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Nicht ganz ein Blind Date (fm:Ältere Mann/Frau, 8074 Wörter)

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Veröffentlicht: Sep 12 2026 Gesehen / Gelesen: 544 / 423 [78%] Bewertung Geschichte: 9.50 (2 Stimmen)
Josefine läßt sich auf ein Blind Date mit einem Mann ein, mit dem sie auf einer Datingplattform schon lange chattet. Die Umstände sind kurios, aber der Wille, diesen Menschen kennenzulernen ist größer. Dann trifft sie auf einen alten Bekannten ...

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© Roman Tiker Dieser Text darf nur zum Eigengebrauch kopiert und nicht ohne die schriftliche Einwilligung des Autors anderweitig veröffentlicht werden. Zuwiderhandlungen ziehen strafrechtliche Verfolgung nach sich.

Der Fahrtwind des einfahrenden ICE aus Koblenz zerrte an Josefines Haaren. Sie stand im Raucherbereich auf Bahnsteig drei des Kölner Hauptbahnhofs und kaute nervös an ihrem Finger. Ihr Blick schweifte über die Köpfe der Aussteigenden, versuchte ihn zu entdecken, den Großgewachsenen mit den straßenköterblonden Haaren und der Hornbrille.

Die Absurdität dieser Idee schlich sich kurioser Weise in diesem Moment wieder in ihr Bewusstsein, in dem das Aufeinandertreffen kurz bevorstand.

Sie hatte sich auf einen erhöhten Sims gestellt, dem Fundament des Pfeilers, der das Dach hielt, und kam sich unheimlich blöde vor.

Sie waren verabredet, hatten Ort und Zeit ausgetauscht und, wenn er nicht ganz ungeschickt war, sollte er den bereitgestellten Zug an dem gegenüberliegenden Bahnsteig finden. Sie stieg wieder ein und ging in Richtung des reservierten Abteils, machte einen Abstecher über die Zugtoilette, die mit den schmierigen Örtlichkeiten aus ihrer Studentenzeit, zumindest hier in diesem Zug, absolut keine Ähnlichkeit mehr hatte. Langsam schob sie die Hände unter das fließende Wasser und ließ es sich kalt über ihre Handgelenke laufen, während sie sich in dem frisch geputzten Spiegel selber in die Augen sah. Was machte sie nur hier? Josefine beruhigte sich ein wenig, das kalte Wasser tat gut. Anschließend steckte sie sich einen Kaugummi in den Mund und zog eine Strähne aus der Klammer, die ihre Haare am Hinterkopf festhielt.

Josefine war 46 und seit fast zwei Jahren solo. Einvernehmlich hatte sie sich von ihrem Lebenspartner getrennt. Es passte einfach nicht mehr. Nicht, dass einer der beiden sich anderweitig orientiert und etwas Passenderes gefunden hatte, die Interessen drifteten einfach zu weit auseinander, da waren sich beide einig gewesen. So einfach wie das klang, war es aber beileibe nicht, wenn man sich eingestehen musste, dass über zehn Jahre seines Lebens ohne erkennbaren Erfolg an einem vorbeigerauscht waren. Erst zu spät hatten sie es gemerkt, hatten nur noch so nebeneinander her gelebt und das Ziel, miteinander alt werden zu wollen, völlig aus dem Fokus verloren.

Anfangs kam sie damit gut klar, sich wieder mehr mit Freunden zu treffen, ihre neu gewonnene Freiheit zu genießen und tagtäglich selbst über den Tagesablauf bestimmen zu können, ohne sich mit jemandem abstimmen zu müssen. Doch mit der Zeit musste Josefine sich eingestehen, dass ihr ein wichtiger Teil in ihrem Alltag fehlte. Jemand, dem man Dinge anvertraute, die man loswerden wollte, der Meinungsaustausch über das Erlebte, über Freunde und Bekannte und manchmal auch über die weltpolitische Lage. Nicht selten saß sie seit der Zeit abends alleine auf ihrem Sofa oder in ihrem Lesesessel und wünschte sich, mit jemandem zu reden, vielleicht auch nur jemandem zuzuhören, der real zu ihr sprach und nicht nur aus dem Fernseher. Und außerdem vermisste sie es, in den Arm genommen zu werden, die Wärme eines anderen Menschen zu spüren, und das ein oder andere Mal sehnte sie sich auch danach, sich leidenschaftlich mit jemandem in ihrem Bett herum zu wälzen. Nicht mit irgendjemandem, es sollte schon jemand sein, den sie auch auf anderen Ebenen mochte.

Seit einigen Monaten war sie in einem Portal für alleinstehende Menschen auf Partnersuche angemeldet. Aus eigenem Antrieb hätte sie das vermutlich nie gemacht, doch Anja, ihre engste und beste Freundin, war diejenige gewesen, die sie dazu gedrängt hatte.

》Du kannst nicht dein ganzes Leben lang alleine bleiben. Geh' raus, lach' dir einen an, verliebe dich und lebe《, hatte sie gesagt und bereits angefangen, eine Beschreibung zu formulieren. 'Gut situiert, selbständig, schlank, gutaussehend und bereit, das Leben in vollen Zügen zu genießen', stand auf dem Zettel, den sie Josefine reichte.

》Schlank und gutaussehend? Das klingt ja so, als müsste ich mich verkaufen. Und außerdem bin ich nicht wirklich schlank. 《

》Natürlich bist du schlank. Die paar Röllchen an der Hüfte ... Pah, du bist eben kein Hungerhaken. Was meinst du, wie viele Frauen in deinem Alter sich wünschten, so auszusehen? Mensch, du hast Ausstrahlung und natürlich musst du dich verkaufen, schließlich bist du nicht die einzige, die sich hier anbietet. 《

》Wie sich das anhört. Ich biete doch nicht meinen Körper zum Verzehr an.

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