchmal. Für schwere reiche Kunden. Olaf war einer von die Kunden. Er hatte gemacht Bilder heimlich, konnte erpressen mich damit später. Bin nicht stolz auf dieses Job. Musste sein damals. War allein, kein Geld, keine eigene Wohnung, nach Vater gestorben. Was soll ich denn machen jetzt? Mein Mann schickt weg mich, wenn erfährt er, was ich hatte gemacht früher." Wieder fing sie an zu heulen, es dauerte dieses Mal aber deutlich weniger lange.

"Glauben sie wirklich?"

"Nein. Bin nicht sicher. Vielleicht ja, vielleicht nein."

"Sind sie abhängig vom ihm?"

Sie schüttelte den Kopf. "Nicht sehr. Nur wenig."

"Liebt er sie?"

"Ich glaube schon."

Ich musste nicht lange überlegen. Ich dürfte sie nicht mit Druck dazu zwingen, das würde nichts bringen. Sie musste sich selbst dazu durchringen. Ich reichte ihr das Kärtchen mit meiner Telefonnummer. "Überlegen Sie sich, ob Sie es machen wollen. Wenn sie Hilfe brauchen, rufen sie mich an. Sue weiß nicht, dass ich sie gefunden habe. Ich werde es ihr auch nicht sagen. Nur wenn sie es wollen!" Mit diesen Worten stieg ich aus, und schlenderte noch ein wenig in der Stadt herum, stöberte stundenlang in Modegeschäften, dann ging ich noch in ein Café, und als ich gerade auf mein Auto zusteuerte, klingelte mein Telefon. "Sandra Neuhaus."

"Hier ist Michelle." Ihre Stimme klang weinerlich.

"Geht es ihnen gut, Michelle? Hat ihr Mann sie etwa geschlagen?"

"Nein, nein, nicht. Habe geweint. Vor die Freude geweint. Können sie kommen her? Ist die Rue de Atlantique, bis zu Ende zu die Weingut. Tor mache ich offen."

Meine anfängliche Beklemmung wich, und mein Herz machte einen Freudensprung. "Aber klar, Michelle. Ich freue mich so, bin in einer Viertelstunde da!"

Ich fuhr auf den gepflasterten Hof. Das Weingut hatte schon fast etwas von einem kleinen Schloss: graue Steine mit gut sichtbaren Fugen. Als ich ausstieg, standen schon Michelle und ein Mann da, der seine Hand auf ihre Schultern gelegt hatte. Im Gegensatz zu ihren vorhin sehr angespannten Gesichtszügen sah sie jetzt geradezu wie erlöst aus. Den Mann schaute sie an, wie man einen Ehepartner anschaut, mit dem man schon ein halbes Leben zusammen ist, dem man vertraut und mit dem man durch dick und dünn geht. Michelle kam auf mich zu. "Hallo Sandra. Das ist meine Mann Jaques. Er spricht leider keine Deutsch."

Ich ging die paar Schritte auf ihn zu, Michelle an meiner Seite. "Bonjour, Monsieur … Jaques." Ich gab ihm die Hand.

"Bonjour, Madame Sandra." Er hatte einfach meine Duzversion übernommen. Er machte eine Handbewegung zum Innenraum. Hier sah es ganz normal aus, zwar dicke Wände, aber nichts, was an ein Schloss erinnert, kein Prunk. Eine weitere Handbewegung dirigierte mich zum Tisch. Er sagte etwas auf Französisch zu mir. Ich verstand nur wenig, aber Michelle übersetzte.

Michelle gab seine Worte wieder. "Er sagte: Seien Sie willkommen. Sprechen Sie ruhig mit Michelle, sie hat mir gesagt alles. Ich lasse euch jetzt mal allein. Ich würde stören nur, wenn Michelle müsste übersetzen alles." Ich nickte ihm zu und er ging nach irgendwo nebenan.

"Sie haben ihm also alles gesagt?"

"Ja, habe ich. Aber er hat mich nicht reden aus. Er hat gesagt, wusste alles. Er wusste alles, verstehst du! Die ganze Sachen. Also zumeist mein Nebenjob damals. Er hatte mal einen Kunden getroffen, mit der ich in die Bett war. Da waren wir verheiratet noch nicht. Und trotzdem hat er gehalten zu mir. Und dann auch verheiratet. Verstehst du das?"

"Ja, das verstehe ich. Es war Liebe, und Vertrauen. Sie waren der Sonnenschein in seinem Leben. Wusste er das mit Sue auch?"

"Nein, nichts von ihr."

"Und was will er jetzt deswegen tun? Er will sich doch nicht etwa scheiden lassen?"

"Nein, gar nicht scheiden. Er versteht mich und will unterstützen mich."

"So einen Mann findet man selten. Wie habt ihr euch denn kennengelernt?"

"Ich hatte kleines Haus gekauft, hier in Avignon. Und dann gearbeitet bei eine Confiserie. Verzierte Torten gemacht. Motivationstorten."

Ich überlegte. Was soll das sein? Dann hatte ich aber eine Idee. "Ach, sie meinen Motivtorten? Torten, die ein Thema zeigen?"

"Ja, solche Torten. Verzierung mit massepain, fondant und couverture en chocolat. Bunt, oder chic."

"WOW! Das kannst du also! Oh, pardon, jetzt hab ich du gesagt!"

"Können wir behalten das? Du bist Sandra, richtig?"

"Stimmt. Du hast ihn also in der Confiserie kennengelernt?"

"Ja, wir hatten Treffen für Torte. Er brauchte Torte. Ein sehr trauriges Torte. Seine Frau war tot und er brauchte das für die Feier von ihr Tod. Für ihre zwei Schwestern, ihre Bruder und die Kindern von denen. Man redet vorher immer mit die Mensch was bestellt, nach seine Wünsche und Vorgaben. Er ließ mir die Hand frei und ich habe gestaltet eine schöne Motivation die hat gezeigt die Liebe aber auch die Trauer für die Frau. Er war viel begeistert und hat hinterher bedankt sich ganz viele. Zwei Jahre kam er später in die Confiserie für neues Torte von seine Geburtstag, die gestaltet habe ich wieder. Danach wir verabredet für Treffen. Wir dann getroffen oft, viele geredet und haben verliebt miteinander. Dann ich zog in die Weingut und er hat geheiratet mich. Meine eigene Haus hab ich vermietet seit dem."

"Woran ist denn seine Frau gestorben?"

"Sie war lange krank. Viele Jahre. So eine Krankheit, die heißt Multiple Sklerose."

"Ah ja, die kenne ich. Eine furchtbare Krankheit."

"Was ist denn jetzt mit Sue? Will sie mich sehen überhaupt, nach so lange Zeit?"

"Sie hat den starken Wunsch geäußert. Auch wenn ihr Vater sich um sie gekümmert hatte, war sie nicht glücklich mit ihm und dem vielen Geld. Sie wurde rebellisch und ist dann verunglückt."

Michelle erschrak sich. "Ist sie etwa … tot?" Ihre Augen waren vor Furcht weit aufgerissen.

"Nein, das nicht. Sie hat eine Lähmung."

"Was ist das denn, Lähmung?"

"Sie konnte ziemlich lange ihre Beine nicht bewegen, fuhr im Rollstuhl. Aber es wird langsam besser und sie kann schon wieder stehen und ein paar kleine Schritte gehen. Sie hofft, wieder ganz gesund zu werden. Aber das dauert noch lange."

"Kann ich helfen etwas? Braucht sie Geld?"

"Nein, Geld hat sie genug. Sie braucht nur Unterstützung. Emotionale Unterstützung. Jemanden, der für sie da ist, ihr zuhört, ihr Ratschläge gibt. Sie hat noch eine Halbschwester, aber die wohnt auch weit weg, in London. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, endlich ihre Mutter kennenzulernen."

"Was ist denn mit Olaf?"

Hm, jetzt war ich in der Bredouille. Was könnte ich ihr sagen? "Er war in kriminelle Aktivitäten verwickelt, ist verschwunden. Man sucht nach ihm."

"Wie kann ich sehen sie?"

"Ich organisiere das. Sie wohnt in Hamburg, in einer Wohngruppe für behinderte Menschen. Soll es da sein?"

"Weiß nicht. Vielleicht eher neutrales Ort besser?"

Ich überlegte. Bei mir? Da hätte Sue keine Toilette, in die sie fahren könnte. Aber bei Bettina und Nico! Das müsste gehen! Die hatten eine ebenerdige, genügend große Toilette im Erdgeschoss. Ich würde sie einfach mal fragen. "Ja, ich hätte da etwas. Bei meinen Nachbarn. Die Nachbarn können dann so lange zu mir."

"Danke Sandra. Kann ich geben die Telefonnummer von mir?"

"Klar, gerne." Ich ließ mir ihre Kontaktinfos notieren.

Auf einmal klingelte mein Handy. Ich schaute auf das Display. Jens Mehnert. Es wäre wohl besser, wenn ich da rangehen würde. "Moment", sagte ich, und ging ran. "Hier Sandra Neuhaus."

"Hallo Frau Neuhaus. Ich wollte ihnen nur eine Information geben, bevor sie es vermutlich in der Presse lesen werden. Es geht um Olaf Hieronymus Bremer."

-----------------------------------------------------------

Teil 46

Familienzusammenführung

"So-so. Was ist denn mit dem?"

"Er hatte einen Unfall. Er ist tot."

"Was? Wo war der denn?"

"Sie werden es nicht glauben. Der Unfall war eine halbe Stunde, nachdem der in ihrem Haus aufgetaucht war."

"Aha. Also in Hamburg, oder wie?"

"Exakt."

"Und wieso sagst du das erst jetzt?"

"Das wussten wir ja erst nicht. Beim Unfall war er in einem Wagen, der auf einen Ausländer zugelassen war. Ein Kroate. Den mussten wir erst mal ausfindig machen, er war lange nicht bei seiner Meldeadresse aufgetaucht, da er dachte, wir suchen den wegen einer kriminellen Sache. Der Tote darin war ja derartig zerquetscht, dass es erst unmöglich war, ihn zu identifizieren. Außerdem fing der Wagen Feuer. Fingerabdrücke konnte man daher nicht mehr nehmen. Der Mann hatte auch keinen Ausweis dabei. Erst über den Zahnstatus hat es geklappt. Es war dann klar, der Kroate saß nicht drin. Und dann mussten wir wieder die Zahnärzte abklappern. Sowas dauert halt."

"Wie ist der Unfall denn passiert?"

"An einem Laster platzten Reifen, dann ist der in den Gegenverkehr geschleudert, hatte sein Auto überrollt."

"Musste er leiden?"

"Nein, er war sofort tot."

"Jetzt erinnere ich mich, der Unfall stand in der Zeitung. War das nicht so ein Laster mit Kakaobohnen?"

"Ja, genau. Die ganze Ladung war über die Fahrbahn verteilt."

"Das Universum schlägt zurück!"

"Wie meinen?"

"Es hat ihm genau den passenden Tod beschert."

"Ach so, ja, passt irgendwie. Da hast du … haben sie recht."

"Höre ich da jetzt raus, dass du dich wieder ein wenig beruhigt hast? Dann würde ich die nächsten Tage mal vorbeikommen."

"Ja, okay. Bin ja meistens hier." Man hörte schon anhand der langen Pause die Unsicherheit aus seiner Stimme heraus. Hatte er Angst davor, dass ich mich von ihm zurückziehe?

"Weiß es Sue schon?"

"Seine Tochter? Nein. Ich wollte gerade hinfahren."

"Pass auf. Keine Ahnung, wie sie reagiert. Sie ist momentan zwar körperlich noch behindert, aber ein Wildfang."

"Mache ich. Wo sind sie denn gerade?"

"In Frankreich."

"Ach! Urlaub, oder wie?"

"Brauchte ich. Kannst du dir ja denken."

"Etwa wegen mir?"

"Nein. Wegen des Prozesses. Zudem musste ich hier noch was erledigen. Na dann, bis die Tage."

"Tschüss, Frau Neuhaus." Ich legte auf. Michelle schaute mich mit einer fragenden Miene an.

"Habe ich das gehört. Es ging um Sue. Oder?"

"Nein, es geht um ihren Vater. Um Olaf. Er hatte einen Unfall und ist dabei ums Leben gekommen. Es tut mir leid."

"Ich weine ihm nach keine Träne! So ein Mensch, immer nur hat Geld und Macht im Kopf gehabt. Weiß auch nicht, was hat mich gereizt zu ihm."

"Ja, aber Sue tut mir leid. Umso mehr braucht sie jetzt dich."

"Ich werde sehen sie!" Ihre Miene hellte sich auf.

"Ich fahre dann mal. Ich rufe dich an, wenn ich alles organisiert habe. Au revoir."

"Au revoir", sagte auch Michelle, und schaute mir hinterher, ein wenig nachdenklich. Ich konnte es nachvollziehen. Es war unsicher, wie Sue nach dieser langen Zeit reagieren würde. Ich setzte mich in meinen Leihwagen und fuhr zum Flughafen von Lyon zurück, bekam noch einen Flug und war am Abend wieder zurück in Hamburg. Da ich sehr müde war, fiel ich sofort ins Bett. Am anderen Tag musste ich erst einmal in meinen Laden. Aber gleich nach einem frühen Feierabend klingelte ich bei Nico und Bettina.

Sie öffnete. "Hallo Sandra. Na, was hast du wieder für ein Attentat auf uns vor?"

Ich grinste. "Vor dir kann man aber nichts geheim halten. Ich brauche mal eure Wohnung für eine Familienzusammenführung."

"Aber wir sind doch schon vollständig!"

Ich lachte. "Es geht ja nicht um eure! Es geht um die Familie von Sue."

"Wer ist denn Sue? Und warum nimmst du nicht deine Wohnung?"

"Das wollte ich erst, aber Sue ist noch für geraume Zeit an den Rollstuhl gefesselt. Bei mir kann sie ja nicht in die untere Toilette hineinfahren."

"Ach, ist das die, mit der du einige Male zu deinem Haus warst? Da, einige Zeit nach deinem Unfall?"

"Ach, du hast uns gesehen? Ja, die ist das."

"Kein Problem, aber das könnt ihr doch bei dir machen, und wenn sie mal muss, kann sie zu uns hinüberfahren."

"Ach ja, stimmt. Gute Idee. Also, ich kläre den Termin und dann melde ich mich noch mal bei euch."

"Gut Sandra. Auf die einfachsten Sachen kommt man zuletzt, oder?"

"Wahrscheinlich werde ich schon dement! Bis dann, Bettina." Ich grinste sie an und ging in mein Haus zurück. Ich überlegte, ob ich heute noch zu Sue fahren sollte, verschob das aber auf morgen. Vielleicht sollte ich mich auch ankündigen. Ich schrieb ihr eine SMS.

"Liebe Sue! Mein herzlichstes Beileid wegen deines Vaters. Wir waren Gegner, aber das hat er nicht verdient. Das verdient keiner! Ich komme mal morgen vorbei, ja?"

"Danke, liebe Sandra. Bin den ganzen Tag da. Nachmittags kommt der Bestatter."

"Okay, komme dann Vormittags."

Am anderen Morgen zog ich Trauerkleidung an. Das letzte Mal hatte ich sie bei Marios Beerdigung an. Ich ließ mir einen Blumenstrauß binden und fuhr hin. Bei so jungen Leuten war es zwar fraglich, ob sie was mit Blumen anfangen können, aber schaden würde es ja nichts. Das Haus, in dem Sue wohnte, hatte zwei Fahrstühle, trotzdem nahm ich die Treppe. Dritter Stock. Ich klingelte. Eine Dame mit Trisomie 21 öffnete mir.

"Hi! Ich bin Sandra und will zu Sue. Ist sie hier?"

"Ist sie."

"Wie geht's ihr denn?"

"Geht so. Komm mit."

Ich folgte ihr durch einen langen Flur. An dessen Ende war eine Wohnküche. Sue saß an einem Küchentisch, vor ihr eine Menge Unterlagen. Ich ging zu ihr hin, und umarmte sie. "Nochmal mein herzlichstes Beileid", sagte ich. "Es war sicher ein Schock für dich."

"Danke, Sandra. Man hatte mich vorher schon gefragt, ob ich was mit dem Überfall auf dich in deinem Haus zu tun habe. Aber ich wusste davon nichts. Ehrlich!"

Ich lächelte sie an. "Das weiß ich doch. Wie hast du die Nachricht aufgenommen?"

Sie überlegte einige Sekunden lang. "Irgendwie gefasst. Das musste ja mal irgendwann so kommen! Aber es hat ihn niemand gekillt. Und der Fahrer hatte keine Schuld. Trotzdem er so einer war, fehlt er mir jetzt. Ich kann auch nicht …" Sie stockte jetzt, und es kamen einige Tränen, und dann eine regelrechte Heulattacke. Als sie vorbei war, setzte Sue nach: "Jetzt habe ich niemanden mehr! Nur noch meine Halbschwester Britta und meinen Neffen, aber die sind ja weit weg!" Wieder weinte sie einen Moment und musste sich dann die Nase schnäuzen. Ich wartete geduldig.

"Das hast du doch! Ich war erfolgreich. Möchtest du deine Mutter kennenlernen?"

Es wirkte augenblicklich und ihr Körper spannte sich an. "Cool Sandra! Wirklich? Natürlich! So schnell wie möglich!"

"Wirklich. Sie heißt Michelle Boulanger, hat aber später geheiratet, als sie wieder Boden unter den Füßen hatte. Jetzt heißt sie Dubois. Sie lebt in Frankreich."

"Ich will sie sehen!"

"Sie will dich auch sehen. Ich organisiere das. Ich dachte, das erste Treffen findet in meinem Haus statt. Da lasse ich euch dann natürlich alleine. Wenn du mal musst, kannst du bei meinem Nachbarn in die Toilette hineinfahren. Das geht dort problemlos."

"Kann ich sie sprechen? Hast du ihre Nummer?"

"Ja, aber es ist besser, das erste Treffen von Angesicht zu Angesicht zu machen. Glaub mir."

Sues Gesicht wurde skeptisch, dann erschrak sie. "Ach so! Sag mal, muss ich jetzt französisch lernen?"

"Nein, gar nicht. Deine Mutter kann ganz gut deutsch."

"Oh mein Gott, ich bin so aufgeregt!"

"Pass gut auf sie auf", sagte ich mit einem Augenzwinkern zu ihrer Mitbewohnerin. Zu Sue sagte ich noch: "Ich melde mich! Tschüss."

"Mach's gut, Sandra." Sie erhob sich sogar kurz aus ihrem Rollstuhl, um mir zuzuwinken. Ich ging und fuhr zum Laden. Während der Fahrt telefonierte ich noch mit Michelle. Auch bei ihr hörte man die Aufregung heraus, aber sie war fest entschlossen. Sie wollte in vier Tagen nach Hamburg kommen. Ich versprach, sie vom Flughafen abzuholen. Und ich sagte ihr zu, dass sie bei mir übernachten kann. Dann simste ich noch mit Sue, die das Datum bestätigte. Und dann war der Tag heran. Am Ankunftsterminal im Flughafen tauchte Michelle auf. Ich winkte ihr zu. Man sah ihr eine gewisse Anspannung an. Sie kam zu mir, ich umarmte sie.

"Willkommen in Hamburg, Michelle. Es ist alles vorbereitet. Komm, wir fahren." Michelle hatte so einen winzigen Flugkoffer dabei. Sie war überrascht, dass ich nicht mit dem Auto kam. Aber das Flughafenparken war unkalkulierbar und teuer, und die S-Bahn sorgte für eine Super-Anbindung. Das kurze Stück zu mir würde sie zu Fuß sicher schaffen. Während des Weges erzählte ich ihr, was ich hier so mache, dann waren wir schon da. "So, das ist mein Haus. Komm rein."

"Ist sie schon drinnen?"

"Nein, sie kommt gleich hierher. Entspann dich! Sue brennt darauf, dich kennenzulernen."

"Und sie wird mir keine Vorwürfe machen?"

"Ich glaube nicht. Sue ist manchmal ein wenig impulsiv, aber wenn du ihr die Situation erklärst, die damals herrschte, wird sie es verstehen. Ihr Gerechtigkeitssinn ist ausgezeichnet. Notfalls kannst du in die obere Ebene flüchten, da kommt sie nicht hin. Aber das wirst du nicht brauchen."

Ich öffnete die Tür und bat sie herein, zeigte ihr das Schlafgemach. Ich hatte mit Andrea gesprochen und Michelle konnte heute in seinem Zimmer schlafen, da Andrea bei Lena übernachtete. Er hatte extra das Bett neu bezogen. Dann kochte ich für uns einen Kaffee. Ein kurzer Abriss meiner Erlebnisse folgte, aber ehe ich zum Ende mit dem Prozess und Uwes Auftauchen kam, sah ich auf einmal an der Terrassentür Sue. Die Anspannung stieg in Sekundenschnelle unendlich stark an. Auch bei mir. Wie würde es wohl ablaufen? Ich stand auf und ging zur Terrassentür, öffnete sie. Sue fuhr hinein, ich hing ihr den Schlüssel für das Haus von Nico und Bettina um. "Hallo Sue. Toilette über die Straße im gelben Haus rechts gegenüber, gleich hinter der Tür links. Das ist deine Mutter Michelle. Viel Erfolg." Mit diesen Worten ging ich hinaus. Ich schaute mich noch einmal um. Sue und Michelle hatten sich immer noch nicht von der Stelle bewegt, aber ich glaubte zu sehen, dass schon ein paar Tränen flossen.

Ich hatte mich mit dem älteren Herrn verabredet, über dessen Grundstück ich mich damals immer aus oder in mein Haus geschlichen hatte während der Observation. Wir spielten Karten, volle zwei Stunden. Erst dann beschloss ich, mal nach dem Rechten zu schauen. Ich ging über den normalen Eingang rein, also nicht von hinten über die Terrasse. "Bin wieder da", rief ich.

"Ja, hier!", rief es von drinnen zurück. Die Stimme von Sue. Beide, Michelle und Sue saßen jetzt auf dem Sofa nebeneinander und lächelten sich an. Sue hielt Michelles Hand. Beide Gesichter zeigten deutliche Anzeichen eines historischen Sturzbaches.

"Na, habt ihr euch vertragen?", fragte ich, nicht ohne eine gewisse Ungewissheit.

"Sandra, ich bin so froh, dass du das geschafft hast", sagte Sue. "Ich weiß noch nicht mal, wie. Danke!"

"Ordnung ist das halbe Leben. Dein Vater hatte alles aufgehoben. In alten Kontoauszügen habe ich was entdeckt. Der Rest war simple Detektivarbeit."

"Ich denke, du hast eine Laden?", fragte Michelle. Beide strahlten wirklich eine gelöste Stimmung aus.

"Hab ich auch. Aber manchmal ermittele ich auch. Glaube ich jedenfalls."

"Auch von mir viele Dank. Die Sache hatte mich beschäftigt so lange und nun habe ich geschafft es. Ich habe selber nicht mehr geglaubt. Endlich meine Tochter wieder halten in die Armen ist die größte Geschenk mein Lebens. Wollte kommen immer, aber hatte Angst vor Olaf, und vor Reaktion meine Mann. Nun wir wieder vereint."

"Ich bin auch sehr glücklich, euch so zu sehen. Werdet ihr euch noch öfters sehen?"

"Natürlich", sagte Sue. "Michelle hat mich eingeladen auf ihren Hof."

"Geht das denn mit der Toilette und Bad?"

"Das ist ebenerdig. Für der Stufen an der Treppe an die Haus hat Jaques noch was von seine Frau damals. Habe schon gesprochen. Und Bilder geschickt." Michelle antwortete, und strahlte.

"Habt ihr Hunger?", fragte ich. "Soll ich was kochen?"

"Können wir nicht gehen in Restaurant? Später? Ich glaube, erst bewegen."

"Das machen wir. Am Poppenbütteler Schleusenteich ist ein schönes Restaurant. Ich rufe da mal an und reserviere. Okay?"

"Klingt gut", sagte Sue. "Oder?" Die letzte Frage war an Michelle gerichtet. Die hob den Daumen. Sue wollte dann vorher noch das Toilettenangebot wahrnehmen. Bettina trat vor die Tür, als Sue drin war.

"Na, wie lief's?", fragte sie. "Keine Ahnung. War ja nicht dabei. Aber die Stimmung ist jetzt super."

"Ist sie das?", fragte Bettina. "Ich meine, ihre Mutter? Will sie schon weg?"

"Ja, aber wir wollen nur eine Runde drehen."

"Du auch?"

"Ja, ich auch."

"Schade. Ich dachte, ich kann noch ein wenig von dir erfahren, wie das so lief mit dem Prozess, und das vorher. Irgendwie war ja auch wieder die Polizei bei dir!"

"Ja, der Typ, welcher der Vater von Sue ist, also die im Rollstuhl, der hatte mich im Haus abgepasst. Ich hatte ihm gehörig in die Suppe gespuckt: Er musste abhauen, aber kam nicht mehr an seinen Tresor heran. Der dachte, ich hätte die Kombination geändert, und wollte sie mir mit Gewalt entlocken. Aber ich hatte noch eine Überraschung für ihn und er musste flüchten."

Bettina seufzte. "Du hast echt ein aufregendes Leben."

Auch an mir war es zu seufzen. "Manchmal wünschte ich mir, es würde etwas weniger aufregend sein. Also in letzter Zeit …!"

"Und, hat man ihn eigentlich gekriegt?"

"Nur kurze Zeit später hatte er dann einen Verkehrsunfall, bei dem er gestorben ist."

"Echt? Krass. Erzähl!"

"Komm einfach mit. Dann erzähle ich alles."

"Störe ich dann nicht?"

"Nee. Die beiden werden mit sich beschäftigt sein."

"Gut, okay." Ich rief dann beim Lokal an, zum Glück war noch was frei, dann schlossen wir unsere Häuser zu, und rauschten los. Wir nahmen den Weg durch das Alstertal. Der war ein wenig holperig und nicht so gut für den Rollstuhl von Sue geeignet, aber sie bestand darauf, diesen Weg zu nehmen. Währenddessen breitete ich die ganze Geschichte vor Bettina aus. Michelle und Sue unterhielten sich miteinander, und schauten sich dabei immer wieder an. Wie lange würde es dauern, bis das Grinsen aus dem Gesicht von Sue verschwunden sein würde? Da fiel mir ein, dass da ja noch eine Beerdigung anstand. Beim Essen im Lokal fragte ich nach und erfuhr, es war morgen. Michelle fragte nach, ob sie daran teilnehmen dürfe. Aber für Sue war das keine Frage. Natürlich darf sie! Wie würde wohl die Tante von Sue darauf reagieren? Ich hatte sie ja selbst erlebt. Bruder tot, der Sohn in U-Haft und unter Mordverdacht, und dann noch die Michelle, die sie immer für unter ihrer Würde gehalten hatte. Aber Sue wischte das alles beiseite. Im Testament wurde sie dafür bestimmt, die Beerdigung zu organisieren. Ich war mir sicher, nicht hinzugehen. Wer weiß, was das mit der Hexe machen würde!

Sue blieb bis zum Abend. Kurz vor ihrem Aufbruch fragte ich sie aber noch. "Sag mal, weißt du was über die frühere Frau deines Vaters, eine Hertha von Hohenfels? Ich habe da Unterlagen gefunden."

"Ja, klar. Das war die erste und einzige Ehefrau meines Vaters. Also bist du doch an den Tresor gekommen?"

"Ja logisch! Wie hätte ich sonst deine Mutter finden können? Ich habe gesehen, dass diese Hertha gestorben ist. An ihrem Hochzeitstag."

"Ich weiß darüber nur, was mir Mariana erzählt hatte. Die Ehe hielt nicht lange. Sie trennten sich, er zog aus, und diese Hertha nahm sich dann einen Liebhaber. Bevor aber die Scheidung durch war, ist sie gestorben. Er sagte, an einer verschleppten Bronchitis. Von ihr hatte er aber den Grundstock seines Vermögens geerbt. Vorher war er ziemlich arm gewesen. Also, zumindest nur normal situiert."

"Schlechtes Timing. Vielleicht wäre er anders geworden, hätte er nicht dieses Geld geerbt."

"Du sagst es."

Ich verabschiedete mich dann. Als Michelle am anderen Tag von der Beerdigung zurückkam, begleitete ich sie noch bis zum Flughafen. Und dann kam die Leere. Ich lächelte zufrieden in mich hinein. Alles erledigt. Alles? Nein! Ich erinnerte mich. Da wartete noch eine Entscheidung. Und die lag mir schwer im Magen. Es war wie eine Horde Ameisen, die dort drin rumorte. Die zwickten und zwackten, und gaben keine Ruhe.

-----------------------------------------------------------

Teil 47

Mein lieber Schwan: Küstennebel, ein Parfümschwall, Blindekuh, und eine Erkenntnis

Wie könnte ich das denn herausbekommen? Ich schaute nach. In drei Tagen ginge es. Da war noch was frei. Ich buchte und fuhr am Nachmittag hin. Alles schon hundertmal gemacht. Ich musste nicht lange warten. Ein dunkelhaariger Typ, eine Handbreit größer als ich, kantige Gesichtsform, entschlossener Blick. Könnte passen. Ich sprach ihn an. Er war mir sympathisch. Wir lachten viel. Aber immer wieder drückte sich Jens in meine Gedanken. Zwei Stunden später standen wir vor der Tür meines gemieteten Ferienhauses. Alles war wie immer, aber es war anders. Ich war anders. Es kribbelte nicht. Und ich musste an Jens denken. Warum denn gerade jetzt? Ich wollte Spaß! Mit ihm! Ich küsste ihn, vor der Tür stehend. Aber es war wie … mechanisch. Ich empfand einfach nichts. Noch nicht mal Lust. "Sorry, ich kann das heute nicht. Bitte sei mir nicht böse."

"Aber …" Ich öffnete die Tür, ging hinein, schloss die Tür. "Sandra?", sagte er noch. Auf der anderen Seite lehnte ich mich dagegen. Ich hatte keine Angst davor, dass er sie aufbrechen würde. Ich lehnte mich dagegen, um Luft zu holen, durchzuatmen. Was war hier passiert? Ich hatte meine Mitte verloren. Ich schmiss mich aufs Bett, und fing an zu weinen. Was war nur aus mir geworden? Ich, die stolze, erfolgreiche Männeraufreißerin, hatte versagt. Auf ganzer Linie! Kurz vor dem Ziel aufgegeben. Als ich nach einiger Zeit aufhörte zu weinen, reflektierte ich. Es kam nicht von einem Tag auf den anderen. Es hatte sich angedeutet. Schon länger. Und es lag nicht nur, aber auch an Jens. Ich glaube, ich war der Sache einfach überdrüssig geworden. Zu viele leichte Siege. Beliebigkeit. Aber noch würde ich nicht aufgeben. Ich musste es mit jemandem probieren, den ich wirklich mochte. Sogar mehr als mochte. Aber es gab nicht mehr viele. Eigentlich keinen mehr. Uwe kam nicht mehr infrage. Julian war in festen Händen. Ellen auch. Und Anton. Jockel ging auch nicht. Selbst Peter hatte mir vor kurzem eröffnet, dass er wieder eine Freundin hat. Da fiel mir doch noch jemand ein. Dieter! Meine spontane Bekanntschaft vom Alsterwanderweg damals, in den ich mich blitzschnell verliebt hatte.

Es traf sich gut, dass morgen Sonntag war. Nach der Rückfahrt am anderen Morgen machte ich zu Hause ein wenig klar Schiff, dann brach ich zu meiner Wanderung auf. Nahe dem Endpunkt wäre Dieters Wohnung, nur ein kleines Stück neben dem Weg. Kurz vor dem Ende der Wanderung, fast an genau der Stelle, wo damals der Baum lag, wurde ich wieder ausgebremst. Der Baum war dieses Mal ein Schwan. Er war nicht alleine. In Ufernähe des Teiches residierte seine Herzensdame mitsamt Kinderschar. Und er war ganz und gar nicht erfreut über meinen Versuch, weiterzugehen. Er fauchte mich an und ging auf mich los. Ich wich zurück. Ich versuchte es mehrere Male, aber er ließ sich nicht austricksen. Ein Paar, das von der Gegenseite kam, drehte um, und versuchte dann, die Stelle zu umgehen. Auch ich machte das wohl oder übel. Ich ging wieder den schmalen Pfad entlang, auf der anderen Seite des Teiches. Dieses Mal war aber alles trocken und ich lief keine Gefahr, wieder zu stolpern und zum Moormädchen zu werden. Leider kam mir dieses Mal auch kein Dieter entgegen. Ich ging zu seinem Haus und klingelte. Keiner öffnete.

Mist. Ich ging zum Café, um mir meine Belohnung, ein Kuchenstück und eine Tasse Kaffee, zu gönnen. Da sah ich ihn durch die Scheibe drinnen sitzen. Er saß an einem Tisch. Alleine. Vor sich eine Tasse und einen bereits leeren Kuchenteller. Mein Herz machte einen bemerkenswerten Hüpfer. Da ist er ja! Ich machte ein paar Schritte Richtung Eingang, aber auf einmal bremste mich eine unsichtbare Kraft. Meine innere Stimme sprach mit mir. 'Was ist mit Jens? Hat er das verdient?', fragte sie. Verdammt! Warum muss die sich denn ausgerechnet jetzt melden? Und als ganz neuer Zug, hatte meine sonst so zuverlässige südliche Zone keine Einwände. Sie sprach nicht mit mir. Keine Fürsprache. Jemand ging an mir vorbei. Ein Mann. Ein Parfümschwall erreichte mich. Er erinnerte mich an jemanden.

Sebastian! Er war der erste Mann, mit dem ich damals fast geknutscht hätte. Ich war in seiner Wohnung gewesen, er hatte mich eingeladen, um Musik zu hören. Und dann lief es so, wie es immer lief, damals. Man kam sich näher. Immer näher. Aber dann hielt mich etwas zurück. Ich hatte das Gefühl, er wäre nicht der Richtige für das erste Mal. Auch nicht für das Zusammenleben. Er sah zwar gut aus, war beliebt, hatte aber so eine gewisse Art. Diese Gewinnerart. Er bekam alles! Immer! So einen Mann wollte ich nicht. Und was wäre mit Dieter? Ich müsste dann in die Künstlerkreise einsteigen. Ich mochte zwar Kunst, hatte da aber meine Grenzen. So manches heutige … brrr! Und dann müsste ich dieses alberne Getue mitmachen. Diese dämlich-bemühte Gendersprache, Bussi-Bussi-Getue. Brrr! Da würde ich ja Gehirnkrätze kriegen, und könnte, da ich da ja nicht herankam, mich nicht einmal kratzen!

Nein, auch Dieter wäre nicht der richtige fürs Leben. Bei diesem einen Mal war es gut gewesen, aber nicht auf Dauer. Ich ging trotzdem noch einige Schritte, stand dann im Café, spürte aber, ich war verwirrt. Ich schaute zur Kuchenvitrine, dann zur Bedienung mit dem fragenden Gesicht. Dann spürte ich Hitzewallungen. Sekunden der Entscheidung vergingen. Dann war sie gefallen. Ich sagte etwas Blödsinniges. "Sorry, verwählt." Ich ging aus dem Laden, spürte noch die verwunderten Blicke der Verkäuferin auf mir. Ich fuhr nach Hause, fühlte mich leer. Blutleer. Schmiss mich aufs Bett, sinnierte. Stundenlang. Ich resümierte alle möglichen Begegnungen mit Jens in der Vergangenheit. Und noch schlimmer: Ich träumte von Begegnungen in der Zukunft. Tagträume! Ich versuchte mich abzulenken, machte Modeentwürfe. Aber es war Schrott, was aus meinem Stift kam, und ich vernichtete alles am anderen Morgen. So ging das nicht weiter! In der nächsten Nacht bekam ich unerwartete Hilfe. Mein Unterbewusstsein.

Ich schlief ein. Und dann träumte ich. Ich stand auf einem Kreisel. Nein, nicht auf so einem Kreisel, der sich dreht, das wäre ja nicht gegangen. Es war ein Verkehrskreisel, und ich stand in der Mitte. Die Autos brausten um mich herum. Da fuhr auf einmal jemand in den Kreisel hinein. Ich erkannte den Wagen. Das war meiner! Und die Fahrerin war ich. Ich! Aber ich fuhr total merkwürdig. Mein linker Arm hing aus dem Fenster und in dem hatte ich so einen Blindenstock. Ich tastete mich mit dem Vorwärts. So, als ob die Fahrerin nichts sieht. Aber sie fuhr doch total vorbildlich! Nur immer im Kreis. Immer weiter, und ich, die im Kreisel stand, drehte mich mit dem Auto mit. Sandra im Auto mit dem Blindenstock fuhr an jeder Ausfahrt vorbei, kam nicht heraus. Das war der Moment, in dem ich aufwachte. Ein merkwürdiger Traum. Was versuchte er mir zu sagen? Ausfahrt nicht genommen? Meinte der Traum, die Ausfahrt zum Glück? Oder die Ausfahrt zu einem Mann? Gar einer Frau? Aber die Ausfahrten waren nicht beschriftet gewesen. Und was sollte das mit dem Blindenstock?

Auf einmal wusste ich es, oder ahnte es. Gab es da nicht so einen Spruch? Man sieht nur mit dem Herzen richtig. Also, mir würde weder meine südliche gemäßigte und manchmal wilde Zone die Erkenntnis bringen, noch mein Gehirn. Sondern das Herz! Was sagte mir das Herz? Das sagte mir, dass jetzt Jens ganz nett wäre. Ich vermisste ihn. Die Gespräche mit ihm. Sein Lachen, seine Stimme, seinen Körpergeruch. Einfach alles. Aber er war weg. Zu weit weg! Es machte sich ein Gefühl in mir breit, als könnte ich es nicht mehr ohne ihn aushalten. Ein ganz neues Gefühl für mich. Es war anders als damals mit Uwe. Es war mit ihm ganz langsam, fast unmerklich gewachsen, und tauchte nicht wie Uwe damals ganz plötzlich auf. Ich hatte ihn schon länger nicht mehr gesehen und entwickelte Entzugserscheinungen. Es war nicht diese Art Lustentzug, die ich sonst immer hatte. Es war die Art Entzug seiner Gesellschaft. Ich hätte nicht gedacht, dass mich so noch mal ereilt, nach all dem, was ich erlebt hatte, was mir widerfahren war. Aber ich konnte es nicht weiter ignorieren. Es war Liebeskummer! Kummer, den ich mir selbst eingebrockt hatte, da ich verdrängte, wie weit das bereits gediehen war, es nicht wahrhaben wollte. Und dieser Kummer war wie ein Geist, der Besitz von mir ergriffen hatte. Ich musste ihn loswerden!

-------------------------------

Teil 48

Endspiel mit Jens

Ich fuhr zur bekannten Adresse, meldete mich an, und ein Beamter führte mich hoch zu ihm. Er saß an seinem Schreibtisch. Hinter ihm stand eine Kollegin von ihm und hielt eine Mappe vor ihn hin, so, dass er sie lesen konnte. Er schaute drauf, drehte seinen Kopf zu ihr hin, sagte ihr ein paar Worte. Sie lächelte. Ein Stachel der Eifersucht stach mir direkt ins Herz. Sie nickte, und ging von ihm weg. Ich ging zu ihm hin. Er schaute konzentriert auf irgendwelche Unterlagen, hatte mich noch nicht entdeckt. Paula saß versetzt ein Stück weg und nickte mir kurz zu, als sie mich sah. Erst als ich schon vor seinem Schreibtisch stand, nahm er mich wahr, und blickte auf. "Oh Sandra, ähm, Frau Neuhaus. Gibt's Neuigkeiten?" Anders als beim letzten Mal drehte er seinen Stuhl zu mir hin und blickte mich an. Seine schlechte Laune von letztens war wie weggeblasen und er sah fröhlich aus. Oder war es hoffnungsvoll?

"Vielleicht. Und lassen wir das Versteckspiel. Sag doch einfach Sandra, auch hier."

"Wieso nur vielleicht?" Dann sah man es in ihm arbeiten. "Ach so, ja, Frauen sagen niemals ja. Außer vielleicht bei der Hochzeit."

Diese Erwähnung erzeugte in mir einen wohligen Schauer, aber ich wollte meine Karten noch nicht zu früh auf den Tisch legen. "Genau", sagte ich daher kühl. "Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Das war nicht in Ordnung, dich so im Regen stehen zu lassen. Auch diese informationstechnische Zurückhaltung. Ich weiß, es …"

Er fiel mir ins Wort. "Du hast ja den Prozess gewonnen. Also war es wohl notwendig und richtig, dass du es so gemacht hast. Ich hatte mich nur nicht ganz wohl dabei gefühlt. Konnte dir nicht helfen, ohne zu wissen …"

"Trotzdem war es nicht richtig, was ich gemacht hatte. Und du hast mir geholfen! Sehr sogar." Ich machte eine kurze Kunstpause. "Ich wollte mich auch mal erkundigen. Nach dem Stand der Dinge. Habt ihr ihn?" Ich konnte ja nicht sagen, dass ich das bereits von Paula wusste.

"Du meinst seinen Neffen, ja? Wir haben ihn."

"Und Evelyn? Habt ihr sie befragt?"

"Natürlich haben wir sie befragt. Aber wegen des Alkoholspiegels damals hatte sie wenig Erinnerungen. Die Filme auf einem Stick, den er versucht hatte, im Flughafen zu entsorgen, zeigen aber alles. War zwar verschlüsselt, aber als Passwort sollte man besser nicht 'Blondinenwitze' nehmen. Und dann noch die Tatwaffe, die Leichenfunde!"

"Leichenfunde?"

"Drei Leichen. Der, von dem du weißt, noch einen anderer Mann, und eine Frau. Waren vergraben auf einem Grundstück, zu dem er Zugang hatte. Es sind die vermissten Personen von damals."

"Und wo wird er angeklagt?"

"Das klären die Staatsanwaltschaften dann untereinander. Ist kompliziert. Die Opfer waren ein Spanier, ein Schwede, eine Deutsche. Die Tat war auf Mallorca, also in Spanien. Diese Tat mit dem Film ist eindeutig. Und bei den anderen ist die Untersuchung noch nicht fertig."

"Ich bin trotzdem irgendwie froh, dass es nicht Evelyn war, die den Typen abgemurkst hat."

"Dein Ernst?" Ich nickte. "Du bist echt zu gut für diese Welt. Sag mal, in die hat sich dein Mann damals verliebt?"

"Damals war sie ganz anders. Konnte Männer um den Finger wickeln."

"Ja, ja, das soll ja bei Frauen gelegentlich mal vorkommen." Dabei schaute er mich eindringlich an. Ich ignorierte es einfach.

"Und was war mit Uwe?"

"Viel hatten wir ja nicht in der Hand."

"Und das mit dem Doppelgänger war wirklich kein Mord?"

"Das war kein Mord. Es gibt ja einen Film. Diese Evelyn hatte sich über den anderen Typen hergemacht. Er ist auch gefahren. Und dann war wohl zu viel Blut in seinen unteren Extremitäten, seine Aufmerksamkeit hatte gelitten." Er grinste dabei. "Diese Evelyn hatte es mit einem Selfie gefilmt und dein Mann hat ihr das Handy weggerissen, als das Auto von der Straße abkam. Er hat die Tür geöffnet und ist herausgesprungen."

Mit einem Mal bekam ich einen Schreck. "Bin ich jetzt eigentlich wegen Versicherungsbetrug dran? Ich habe doch kassiert!"

"Naja, dürfte schwer sein. Dem Staatsanwalt war das auch gleich aufgefallen, aber wegen unserer schlampigen Identifizierung … Dein Mann hat aber schon gesagt, dass er das zurückzahlen will."

"Puh. Zum Glück. Hab eh schon genug an der Backe. Oder?"

"So, was denn?"

"Ich weiß nicht. Was habt ihr denn?"

Er hob die Hände. "Meinst du den Tresor von dem Bremer? Wir haben keine Fingerabdrücke von dir daran gefunden. Und von woanders in seiner Wohnung haben wir keine genommen."

"Und was ergab sich daraus sonst noch?"

"Na, da war dieser Stick. Eine Pistole mit Munition. Einige Dossiers, die wohl zur Erpressung benutzt wurden. Einige falsche Pässe. Und es lagen einige Handys dort. Prepaidnummern. Das eine war komischerweise das Handy, mit dem damals der Einbrecher nach dem Einbruch bei dir angerufen hatte. Und das mit dem Anruf beim Notruf vor kurzem, wo ich dich danach angerufen hatte. Auch die anderen Handys wurden für merkwürdige Aktivitäten benutzt."

"Ja, komisch. Da war wohl ein Insider bei ihm zu Gange."

"Vielleicht eher eine Insiderin? Die Angestellte sagte da so etwas. Er hatte jemanden eingestellt. Ist noch nicht lange her. Eine Frau. Sandra Koosen hieß sie. Ihrer Beschreibung nach sah sie dir sehr ähnlich. Nur mit Brille und in blond. Komischer Zufall, dass sie auch genau deinen früheren Mädchennamen benutzte. Eine Frechheit, oder? Hat die einfach deinen Namen benutzt!" Er grinste mich dabei an. Mir war klar, er wusste alles! Naja, fast alles.

Ich beschloss, ihm gegenüber ehrlich zu sein. Endlich mal. Der Typ war ja eh tot und würde keine Anzeige stellen. "Ich habe mich in seine Organisation eingeschlichen."

"Ach? Na ja, er hat dich doch selbst eingestellt, oder?"

"Das stimmt. Ich musste wissen, was da vor sich ging. Und die versteckte Kamera?"

"Welche Kamera?"

"Na, die in der Lampe! Oder habt ihr die nicht gefunden?"

Er zog eine Schublade auf. Dort lag sie. Er nahm sie und zeigte sie mir. "Du meinst so etwas? Das kennen wir. Nutzen wir auch manchmal für verdeckte Ermittlungen. Also als wir das Haus durchsucht hatten, da haben wir so etwas nicht gefunden. Waren nur normale Glühlampen drin." Ein fast teuflisches Grinsen begleitete seinen Satz.

Ich atmete auf. "Na, der hatte da ja tolle Glühlampen."

"Und wie bist du dann doch noch in das Zimmer von diesem Manuel gekommen? Du hast doch aber nicht etwa die Waffen dort hineingelegt?"

"Nein, ich war gar nicht drin."

"Und woher wusstest du …? Der Staatsanwaltschaft ist ein Bild davon vorgelegt worden."

"Nach meinem vergeblichen Versuch hatte ich am Strand einen Nerd getroffen, dem eine Drohne abgekauft, und hatte die in das Zimmer geflogen. Damit hatte ich die Bilder gemacht."

"Ach ja, die Polizei hat so eine Drohne unter einem Baum gefunden."

"Ja, das war ich. Unfall. Ich weiß, Frauen und Technik."

Jens lachte kurz auf. "Du musst mir wirklich mal sagen, wie du das geschafft hast. Gegen so welche da oben zu gewinnen, schafft man sonst fast nie."

"Ich hatte Freunde. Wohlgesonnene Freunde. So welche haben die da oben fast nie. Du bist ja auch einer von den Freunden. Außerdem bin ich eine Geschäftsfrau. Die macht alles, oder fast alles, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Jedenfalls eine gute Geschäftsfrau macht das. Und außerdem hatte ich Glück beim Spiel."

"Welches Spiel meinst du?"

"Das erzähle ich dir später. Beim Essen heute nach deinem Feierabend. Oder hast du heute keine Zeit? Sonst geht auch ein anderer Tag."

"Ach, ist das eine Einladung?"

"Ja, klar. Ich habe viel wiedergutzumachen. Kommst du? Ich würde mich sehr freuen."

"Wann und wo?"

"An der U-Bahn-Station Lattenkamp. Ganz unverbindlich. Du musst mir dieses Mal auch keine Geschäftsgeheimnisse verraten. 17 Uhr?"

"Das geht. Ja, gerne."

"Bis dann, Jens." Ich warf ihm noch einen sehnsüchtigen Blick zu, nickte Paula zu. Während des Gespräches hatte ich gemerkt, dass sie wohl die Ohren gespitzt hatte. So, wie sie in sich hineinlächelte, hatte sie zumindest die Verabredung mitbekommen. Dann ging ich. Merkwürdigerweise merkte ich erst jetzt, wie sehr mein Herz pochte. Ich resümierte, ich hatte tatsächlich Angst gehabt, dass er meine Einladung nicht annimmt. Wenn ich mich in seine Lage versetzte, konnte ich mir denken, wieso. Als ich dann, einige Stunden später, pünktlich dort stand, war kein Jens da. Erst 8 Minuten später fuhr eine Bahn ein und eine weitere Minute später kam ein gehetzt wirkender Jens die Treppe herunter.

"Sorry, Sandra, hab die Bahn verpasst."

"Macht nichts, Jens. Auch meine Verabredungen dürfen sich mal verspäten. Normalerweise ist das sonst immer meine Domäne."

"Echt jetzt?"

"Ja klar. Ich bin voller Fehler. Sozusagen ein Mängelexemplar. Gehen wir?" Jens folgte an meiner Seite. Ich wurde mutig und nahm seine Hand. Jens blickte mich erstaunt an. Ich konnte mir nicht verkneifen, zu fragen: "Hast du Angst, dass man dich und mich alte Schachtel für ein Paar hält?" Jens antwortete nicht verbal. Er schaute mich nur lächelnd an und griff meine Hand fester. Nach kurzem Weg, bei dem ich ihn nur nach seinem Tag ausfragte, kamen wir zu einem Restaurant und gingen rein, setzten uns an einen Zweiertisch. Sofort kam die Bedienung zu uns. Jeder nahm einen Kaffee und, obwohl es so spät war, ein Stück Kuchen, und eine Pizza. Ich hatte nämlich einen Riesenhunger und Jens offenbar auch. Ich kannte das Restaurant schon und hatte dieses extra ausgewählt, da ich wusste, die haben beides, und konnte somit meiner Leidenschaft (und meiner Schwäche) für Kuchen frönen.

"War diese Einladung jetzt als Ausgleich für dein schlechtes Gewissen gedacht?"

"Nein, ich habe mich doch vorhin schon entschuldigt. Ich wollte einfach mal wieder deine Anwesenheit genießen. Du fehltest mir doch sehr in den letzten Wochen."

"Ich wäre auch gerne zu deinem Prozess gekommen. Aber ich musste arbeiten. Außerdem war ich mir nicht so sicher, ob du gewinnst. Ich kann nämlich keine Frau leiden sehen."

Ich lachte auf. "So sehr litt ich gar nicht. Ich war sozusagen eine aufgetakelte Fregatte, die aus allen Rohren geschossen hat."

Jens lachte über meine Ausdrucksweise. Kaffee und Kuchen kamen. Wir fingen an zu essen. "Hab aber von jemandem gehört, wie es da abgegangen ist. Mit Ohrfeige."

"Ach! Wer hat denn da gequatscht?"

"Die Richterin."

"Soso? Du kennst andere Frauen in meinem Alter? Darf ich mal deinen Kuchen probieren?" Ich wartete seine Antwort nicht ab, piekte einfach meine Kuchengabel in sein Kuchenstück und nahm mir was. "Möchtest du meinen auch probieren?" Auch Jens mopste sich jetzt ein Stückchen von mir. Ich hatte einen fruchtigen, Jens einen Schokomousse-Kuchen. "Ich habe übrigens noch was mit dir vor."

"Aha? Was denn?"

Ich grinste ihn an. "Begleitung bei einem Kinobesuch." Passend zu unserem leeren Kuchenteller kamen jetzt unsere Pizzen.

"Wie. Jetzt?"

"Nein, in Kürze. Ist das okay für dich?"

"War schon lange nicht mehr im Kino. Was kommt denn?"

"Weiß ich nicht. Ist das denn wichtig?" Jens war ein wenig verunsichert. In Wirklichkeit wusste ich natürlich genau, was kam.

"Eigentlich nicht. Wie war es denn in Frankreich? Dein Urlaub? Aber irgendwie sagtest du auch was von Besorgungen."

"Das hast du dir ja gut gemerkt. Ich habe jemanden gesucht. Die Mutter von Sue."

"Sue Bremer?" Er schaute erstaunt auf, während er verzweifelt versuchte, ein Stück von der ziemlich krossen Pizza abzuschneiden.

"Genau die. Und ich habe ihre Mutter gefunden. Jetzt sind sie wieder glücklich vereint."

"Woher kennst du die Sue denn?"

"Kannst du dich noch an die Kurzzeitpflege erinnern? Da, wo du mich zum Konzert abgeholt hast? Da war sie meine Zimmergenossin."

"Echt? Na, Zufälle gibt's. Hat sie dich bei ihrem Vater eingeschleust?"

"Nein, aber ich bin dort auf sie gestoßen, während sie nichts davon wusste. Zum Glück hatte sie mich nicht enttarnt. Ich hatte fast einen Herzkasper bekommen. Genauso wie damals beim Leopard, als der mich verspeisen wollte."

"Ein Leopard? Ach so, die Richterin sagte ja, dass du in Afrika warst. Für Recherchen."

"Soll ich dir darüber erzählen?" Die nächste halbe Stunde hatte ich damit zu tun, Jens alles in den kleinsten Einzelheiten zu erzählen. Besonders die Dschungelsache fesselte ihn. Plötzlich erschrak ich, als ich auf die Uhr schaute. "Wir müssen langsam los!" Ich bezahlte schnell, und wir gingen zum nicht weit entfernten Kino hin. Es war ein Programmkino. Wir setzten uns in die bequemen Sessel und wenige Minuten später ging es auch schon los. Ich nahm einfach die Hand von Jens und streichelte seine Hand mit meinem Daumen. Es dauerte nicht lange, und er machte mit. Der Film war ein älterer Hollywood-Film. Einer mit Herz und Hirn. Der alternde Hauptdarsteller, so eine Art Dandy, bekommt ein ernstes gesundheitliches Problem und besucht daraufhin einige seiner verflossenen, natürlich jüngeren Gespielinnen, und wundert sich, dass er so wenig Spuren in ihnen und ihrem Leben hinterlassen hat, bis er endlich die wahre Liebe, in Form einer reifen Frau, erkennt und findet. Schnulzig, ich weiß, aber sehr nah an meinem Leben der letzten Jahre und dem Jetzigen.

Wir gingen aus dem Kino raus und passenderweise fragte Jens mich gleich: "Sag mal, das sollte doch nicht etwa eine Anspielung sein? So war ich nie!"

"Natürlich war die Filmauswahl eine Anspielung. Auf mich! Eine selbstkritische Rückblende auf mein eigenes Verhalten."

"Ach …?" Mehr traute er sich nicht zu fragen.

Ich nahm wieder seine Hand. "Es tut mir leid. Ich war eine ganze Weile ziemlich eklig zu dir. Aber etwas hat mir die Augen geöffnet. Gehen wir?"

"Wo willst du denn noch hin?"

"Zu mir nach Hause? Ich hätte da noch eine Überraschung."

"So-so. Etwa dieses Spiel, das du angedeutet hast?"

"Das hast du behalten? Ja, das Spiel. Es wäre mir sehr wichtig."

"Was ist es denn?"

"Schach. Aber ich muss dich warnen! Ich schummle gerne."

"So-so. Die Dame spielt also Schach. Mit Schummeln." Seine Augen blitzten auf, man hörte, er machte sich über mich lustig.

"Ach, kannst du auch Schach?"

"Ja klar. Sogar ziemlich gut."

"Dann teste ich dich mal. Bei mir zu Hause. Keine Angst, es geht nicht darum, dich dort zu verführen."

"Ich hab keine Angst", sagte Jens. Wir gingen zur U-Bahn-Station. "Sag mal, Sandra, du hast doch nicht etwa die Sachen in diesen Tresor reingelegt?"

"Du bist ein guter Polizist", sagte ich. "Immer auf der Hut. Ich war wirklich am Safe. Aber ich habe nichts verändert, nur Kopien gemacht. Und mit dem Handy den Notruf gewählt. Ich wollte herausbekommen, welche Nummer die Handys haben. Zeigst du mich jetzt an?"

Jens grinste. "Überleg ich mir noch." Nach einer kleinen Pause: "Nein. Ich weiß ja nichts davon." Dann waren wir bei der Station angekommen, und warteten auf die U-Bahn. Ich schaute Jens an, nahm seinen Kopf in meine Hände, und küsste ihn. Nicht so die Art von verlangendem Kuss. Auch kein Standardkuss. Es war ein sinnlicher Kuss. Es wirkte. Die Zeit blieb stehen. Kurz nur, aber sie blieb stehen. Und mein Herz klopfte wieder wie wild. Leider unterbrach die einfahrende U-Bahn unseren intimen Moment. Jens schaute ganz verdutzt. Allein, um dieses Bild zu sehen, hatte es sich gelohnt. Wir gingen in die Bahn und fuhren zu mir nach Hause, mit einmal umsteigen. Eine junge Frau, vielleicht 18, 19, die auf der Bank uns gegenüber saß, und in einem Buch las, schaute uns zwar nicht an, schmunzelte aber hin und wieder, während wir uns über seichte Themen unterhielten. Man könnte uns für ein Paar halten, denn wir hielten Händchen. Wie verliebte Teenager.

Wir gingen dann in mein Haus, ich holte aus einem Schrank ein Schachspiel heraus, und fing an, die Figuren aufzustellen. Und zwar so, wie es meiner Erinnerung nach beim Spiel mit Bremer war.

"Was ist das denn?", fragte Jens. "Warum nicht wie üblich?"

"Das ist ein wichtiges Spiel. Ein Nachspiel. Neuhaus gegen Bremer. Meinert übernimmt. Ich habe Weiß und bin dran", sagte ich. "15ter Zug." Ich schlug mit meiner bedrohten Dame seinen gedeckten Bauern. "Du bist am Zug."

Jens machte große Augen. "Ist das dein Ernst? Sandra, nimm den Zug wieder zurück!"

"Das geht nicht. Berührt, geführt! So sind die Regeln!"

"Na gut, wie du willst!"

Jens überlegte lange. Sehr lange. Dann nahm er nicht meine Dame, sondern setzte zuerst seinen Springer mit Damenbedrohung. War ja logisch. An dem ganzen Figurentausch, davon die meisten zu meinen Gunsten, konnte er jetzt eh nichts mehr ändern. Also war es logisch zu versuchen, den Zug zu erzwingen. Um den Springer musste ich mich dann zuerst kümmern. Natürlich musste dann trotzdem meine Dame dran glauben, aber das Spiel nahm mit ihm einen anderen Verlauf, als bei Bremers Zügen. Kein drohendes Schachmatt für Schwarz. Denn Jens setzte sehr gekonnt seinen auf g7 lauernden schwarzen Läufer ein und konnte mir damit das Leben schwermachen. Auch seine Dame konnte er dann noch ins Spiel bringen. Ich kam trotz meines Damenopfers wieder gut in die Partie, aber es wurde etwas ausgeglichener, da ich mehr Figuren hatte. Eigentlich hätte ich auch hier gewinnen müssen, war aber nicht ausreichend konzentriert. In meinem Bauch flatterten einfach zu viele Schmetterlinge herum. Widerstand zwecklos! Später machte ich noch einen kapitalen Fehler, durch den ich nach dem Angriff auf einen Bauern einen Turm verlor. Zwanzig Minuten später tauschten wir beide die letzten Figuren und nur noch die beiden Könige waren auf dem Spiel. Remis.

"Warum hast du denn das Damenopfer nicht gleich angenommen?", fragte ich Jens.

"Das war doch eine Falle! Aber ich habe sie ja auch so bekommen."

"Ich deine später aber auch. Nun sind nur noch die Könige über. Das ist blöd."

"Wieso?"

"Was sind schön Könige? Die sind gefangen in ihrem Leben, in ihren Strukturen. Nicht umsonst dürfen die nur ein Feld setzen und müssen sich immer beschützen lassen. Nur die Dame hat alle Freiheiten. Komm, wir machen ein neues Spiel!"

Ich nahm die beiden Könige weg und setzte die weiße Dame und einen schwarzen Turm auf das Spielfeld. Dann schaute ich Jens erwartungsvoll an. "Sandra, was ist das denn für ein Quatsch? Was ist mit den anderen Spielfiguren? Und mit dem König?", fragte Jens.

"Die sind alle aus dem Spiel. Nur noch du als Turm und ich als Dame. Der Turm ist der starke Beschützer. Wenn beide korrekt spielen, kann keiner gewinnen und beide sind auf ewig allein auf diesem Spielfeld."

"Äh … was?"

"Jens, stell dich nicht so blöd an! Was soll das wohl sein? Überleg mal."

Jens schaute mich total perplex an. Dann verstand er. "Das Spielfeld ist unser Umfeld, unser Hier und Jetzt, oder?"

"Und unser Später. Keine anderen Türme, aber auch keine anderen Damen. Ich liebe dich, Jens." Es folgte ein recht stürmischer Kuss, der ansatzlos in einen längeren sinnlichen Kuss überging, gefühlt bestimmt 10mal so lange wie der Kuss in der U-Bahn Station. Ich weiß gar nicht mehr, fing ich an, Jens, oder beide gleichzeitig? Dann erst lösten wir uns voneinander und auch Jens sagte etwas, nämlich: "Ich liebe dich auch!"

Ein warmer Strom aus purem Glück durchfloss mich. "Du bist bestimmt einer, der auf Traditionen steht, sonst würde ich das selber machen. Es wäre nett, wenn du mir jetzt einen Heiratsantrag machst. Sonst verlierst du das gesamte Spiel und bist schachmatt", hörte ich mich sagen. "Dann müsste ich ja mit einem anderen Turm spielen, und das will ich nicht. Nicht mehr."

Er begriff wohl endlich, was ich meinte, ging auf die Knie und blickte zu mir hoch. "Sandra Neuhaus, möchtest du meine Frau werden?"

Ja, was antwortet man auf so eine Frage? Ich meine natürlich: Was sollte ich da antworten? Nach einer früheren Situation mit Jens, als ich schon dachte, er macht mir gleich einen Antrag, und tat es dann doch nicht, hatte ich mir einige Antworten überlegt. Da war ich nämlich noch nicht bereit dafür. Zum Beispiel: 'Besser nicht! Ich habe eine Zeit lang Männer vernascht wie andere Leute Schokoküsse!', oder: 'Das geht nicht gut! Wenn ich emotional geladen bin, dann höre ich oft nicht zu!', oder besser: 'Ich lüge gelegentlich, um mein eigenes Ding durchziehen zu können!', oder: 'Besser nicht, ich bin Geschirrspüler-Legasthenikerin!', oder eher: 'Beim Date komme ich ziemlich oft zu spät!' Also, welche Variante wäre da angemessen? Nein, ich machte es anders. Ganz anders. Mein Körper wurde nämlich gerade mit Hormonen geflutet. Widerstand zwecklos! Ich wartete keine Sekunde, nicht dass er es sich noch anders überlegt und die Frage zurückzieht.

"Ja, will ich."

Er kam hoch und blickte mich erstaunt an, aber auch irgendwie ein wenig … verliebt. "Sandra! Das hätte ich nie erwartet!"

"Küss mich einfach nochmal!" Das tat er dann. Jetzt durchaus leidenschaftlich. Dann schaute er mich an, ein wenig ernst.

"Wieso hast du es dir anders überlegt?", fragte er.

"Ich hatte Angst. Angst, dich zu verlieren. Liebe hat nicht ewig Zeit. Außerdem war ich es leid. Diese vielen leichten Siege machen auf Dauer nicht glücklich. Ich habe schon länger etwas für dich empfunden, ich habe es nur verdrängt. Als ich vorhin bei dir im Büro war, da hatte ich richtig Eifersucht bekommen. Deine Kollegin ist ja wirklich sehr hübsch. Jung und hübsch. Das konnte ich nicht länger riskieren."

"Die Katarina? Die ist so lesbisch, lesbischer geht's nicht mehr."

"Ich dachte, von lesbisch gibt es keine Steigerungsform."

"Vermutlich nicht."

"Aber egal. Irgendwann wäre eine gekommen."

Es entstand eine kurze Gesprächspause. Man sah regelrecht, wie Jens über etwas nachdachte. "Wer macht die Anzeige?", fragte er jetzt. "Du oder ich?"

"Welche Anzeige?"

"Wegen Bigamie. Noch bist du verheiratet."

"Hab das schon mit meiner Anwältin geklärt, bin ich nicht mehr", sagte ich, und hielt seine Hand. "Wäre mir sonst aber auch egal gewesen."

"Das dachte ich mir", sagte Jens grinsend. "Ich kenne dich viel zu gut."

Wir standen uns in geringem Abstand gegenüber und belauerten uns mit unseren Blicken. Jeder wartete auf den nächsten Schritt des anderen. Unmengen an Endorphinen hatten mittlerweile meinen Körper geflutet. In jeden Winkel waren sie gekrochen, nicht nur in den Südpol, wie sonst. Fast war es schon eine Endorphinvergiftung. Aber Jens hatte offenbar eine noch höhere Dosis als ich bekommen. Seine Hände begannen, ziemlich forsch meine erogenen Zonen zu erforschen. Fast war es wie eine Transformation von ihm zu einem Kraken. Einem sehr begehrenden Kraken. Bald schob sich eine Hand von ihm unter mein Oberteil, gefolgt von einer zweiten, dann unter meinen BH, fanden die Nippel, die bereits eine beachtliche Härte erreicht hatten. Auch bei ihm würde bestimmt schon etwas hart sein. Schon schob sich eine Hand von ihm in meinen Slip. Endlich! Ein wohliger, warmer Schauer rann über meinen Rücken, dann brachen alle Dämme …

-----------------------------------------------------------

Teil 49

Gestern, heute, später: Am Zusammenfluss aller Dinge, die misslungene Hochzeitsnacht, und ein kleiner Ausblick auf die Zukunft

Ein knappes halbes Jahr später saßen wir am befestigten Ufer des Zusammenflusses der Flüsse Sile, Brenta, Piave und Etsch, vielleicht besser bekannt unter dem Namen Lagune von Venedig, ließen unsere Beine im türkisgrünen Wasser der gleichnamigen Stadt baumeln, und hingen unseren Gedanken nach. Vor uns lag der Nordteil der Lagune, man sah die Insel San Michele mit dem Friedhof, die wir nachher besuchen wollten. Etwas weiter links steuerte gerade ein Flieger die Landung in Treviso an, und dahinter war durch das ungewöhnlich klare Wetter das venezianische Vorgebirge mit seinen Berggipfeln deutlich zu sehen. Das lenkte meinen gedanklichen Blick auf einen kürzlich zurückliegenden Vorgang. Mir fiel nämlich gerade ein, dass es wohl auch für mich und mein Umfeld von Vorteil gewesen war, dass ich den Stein auf diesen Averau-Gipfel hochgeschleppt hatte. Alles war auch bei mir zusammengeflossen. Wer weiß, ob sonst, also ohne den Steintransport, alles gut geworden wäre. Das war es jetzt nämlich tatsächlich. Zwar nicht bei Mario. Und auch nicht bei diesem Mattheo. Aber das war ja vor dem Stein gewesen. Und dieser Bremer hatte es selbst vermasselt. Er hätte sich ja seinem Prozess stellen können. Sein Verbrecher-Neffe hatte sich sein Schicksal auch redlich verdient.

Die Sache mit dem Stein führte dann auch dazu, dass mein Maestro bei der Hochzeit dabei war. Er musste doch die Resultate seines beharrlichen Nachbohrens erleben. Außerdem hatte er ja selbst gefragt, ob er an der Hochzeit teilnehmen darf. Sogar meinen Bräutigam hatte er vorhergesagt. Zur Strafe musste er sogar Trauzeuge werden. Da sie an dem Tag keinen Auftritt hatte, lernte ich dabei auch endlich seine Frau Sandra kennen. Eine ganz kleine, zierliche Frau. Der andere Trauzeuge war Pastor Nando. Ihn zu überzeugen, in dieser Funktion an so einer komplett unreligiösen Sache teilzunehmen, war bedeutend schwieriger gewesen. Aber schließlich waren wir beide fast 'Kollegen'. Meine Religion war sozusagen der Humanismus, wenn man das so nennen kann, die neue, im Aufstieg befindliche Weltreligion, seine das Christentum. Es gab da ja zum Glück trotzdem relativ viele passende Schnittmengen, nur eben auf meiner Seite ohne religiöse Riten und das nervige Kirchengequatsche.

Was mich an der ganzen Sache immer noch wurmte, und auch belastete: Mario hatte tatsächlich recht gehabt damit, dass er Uwe von der Unfallstelle hat weghumpeln sehen. Irgendwie machte ich mir da immer noch Vorwürfe. Hätte es denn was gebracht, wenn ich der Polizei gegenüber schon früher angegeben hätte, dass es da einen dritten Mann gegeben hat? Jens meinte zwar, niemand hätte mir das geglaubt, aber man weiß ja nicht. Jedenfalls wäre Mario dann wohl nicht an der U-Bahn-Station aufgekreuzt, wenn er gewusst hätte, dass sein Vater Uwe doch noch lebt. Oder? Mann, warum musste der nur immer so impulsiv und aggressiv auftreten? Aber alles Grübeln half nichts, es war passiert, und nun nicht mehr zu ändern. Meine Schuldgefühle deswegen würden trotzdem bleiben. Ein Leben lang! Anders als bei Geldschulden kann man bei Schuld nicht einfach zur Schuldnerberatung gehen und das dann abstottern. Höchstens zum Therapeuten, und der kann auch nur die eigenen Gefühle dazu abmildern, nicht die Schuld an sich. Aber auch Uwe hatte ja einen beträchtlichen Anteil Schuld an der Sache. Er hätte ja nur irgendjemanden ein Lebenzeichen geben müssen.

Wie gings weiter? Sue und Britta haben die Leitung der OBS-Holding übernommen, und sind dabei, die Firmenkonglomerate auf Einhaltung der Menschenrechte zu überprüfen. Das Erbe machte es möglich. Sie hatten nun aufgrund ihrer Aktienmehrheit die Hoheit über alle Entscheidungen und Romy konnte mit ihrer Minderheitsbeteiligung nichts machen. Sie haben sogar dafür gesorgt, dass Mattsinvest eine Entschuldigung an mich veröffentlichen musste. Was die Plantage in Afrika anging, hatten sie auch schon damit angefangen, erste Ideen umzusetzen. Boubacar war inzwischen ihr dortiger Ansprechpartner geworden. Maria haben die beiden als Sekretärin übernommen, sehr nützlich für das Lateinamerikageschäft, wo es mit den Menschenrechten schon besser bestellt war, als in Afrika. Sue hatte das Blankenese-Haus verkauft und der neue Eigentümer hatte Erina als Haushälterin übernommen. Sie musste nur noch wenige Jahre bis zum Beginn ihrer Rente arbeiten.

Brahima Coulibaly hatte uns übrigens nicht verraten, das sagte mir Boubacar, der später mit ihm gesprochen hatte. Brahima konnte nach unserem Weggang nicht wieder einschlafen. Am frühen Morgen, noch vor den ersten Anzeichen der Dämmerung, ist er zur Hütte geschlichen, um den Ring zu holen. Dort hat ihn allerdings jemand gesehen, als Hunde anschlugen. Man hatte ihn natürlich gefragt, was er hier um diese Zeit macht. Da hat er erzählen müssen, dass er Kouassi und Moja sucht, die auf einmal weg waren. Die Lüge haben sie ihm erstmal abgenommen. Nach ein wenig Suchen war denen aber klar, die waren abgehauen. Dann sind sie hinterher, und zwar nach einem Anruf zuerst welche aus dem nachfolgenden Dorf, wo wir aber schon durch waren. Deshalb waren die also so schnell an uns dran gewesen. Den Ring hat sich Brahima später holen können und hat 2100 Dollar dafür bekommen, und Boubacar nahm ihn nach seinem erneuten Besuch mit, zwar mit Zähneknirschen, aber ohne Protest des Bauern, denn er hatte einen Polizeibeamten dabei. Er bekam später in der Botschaft Papiere und konnte nach Burkina Faso zurück. Durch sein Geld konnte seine Familie weiteres Land pachten und Brahima konnte dort in seinem Dorf weiter zur Schule gehen. Und auch Boubacar ist wieder in festen Händen. Er hatte die Leiterin eines Waisenhauses kennengelernt und die beiden hatten sich ineinander verliebt.

Andrea, Lena, und Oliver hatten ihre Abschlussprüfung erfolgreich geschafft. Alle drei hatten schon eine Anstellung in einem Hamburger Orchester. Wie vorhergesagt, aber jeder in einem anderen. Uwe hatte Pluspunkte gesammelt, denn er war genau wie ich und auch Jens bei den Abschlusskonzerten, also der letzten Prüfung, dabei gewesen. Es gab auch schon eine erste Annäherung zwischen Uwe und Andrea, eine Umarmung nach der bestandenen Prüfung, was aber, wie ich mitbekam, nicht unwesentlich an Lena lag, die eine solche Umarmung von Uwe bekam, und mit ihrer Prüfung zwei Tage vor Andrea an der Reihe gewesen war. Sie steckte mir dann auch hinterher, dass die beiden sich danach auch schon einmal ausgesprochen hatten, was ohne Eskalation ablief. Es war da also alles auf einem guten Weg, auch wenn es sicher noch viel Zeit brauchte. Auch bei Uwe selbst. Er wohnte jetzt bei seiner Anwältin Alicia. Wo die Liebe hinfällt! Sie war der Typ Frau, welche die Zügel fest in der Hand hielt.

Uwe hatte zudem zusammen mit Alicia die Patenschaft für Kouassi übernommen. Piere und Evelyn, die Patenschaft für Moja. Sie hätten das nicht tun müssen. Ich selbst hatte sie darum gebeten. Es ging mir darum, mich in die Normalität zu ihnen zu bringen. Da ich zwangsläufig durch den Besuch bei den beiden immer wieder auf sie treffen würde, hoffte ich, meine latente Abneigung ihnen gegenüber in Schach halten zu können. Bei Evelyn hatte es ja durch Justus damals auch funktioniert. Kouassi und Moja konnten mittlerweile auch schon durch die Sprachförderung ein wenig Deutsch. Sie gingen zur Schule, in eine Vorbereitungsklasse, da wegen der geringen Sprachkenntnisse eine reguläre Schule noch nicht ging.

Bald nach dem Prozess kamen Piere und Evelyn spontan vorbei und haben sich für all die Sachen entschuldigt und bedankt. Immerhin hatte ich ihnen den Allerwertesten gerettet. Wer weiß, was der Typ sonst noch mit dem Film gemacht hätte. Piere führte jetzt eine eigene Gaststätte. Das Moja's. Piere stand da auch oft selbst in der Küche. Moja war über die Idee mit seinem Namen sehr erfreut. Bei einer Reise an die Elfenbeinküste und nach Burkina Faso hatte sich Piere mit der afrikanischen Küche vertraut gemacht. Die Arbeitszeiten waren zwar wie üblich nicht so toll, dafür war die Arbeit aber auch nicht mit moralisch verwerflichen Anforderungen gespickt. In Hamburg gab es zwar schon einige afrikanische Restaurants, aber seines war eines der gehobenen Sorte, die Speiseteller hübsch dekoriert. Nicht ganz Sterneniveau, aber dicht dran.

Mit meinem Anwalt Andre hatte ich mich übrigens doch noch getroffen, und ihm die ganze Geschichte samt Vorgeschichte erzählt. Es passierte natürlich nichts, denn bei dem Treffen waren sowohl Jens, als auch Paula dabei gewesen. Und die neugierige Tessa. Frauen halt! Auch sie brannte darauf, von all den Sachen, die ich nach dieser Spaghettiparty erlebt hatte, zu erfahren. Das Treffen hatte allerdings eine unerwartete, zum Glück aber erfreuliche Nebenwirkung. Tessa und Andre sah ich nur wenige Tage später händchenhaltend als Turteltäubchen auf der Terrasse der Gaststätte Ratsmühlendamm wieder, am Anfang einer meiner Nachhause-Wanderungen, die ich immer noch recht häufig mache, um mich fit zu halten. Ich hatte zu ihnen nur gegrinst und dann gewunken, und war vorbeigegangen. Ich hoffte für Tessa, es hielt mit ihm länger als ihre erste Beziehung. Idealerweise das ganze Leben lang.

Für Jockel freute ich mich ganz besonders. Er hatte auf Malta, der letzten Tour ihres Wintertrips, eine damalige deutsche Aussteigerin kennengelernt, die nun nach langer Zeit wieder nach Deutschland wollte. Beide hatten sich prompt ineinander verliebt, und wie mir Jockel sagte, störte sie seine Beeinträchtigung überhaupt nicht, da sie einfach Seelenverwandte waren. Auch Katherina, so heißt sie, hatte eine Krebserkrankung hinter sich, Brustkrebs, auch schon vor langer Zeit überstanden. Das lief alles bestens und bis auf Bremer hatte niemand einen größeren Schaden aus meinen Aktionen erlitten. Höchstens vielleicht einige Männer und Frauen, die sich mehr von meiner Bekanntschaft erhofft hatten. Aber so what, that's risk of life! Zu diesem Zeitpunkt brauchte ich das einfach so. Pure Lust ohne Reue, und ohne Liebe. Früher war es beides, mit Uwe. Schön waren beide Varianten. Und jetzt auch wieder die Kombinationsvariante, mit Jens.

Es war echt unglaublich, dass es fast sechs Jahre gedauert hatte, um Licht in die damaligen, äußerst merkwürdigen Vorgänge um Uwes Verschwinden zu bringen. Sechs lange Jahre, und etliche Tragödien später. Meine eigenen Tragödien eingeschlossen. Ich war daran nicht ganz unschuldig gewesen. Hätte ich damals nicht so abrupt reagiert, und Uwe weiter zugehört, wäre das alles nicht so passiert. Vielleicht aber doch. Dennoch haderte ich nicht mehr mit dieser Vergangenheit. Alles, was dort passiert war, hatte mich zwar verletzt, letzten Endes aber nur noch stärker gemacht. Wer weiß, wie viele solcher oder ähnlicher Vorgänge noch in den tausenden Firmen weltweit auf die Entdeckung lauerten? Die meisten würden wohl nie ans Licht kommen.

Was trieb Bremer, was treibt Typen wie Bremer an, solche Machenschaften zu tätigen? Damit auf die Hunderte oder Dutzende Millionen noch eine Million draufkommt? Wozu? Was will man mit so viel Geld? Man braucht doch nur so viel, dass man einen angenehmen Lebenswandel führen kann! Gut, in gewisser Weise war ich auch privilegiert. Aber nicht durch so eine schreckliche Ausbeutung. Meine Eltern hatten damals hart gearbeitet, und alles Geld ins Haus gesteckt, und auf vieles verzichtet. Die Ferienhäuser waren geerbt von meinem Opa väterlicherseits und dessen Brüdern. Damals waren die noch nicht so gefragt wie heute. Das war eher eine glückliche Fügung, dass es sich so entwickelt hat. Also mir reichte es immer, ein mittleres finanzielles Polster zu haben. Das war wohl Erbmasse, also die DNA meiner Herkunft und elterlicher Prägung.

Und mein Geschäft? Gut, meine Eltern hatten mir ein Startkapital gegeben. Einiges hatte ich selbst gespart. Aber ohne Kredit wäre es nicht gegangen. Ein Risiko. Was unterschied mich von den anderen? Von Vanessa, der begnadeten Näherin? Oder Sanne, der Super-Organisatorin? Oder der talentierten Stine? Speziell bei ihr war es sicher auch das Startkapital. Stine kam ja aus dem Osten. Aber soviel ich wusste, ging es Vanessa und auch Sanne nicht schlecht. Was war es also, was mich von ihnen unterschied? Ich vermute, Mut. Risikobereitschaft. Aber keine Mitarbeiterin behandelte ich schlecht. Alle verdienten gut bei mir. Ich selbst hatte, wenn ich Einkünfte und Kosten gegeneinander verrechnete, vielleicht 500 bis 1000 Euro im Monat mehr Gewinn von meinem Laden als meine beiden Vollzeitkräfte als Nettolohn. Nein, so eine wie Bremer war ich nicht.

Dieser Manuel wurde vor zwei Wochen für den Mord an Sören Sjöberg und Sebastian Garcia in Mallorca zu mehr als 17 Jahren Gefängnis verurteilt. Bei Sören Sjöberg war es klar, der Film zeigte alles. Die Rangelei war schon vorbei, Sören drohte, ihn wegen der Vergewaltigung anzuzeigen, da stach er zu. Klassische Verdeckungstat also und zwei Mordmerkmale erfüllt. Die von ihm behauptete Sachlage bezüglich der anderen beiden Toten klang wenig glaubhaft. Seiner Schilderung nach kam es zwischen den beiden zum Streit, und angeblich hatte diese Corinna dem Sebastian einen tödlichen Schlag mit dem Beil versetzt, nachdem er sie mit einem Messer attackiert hatte, und sie war dann an ihren Verletzungen gestorben, er hätte beide erst danach aufgefunden. Bullshit natürlich.

Die Auffindesituation der Leichen und die Spurenlage besagten vielmehr, dass er Sebastian erschlagen hatte, als der sich über dem Grab von dieser Corinna befand. Anderes hätte er den 105 Kilo schweren Mann auch nicht an diese unwegsame Stelle transportieren können. Vermutlich hatte Manuel auch diese Corinna vergewaltigt, irgendwas ging schief und sie starb. Beim Vergraben ihrer Leiche schlug er wohl zu. Mitwisser beseitigen, was auch immer. Für die Angehörigen von Corinna Fiedler war es sicher unbefriedigend, aber diese Tat hinterließ zu wenig Spuren, um ihn deswegen anklagen zu können. Seine Anwälte hatten aber schon angekündigt, Berufung einzulegen. Die überwiegende Meinung der Rechtspfleger war, das hatte Ellen aus der Ferne verfolgt, dass der Berufung kaum Erfolg eingeräumt wird. Zu eindeutig die Beweislage im ersten Mord, zu dünn seine Behauptung beim zweiten. Schließlich war seine DNA noch ausreichend am Beilgriff nachweisbar; von Corinna dagegen gar nichts. Es gab ja auch noch weitere Indizien.

"Meinst du wirklich, die heiratet ihn?", fragte mich Jens, und riss mich aus meinen Grübeleien.

"Natürlich heiratet sie ihn. Immerhin hat sie den Strauß bekommen."

"Hat sie nicht. Ihr Freund, dieser Österreicher, hatte ihn ja gefangen."

"Ja, aber er hat ihn ihr gegeben. Er wird sie bestimmt heiraten."

"Er? Trotz ihres Altersunterschieds?"

"Macht der bei uns etwa was aus?" Jens schüttelte den Kopf. "Hast du nicht die Blicke gesehen, welche sie sich zugeworfen haben?"

"Nee. Was war damit?"

"Da flogen die Funken!"

"Das ist brandgefährlich. Sie hatte so ein ganz dünnes, leichtentzündliches Oberteil an. Da sollte die Feuerwehr kommen!" Man hörte, Jens meinte es ironisch.

"Bei uns war es damals auch so!"

"Du meinst, nach dem Schachspiel?"

"Nach dem Heiratsantrag." Das stimmte. Natürlich hatte ich damals gelogen. Nein, nicht gelogen. Geirrt hatte ich mich. Auch da flogen die Funken! Es sah aus wie in einem Tollhaus. Überall lagen unsere Klamotten auf dem Boden verstreut. Alle! Und der Clou waren dann noch Andrea und Lena gewesen, die zu früh von der Party zurückgekommen waren, da die Party so langweilig gewesen war. Wir waren gerade in einem intensiven Nahkampf verwickelt, als Jens sich plötzlich versteifte. Und ich dann auch. Zwei Augenpaare schauten zwei andere Augenpaare an. Und dann flüchteten wir, kichernd wie zwei Teenager und so nackt, wie wir waren, in mein Schlafzimmer.

Am schönsten war der Kommentar von Andrea am anderen Morgen gewesen. "War das eine neue, anspruchsvollere Variante von Flaschendrehen? Mit Schachfigurenschubsen? Muss ich mir merken!"

Jens riss mich erneut aus meinen Gedanken.

"Übrigens … sagtest du nicht, dass du das nicht mehr machst?"

"Was meinst du?"

"Na, das mit dem Kellner da!"

"Wieso? Was war denn mit dem? Ein typischer Italiener halt!" Naja, Kellner ist ja auch zu viel gesagt. Bediener in einer Kaschemme. Der Kellner war aber das beste Inventar der 'Gaststätte' gewesen. Zumindest gutaussehend. In der Tat, da hatte ich voll versagt. Als wir gestern Abend ankamen, hatte ich nicht damit gerechnet, dass es so schlimm ist. Es war einfach nirgendwo in einer richtigen Gaststätte mehr möglich, einen Tisch für zwei Personen zu bekommen. Voll blauäugig! Ich hätte vorher reservieren müssen. So mussten wir, um nicht zu verhungern, in so eine Art Bistro gehen. Naja, immerhin, wir waren satt geworden, und es hatte sogar geschmeckt. Aber das Umfeld!

"Den meine ich nicht. Der vor drei Tagen!"

"Ach, DER!" Ich wusste jetzt genau, was er meinte. Wir waren essen gegangen. Am Abend vor dem Polterabend. Wir nahmen Platz, bestellten wie üblich, und dann kam das Essen.

Und wie in vielen guten Lokalen kam dann irgendwann der Kellner und fragte: "Ist alles in Ordnung bei ihnen?"

Ich hatte ihn megamäßig angegrinst und geantwortet: "Schauen Sie doch nach!" Kein Wunder, war doch seine Blickrichtung allzu offensichtlich gewesen. Der Kellner bekam einen hochroten Kopf und verschwand ohne weiteres Nachfragen. Mein Outfit war ja auch sehr busenbetont gewesen. Ich hatte nicht vor, zukünftig darauf zu verzichten. Wenigstens das!

"Höre ich da jetzt ein klein wenig Eifersucht heraus?"

"Und wenn schon! Du hast es versprochen!"

"Haha, Herr Ca-sa-no-va!" Jens hatte nämlich beschlossen, dass wir beide meinen Namen nehmen, und hieß nun auch Neuhaus. Seitdem zog ich ihn manchmal damit auf. Ich setzte nach. "Ich habe versprochen, dass keiner oder keine anderen mehr auf das Spielfeld dürfen. Aber die davon träumen lassen können, muss doch wohl erlaubt sein." Ich lächelte Jens zu.

"Ich muss wohl meine Eifersucht besser zügeln, oder?" Ich nickte. "War das eigentlich mit dem Spiel vor dem Heiratsantrag ein Test?", fragte er.

"Welches? Dieses aufgebaute Schachspiel? Ja. Ich wollte wissen, ob du die Dame nimmst."

"Hab ich doch aber!"

"Ja, aber erst später. Nicht gleich. Wenn du sie gleich genommen hättest, wärst du erstens dumm gewesen, weil du dann das Spiel schnell verloren hättest, und zweitens, wenn aus Gier, dann hättest du mich verloren. Gier ist eine ganz schlechte Eigenschaft. Man muss warten können, und das konntest du. Test also bestanden."

"Echt jetzt? Dann hättest du mich nicht genommen?"

Ich lachte auf. "Klar doch. Dann hätte ich dich nur ein wenig länger zappeln lassen."

"So? Wie lange denn?"

"Keine Ahnung. Einige Sekunden, ein paar Minuten, zwei Tage. Woher soll ich das wissen? Ich bin doch eine Frau und entscheide alles einfach aus dem Bauch heraus."

"Das ist ja mal eine tolle Erklärung. Frau müsste man sein! Aber gut zu wissen, dass du mich doch genommen hättest. Irgendwann."

"Natürlich! Ich liebe dich doch!"

"Ich liebe dich auch! Was ist für dich eigentlich Liebe?"

Ich setzte ein Pokerface auf. "Na was schon? Eine gefährliche hormonelle Anomalie des Körpers, die ganz ähnlich wie Drogen für eine komplette Funktionsstörung nahezu aller kognitiven Gehirnfunktionen sorgt. Man wird völlig unkritisch selbst den auffälligsten Alarmzeichen gegenüber."

"Sandra, so denkst du über die Liebe?" Ich antwortete darauf erstmal nicht. Dann grinste Jens. "Ich weiß genau, dass du mich gerade verarscht hast."

Ich prustete los. "Du hast mich ja gut durchschaut. Nein, Liebe ist für mich der Inbegriff der Vereinigung auf allen Ebenen. Das ultimative Vertrauen, und die völlige Hingabe. Für jemanden, den ich liebe, tue ich fast alles."

"So-so. Da sind wir ja einer Meinung." Er wechselte das Thema. "Was ist denn jetzt eigentlich mit Ludmilla?"

"Na was schon? Die muss doch weitermachen!"

"Ähm … im Hotel?" Man sah Jens seine Verunsicherung an.

"Nee, das wird auf Dauer ja zu teuer. Ich stelle ihr mein Haus zur Verfügung."

"Und was spiele ich da für eine Rolle?"

Ich lachte auf. "Na was schon!"

"Ich muss blechen?"

"Nicht so mit Geld. Du müsstest mit Emotionen bezahlen. Und Emotionen empfangen. Du könntest zum Beispiel …"

"Was denn?"

"Na, du könntest zum Beispiel vorbeikommen als …", mir fiel in dem Moment das damalige Spiel mit Dieter ein, "als Fotograf, um total unschuldige Bilder von mir zu machen, und dann bittet dich Sandra oder auch Ludmilla um ein wenig mehr, oder schärfere Bilder."

"Meine Bilder sind immer scharf", protestierte Jens. Ein gestrenger Blick von mir reichte. Dann begriff Jens. "Ach so!"

"Immer um die Ecke denken, Jens. Wie bei deinen Ermittlungen."

"Wie hast du eigentlich gemerkt, dass du mich liebst?"

"Na was schon! Amors Pfeil hatte mich getroffen."

"So ein richtiger Amor-Engel?"

"Ein Engel, der mir geflüstert hat, dass du mich beschützt hast, als ich wehrlos im Krankenhaus lag, und mir auch ins Gewissen geredet hat."

Jens verdrehte die Augen. "Paula! Wenn ich die in die Finger bekomme!"

"Das wirst du nicht! Sei froh, dass sie das gesagt hat, und außerdem war sie das ja nicht alleine. Denn es gab da ja noch diesen Traum."

"Was war denn bei dem?"

"Der sagte mir, dass ich blind wäre, und dass ich doch einfach auf mein Herz hören soll. Das habe ich dann gemacht, und bin bei dir gelandet. Die Ausfahrt zum Glück genommen."

"Aha. Guter Traum. Kluges Herz." Er wechselte erneut das Thema. "War das vorhin unser erster Ehestreit?", fragte er.

"Meinst du das in der Gondel? Du hast das gar nicht genossen! Hast immer nur gefilmt!"

"Na klar! Ich habe alles genossen! Die Fahrt, deine Anwesenheit, dein Anblick, die Kanäle, die Gebäude, die Gondeln. Einfach alles!"

"Kannst du doch gar nicht! Männer und Multitasking!"

Jens grinste. "Ich habe sogar deine Ermahnungen genossen. Und ich habe nebenbei darüber nachgedacht, dass du mir noch was schuldig bist."

"So, was denn? Ich weiß von nichts." Ich schmunzelte in mich hinein, denn ich glaubte zu wissen, was er meinte.

"Na die Hochzeitsnacht."

"Die gab es doch aber! Das war genau gestern Nacht!"

"Heute Nacht, meinst du. Es war ein Uhr, also heute. In der du übrigens eingeschlafen warst, als ich aus dem Bad zurückkam, wollte ich nur noch mal erwähnen. Voll angezogen. Zumindest mit den Hochzeits-Dessous."

"Du meinst, bevor es zu Handgreiflichkeiten kommen konnte?"

Seine Hand legte sich auf mein Bein, fuhr höher. Dann gefährlich hoch. Es begann zu kribbeln. Wieder diese Endorphine. Sie erreichten meinen Südpol und breiteten sich in Windeseile über meinen ganzen Körper aus. Er fragte: "Wie wäre es mit dem Hotel? Jetzt?"

Ich blickte mich um. Da stand es, in etwa 50 Meter Entfernung. Mein Blick fiel wieder auf Jens und ich versuchte, einen spöttischen Gesichtsausdruck zu machen. "Ist das nicht zu weit?"

"Du Scheusal", sagte Jens, nahm mich an die Hand, zog mich hoch. "Aber du musst mir versprechen, dass du künftig keine gefährlichen Detektivgeschichten mehr machst."

"Ich schwöre es", sagte ich, kreuzte aber meine Finger der anderen Hand dabei hinter dem Rücken.

Ich hatte schon eine Ahnung, was jetzt mit mir und Jens kommen würde. Aber das würde kein Außenstehender mehr erfahren. Immerhin war ich doch jetzt eine brave, zurückhaltende, und verschwiegene Ehefrau. Zwar kein Trade-wife, aber ein Dream-wife, also eine Traumfrau, zumindest für Jens.

In einem Schmonzettenfilm würde man jetzt sehen, wie wir Hand in Hand auf das Hotel zugingen, uns dabei küssten, und im Hintergrund die Sonne im Meer versinkt. Das war aber kein Film. Schon gar kein Hollywood-Film. Es war die Wirklichkeit. Und die war viel romantischer! Auch das, was da noch kommt …

[Ende]

Ende? Sandra kann es vermutlich nicht lassen und es fällt ihr wieder irgendwas vor die Füße. Vielleicht sogar ein Kriminalfall …

Diese (und nachfolgende Geschichten) werden unter dem Autorennamen Chris B. Hansen als Buch/EBook im Buchhandel erscheinen.

Das ist eine fiktive Geschichte. Wahr ist dagegen immer noch die Kinderarbeit in manchen Kakaoplantagen in Afrika. Siehe die Doku 'Das Märchen von der sauberen Schokolade' vom NDR, verfügbar bis zum 10.07.27 in der ARD Mediathek

Die beschriebene Konstellation der Schachpartie entstammt aus dem Spiel Bent Larsen vs Tigran Petrosian, Second Piatigorsky Cup (1966), Santa Monica, CA USA, Runde 7, 27, Juli, nach dem 24ten Zug von Schwarz. Kann auf chessgames . com nachgespielt werden oder im lichess . org Editor mit FEN 'r2q1rk1/pp2ppb1/3pn1pQ/3R4/2P3B1/4BR2/PP4PP/6K1 w q - 0 1' geladen werden.

Hier die Zusammenfassung von 'Das verborgene Geheimnis' (die Vorgängergeschichte)

Die Zusammenfassung des ersten Teils, 'Milfy Way', ist am Ende von 'Gefährliches Minenfeld' zu lesen. Die Zusammenfassung des zweiten Teils, 'Gefährliches Minenfeld', ist am Ende von 'Das verborgene Geheimnis' zu lesen.

Die Story dieser Fortsetzung beginnt mit einem Komatraum von Sandra, was ihr aber erst später klar wird. Sandra träumt, sie wäre in der Unterwelt. Nachts, in einem dichten Wald. Nebel wabert. Ein Fluss erscheint und ein Boot stakt heran. Es ist Charon, der Fährmann über den Styx, der die Grenze zum Jenseits bildet. Charon kommt auf Sandra zu und verlangt etwas. Kein Wort wird gesprochen. Sandra holt eine Münze aus ihrer Tasche, reißt aber dann von ihrer Bluse einen Knopf ab, und gibt Charon den Knopf. Der bemerkt die Täuschung und verschwindet mit seinem Boot. Dann befindet sich Sandra inmitten von gleißendem Licht. Ihre längst verstorbenen Eltern erscheinen, und ihre Puppe Sandra-chen. Kurz danach geht es wieder in eine Unterwelt voller Minenarbeiter. Sandra hört Atemgeräusche, spürt Schwindel. Merkwürdige Geräusche begleiten sie. Und dann spürt sie wieder ihren Körper und endlich ist Stille.

Dann hört sie eine Stimme, die den Namen ihrer Puppe ruft. Glaubt sie zumindest. Eine Vogelspinne krabbelt scheinbar über ihr Gesicht. Plötzlich ist sie wach, aber noch ein wenig benommen. An ihrem Bett befindet sich Piere, einer ihrer Freunde, der ihr Aufwachen begleitet hat. Sandra ist erleichtert, noch zu leben, und erinnert sich langsam an den Unfall. Piere klärt sie über ihren Zustand auf. Sie ist schwer verletzt, vor allem am Kopf, am Bein ein Trümmerbruch, und ihr Leben hing kurz am seidenen Faden. Der Stationsarzt Karsten Neuhans kommt hinzu und gibt weitere Details bekannt. Piere erfährt von Sandra, was auf dem Friedhof passiert war, und somit auch vom Messerangriff. Er verspricht, die Polizei zu informieren.

Die kommt am nächsten Morgen in Person von Kommissar Jens Mehnert, mit dem Sandra sich mittlerweile angefreundet hat. Sie erzählt ihm von ihrem Zustand und berichtet Details zum Angriff. Er erfährt außerdem erstmals, dass ihr zweiter Stiefsohn Mario den tödlichen Unfall ihres Mannes Uwe gesehen hat. Er macht sich auf die Suche nach dem Messer, welches sich noch auf dem Friedhof befinden muss. Der Arzt kommt nochmal vorbei und baut ihre angeknackste Psyche ein wenig auf und empfiehlt nach ihrer Genesung seinen Bruder, einen plastischen Chirurgen, da Sandra doch sehr auf ihr Äußeres bedacht ist. Sandra ist skeptisch. Doch der Arzt wettet mit ihr. Später kommt Jens Mehnert erneut. Sie haben das Messer gefunden und Sandra bejaht, dass es so eines war. Er sagt ihr, dass sie eine Fahndung gestartet haben, Mario ihnen aber entwischt und untergetaucht ist. Sandra erschrickt sich und wähnt sich in großer Gefahr. Jens muss ihr aber mitteilen, dass sie keinen Polizeischutz bekommen kann.

Piere kommt nochmal vorbei und danach hat Sandra einen Traum. Ihre Puppe von früher kam wieder darin vor. Sie wacht auf und sinniert über ihren Zustand, und dass sie beim Unfall fast gestorben wäre. Dabei erinnert sie sich an ein Treffen mit dem blinden Hannes, einem Physiker. Und die Gespräche mit ihm über den Himmel und das Leben nach dem Tode. Sie erinnert sich an seine sehr weltliche Meinung zu diesem Thema, welche sie mittlerweile auch teilt. Und an den intimen Teil dieses Treffes. Sie ist besorgt, dass die Erinnerung keine Lust in ihr hervorruft. Dann bekommt sie erste Besuche. Vanessa und Sanne von ihrem Modeladen. Sie bringt die geschäftlichen Sachen so weit wie möglich wieder auf den neuesten Stand. Auch ihre Freunde Angelika und Markus, denen sie damals das Leben gerettet hatte, besuchen sie, sowie auch andere. Von ihrer Freundin und Anwältin Ellen erfährt sie, dass diese jetzt mit Julian, einem ihrer Gelegenheitslover, liiert ist.

Die Ärzte machen sich Sorgen. Eine Entzündung hat ihr gebrochenes Bein befallen und lässt sich nicht stoppen. Sie hat aber Glück, und die Uniklinik, in der sie liegt, kann ihr eine Behandlung mit Phagen anbieten. Allerdings wird die Sache ihren Aufenthalt verlängern. Sandra bekommt erneut leichte Depressionen. Dann bekommt sie Besuch von einem Unbekannten. Die dunkle Kleidung animiert Sandra dazu, ihn zu fragen, ob er der Bestatter ist. Er entpuppt sich aber als der Pastor. Beide frotzeln ein wenig miteinander herum, bis sie in ein tiefgreifendes Gespräch kommen. Sandra, die das Ereignis auf dem Friedhof bisher weitgehend verdrängt hat, wird blitzartig von den Gefühlen überwältigt, und sie kommt ins Heulen. Der Pastor tröstet sie, und sie gehen als so etwas wie Freunde auseinander.

Sandra liest endlich selbst das Buch, welches Uwe damals beim ersten Kennenlernen in der Bibliothek gelesen hatte. Sie bekommt dabei mehrmals Flashbacks über die ersten Treffen mit ihm und sinniert über das mit ihm Erlebte, aber auch über die Zeit danach, ihre Öffnung anderen gegenüber. Dabei hat sie die Idee, selbst ein Buch über ihre Erlebnisse zu schreiben, und fängt an. Irgendwann, die Stelle war ihr schon längst aufgefallen, bat sie eine Reinigungsfrau, eine Lücke am Türrahmen zu begutachten. Diese zieht alte, angegilbte Zettel dort heraus. Ein unbekannter Schreiberling hat auf diese Zettel seine Erlebnisse aufgeschrieben. Dem Anschein nach hatte er Krebs gehabt und eine Chemotherapie bekommen. Sandra bekommt daraufhin wieder Krankenhauskoller. Und die macht sich Sorgen um ihre immer noch ausbleibende Lust. Eine Neurologin, welche sie darauf hinweist, sagt ihr aber, dass dies in ihrer Situation völlig normal ist. Dabei erfährt sie, dass diese mit dem Stationsarzt verheiratet ist.

Der Stationsarzt Karsten kommt vorbei und verordnet Sandra die ersten Bewegungsübungen. Die macht dann Torsten mit ihr, ein ehemaliger GSG9-Soldat. Als sie endlich stehen kann, bekommt Sandra einen Rollstuhl und ist nun endlich mobiler. Karsten teilt ihr dann mit, dass sie nun das Krankenhaus verlassen muss. Den Rest wird die Reha machen, die aber erst in zwei Wochen sein wird. Da ihre Wohnung nicht geeignet ist, wird sie in der Kurzzeitpflegeeinrichtung untergebracht. Beim Abschied stellt Sandra fest, dass sie sich ein wenig in den Stationsarzt Karsten verliebt hat. Der präsentiert ihr seine stolze 'Sammlung' verliebter Patientinnen. In der Kurzzeitpflege trifft sie auf die junge Sue, die eine inkomplette Querschnittslähmung hat. Sue hat einen guten Einfluss auf Sandra und reißt sie mit ihrem Schwung mit. Nach etwa zehn Tagen muss Sandra nochmal in die Klinik. Der Fixateur, der den Bruch stabilisiert hat, wird entfernt.

Beim Verlassen der Klinik trifft sie auf 'ihren' Dirigenten, der sie besuchen wollte, aber nur wenig Zeit hat. Sandra bekommt Karten für ein Konzert, welches er dirigiert. Sie darf einen Begleiter mitnehmen. Ihre Wahl fällt auf Jens Mehnert, den Polizisten. Er fährt mit ihr dahin. Sie genießt zwar das Konzert, ist aber sehr aufgewühlt angesichts des Erlebten, und muss sogar weinen. Der Dirigent kommt nach dem Konzert vorbei und lädt beide in sein Hotelzimmer ein. Sandra schildert ihre Erlebnisse, was ihn sehr erschüttert. Der Dirigent spürt eine emotionale Verbindung zwischen Sandra und dem Polizisten Jens. Sandra weist das von sich. Dann fragt er Sandra nach dem Stein mit der Aufgabe von Lucia, der Bekannten vom verstorbenen Antonio, also dem Onkel ihrer Stiefsöhne. Sandra kommt ins Schwimmen, da sie die Aufgabe auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben hat. Jetzt nimmt sie sich aber fest vor, es zu erledigen.

Sandra feiert dort noch Weihnachten, dann geht die Reha los. Sie ist anstrengend, bringt aber auch was. Sandra empfindet endlich wieder Lust und bekommt Interesse am Gehtherapeuten Volker. Der ist nicht ganz abgeneigt und die verabreden sich. Sandra bucht sich eine ihrer Ferienwohnungen in Grömitz und fährt nach ihren Anwendungen mit ihm dorthin. Endlich hat Sandra wieder Sex. Am nächsten Tag trifft Sandra unvermittelt auf eine alte Bekannte. Plötzlich steht Evelyn vor ihr, Pieres Freundin und gleichzeitig die Frau, mit der Uwe damals durchgebrannt ist, und die ebenfalls im Unfallwagen saß und jahrelang im Wachkoma lag. Sandra fällt kurz in Ohnmacht. Auch Evelyn macht Reha. Die Pflegerinnen überreden Sandra, sich zu ihr zu setzen. Sie macht ein wenig Konversation. Aber noch ist Evelyn sehr gehandicapt. Anschließend trifft sie auf Piere und pflaumt ihn an. Aber er hat keine Schuld. Er hatte sie informiert, dass Evelyn nun hier ist, aber Sandra hatte wegen ihres Techtelmechtels die SMS nicht gelesen.

Nahezu geheilt, und zu Hause angekommen, wartet dort ein Empfangskomitee. Es gibt eine kleine Party, zu der auch Jens gekommen ist, und Sandra lädt ihn zu deren Schluss in ihr Badezimmer, und dann ins Schlafzimmer ein. Sandra kümmert sich nun wieder um ihren Modeladen, bringt sich langsam wieder in Form, und engagiert Anton als Begleiter in den Bergen, um endlich ihre Aufgabe vollenden zu können. Im Laden wird sie eines Tages von einer Frau angesprochen. Sandra erkennt, dass diese Frau auf Uwes früherer Firma ist. Sie lädt sie in ein Café ein und erzählt ein wenig von alten Zeiten. Plötzlich lässt Caroline, so heißt die Frau, die Bombe platzen. Sie glaubte, Uwe bei einem Urlaub auf Ischia in der Ferne gesehen zu haben. Sandra und auch Caroline heften es als Irrtum ab. Am anderen Tag ruft sie Jens an und berichtet ihm. Der erzählt ihr einige Details der damaligen Identifizierung. Sandra ist nun wieder beruhigt. Aber sie verabredet sich mit Jens für zwei Schäferstündchen, eines als 'Nutte' Ludmilla, eines als sie selbst.

So ganz lässt Sandra die vermeintliche Sichtung keine Ruhe und sie will selbst nachforschen, bucht sich einen Urlaub auf Ischia. Bevor sie dort aufschlägt, führt sie aber noch mit einem Geschenk bei Janine und ihrem Sohn Ricardo vorbei, dem Polizisten, der ihr damals geholfen hatte, und dessen Mutter. Die, nicht auf den Kopf gefallen, trägt Ricardo eine Aufgabe auf: Stadtbesichtigung mit Sandra. Natürlich kommt es anschließend dazu, dass Sandra ihn verführt. Da Ricardo morgens noch schläft, verlässt sie das Haus, ohne sich von ihm zu verabschieden. Im Urlaub auf Ischia findet sie keinen Uwe, trifft aber vor dem Rückflug nach Hamburg am Flughafen auf Ricardo, mit dem sie noch einen Quickie hat.

Zurück, und einige Wochen später, wird sie von Piere kontaktiert, da Evelyn mit Sandra sprechen will. Sie ist verwundet, sagt aber zu. Als das Treffen stattfindet, entschuldigt sich Evelyn für alles, was sie ihr angetan hat. Außerdem erfährt sie auch einige Details von Evelyn, und Sandra bereinigt ihr eigenes Gewissen wegen der damaligen Beleidigungen während Evelyns Wachkoma. Einige Zeit später schlägt Anton, ihr Bergführer, bei ihr auf. Sie kaufen im Outdoorladen alle notwendigen Sachen dafür ein. Anton übernachtet in Sandras Wohnung. Beim Frühstück passiert etwas Merkwürdiges. Anton steht unvermittelt auf, geht zur Pinnwand, wo Sandra die im Krankenhaus gefundenen Zettel hingehängt hat, und fängt an zu weinen. Es stellt sich heraus: Er selbst hat diese Zettel damals geschrieben, und im Delirium sind sie verloren gegangen. Sandra gibt sie ihm zurück, er ist überglücklich. Er erzählt Sandra die gemeinsame Geschichte mit seinem Freund Jochen dahinter, und zeigt ihr die Fortsetzung seiner Aufzeichnungen.

Der Prozess gegen das Apothekerehepaar stand an, das damals Angelika und Markus beinahe umgebracht hätte, wenn Sandra nicht eingegriffen hätte. Sandra hat Schiss. Aber Jens vermittelt ihr eine Zeugenbegleiterin. Sie macht kurze Zeit später vor Gericht ihre Aussage, bleibt trotz der Störmanöver der Anwälte bei der Wahrheit, und wird als glaubwürdig eingeschätzt. Bald danach geht Sandra nach Feierabend einkaufen. In der U-Bahn-Station Jungfernstieg trifft sie überraschend auf ihren zweiten Stiefsohn Mario, der sie mit einer Pistole bedroht und vorgibt, sie erschießen zu wollen. Sandra gelingt es, die Pistole wegzutreten. Diese schlittert ins Gleisbett. Mario vereitelt ihren Fluchtversuch. Es kommt zu einem kurzen Kampf und Sandra gelingt es, ihn abzuschütteln. Mario versucht, die Pistole aus dem Gleisbett zu holen. Dabei trifft ihn eine einfahrende U-Bahn am Kopf, er ist sofort tot.

Sandra steht völlig neben sich, wird erst von den Sanis betreut, dann kommen Jens und seine Kollegin Paula zur Befragung. Die Videoaufzeichnung ergibt, dass Sandra keine Schuld an seinem Tod hat. Sie fährt mit den Polizisten zu ihrem Haus und überbringt Marios Bruder Andrea, der bei Sandra wohnt, die Todesnachricht. Er ist genau wie Sandra sehr geknickt. Am anderen Tag geht es in die Polizeidienststelle zur Zeugenaussage. Die Beerdigung wird geplant. Mario soll in Hamburg beigesetzt werden. Bevor es dazu kommt, meldet sich aber jemand bei Andrea. Es hat sich doch noch eine frühere Freundin von Mario gemeldet, die an der Beerdigung teilnehmen möchte, mit Namen Antonella. Sie fliegt nach Hamburg und Andrea und Sandra betreuen sie während dieser Zeit. Sandra und Antonella fahren unter anderem an den Ort der Tat, was beide sehr beklemmend finden. Die traurige Beerdigung findet statt. Andrea und Antonella tragen dabei etwas vor.

Bald danach trifft sich Sandra mit ihrer Freundin Meike. Sie erzählt von den Geschehnissen. Während des Gespräches erzählt ihr Meike, dass sie und ihr Mann Jakob, der ein früherer Studienkollege von Uwe ist, seit einiger Zeit Partnertausch praktizieren. Sie will Sandra da involvieren, aber Sandra lehnt ab, da die beiden ja verheiratet sind. Dabei bekommt sie eine Erinnerung an ein eigenes Ereignis, bei dem sie auch mal etwas mit einem verheirateten Mann hatte. Meike durchschaut sie und versucht weiter, an der Sache dranzubleiben. Aber erstmal liegt Sandras Auftrag in den Bergen an: Der Stein muss auf den Averau!

Sie fährt zusammen mit Anton per Zug in den Süden. Zwischenstation ist Salzburg. Während des Shoppens passiert etwas Merkwürdiges: Sandra glaubt, Uwe draußen beim Vorbeigehen gesehen zu haben. Sie folgt ihm in ein Geschäft, aber er ist es nicht. In den Bergen kommt Sandra langsam in Form, und nach einigen Tagen geht es tatsächlich hoch auf den Gipfel. Anton hilft ihr, und sie schafft es. Der Stein von Lucia ist wieder dort, wo er herkam. Beim Rückweg erwischt beide kurz vor der Berghütte ein Regenschauer. Beide werden bis auf die Haut nass. Sandra nutzt, später in der Zwischenstation München, diese Situation aus, um Anton zu verführen. Er fand es schön, hat dann aber Bedenken vor dem Danach.

Bald darauf benötigt Sandra für ihr fertiggestelltes Buchmanuskript ein Buchcover. Da bietet sich Meikes Mann Jakob an, der Grafiker ist. Es kommt vorbei und macht Entwürfe dafür. Dabei passiert es dann – beide verführen sich gegenseitig und haben Sex miteinander. Sandra hat anschließend ein schlechtes Gewissen, aber Jakob beruhigt sie. Es war ja auch Meikes Wunsch gewesen, dass so etwas passiert. Irgendwann später wird Sandra von Samira angesprochen. Sie will auch mal bei so einem Segeltörn mitmachen. Sandra fragt Jochen und einige Tage später stechen sie zusammen mit Anton in See. Durch eine unbedachte Äußerung von Anton erfahren die Mitsegler, dass Samira gekündigt wurde, da der Frisiersalon geschlossen werden soll. Anton und Sandra bieten ihre Hilfe an. Trotz der Sache ist der Segeltörn ein Erfolg. Anton und Samira scheinen Gefallen aneinander zu finden.

Wenig später ist die Zeit heran, und Sandra kann ihren Termin in der plastischen Chirurgie wahrnehmen. Dabei trifft sie auf den Bruder des Arztes, der sie zusammengeflickt hatte, den Stationsarzt von damals. Dank ihrer lustigen Zimmergenossin vergeht die Zeit schnell und Sandras OP gelingt gut. Bald danach muss sie ihr Versprechen einlösen. Sie geht zu ihrer ehemaligen Station im Krankenhaus und verabredet sich zum Essen mit Dr. Neuhans. Das findet im Restaurant eines renommierten Hotels statt. Dr. Neuhans entpuppt sich als angenehmer Gesprächspartner beim 7-Gänge-Menü. Es wird einiges getrunken, an der Bar noch mehr, und dann lädt die Frau von Dr. Neuhans beide noch zu sich nach Hause ein. Auch da wird weitergetrunken. Es kommt zu einem kleinen Techtelmechtel zwischen ihr und Sandra, und Dr. Neuhans stößt dazu. Wieder macht sich Sandra Vorwürfe, aber die beiden zerstreuen ihre Bedenken. Es war ja alles so gewollt.

Irgendwann später klingelt es bei Sandra an der Haustür. Es steht eine Frau davor, die Uwe sprechen will. Sandra bittet sie herein, um mehr zu erfahren. Es stellt sich heraus, dass sie Reporterin ist und früher Kontakt mit ihm hatte, eine Schweinerei in seiner Firma betreffend. Sandra wird hellhörig und erzählt ihr von den Geschehnissen. Sie weiß einige Details, aber es fehlt noch Material, das er ihr damals geben wollte. Sie erzählt Sandra, wie sie es geschafft hatte, sie aufzuspüren. Das Material scheint verloren zu sein. Plötzlich erinnert sich Sandra wieder an den Überfall, die Suche des Einbrechers nach dem Datenträger. Ist er etwa doch noch hier? Sandra geht auf die Suche, und fängt im Haus von Piere an. Sie hatte sich an die Erwähnung des Verstecks im Nagellackfläschchen von Evelyn erinnert. Fast wird sie dabei erwischt, aber sie findet dieses. Darin ist eine Microspeicherkarte, verschlüsselt.

Sandra erinnert sich an eine Bemerkung, wo das Passwort vermerkt sein könnte. Sie fährt nach Wien, um das damalige Hotelzimmer von Uwe und Evelyn zu ermitteln. Leider ist nur ihre spezielle 'Freundin' Ines da, die mittlerweile Postenkommandantin ist. Sie wird von ihr brüsk abserviert, lässt sich aber zum Essen einladen. Die dort viel gelöstere Ines verrät das Hotelzimmer nicht, gibt aber einen Hinweis. Sandra checkt dort ein und durchsucht mit Genehmigung der zwei schwulen Bewohner den Raum und findet das Passwort. Zu Hause zurück, folgt aber Ernüchterung. Auf der Speicherkarte stehen nur Bankdaten, die nun, nach so langer Zeit, unwichtig sind. Etwas später schaut sich Sandra noch einmal die Sachen an, die nach Uwes Unfall übergeben wurden. Dabei fällt ihr der Zettel auf. Mit dem Geschriebenen kann sie aber erstmal nichts anfangen.

Ein wenig später kommen Piere und Evelyn mit ihrem Sohn zu Besuch. Sandra versucht, Piere geschickt über die Firma auszufragen, um etwas über die Schweinerei herauszubekommen. Aber Piere mauert und sie erfährt nichts Sinnvolles. Wenig später haben beide eine Veranstaltung und Sandra macht mit deren Sohn Babysitting. Da ihre Nachbarin Bettina mit Sohn dazustößt, hat Sandra etwas Zeit und nimmt sich nochmal den Zettel vor. Plötzlich hat sie eine Eingebung. Der Zettel ist eine Botschaft an sie! Und wenig später hat sie eine Ahnung, wo sie nach dem Material suchen muss. Auf dem Dachboden! Der ist aber voller Staub, die wie seit Jahrzehnten gewachsen aussieht. Sandra wird sentimental und sucht ihre dort seit Jahrzehnten abgelegte Puppe. Plötzlich findet sie in der etwas. Es ist ein USB-Stick!

Es sind drei Filme darauf, die von Uwe stammen müssen. Sandra spielt diese nacheinander ab. Es stellt sich heraus, dass Piere sie damals nach Strich und Faden belogen und sie ausgenutzt hat. Uwe war in Bedrängnis und die Firma war hinter ihm her! Und völlig geschockt ist sie, als Uwe erwähnt, dass jemand ein Messer im Hals hatte, wobei er Evelyn im Verdacht hatte. Sandra ist außer sich. Als plötzlich Piere und Evelyn klingeln, ruft wie Piere zu sich, und zeigt ihm den Film. Und dann gibt sie ihm zwei Ohrfeigen und kündigt ihm die Freundschaft. Wie begossene Pudel ziehen beide mit ihrem Sohn ab. Sandra ist am Boden zerstört. Sie sinniert, welche Aktionen sie auf die Sache starten kann. Damit endet der dritte Teil.



Autoren möchten gerne Feedback haben! Bitte stimmen Sie ab und schicken Sie dem Autor eine Nachricht
und schreiben Sie was Ihnen an der Geschichte (nicht) gefallen hat.
autor icon Schwarz-Bunt hat 3 Geschichte(n) auf diesen Seiten.
autor icon Profil für Schwarz-Bunt, inkl. aller Geschichten
email icon Email: ba-erog22@posteo.net
Ihre Beurteilung für diese Geschichte:
 
Privates Feedback zum Autor senden:

Ihre Name:
Ihre Email: (optional, aber ohne kann der Autor nicht antworten!)
Ihre PRIVATE Nachricht für Schwarz-Bunt:

Abstimmen und/oder Private Nachricht an Autor schicken:


Alle Geschichten in "Verführung"   |   alle Geschichten von "Schwarz-Bunt"  





Kontakt: BestPornStories webmaster Art (art@erogeschichten.com)
Datenschutz - Inhalte melden/entfernen lassen

Eroticstories.com: Erotic Stories in english